Divisionär Ivo Burgener leitet Schweizer Delegation der NNSC in Südkorea; OPCON-Transfer könnte NNSC-Aufgaben neu ausrichten
«Wir tragen zur Beruhigung der Lage bei»
Mitteilung Veröffentlicht am 11. August 2026
«Wir tragen zur Beruhigung der Lage bei»
Divisionär Ivo Burgener leitet seit Juli 2022 die Schweizer Delegation in der Neutral Nations Supervisory Commission (NNSC) in Südkorea. Im Interview spricht er über die aktuelle Lage auf der koreanischen Halbinsel, deren Auswirkungen auf die tägliche Arbeit der NNSC und darüber, weshalb ihre Präsenz weiterhin wichtig ist.
Text Sandra Stewart, Kommunikation SWISSINT, sprach mit Divisionär Ivo Burgener, Delegationschef der Neutral Nations Supervisory Commission (NNSC), Südkorea
Herr Divisionär, Abschuss einer Spionagedrohne, Raketentests, Reduzierung der US-Truppen, Verurteilung des ehemaligen südkoreanischen Präsidenten – Süd- und Nordkorea geraten immer wieder in die Schlagzeilen. Wie wirkt sich all dies auf die NNSC aus?
In der Tat ist es in den vergangenen Monaten auf der koreanischen Halbinsel zu einer stattlichen Anzahl von sicherheitspolitisch relevanten und riskanten Vorkommnissen gekommen. Positiv kann jedoch vermerkt werden, dass die betroffenen Akteure – und insbesondere auch die Nordseite – diese Vorkommnisse weder propagandistisch ausgeschlachtet noch eskalatorische Gegenmassnahmen ergriffen haben. Nordkorea schottet sich zwar weiterhin systematisch vom Süden ab und ignoriert die Signale des neuen südkoreanischen Präsidenten zu einem innerkoreanischem Dialog. Es scheint jedoch beidseits eine Art stille Übereinkunft zu geben, nicht an der Stabilität der Lage zu rütteln. Der Aufgabenbereich der NNSC als ein Element des Waffenstillstandsabkommens von 1953 ist von diesen Vorgängen nicht direkt betroffen. Lediglich wenn vermutete Waffenstillstandsverletzungen vorliegen, wird die NNSC im Rahmen ihrer Routinetätigkeit involviert.
Kann die NNSC trotz dieser Vorkommnisse ihren Auftrag weiterhin erfüllen?
Ja, es liegen jedoch relevante sicherheitspolitische Änderungen in der Luft, welche unter Umständen in Zukunft eine Anpassung der Aktivitäten der NNSC erfordern. Dazu zählen die öffentlich diskutierten Themenbereiche wie Souveränitätsfragen über die demilitarisierte Zone (DMZ), den Transfer von OPCON 1 im Kriegsfall und Veränderungen in der Organisationsstruktur des TriCommand 2 . Die NNSC wird sich in diesem Jahr vermehrt mit den Auswirkungen dieser sich abzeichnenden Änderungen auf die eigenen Aufgabenbereiche auseinanderzusetzen haben.
Gab es Situationen, in denen die Rolle der NNSC besonders gefordert war?
Im vergangenen Jahr kam es zu Zwischenfällen, bei denen nordkoreanische Fischer vorübergehend in Südkorea festgehalten wurden. Obwohl ihre Rückkehrabsicht nach Nordkorea nicht bezweifelt wurde, verzögerte sich ihre Freilassung aus verschiedenen politischen und administrativen Gründen. Die NNSC war aktiv bei der Findung von pragmatischen Lösungen involviert und alle rückkehrwilligen Personen konnten nach wochenlangen Verhandlungen sicher repatriiert werden.
Weshalb ist die Präsenz der NNSC weiterhin wichtig? Wo schafft sie heute den grössten Mehrwert?
Die NNSC ist die einzige neutrale und unabhängige Instanz im Waffenstillstandsgefüge und trägt mit ihrer Präsenz bei Inspektionen und Untersuchungen in der DMZ, bei der Beobachtung von kombinierten militärischen Übungen auf der Südseite sowie mit ihren diplomatischen Initiativen wesentlich zu einer Beruhigung der Lage zwischen Nord-und Südkorea bei. Ein Ende des Waffenstillstands ist nicht in Sicht, da die geopolitische Realität einen Friedensschluss in absehbarer Zukunft nicht erwarten lässt. Mit einem insgesamt bescheidenen Mitteleinsatz trägt die NNSC in einem der weltweit prominenten Spannungsfeld weiterhin wesentlich zur Aufrechterhaltung dieses kalten Friedens, genannt Waffenstillstand, bei.
Wie wird die NNSC im internationalen militärischen Umfeld in Südkorea wahrgenommen?
Es stehen Änderungen in Bezug auf die amerikanischen Truppen in Südkorea und damit auch auf die Rolle des United Nations Command an. Dabei geht es um das damit verbundene hochpolitische Thema des OPCON-Transfers. Die NNSC steht dabei nicht im Vordergrund, aber eine glaubwürdige Ausrichtung der NNSC auf die neuen Begebenheiten wird notwendig sein. Mit diversen konkreten und praktisch relevanten Projekten hat die NNSC bereits bis in hohe Ebenen ihr fortgesetztes pragmatisches Engagement für Stabilität mit grosser Visibilität demonstrieren können.
Hat sich der Dialog mit den involvierten Akteuren in jüngster Zeit verändert?
Die NNSC ist ein wichtiger und anerkannter Bestandteil des Waffenstillstandsabkommens. Die relevanten Kontakte mit der Südseite sind professionell und transparent, auch wenn die notwendige Unabhängigkeit immer eine gewisse Distanz erfordert. An den Kontakten zur Nordseite wird weiterhin gearbeitet, wobei es sich dabei um ein langfristiges Projekt handelt – wir nennen es die «Outreach Initative». Das EDA plant für dieses Jahr die Wiedereröffnung des Schweizer Büros in der nordkoreanischen Hauptstadt Pjöngjang, was diesbezügliche Bemühungen zusätzlich unterstützen könnte.
Gibt es etwas, das Ihnen in der aktuellen Lage Zuversicht vermittelt?
Die grosse Zurückhaltung beider Seiten weist darauf hin, dass es eine Art stillschweigende Übereinkunft über die Aufrechterhaltung der Stabilität auf der koreanischen Halbinsel gibt und dass die bestehenden Instrumente trotz der weitgehenden Abwesenheit von Kommunikation nach wie vor zur Bewältigung von auftauchenden Krisen geeignet sind.
1 OPCON (Operational Control) bezeichnet die operative Führung über zugewiesene Kräfte für einen bestimmten Auftrag.
2 TriCommand bezeichnet die koordinierte Zusammenarbeit des United Nations Command (UNC), des Combined Forces Command (CFC) und der United States Forces Korea (USFK) auf der koreanischen Halbinsel.