Wohnhaus des Philosophen Jürgen Habermas in Starnberg; herausragendes Zeugnis der Moderne

PRESSEMITTEILUNG

München/Starnberg, 13. August 2026

„Das Haus Habermas ist gebaute Philosophie“ Als bedeutendes Zeugnis des Übergangs vom Neofunktionalismus der Nachkriegsmoderne zur Postmoderne ist das Wohnhaus des Philosophen nun in die Denkmalliste eingetragen

Es ist ein Haus, in dem gelesen, gedacht und geschrieben wurde. Ein Haus, um ein Bücherregal her- umgebaut. Die Rede ist vom Wohnhaus des im März 2026 verstorbenen Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas und seiner Familie. Das Gebäude aus den 1970er Jahren ist nach Prüfung durch das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege (BLfD) nun als Baudenkmal in die Bayerische Denkmalliste aufgenommen worden.

„Das Haus Habermas ist gebaute Philosophie. Es ist ein herausragendes Zeugnis für das Selbstbild eines der bedeutendsten deutschen Philosophen des 20. Jahrhunderts. In seiner zeitlosen Moder- nität und repräsentativen Gestaltung ist das seit seiner Bauzeit beinahe unverändert erhaltene Ge- bäude ein wichtiges Dokument für das Bauen und Wohnen des gehobenen Bürgertums zu Beginn der 1970er Jahre“, sagt Prof. Mathias Pfeil, Generalkonservator des BLfD.

„Jürgen Habermas war eine intellektuelle Instanz, einer der prägenden Philosophen der Gegenwart und ein leidenschaftlicher Verteidiger der demokratischen Vernunft. Sein Wohnhaus ist ein heraus- ragendes Zeugnis der Architektur der 1970er Jahre und gleichzeitig ein besonderer Ort der Geistes- geschichte. Es macht sichtbar, wie eng Leben und Denken, Raum und Werk für Jürgen Habermas verbunden waren“, sagt Markus Blume, Bayerischer Staatsminister für Wissenschaft und Kunst.

Das Gebäude in Starnberg liegt als langgestreckter weißer Kubus am Hang, unterbrochen durch unre- gelmäßige Fensteröffnungen mit dunkelblauen Stahlrahmen, das verglaste Garagentor, einen Fens- tererker und den zurückgesetzten Hauseingang. Im Inneren bildet eine Bücherwand die zentrale

Achse und das bestimmende Motiv. Sie verläuft entlang des Wohn- und Essbereichs bis zum Arbeitszimmer. Die dem Regalband gegenüberliegende Fensterfront mit Er- ker erhellt Wohn- und Esszimmer mit Tageslicht. Eine betonierte Wendeltreppe ver- bindet drei Stockwerke. Kugelpendelleuchten – am Bauhaus-Vorbild orientierte bau- zeitliche Originale – begleiten die Achse vom Haueingang bis zum Arbeitszimmer des Philosophen.

In seiner blockhaften Grundform mit den schlanken Stahlfenstern, dem Stützen-Balken-Gerüst des Essbereichs und dem Dachaufsatz aus Glasbausteinen rekurriert das Haus auf die Villa Stonborough- Wittgenstein in Wien. Jenes Haus, das der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein als Wohnhaus für seine Schwester errichten ließ. Habermas stellte damit architektonisch einen Bezug zu Wittgen- stein her. Dieser interessierte ihn als Philosoph insbesondere wegen seines sprachphilosophischen Ansatzes. Beide trafen sich in ihrem Denken im Hinblick auf die zentrale Bedeutung der Vernunft als Prüf- stein der Philosophie; entsprechend vermitteln die Bauten in Wien und Starnberg Rationalität durch ihre klare Formensprache. Haber- mas ließ mit seinem Wohnhaus, das um den einladend offenen Ess- und Wohnbereich mit Kamin und Bücherwand konzipiert ist, ein bauliches Äquivalent für sein Ideal der Sprache als hierarchiefreien, sozialen, rationalen und emanzipatorischen Diskurs errichten.

Unverkennbar sind auch die Einflüsse des frühen Le Corbusier der 1920er und 1930er Jahre. Der schweizerisch-französische Architekt entwickelte seine Villen aus der Idee des rationalen Bauens her- aus: Die Form speist sich aus der Funktion des Wohnens. Das Leitmotiv der Ratio verbindet sich im Haus Habermas – philosophisch und architektonisch gedacht: Mit seinem retrospektiven Bezug zu Le Corbusier und den zitathaften, architektonischen Verweisen auf das Haus Wittgenstein in Wien er- weist sich Habermas‘ Wohnhaus als hochbedeutendes Werk des Übergangs vom Neofunktionalismus der Nachkriegsmoderne zur Postmoderne.

Das Haus ist das Erstlingswerk des bekannten Münchner Architektenduos Heinz Hilmer und Christoph Sattler, welche die Planung im Austausch mit Jürgen Habermas und seiner Frau Ute entwickelten.

„Für uns junge Architekten war dieser Auftrag abenteuerlich. Wir hatten davor einen europäi- schen Wettbewerb gewonnen, galten plötzlich als vielversprechend und verspürten jugendliche Eu- phorie. Das Haus ist weniger vom Bauhaus als der Wiener Secession inspiriert und steht inmitten der Reflexion über die Moderne, wie sie in unterschied- lichen Formen existierte“, sagt Christoph Sattler.

Dem Gebäude kommt nach Art. 1 Bayerisches Denkmalschutzgesetz besondere geschichtliche, künst- lerische und wissenschaftliche Bedeutung zu; sein Erhalt liegt im Interesse der Allgemeinheit.

BILDMATERIAL Zur Berichterstattung steht Ihnen Bildmaterial zum Download unter www.blfd.bay- ern.de/blfd/presse zur Verfügung. Bei einer anderweitigen Nutzung bitten wir Sie, selbstständig die Fragen des Urheber- und Nutzungsrechts zu klären. Abb. 1: Haus Habermas, Außen- ansicht, Abb. 2: Wohn- und Essbereich mit zentralem Bücherregal, Abb. 3: Dachaufsatz aus Glasbau- steinen, Fotos 1-3: BLfD, Abb. 4: Isometrie, Büro Hilmer und Sattler, Foto: Architekturmuseum der TUM.

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