BSW-Fraktion Sachsen fordert Bestandsaufnahme und verlässliche Anlaufstellen für Fluorchinolon-Schäden in Sachsen; Regierung hat keine belastbaren Versorgungsdaten.

Fluorchinolon-Schäden: Sachsen kennt die Risiken – aber nicht die Versorgungslage – BSW Fraktion Sachsen

Fluorchinolon-Schäden: Sachsen kennt die Risiken – aber nicht die Versorgungslage

BSW fordert Bestandsaufnahme, verlässliche Anlaufstellen und eine Initiative zur besseren Anerkennung der Betroffenen.

Die Sächsische Staatsregierung erkennt an, dass Fluorchinolon-Antibiotika langanhaltende und teilweise irreversible Gesundheitsschäden verursachen können. Dennoch liegen ihr nach eigenen Angaben weder belastbare Erkenntnisse über die Versorgungssituation der Betroffenen in Sachsen vor, noch werden entsprechende ambulante, stationäre und rehabilitative Angebote gesondert erfasst oder geplant.

Das geht aus mehreren Kleinen Anfragen von Ronny Kupke, Vorsitzender und gesundheitspolitischer Sprecher der BSW-Fraktion im Sächsischen Landtag, hervor. Bereits in ihrer Antwort auf die Kleine Anfrage „Versorgung und Umgang mit Fluorchinolon-assoziierten Langzeitschäden (FQAD) in Sachsen“ (Drs. 8

5180, s. Anhang) bestätigt die Staatsregierung mögliche Gewebeschäden, neurotoxische Symptome sowie chronische Gelenk- und Muskelbeschwerden. Zugleich erklärt sie, über die tatsächliche Versorgungslage und mögliche Versorgungsdefizite in Sachsen keine entsprechenden Daten zu besitzen. In einer weiteren Nachfrage (Drs. 8

6197, s. Anhang) verweist die Staatsregierung zwar auf mögliche Beratungen im Bundesrat, in der Gesundheitsministerkonferenz, der Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden und in arzneimittelrechtlichen Fachgremien. Ein konkretes federführendes Gremium oder eine sächsische Initiative zur Verbesserung der Versorgung nennt sie jedoch nicht. Die jüngste Antwort der Staatsregierung vom 27. Juli 2026 auf die Kleine Anfrage Drs. 8

7464 (s. Anhang) zeigt nun: Die Zunahme entsprechender Verordnungen und die Versorgungssituation von FQAD-Betroffenen (Fluoroquinolone-associated Disability – Fluorchinolonbedingte Behinderung) waren in den von der Staatsregierung genannten Gremien bislang überhaupt kein Thema. Ob sich Sachsen künftig für bessere Versorgungsstrukturen und eine stärkere sozialrechtliche Anerkennung der Betroffenen einsetzen wird, beantwortet die Staatsregierung mit Verweis auf noch nicht abgeschlossene interne Überlegungen nicht.

Dazu erklärt Ronny Kupke, Vorsitzender des Ausschusses für Soziales, Gesundheit und gesellschaftlichen Zusammenhalt: „Die Staatsregierung kennt die erheblichen Risiken dieser Antibiotika, weiß aber nicht, wie viele Menschen in Sachsen betroffen sind, wo sie medizinische Hilfe erhalten und an welchen Stellen sie durch das Versorgungs- und Sozialleistungssystem fallen. Wer die Gefahren kennt, darf die Betroffenen nicht länger zwischen unterschiedlichen Zuständigkeiten hin- und herschieben. Besonders ernüchternd ist, dass das Thema trotz mehrfacher Warnungen und parlamentarischer Nachfragen in keinem der genannten Gremien konkret behandelt wurde. Es reicht nicht, auf den Bund, die Ärztekammer, die Kassenärztliche Vereinigung, die Krankenhäuser oder die Sozialversicherungsträger zu verweisen. Das Sozialministerium muss die Beteiligten endlich an einen Tisch bringen und eine belastbare Bestandsaufnahme für Sachsen veranlassen.“

Bereits das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hatte 2019 auf Grundlage damaliger Verordnungszahlen geschätzt, dass im Jahr 2018 bundesweit mehr als 40.000 zusätzliche schwerwiegende Nebenwirkungen und bis zu 140 zusätzliche Todesfälle im Zusammenhang mit Fluorchinolon-Verordnungen (die anstelle anderer, risikoärmerer Antibiotika verordnet wurden) aufgetreten sein könnten. Zu den genannten Risiken gehörten unter anderem Schädigungen des Nervensystems, Sehnenrisse und Schädigungen der Hauptschlagader. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) selbst stellte in einer Kohortenstudie von 2025 unter Mitwirkung des WIdO fest, dass das erhöhte Risiko von schwerwiegenden und potenziell lebensbedrohlichen Nebenwirkungen jede Altersklasse, also auch junge Menschen, betrifft.

eine landesweite Erhebung zur Zahl und Versorgungssituation von Menschen mit Fluorchinolon-assoziierten Langzeitschäden,

eine koordinierte Anlauf- und Beratungsstruktur für Betroffene,

eine bessere Vernetzung von Haus- und Fachärzten, Kliniken, Rehabilitationsträgern, Krankenkassen und Rentenversicherung,

eine gemeinsame Informationsinitiative mit der Sächsischen Landesärztekammer und der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen,

sowie eine sächsische Initiative auf Bundesebene zur besseren medizinischen und sozialrechtlichen Anerkennung der Erkrankungsfolgen.

Kupke abschließend: „Betroffene brauchen keine weiteren Zuständigkeitsdebatten, sondern medizinische Unterstützung, fachkundige Beratung und faire Entscheidungen bei Rehabilitation, Grad der Behinderung oder Erwerbsminderungsrente. Die Staatsregierung muss aus ihrer Kenntnis der Risiken endlich konkretes Handeln ableiten.“

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