OSZ Oder-Spree kämpft mit Lehrermangel in der dualen Ausbildung in Fürstenwalde und Eisenhüttenstadt; 3.500 Schüler insgesamt, Kosten steigen
„Gibt es an einer Stelle einen Infekt, leidet das ganze System“ | Handwerkskammer Frankfurt (Oder)
Mit Oberstudiendirektor Axel Schmook, Schulleiter des Oberstufenzentrums Oder-Spree, sprachen wir über Lehrermangel, Unterrichtsausfall und den Alltag der beruflichen Ausbildun g.
DHB: Wie viele Schüler hat das OSZ Oder-Spree? Axel Schmook: Das OSZ Oder-Spree hat sich zur größten Schule im Land Brandenburg entwickelt. Aktuell lernen hier über 3.500 Schüler, verteilt auf zwei Standorte. Der eine am Rand von Fürstenwalde, der andere in Eisenhüttenstadt. Die hohe Zahl der Schüler ergibt sich daraus, dass wir auch eine gymnasiale Oberstufe mit beruflicher Ausbildung haben und einige Berufe eine dreieinhalb-, vierjährige Ausbildung voraussetzen.
DHB: Wie viele Schüler machen denn derzeit bei Ihnen ihre berufliche Ausbildung? Axel Schmook: Zirka 2.500 unserer Schülerinnen und Schüler befinden sich in der dualen Ausbildung. 1800 davon in handwerklichen oder gewerbetechnischen Berufen. 700 erlernen einen kaufmännischen, 300 einen sozialen Ausbildungsberuf. Etwa 450 sind im Gymnasium. Hinzu kommen 250, die berufsschulpflichtig sind oder sich in der Berufsvorbereitung befinden.
DHB: Wie viele und was für Lehrer sind am OSZ beschäftigt? Axel Schmook: Wir haben ungefähr 145 Lehrerinnen und Lehrer, darunter sowohl studierte Lehrkräfte in den klassischen Fächern wie Mathematik, Deutsch, Biologie und Physik als auch studierte Lehrkräfte im Bereich der dualen Ausbildung. Etwa ein Drittel sind Seiteneinsteiger. Von denen haben sich wiederum zwanzig Prozent bis zum Referendariat durchgekämpft. Mehr als die Hälfte unserer Lehrkräfte unterrichten in den Bereichen der beruflichen Ausbildung.
DHB: Ist es schwer, Lehrkräfte für die berufliche Ausbildung zu bekommen? Axel Schmook: Die Zahl der Lehrkräfte, die sich auf eine ausgeschriebene Stelle im Bereich der dualen Ausbildung bewerben, ist seit Jahren rückläufig. Tatsache ist auch, dass sich Berufsbilder derart verändert haben, dass sie von ihrer Fachspezifik her gar nicht studiert werden können. Hier benötigen wir – auch für die theoretische Ausbildung – zwingend Fachpraktiker. Sie können – um ein Beispiel zu nennen – Vulkanisierungstechnik nicht auf Lehramt studieren.
Mehr Werbung für den Beruf des Berufschullehrers
DHB: Wie sichern Sie den Lehrbetrieb? Axel Schmook: Wie bereits erwähnt, sind Seiteneinsteiger für uns wichtig. Für eine Berufsschule sind sie ein Riesenpotenzial, weil das Fachkräfte sind, die aus der Praxis kommen. Die Erfahrungen, die jemand mitbringt, wenn er zehn bis fünfzehn Jahre in einem Beruf gearbeitet hat oder auf Montage war, sind unersetzbar. Ihr Unterricht lebt von diesem Praxisbezug. Wir beobachten, dass diese Kolleginnen und Kollegen große Akzeptanz bei unseren Schülerinnen und Schülern, aber auch den studierten Pädagogen haben.
DHB: Wie finden Sie geeignete Quereinsteigerinnen oder Quereinsteiger? Axel Schmook: Auf klassischem Weg über Ausschreibungen auf dem Portal des Schulamtes. Aber da wir viel mit Betrieben zu tun haben, haben wir auch Möglichkeiten dort zu streuen, dass wir gerade jemanden für einen bestimmten Fachbereich suchen. Aber natürlich zeigt sich erst im Lehralltag, ob jemand das Durchhaltevermögen hat und sich ein Gespür für die junge Generation erarbeiten kann.
DHB: In Deutschland wird viel über den Lehrkräftemangel diskutiert. Über den speziellen Mangel an ausgebildeten Berufsschullehrern gibt es überhaupt keine öffentliche Diskussion. Wie erklären Sie sich das? Axel Schmook: Ich glaube, dass der Fokus unseres Bildungssystems über Jahrzehnte zu stark auf den Bereich der akademischen Berufe lag. Die duale Ausbildung, der Bildungsbereich, auf dem der wirtschaftliche Ruf Deutschlands beruht, geriet dabei etwas aus dem Blick. Dass immer weniger Eltern ihre Kinder in praktischen Berufen sahen, ist eine Folge davon. Der Beruf des Berufsschullehrers verschwand fast völlig aus dem Blickfeld.
Wird inzwischen genug gegengesteuert? Axel Schmook: Ich glaube schon, dass das Problem inzwischen in der Politik angekommen ist. Wenn Abiturienten auf die Idee kommen sollen, ich könnte doch auch Berufsschullehrer werden, dann muss dringend mehr für diesen spannenden Beruf geworben werden.
In Deutschland finanziert der Staat die Berufsschulen. Aber rund 38 Prozent der Ausgaben für die berufliche Erstausbildung stammen laut OECD aus privaten Mitteln, also von den Ausbildungsbetrieben. Das ist einer der höchsten Werte innerhalb der OECD. Ist genug Geld im System? Axel Schmook: Ich sagte bereits, dass unsere Schule sehr gut ausgestattet ist. Allerdings führen die Digitalisierung und die technische Revolution in den letzten Jahren dazu, dass die berufliche Ausbildung teurer wird. Auch Schulen haben gestiegene Energiekosten oder müssen Klimaanpassungsmaßnahmen finanzieren. Sonst haben wir in den nächsten Jahren Schulausfälle nicht nur wegen Lehrermangel, sondern wegen fehlender Klimaanlagen, Beschattungen usw.
Welchen Lehrling möchte man haben
Ihre Schule erhält Mittel aus dem „Startchancen“-Projekt der Bundesregierung? Axel Schmook: Ja, über zehn Jahre sollen wir Mittel aus diesem Bundesprogramm erhalten. Es zielt darauf, die Kernkompetenzen in Mathematik und Deutsch zu stärken. Das ist notwendig, denn die Zusammensetzung unserer Klassen hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert. In unseren Klassen sitzen Schüler aus vielen Nationen, aus EU- und Nicht-EU-Ländern. Es mangelt an Sprachkompetenzen. Um gute Lernergebnisse zu erzielen, muss man aber die Aufgabenstellungen verstehen können. Wir freuen uns über diese zusätzlichen Mittel.
Ausbildungsbetriebe beklagen, dass die Lehrlinge, insbesondere in den ersten beiden Lehrjahren, zu viel Zeit in der Berufsschule verbringen und zu wenig an der Seite des Ausbilders im Ausbildungsbetrieb… Axel Schmook: Es ist meiner Meinung nach die Frage, welchen Lehrling man haben möchte. Möchte man den Lehrling als preiswerte Arbeitskraft? Oder als einen Menschen, der in der Lage ist, das rasante Tempo der technischen Veränderungen im eigenen Betrieb kompetent mitzugehen.
Entspricht der gute Ruf des deutschen dualen Ausbildungssystems noch der Realität oder ist der nur noch ein Mythos? Axel Schmook: Der Ruf bröckelt, hat aber international immer noch einen guten Klang. Und der beruht genau darauf, dass unser System eben kein „Heer“ von Angelernten hervorbringt. Das funktioniert aber nur, wenn Lehrlinge eben nicht nur im eigenen Ausbildungsbetrieb lernen. Sondern wenn sie darüber hinaus in überbetrieblichen Lehrunterweisungen in den Ausbildungsstätten der Handwerkskammern – auch hier wieder nur ein Beispiel – nicht nur die Motoren von Mercedes, sondern auch die von Toyota oder MAN kennenlernen, während sie in den Berufsschulen und Berufsgymnasien einen übergreifenden breiteren Horizont erhalten. Etwa in Fächern wie Wirtschaft oder in sogenannten Lernfeldern wie Metalltechnik, Elektrotechnik oder Sanitärtechnik.
Die Ausbildungsbetriebe berichten seit Jahren, dass das Niveau der Bewerberinnen und Bewerber sinkt. Die Defizite seien so groß, dass sie in den Ausbildungsbetrieben gar nicht oder nur sehr schwer ausgeglichen werden können. Wie kann das sein? Axel Schmook: Ich verstehe die Frage, denn die Ausbildungsbetriebe sind oft das letzte Glied in der Ausbildungskette. Die Unternehmen müssen allerdings wissen: Wir stellen uns die gleiche Frage. Das Niveau so mancher Schülerin und so manches Schülers, die auf unsere Schule kommen, stellt bereits uns vor die Herausforderung: Wie können wir deren Defizite aufholen.
Die da wären …? Axel Schmook: Die Zeiten, in denen ein Oberstufenlehrer oder Gymnasiallehrer davon ausgehen konnte, alle, die da vor mir sitzen, kommen im Deutschen klar, können gut Mathe, sind vorbei. Statt ihnen zu erklären, warum welche mathematische Operation für ihren späteren Beruf von Bedeutung ist, fangen wir an, wieder Dreisatz zu üben, Prozent- oder Flächenberechnung. Oft werden einfachste Aufgabenstellungen nicht verstanden. Da ist vorher also schon eine Menge schiefgelaufen. Aber wir sind doch stolz darauf, dass viele bei uns dann doch noch einen Sprung machen. Das spricht sich offenbar herum. Die Zahl der Jugendlichen, die bei uns lernen wollen, steigt seit Jahren.
Oberstudiendirektor Axel Schmook vor der Weltkugel des Oberstufenzentrums Oder-Spree in Fürstenwalde
Zurzeit läuft in Deutschland angesichts des Lehrermangels eine Debatte um den Stundenausfall. Wie viel Prozent der Stunden fallen denn am OSZ aus? Axel Schmook: Der Unterrichtsausfall bewegt sich bei uns im einstelligen Prozentbereich. Wir sind, ich sagte es bereits, personell und materiell gut ausgestattet. Das ist nicht selbstverständlich, wenn ich ins Land schaue. Dennoch könnte vieles besser sein.
Wie ist es um die materielle Ausstattung bestellt? Axel Schmook: Die Ausstattung im beruflichen Bereich, Stichwort „Industrie 4.0“, hinkt den Bildungserfordernissen der Wirtschaft im 21. Jahrhundert hinterher. Man kann an einem Kfz, das in den 1990er Jahren gebaut wurde, nicht den heutigen Stand der Technik lehren. Gleiches gilt für Bereiche wie etwa Wärmepumpen und Solartechnik.
Was sollte passieren? Axel Schmook: Wenn in den Haushalten Geld fehlt, kann ich mir zwar wünschen, dass wir zur Ausbildung neue Wärmepumpen oder moderne Fahrzeuge bekommen. Aber wie realistisch ist das? Ich würde mich freuen, wenn endlich die 20 Jahre alten Rahmenlehrpläne entstaubt und dem 21. Jahrhundert angepasst würden, nicht nur weil da Sachen drinstehen, die nicht mehr relevant sind. Dafür fehlt manches, das absolut relevant für die heutige Zeit ist.
Mit der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz (KI) vollzieht sich derzeit eine rasante technische Revolution. Wie gehen Sie damit um, dass diese Revolution in den Rahmenlehrplänen gar nicht abgebildet ist? Axel Schmook: Wir haben natürlich genügend Flexibilität, um auf solche Entwicklungen zu reagieren. Aber ich gebe zu, dass es, gemessen an der Herausforderung und Geschwindigkeit der technischen Entwicklungen, nicht ausreichend ist. Wir verfügen aber durchaus über gute, digitale Lernplattformen, auch 3D-Brillen, um – ich sage mal – ins Innere von Maschinen blicken zu können oder Prozesse zu visualisieren. Die Frage ist, wie lange wir diese Plattformen oder neue Plattformen nutzen können.
Was ist das Problem? Axel Schmook: Die Nutzung solcher digitaler Lernplattformen ist an Lizenzen gebunden. Lizenzen sind stets befristet und kosten Geld. Ob Lizenzen verlängert oder neue erworben werden, steht also immer unter Haushaltsvorbehalt. Und Sie wissen selbst, wie es um Haushalte, egal ob in den Kommunen, im Land oder dem Bund derzeit bestellt ist. Vor diesem Hintergrund ist es also auch die Frage, welche Investitionen haben für die Bundesregierung und die Parlamente Priorität.
Wie reagieren Sie auf das Aufeinandertreffen rasanter technischer Entwicklungen mit verstaubten Rahmenlehrplänen? Axel Schmook: Solange die Rahmenlehrpläne nicht geändert werden, sind wir gesetzlich verpflichtet, den darin enthaltenen Stoff zu unterrichten, egal ob wir ihn für relevant halten oder nicht.“ Da wir aber natürlich versuchen, auch das für den aktuellen Stand der Technik notwendige Wissen zu vermitteln, müssen wir dies in die Stunden mit „hineinquetschen“. Es ist hier an den Lehrkräften zu entscheiden, wie viel Zeit sie dann für welchen Stoff aufwenden, welche Akzente sie setzen.
Selbstbewusstsein entspricht nicht immer der Persönlichkeitsentwicklung
Was ist mit dem Fach „Wirtschaft und Soziales“? Axel Schmook: Es ist ein großes Glück, dass wir dieses Fach im Land Brandenburg haben. Denn es ermöglicht uns genau das: sehr flexibel aktuelles Wissen auch zu technischen Neuerungen zu vermitteln.
Wie erleben Sie die Zusammenarbeit mit den Ausbildungsbetrieben? Axel Schmook: Auch die hat sich in den letzten Jahren deutlich verändert. Zum einen nimmt die Zahl der kleinen, mittelständischen Betriebe ab und die der großen Betriebe wächst. Dort erlebe