Niedersachsen Zuwanderungsvorausberechnung in Niedersachsen; Auslandzuzüge 2024: rund 150.000

Die Vorausberechnung zukünftiger Zuwanderung nach Niedersachsen – Der größte Unsicherheitsfaktor! - Statistisch gesehen

Die Vorausberechnung zukünftiger Zuwanderung nach Niedersachsen – Der größte Unsicherheitsfaktor!

Ergebnisse der 5. regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung (Teil 3): Eine positive Bevölkerungsentwicklung in Niedersachsen hängt maßgeblich von der Zuwanderung ab. Neben einer methodischen Erläuterung zum Umgang mit dem größten Unsicherheitsfaktor der zukünftigen Zuwanderung wird im folgenden Beitrag auch das Ausmaß der zu erwartenden Wanderungsgewinne bzw. -verluste analysiert.

Dabei wird die Entscheidung, ob Personen ihren Wohnort wechseln, von einer Vielzahl von Faktoren beeinflusst. Neben individuellen Aspekten wie der wirtschaftlichen Perspektive, familiären und gesundheitlichen Gründen, beeinflussen insbesondere auch externe Faktoren wie Krieg, klimatische Veränderungen sowie politische Verfolgung die Entscheidung für einen Wohnortwechsel. Daneben gibt es eine Reihe politisch-institutioneller Rahmenbedingungen, die speziell Wanderungsbewegungen mit dem Ausland fördern oder erschweren. Aufgrund der Vielzahl von Beweggründen für Wanderungen ist die zukünftige Entwicklung nur schwer vorauszuberechnen. Dies gilt insbesondere, je kleiner die betrachtete regionale Einheit ist.

Enorme Schwankungen bei den Wanderungsbewegungen in der Vergangenheit

In den letzten 20 Jahren unterlagen die Wanderungsbewegungen in Niedersachsen enormen Schwankungen. In Abbildung A1 werden die Wanderungsbewegungen Niedersachsens mit dem Ausland und dem Bundesgebiet seit dem Jahr 2000 dargestellt. Es ist sofort ersichtlich, dass die Zuzüge aus dem Bundesgebiet nach Niedersachsen sowie die Fortzüge in das Bundesgebiet weniger volatil waren als die Wanderungen mit dem Ausland. Insbesondere die starken Ausschläge durch fluchtbedingte Migration aus dem Ausland in den Jahren 2015 mit etwa 207.000 und 2022 mit 261.000 Zuzügen sind augenscheinlich. Aber auch die Auswirkungen der Coronakrise im Jahr 2020 und die damit verbundenen Einschränkungen lassen sich in einem Rückgang in den Zuzugszahlen ablesen. Im Jahr 2024 lag die Zahl der Zuzüge aus dem Ausland zuletzt bei rund 150.000 Personen.

Angesichts der dargestellten Schwankungen wurden die Annahmen zur zukünftigen Zuwanderung aus dem Ausland im Vorfeld der den 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes gemeinsam mit der Wissenschaft und den statistischen Landesämtern intensiv beraten. Letztlich wurde dann versucht, die Extreme der letzten Jahre auszugleichen und den langfristigen Trend zu berücksichtigen.

Die 5. regionalisierte Bevölkerungsvorausberechnung berücksichtigt drei Wanderungsarten

Um regionale Wanderungsströme vorauszuberechnen, wurden Annahmen über

die Wanderungen mit dem Ausland,

die Wanderungen mit dem restlichen Bundesgebiet sowie

Während für die Ableitungen von Annahmen zu Wanderungen innerhalb des Bundesgebietes und Niedersachsens auf relativ umfassende Daten zur Bevölkerungsstruktur und den vergangenen Wanderungsbewegungen zurückgegriffen werden kann, ist das insbesondere für die Zuzüge aus dem Ausland nicht der Fall. Zwar liegen hier Daten zu den jeweiligen Zuzugsregionen in Niedersachsen vor, nicht aber aus dem Herkunftsland der Zuziehenden.

Niedersachsens Wanderungen mit dem Ausland

Die Annahmen zum Außenwanderungssaldo der regionalisierten Bevölkerungsvorausberechnung wurden von den Annahmen der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnungen abgeleitet. Dort erfolgte die Verteilung des Gesamtwanderungssaldos für Deutschland auf die Bundesländer unter Berücksichtigung des jeweiligen Landesanteils am Wanderungssaldo im Durchschnitt der Jahre 2019, 2023 und 2024. Niedersachsen hatte einen Anteil am Gesamtaußenwanderungssaldo von 9,6%. Zusätzlich wurde auch der Landesanteil der Bevölkerung Niedersachsens an der Gesamtbevölkerung Deutschlands berücksichtigt. Der Wanderungsanteil ist mit einem Gewicht von 80% und der Bevölkerungsanteil mit 20% in die Berechnungen eingegangen.

Ausgehend von diesen Überlegungen erfolgte die regionale und demografische Verteilung der Zuzüge aus dem Ausland nach Niedersachsen auch zu 80% nach Anteil des Zuzugs der Verwaltungseinheit am Landeswert und zu 20% nach Bevölkerungsanteil der jeweiligen Kohorte im Referenzzeitraum (2019, 2023 und 2024). Die Fortzüge wurden anhand des Bevölkerungsanteils der Fortzüge jeder Verwaltungseinheit im Referenzzeitraum verteilt.

Für die Außenwanderung wurden insgesamt drei verschiedene Wanderungsannahmen getroffen und als eigenständige Modelle berechnet ( siehe Teil 1 der Artikelserie ).

Niedersachsens Wanderungen mit dem Bundesgebiet

Bei der Verteilung der Wanderungsbewegungen mit dem Bundesgebiet auf die Verwaltungseinheiten in Niedersachsen wurde in einem ersten Schritt die Quotierung analog zur Wanderung mit dem Ausland genutzt. Für die anschließende demografische Verteilung konnte direkt auf die Zuzugs- und Fortzugsquoten zurückgegriffen werden.

Für die Wanderungen mit dem Bundesgebiet wurde ein konstanter positiver Saldo von 2.500 Personen in jedem Jahr des Vorausberechnungszeitraums angenommen.

Binnenwanderungen werden mittels einer Binnenfortzugsmatrix berücksichtigt. Hier ist für ein Gebiet der alters- und geschlechterspezifische Anteil der Bevölkerung enthalten, welche in jedes andere Gebiet innerhalb Niedersachsens verzieht. Zur Berechnung der Matrix wurden ebenfalls die Daten der Jahre 2019, 2023 und 2024 verwendet. Binnenwanderungen sind endogen und entwickeln sich dynamisch in Abhängigkeit von Veränderungen der zukünftigen Bevölkerungsstruktur. Die tatsächlich eintretenden Binnenwanderungen hängen somit von der vorausberechneten Bevölkerungszahl sowie deren regionaler und demografischer Verteilung ab. Kurz gesagt: Man kann Binnenwanderung nicht isoliert vorhersagen – sie ist immer eng mit der Entwicklung der Bevölkerung selbst verknüpft.

Der Einfluss der Wanderungen in Niedersachsen ist regional sehr unterschiedlich

Bei moderater Zuwanderung (Variante W2) aus dem Ausland wird Niedersachsen im Jahr 2045 voraussichtlich eine Einwohnerzahl von etwa 7,6 Millionen Menschen haben. Im Vergleich zum Ausgangsjahr 2024 entspricht das einem Rückgang der niedersächsischen Bevölkerungszahl von etwa 435.000 Personen bzw. 5,4%. Somit wird der angenommene positive Wanderungssaldo nicht ausreichen, um das erwartbare Geburtendefizit auszugleichen.

Dabei spielen auf regionaler Ebene, neben der Wanderung aus dem Ausland, in vielen niedersächsischen Gebieten Binnenwanderungen innerhalb Niedersachsens eine tragende Rolle für die Entwicklung des Wanderungssaldos. Einige Gebiete, vor allem um die beiden Stadtstaaten Hamburg und Bremen, sind stark von Bevölkerungsbewegungen mit den beiden Städten geprägt. Daher liegt es nahe, zu analysieren, welche Gebiete bis zum Jahr 2045 regionale Wanderungsgewinne beziehungsweise -verluste erwarten können.

Dafür werden in Abbildung A2 die vorausberechneten kumulierten regionalen Wanderungssalden bis zum Jahr 2045 gegenüber der Ausgangsbevölkerung des Jahres 2024 veranschaulicht.

Die Städte Bramsche, Göttingen und Osnabrück von Abwanderung betroffen

In 5 der 89 Gebiete werden laut den Vorausberechnungen bis zum Jahr 2045 keine Wanderungsgewinne erwartet, sofern moderate Entwicklungen von Geburtenrate, Lebenserwartung und Zuwanderung aus dem Ausland unterstellt werden (Variante W2). Hier ist der aufsummierte Wanderungssaldo bis zum Jahr 2045 im Vergleich der Ausgangsbevölkerung negativ. Es handelt sich um:

das Umland von Cloppenburg (-4,0%),

die Stadt Osnabrück (-3,3%) sowie

das Umland der Stadt Göttingen (-0,1%).

Alle anderen Gebiete können bis zum Jahr 2045 einen positiven Wanderungssaldo realisieren. Die Bevölkerungszahl in diesen regionalen Einheiten könnte somit wachsen, wenn dadurch das kumulierte Geburtendefizit ausgeglichen werden kann. Das ist allerdings nicht der Fall, da 82 von 89 der betrachteten niedersächsischen Regionen voraussichtlich schrumpfen werden ( siehe Teil 1 der Artikelserie ). Besonders starke Wanderungsgewinne bezogen auf die Ausgangsbevölkerung des Jahres 2024 weisen neben der Stadt Ganderkesee (+20,0%) folgende Landkreise auf:

Auch für die Stadt Geestland (+15,1%) wird bis zum Jahr 2045 ein positiver Wanderungssaldo erwartet.

Demografische Prozesse beeinflussen Wanderungen in Niedersachsen

Gründe für diese regionalen Unterschiede sind vielschichtig und müssen für jedes Gebiet gesondert bewertet werden, was die Analyse hier nicht abschließend leisten kann. Neben verschiedenen standortbezogenen Faktoren und der insgesamt moderaten Nettozuwanderung aus dem Ausland, spielen demografische Prozesse eine entscheidende Rolle. Die erwartete deutliche demografische Alterung in Niedersachsen bis zum Jahr 2045 ( siehe Teil 2 der Artikelserie ) wird dazu führen, dass die Personenzahl in den relativ mobilen Altersgruppen zwischen Berufsausbildung und Familiengründung zurückgeht, während die Zahl der weniger räumlich mobilen Personen im Rentenalter steigt. Das ist mit entsprechenden Konsequenzen für das landesweite Binnenwanderungsvolumen und regionale Binnenwanderungssalden verbunden.

In allen betrachteten regionalen Einheiten werden zukünftig weniger junge, mobile Personen leben. Dadurch sinkt auch das Wanderungspotential. Gebiete, die in der Vergangenheit insbesondere von Zuwanderung der mobilen Altersgruppen in Niedersachsen profitiert haben, werden zukünftig weniger Zuzüge aus dem restlichen Niedersachsen erfahren. Betroffen sind hiervon Standorte mit akademischen oder beruflichen Ausbildungsstätten (z. B. Universitäten und Fachhochschulen) sowie Gebiete, die insbesondere von Zuzug junger Familien geprägt werden. Für Herkunftsgebiete mit zunehmend kleiner werdendem Anteil junger mobiler Personen werden folglich auch weniger Fortzüge erwartet.

Wanderungsbewegungen sind gerade regional sehr schwer vorauszuberechnen, da viele Faktoren Einfluss nehmen können, die im Einzelnen weder vorhersehbar noch modellierbar sind. Zwar ist auch die zukünftige Entwicklung der Geburtenrate und Lebenserwartung ebenfalls volatil und nur mit Unsicherheit zu modellieren, doch diese ist in der Regel deutlich weniger stark und hat einen geringeren Effekt auf die vorausberechneten Bevölkerungszahlen. Um dem Umstand der Unsicherheit Rechnung zu tragen, berechnet das LSN zur Zuwanderung aus dem Ausland nicht nur eine, sondern drei verschiedene Varianten, die sich an langfristigen Trends orientieren. Diese können als Ankerpunkte verstanden werden und zeigen, was passiert, wenn langfristig keine merklichen Abweichungen von, auf vergangenen Zuwanderungszahlen basierenden, Trendbewegungen eintreten werden.

Weitere Informationen zur Bevölkerungsvorausberechnung in Niedersachsen gibt es auf statistik.niedersachsen.de .

Dr. Falk Voit Telefon: 0511 9898-1160 Alle Beiträge ansehen

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