Kunstmuseum Ravensburg präsentiert Ausstellung ‘Zeitfragen. Sammlung trifft Gegenwart’ in Ravensburg; Dialog zeigt Kontinuitäten und Brüche zwischen Generationen

ZEITFRAGEN SAMMLUNG TRIFFT GEGENWART 8. August bis 15. November 2026

Die Sammlung Selinka des Kunstmuseums Ravensburg um- fasst Werke des 20. Jahrhunderts mit einem Schwerpunkt auf dem deutschen Expressionismus. Dieser entstand in Zei- ten politischer Umbrüche, neuer künstlerischer Ausdrucks- formen und gesellschaftlicher Wandlungen und wurde zu ei- ner der wichtigsten Erneuerungsbewegungen der deutschen Kunst des 20. Jahrhunderts. Die Ausstellungsreihe »Zeitfragen. Sammlung trifft Gegen- wart« bringt ausgewählte Sammlungswerke mit Gegen- wartskunst in einen Dialog und macht Kontinuitäten ebenso wie Brüche zwischen verschiedenen Generationen und Kon- texten sichtbar. Jede Zeit und ihre künstlerischen Aus- drucksformen spiegeln die jeweiligen gesellschaftlichen Hin- tergründe und zeigen zugleich, wie sich eigene Ideale und Gegenpole entwickelten. Die Gegenüberstellung lädt anhand von sechs Themenfeldern dazu ein, spielerisch Sammlungs- themen aus neuen Perspektiven zu betrachten, historische und gesellschaftliche Narrative zu hinterfragen und aktuelle Diskurse aufzugreifen. »Zeitfragen« setzt den Fokus auf Themen, die bis in unsere Gegenwart wirken: von weiblichen Körper- und Rollenbildern, der Stereotypisierung ethnischer Minderheiten über unser Verhältnis zur Natur und zum Kon- sumverhalten bis hin zum Umgang mit Kriegserfahrungen. Mit Arbeiten von Kader Attia, Fiona Banner, Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Małgorzata Mirga-Tas, Otto Mueller, Edvard Munch, Daniel Richter, Ulrike Rosenbach, Karl Schmidt-Rottluff, Agnès Varda

  1. OG

FIONA BANNER / ERNST LUDWIG KIRCHNER / KARL SCHMIDT-ROTTLUFF Der menschliche Körper ist seit jeher ein zentrales Thema der Kunst. Besonders die expressionistischen Akte des frühen 20. Jahrhunderts brachen mit Konventionen: Statt professioneller Modelle zeichneten Künstler Freund:innen und Geliebte in ungestellten Posen. Im Gegen- satz zur traditionellen Aktzeichnung an den Akademien, bei der der Körper oft detailreich und präzise dargestellt wurde, entstanden ihre Akte in kurzer Zeit mit schnellem Strich und klaren Konturen. Die Künstler der Gruppe »Brücke« führten die Methode der »Viertelstunden- Akte« ein: In maximal 15 Minuten galt es, das Wesentliche »unmittel- bar und unverfälscht« zu erfassen. Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938 DE) war ein geradezu ›manischer‹ Zeichner und perfektionierte die Technik der Schnellzeichnung kontinuierlich. Wie in den Arbeiten aus der Sammlung Selinka zu sehen ist, handelte es sich bei den Modellen häufig um (junge) Frauen. Während der Entstehungszeit der Arbeiten herrschten in der wilhelminischen Gesellschaft rigide Regeln, die das Individuum stark einschränkten – von strengen Moralvorstellungen, autoritärer Erziehung, Obrigkeitsdenken hin zu prüden Kleidungsnormen. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund wurde der nackte Körper nicht nur zu einem zentralen Motiv der Expressionisten, sondern auch zum Ausdruck des freien Menschen. Der nackte Körper steht auch im Zentrum von Fiona Banners (*1966 GB) Arbeit Mirror (2007). Wesentliche Bestandteile in der künstleri- schen Auseinandersetzung der britischen Künstlerin sind Text und Sprache, so auch in der hier gezeigten Videodokumentation. Zu sehen ist die Schauspielerin Samantha Morton, wie sie einen Text in der Whitechapel Gallery in London vorträgt. Zuvor posierte sie als Aktmodell in Banners Studio. Banner erfasste Mortons Körper jedoch nicht mit dem Zeichenstift, sondern mit Worten. Als Morton diesen Text dem Londoner Publikum präsentiert, liest sie erstmals das sen- sible und schonungslose Porträt, das Banner von ihr verfasst hat. Die Performance zeigt ihre unmittelbare Reaktion auf ihr Körperporträt und lässt die Verletzlichkeit der Nacktheit spürbar werden. Generelle 1.

Fragen zum Körperbild werden aufgeworfen, wie etwa nach den Unterschieden zwischen dem Eigen- und Fremdbild. Die Performance verdeutlicht, dass der Körper zwar zu den intimsten Bereichen der Pri- vatsphäre gehört, zugleich aber Körperbilder schon immer Gegen- stand öffentlicher, gesellschaftlicher und politischer Debatten waren. Während Banner den Körper sprachlich entblößt, greifen die Expres- sionisten zum schnellen Strich. Das Spannungsverhältnis zwischen Intimität und »öffentlicher« Darstellung verbindet die Performance mit den Aktzeichnungen. Die expressionistischen Werke waren zwar geprägt von der Suche nach »Authentizität«, »Natürlichkeit« und »Frei- heit«. Aus heutiger Perspektive lassen sich auch hier kritische Fragen stellen: Wer waren die Dargestellten, welche Rechte hatten sie, und in welchem Verhältnis standen sie zu den Künstlern, von denen sie por- trätiert wurden? Und generell: Wem gehört der Blick auf die Körper? Wo verläuft die Grenze zwischen künstlerischer Darstellung und Voyeurismus? ULRIKE ROSENBACH / EDVARD MUNCH Der Norweger Edvard Munch (1863–1944 NO) gilt als einer der wich- tigen Wegbereiter der Moderne und als Vorbild für die späteren Künstler:innen des Expressionismus. Die Farblithografie Madonna – Liebendes Weib (1895–1902) zählt zu seinen bekanntesten Bildmoti- ven. Sie gehört zu einer Werkgruppe von Gemälden und Grafiken, die zwischen 1894 und 1897 entstand. Munch vereint in dieser Arbeit zwei Perspektiven auf das Bild der Frau. Einerseits kann die darge- stellte weibliche Person in Untersicht als Madonna gelesen werden. Die Idealisierung zur Heiligen ist durch den Titel angelegt und wird durch den Eindruck eines Heiligenscheins verstärkt. Als christliches Motiv steht die Madonna für Reinheit, Liebe und Fürsorge. Anderer- seits lässt sich in dem Halbakt eine »Femme fatale« mit geöffnetem, langem, wallendem Haar in leidenschaftlicher Pose sehen. Die »Femme fatale« des ausgehenden 19. Jahrhunderts galt als Verführe- rin mit scharfem Intellekt und selbstbestimmter weiblicher Sexualität. In Kunst und Literatur wurde sie Männern häufig zum Verhängnis. Die Raffinesse von Munchs Darstellung liegt in der Überlagerung der verschiedenen weiblichen Stereotype (Madonna/Femme fatale). Die deutsche Künstlerin Ulrike Rosenbach (*1943 DE) gehört zur ers- ten Generation von Medienkünstler:innen, die mit Video und Perfor- mances bekannt geworden sind. Viele ihrer Arbeiten beschäftigen sich mit der Rolle der Frau in sozialen und gesellschaftlichen Kontexten. Die hier gezeigte Arbeit Glauben Sie nicht, daß ich eine Amazone bin (1975) ist Teil eines Werkkomplexes, in dem sie sich mit kulturell über- lieferten Frauenbildern auseinandersetzt. Wie Edvard Munch widmet sie sich zwei Frauenbildern, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Der Titel spielt auf eine Amazone an, eine Angehörige eines Volkes kriegerischer Frauen der griechischen Mythologie, die sinnbildlich für Wehrhaftigkeit, Mut und einen Bruch mit traditionellen weibli- chen Stereotypen verstanden werden kann. Das Video startet mit einem Close-up auf das Gesicht der Maria in Stefan Lochners Ge- mälde Die Muttergottes in der Rosenlaube (um 1440–1442), das Ulrike Rosenbach allmählich mit ihrem eigenen Antlitz überblendet, bis beide Gesichter miteinander verschmelzen. Durch die Überlagerung 2.

vermenschlicht sie das starre Madonnenbild. Dann sieht man die Künstlerin als »Amazone«, wie sie Pfeil und Bogen spannt, um insge- samt 15 Pfeile auf das Madonnenbildnis zu schießen. Mit diesem Akt greift Rosenbach das historisch geprägte eindimensionale Frauen- bild der sanften heiligen Mutter an und stellt diesem eine selbstbe- stimmte, sich sogar selbst verteidigende Frau gegenüber. Mit ihrer Arbeit verweist Rosenbach darauf, dass Stereotype oftmals viel zu lange überdauern.

AGNÈS VARDA / KARL SCHMIDT-ROTTLUFF Der Künstler Karl Schmidt-Rottluff (1884–1976 DE) gehörte gemein- sam mit seinen Studienkollegen Erich Heckel, Fritz Bleyl und Ernst Ludwig Kirchner zu den Gründungsmitgliedern der Künstlergruppe »Brücke« (1905–1913), die neben dem Kreis des »Blauen Reiters« (1911– 1914) die wichtigste Gruppierung des Expressionismus wurde. Mit dem kurz nach Ende des Ersten Weltkriegs entstandenen Samm- lungswerk Frau im Feld (1919) knüpft Schmidt-Rottluff durch die enge Verbindung von Figur und Landschaft an seine Gemälde der Vor- kriegszeit an. Der Künstler war nach Berlin zurückgekehrt, wo er Emmy Frisch, eine einstige Nachbarin von Ernst Ludwig Kirchner, heiratete. Der Sommer war von der Harmonie der Beziehung zu sei- ner Frau geprägt. Diese Stimmung zeigt sich auch im vorliegenden Gemälde. Trotz des dunklen Himmelskörpers vermittelt das Bild eine positive Grundstimmung. Die Halbfigur in blauer Bluse ist ganz im Einklang mit der Natur und in die Tätigkeit des Ährenpflückens ver- sunken. Das Motiv der Ährenlese oder der Nachlese erlangt in dem Dokumen- tarfilm Les glaneurs et la glaneuse (2000) von Agnès Varda (1928– 2019 FR), einer der bedeutenden Wegbereiterinnen des modernen französischen Films, eine komplexe, politische Dimension. Die Nach- lese ist eine historische Erntemethode, bei der Bedürftige ohne Grundbesitz nach der offiziellen Ernte Liegengebliebenes aufsam- meln durften. In Frankreich ist sie seit 1554 gesetzlich geregelt und bis heute unter Auflagen legal. Agnès Varda wird in ihrem Film gewissermaßen selbst zur Aufleserin: Mit einer Mini-DV-Kamera sam- melt sie kunst- und kulturgeschichtliche Bezüge sowie zahlreiche Begegnungen mit Menschen, um das Motiv der Nachlese bis hin in die Gegenwart zu verorten. Vardas Kamera führt vom berühmten Gemälde Die Ährenleserinnen (1857) im Musée d’Orsay in Paris von Jean-François Millet, der als Maler des Realismus entgegen aller Kri- tik die ärmere Schicht als bildwürdig erklärte, zu Ackerfeldern und auf die Straßen der Städte mit Märkten und Schrottplätzen. Indem die Vielschichtigkeit der Geste des Auflesens auf gesellschaftspolitischer 3.

und sozialer Ebene aufgezeigt wird, lassen sich kritische Fragen zur heutigen Konsumgesellschaft ableiten. Das Auflesen verdeutlicht den Wert des Liegengelassenen und wird mitunter zum Akt des Wider- stands gegen unsere Wegwerfgesellschaft. Einmalige Vorführung des Films in gesamter Länge, 82 Min., OmU: 22.10.2026, 18 Uhr Anmeldung per Online-Buchung: DANIEL RICHTER / OTTO MUELLER Otto Mueller (1874–1930 DE), der 1910 Mitglied der »Brücke« wurde, ist für seine Landschaften und Akte in unberührter Natur bekannt. Im Zeitgeist der Lebensreform strebten die Expressionisten nach einer Verbundenheit mit der Natur und einer freien Körperlichkeit als Gegenbild zur fortschreitenden Industrialisierung und Strenge der wilhelminischen Gesellschaft. Die Unmittelbarkeit, die sie suchten, fanden sie während ihrer Sommeraufenthalte auf dem Land, an den Moritzburger Teichen unweit von Dresden, in Dangast oder Nidden. Im engen Zusammenleben mit ihren Freunden und Freundinnen ent- standen Zeichnungen, frei von idealisierten Schönheitsvorstellungen, festgelegten Körperhaltungen oder tradierten Kompositionsregeln. Betrachtet man die Werke von Otto Mueller, so ist das Verhältnis der Dargestellten zueinander ebenso wie zur sie umgebenden Natur durch Ungezwungenheit und Vertrauen geprägt. Selbst in den schwarz-weißen Druckgrafiken gelingt es Mueller, den Eindruck einer von der Sonne beschienenen, paradiesisch anmutenden Szenerie zu 4.

vermitteln. Mit wenigen Strichen und zahlreichen Figuren in unge- zwungenen Posen wird das Ideal des in sich ruhenden, keinem äuße- ren Zwang ausgesetzten Menschen vor Augen geführt. Der deutsche Gegenwartskünstler Daniel Richter (*1962 DE) erlangt mit seiner Malerei seit Ende der 1990er-Jahre internationale Anerken- nung. In seiner farbintensiven, expressiven Bildsprache verschränkt er politische, soziale und urbane Bezüge. In den hier gezeigten Wer- ken Richters finden sich Motive der Natur und nackter Körper. Anders als bei Mueller erscheinen sie in einer Natur, die von urbanen Struk- turen durchdrungen ist – zwischen Beton und Bäumen, zwischen Zivilisation und Lan