Fünf bis sechs Jugendliche aus dem Landkreis Osnabrück überfallen 33-jährigen Mann in Osnabrück, Große Straße; Video für Social Media; Polizei vier Wochen später.
Nach dem brutalen Überfall in der Innenstadt: Nicht wegsehen! - Osnabrücker Rundschau
Nach dem brutalen Überfall in der Innenstadt: Nicht wegsehen!
Gewalt gegen wohnungslose Menschen bleibt oft unsichtbar
Im Juni 2025 wurde ein 66-Jähriger obdachloser Mann nahe des Bahnhofs Hamburg Altona von Unbekannten angegriffen und schwer verletzt. Er starb an den Folgen der Gewalt. Am 17. Juli 2025 überfielen drei oder vier Unbekannte einen 30-jährigen obdachlosen Mann in der Hamburger Innenstadt. Sie traten dem Schlafenden unvermittelt mehrfach ins Gesicht und verschwanden dann. Notfallsanitäter brachten den Verletzten zur Behandlung ins Krankenhaus. In der Innenstadt von Dortmund zündeten zwei unbekannte Männer im September 2025 die Nachtlager von zwei obdachlosen Menschen an. Die Täter wurden als ca. 23 bis 25 Jahre alt beschrieben. Jetzt geriet auch Osnabrück mit Schlagzeilen wie „Jugendliche in Osnabrück prügeln auf Obdachlosen ein“ und „Horror-Video zeigt brutalen Angriff auf Obdachlosen“ auf die Titelseiten.
Ein „Mega-Schock“, wie die Welt schrieb, war das nicht. Die folgende Schlagzeile „Diese Szenen sind Alltag in Deutschland“ war schon zutreffender. Die Gewalt gegen obdachlose Menschen in Deutschland nimmt stark zu, wie aktuelle Zahlen belegen. Sie erleben im öffentlichen Raum Beleidigungen, verbale Anfeindungen, die Beschädigung ihres wenigen Eigentums und brutale Gewalt. Im Jahr 2025 wurden bundesweit 2.563 Straftaten gegen obdachlose Menschen registriert. Das ist ein massiver Anstieg von rund 17 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Da die Dunkelziffer von nicht gemeldeten Straftaten gerade in diesem Bereich extrem hoch ist, sieht die Realität mit Sicherheit noch viel schlimmer aus.
Bei den solchen Taten handelt es sich oft um hate crimes . Meist geht den Angriffen nicht einmal ein Streit voraus. Frustration über die eigene Situation oder die Gesellschaft insgesamt entlädt sich in brutaler Gewalt an einer beliebigen Person. Dabei sucht man sich die Schwächsten in der Gesellschaft aus – und die, die die Gesellschaft am schlechtesten schützt. Dazu gehören Frauen, für die es nirgendwo genug Zufluchtsmöglichkeiten vor der alltäglichen häuslichen Gewalt gibt. Bundesweit fehlen 12.000 Plätze für Frauen und Kinder in Frauenhäusern. Zu den schwächsten Mitgliedern der Gesellschaft gehören obdachlose und wohnungslose Menschen. Dafür, dass man diese besser schützen müsse, plädierten etliche RednerInnen auf einer Solidaritätsveranstaltung am 27. Juli vor dem Theater in Osnabrück.
Brutaler Überfall mitten im Stadtzentrum
Anlass war ein brutaler Überfall auf einen 33-jährigen Mann, der erst Ende Juli bekannt wurde, und für Entsetzen in Osnabrück sorgte. In der Nacht zum 20. Juni 2026 griff eine Gruppe von fünf bis sechs Jugendlichen aus dem Landkreis einen Mann mitten in der Haupteinkaufsstraße der Stadt an und verletzte ihn schwer. Während ein 18jährigerr aus der Gruppe mit dem Smartphone filmte, schlug ein 16jähriger dem Mann „mit aller Kraft“ eine Bierflasche ins Gesicht und prügelte auf ihn ein. Als der Mann zusammenbrach und am Boden lag, traten die Täter mehrmals gegen den Kopf des Hilflosen. Der schwer verletzte Mann erlitt mehrere Knochenbrüche im Gesicht und musste im Krankenhaus operiert werden.
„Für ein kleines bisschen Horrorschau“
Besonders erschreckend ist, dass die Tat begangen wurde, um ein Gewaltvideo zu produzieren und zu verbreiten. „Ein paar Jugendliche sind frustriert“ und „gehen gemeinsam auf die Jagd … für ein kleines bisschen Horrorschau“ heißt es in dem auf dem Roman „A Clockwork Orange“ basierenden bekannten Song „Hier kommt Alex“ von den „Toten Hosen“. Die Angreifer in der Großen Straße nahmen den Tod eines Menschen in Kauf, um Aufmerksamkeit in den Sozialen Medien für ihre „Horrorshow“ aus Osnabrück zu bekommen. „Nimm Bilder, nimm Bilder“, ist in ihrem Video zu hören. „Danach wir hauen ab“. Noch erschreckender: Das Video der am 20. Juni begangenen Tat wurde der Polizei erst am 18.
- Juli zugespielt. Davor wurde es „im Türstehermilieu in Osnabrück und im Nordkreis der Stadt“ weitergegeben. Auf die Idee, es an die Polizei weiterzuleiten, damit die Polizei die Täter verfolgen kann, kam vier Wochen lang niemand der BetrachterInnen. Die zeigten damit die gleiche mediengeile Empathielosigkeit wie die Täter, die sich vermutlich filmten, „um Bestätigung in der eigenen Bubble zu erhalten“, so Polizeisprecher Jannis Gervelmeyer. Vier Wochen lang hatten sie diese Bestätigung für ihr „Horror-Video“ einer realen Straftat anscheinend. Dann erst schickte jemand es an die Presse, die es an die Polizei weiterleitete.
Aufruf zur Solidarität: Nicht Wegsehen
Dem Aufruf der Partei „Die Linke“, der Linksjugend , der Libertären KommunistInnen Osnabrück (LiKOS) und des Unordnungsamts zu einer Solidaritätskundgebung folgten am Montag, 27. Juli, etwa 250 Menschen. Die stellvertretende Landesvorsitzende der Linken Niedersachsen, Nicole Emektas, begann die Versammlung mit einer Schweigeminute für die Opfer des Anschlags auf den CSD in Berlin . Sie sei nicht nur traurig, dass die abscheuliche Tat in Osnabrück auch noch gefilmt wurde, sondern vor allem darüber, dass ständig „nach unten getreten wird“, sagte das Mitglied der Ratsfraktion der Linken und stellte fest, dass Waffen- und Alkoholverbotszonen oder die installierte Überwachungskamera am Neumarkt diese Gewalttat in Osnabrück nicht verhindert hätten. Die brutale Tat zeige, dass Sicherheit nicht durch mehr Polizei, sondern nur durch eine Zivilgesellschaft entstehen könne, die nicht wegsehe. Menschen ohne Wohnung erlebten oft Ausgrenzung und Gewalt, die unbeachtet und unsichtbar bleibe. Bei dem überfallenen Mann handelte es sich, anders als in der BILD und der Neuen Osnabrücker Zeitung berichtet, nicht um einen „Obdachlosen“. Der Mann hatte zwar keine eigene Wohnung, war aber in einer städtischen Unterkunft mit Sozialarbeiteranbindung untergebracht. Man spricht in diesem Fall von Wohnungslosigkeit. In Osnabrück sind etwa 600 Menschen wohnungslos, 140 müssen auf der Straße schlafen. In Großstädten sind das tausende, in Hamburg fast 4.000 Menschen.
„Sagt einfach mal Moin, grüßt die Leute“
Es ist leicht, wegzusehen. Wer hinsieht, weiß jedoch, dass die Wohnungslosigkeit in Deutschland zunimmt. Der Aufruf, mit offenen Augen durch die Stadt zu gehen, nicht wegzusehen, sondern obdachlose oder wohnungslose Menschen wahrzunehmen und ihnen Beachtung zu schenken, zog sich durch sämtliche Redebeiträge. „Sagt einfach mal Moin, grüßt die Leute“, appellierte ein Sprecher vom „Solidarischen Aufbau“ , der eigene Erfahrungen mit Wohnungslosigkeit und Gewalt schilderte. Alle Menschen seien „nahe an der Straße“. Es brauche nicht mehr als einen Schicksalsschlag, um dort zu landen. Die Wohnungslosenhilfe der Sozialen Dienste SKM erlebt täglich die Lebensrealität dieser Menschen: „Hinter jedem Menschen auf der Straße steht eine persönliche Geschichte – häufig geprägt von Schicksalsschlägen, Krankheit, Armut oder dem Verlust sozialer Bindungen.“
Auch sie appelliert in einer Stellungnahme zu dem Überfall an alle BürgerInnen, nicht wegzusehen, wenn Menschen ausgegrenzt, bedroht oder Opfer von Gewalt werden: „Zivilcourage beginnt oft mit einem aufmerksamen Blick, dem Ansprechen anderer oder dem Verständigen der Polizei oder von Rettungskräften.“ Genau das haben PassantInnen in der Nacht zum 20. Juni getan und dem Überfallenen damit wahrscheinlich das Leben gerettet. Für besseren Schutz obdachloser und wohnungsloser Menschen fordert der SKM ausreichend bezahlbaren Wohnraum, Zugang zu sicheren Notunterkünften und Übernachtungsstellen sowie die Stärkung niedrigschwelliger Sozialarbeit.
Obdachlose Menschen hätten Anspruch auf eine Unterkunft, die ihnen Schutz biete, egal ob sie drogenfrei seien oder einen Hund hätten und sollten nicht erst beweisen müssen, dass sie „wohnfähig“ seien, hieß es bei der Kundgebung. „Housing First“ nennt sich ein Konzept, das Obdachlosigkeit durch die Bereitstellung von Wohnraum ohne Vorbedingungen beenden will. Die Erfolgsquote von „Housing First“ mit sozialpädagogischer Begleitung ist sehr hoch und liegt in Köln oder Düsseldorf bei 80 bis zu über 90 Prozent. Die Sicherheit der eigenen vier Wände hilft dabei, Probleme zu überwinden.
Voraussetzung für „Housing First“ ist allerdings entsprechender Wohnraum. Doch es gibt nicht genug bezahlbare Wohnungen. Der Fachdienst Soziale Wohnraumhilfe im Fachbereich Soziales der Stadt Osnabrück würde sich deshalb freuen, wenn sich sozial eingestellte Vermieter bei ihm melden würden, die bereit wären, für diesen Personenkreis eine kleine, günstige Wohnung zur Verfügung zu stellen. Der Fachdienst versucht mit kreativen Lösungen gegen die Wohnungsnot zu helfen, indem er zum Beispiel Seminare für Flüchtlinge und obdachlose Menschen anbietet, in denen diesen ihre Rechte und Pflichten als Mieter vermittelt werden, von der Einhaltung der Hausordnung bis zum Trennen von Müll. Er stellt entsprechende Bescheinigungen über die Teilnahme aus und hofft, damit die Chancen dieses Personenkreises, der u.a. mit StudentInnen um solche kleinen Wohnungen konkurrieren muss, zu verbessern. Das ist nicht leicht, aber auch nicht unmöglich . 2024 konnte der SKM 60 KlientInnen Wohnungen auf dem ersten Wohnungsmarkt vermitteln. Ein weiterer Lichtblick: Im Frühjahr dieses Jahres fand sich nach einjähriger intensiver Suche ein Vermieter bereit, Räume für einen Tagesaufenthalt für wohnungslose Frauen in Osnabrück zur Verfügung zu stellen.
Obdachlose Menschen sollten nicht vor leersehenden Häusern stehen und frieren, sondern diese Häuser aufgemacht werden, hieß es bei der Kundgebung. Auch gebe es für sie meist keine legale Möglichkeit, ihre Notdurft zu verrichten. „Niemand verliert seine Würde, weil er keine Wohnung hat. Jeder Mensch hat Anspruch auf Respekt und Schutz“, sagt der SKM
Auf viel Kritik stieß bei der Kundgebung das von der Oberbürgermeisterin gemeinsam mit der Polizei erarbeitete „Zehn-Punkte-Programm zur Stärkung der Sicherheit in der Osnabrücker Innenstadt“ . In der Ratssitzung am 11. Juni 2024 wurde als Teil des Programms eine Alkoholverbotszone für die südliche Innenstadt eingerichtet. Im letzten Moment wurde auf Antrag der Gruppe Grüne
Volt eine begleitende Evaluation mitbeschlossen. Während sich die CDU bei der Vorstellung dieser Evaluation freute, dass in der Waffen- und Alkoholverbotszone Bußgelder verhängt und„ endlich durchgegriffen werde“, ist der gleichzeitig mit dem Beschluss des Zehn-Punkte-Plans erteilte Ratsauftrag zur Schaffung von Aufenthaltsmöglichkeiten für Menschen aus der Suchtszene und für Wohnungs- und Obdachlose nach zwei Jahren immer noch nicht erledigt worden. Auch daran ist zu erkennen, dass es hier um eine gesellschaftliche Gruppe geht, die leicht aus den Blick gerät. So stellte Hermann Flint vom SKM wohl zu Recht fest, dass es in Osnabrück noch nie „ein richtiges Konzept seitens der Politik“ gegeben habe. Aus seiner Sicht würden Plätze helfen, an denen sich Menschen aufhalten könnten, „ohne weggejagt zu werden“, mit Infrastruktur von öffentlichen Toiletten bis hin zum Trinkwasser. Die gibt es in Osnabrück bisher nicht.
In der Ratssitzung am 21. April 2026 wurde bei der erneuten Behandlung ein ungewöhnlicher Ratsbeschluss gefasst, in dem die Verwaltung an die Erledigung eines Teils des Ratsbeschlusses vom 11. Juni 2024 erinnert und nochmals aufgefordert wurde, im Austausch mit Polizei, SKM und Diakonie sowie unter Mitwirkung der Betroffenen Vorschläge zur Schaffung von Aufenthaltsmöglichkeiten vorzulegen. So ein erneuter, inhaltsgleicher Beschluss ist eigentlich nicht nötig, denn ein Ratsauftrag muss auf jeden Fall auch ohne eine solche Erinnerung ausgeführt werden. Doch das ist zwei Jahre nach dem Auftrag noch nicht geschehen. Zwar gab es Treffen des Rundes Tisches Wohnungslosigkeit , und SozialpolitikerInnen von CDU, SPD und Grünen haben sich mit SozialpädagogInnen und TrägerInnen vor Ort unterhalten, um „Ideen zu entwickeln“. D