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title: "ETH Zürich Forscher zeigen Manipulationen bei Nachhaltigkeitskontrollen im Kakaoanbau in der Elfenbeinküste; 1 von 4 Angaben manipuliert"
sdDatePublished: "2026-08-13T18:09:00Z"
source: "https://ethz.ch/de/news-und-veranstaltungen/eth-news/news/2026/08/wenn-pruefer-nachhelfen-studie-enthuellt-schwachstellen-bei-nachhaltigkeitskontrollen.html"
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ETH Zürich Forscher zeigen Manipulationen bei Nachhaltigkeitskontrollen im Kakaoanbau in der Elfenbeinküste; 1 von 4 Angaben manipuliert

Wenn Prüfer nachhelfen: Studie enthüllt Schwachstellen bei Nachhaltigkeitskontrollen | ETH Zürich

Wenn Prüfer nachhelfen: Studie enthüllt Schwachstellen bei Nachhaltigkeitskontrollen

Die Nachhaltigkeit tropischer Produkte lässt sich nur mit verlässlichen Daten über die Produktionspraktiken überprüfen. Eine neue Studie zeigt am Beispiel von Kakao, dass diese häufig durch Auditoren gefälscht werden. Eine einfache Änderung der Datenerhebung könnte Manipulationen jedoch deutlich verringern

ETH-Forschende zeigen anhand eines Nachhaltigkeitsprogramms für den Kakaoanbau an der Elfenbeinküste: In jedem vierten Fall wurden Angaben manipuliert, um die Anforderungen des Programms zu erfüllen.

Kannten die Auditor:innen die erforderlichen Zielwerte, nahm die Datenmanipulation deutlich zu. Waren diese Werte unbekannt, halbierte sich die Häufigkeit der missbräuchlichen Änderungen.

Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse für Unternehmen, Behörden und Zertifizierungsstellen, um nachhaltige Lieferketten sowie die Umsetzung der EU-Entwaldungsverordnung zu gewährleisten.

Nachhaltigkeitslabels, wie Rainforest Alliance oder Fairtrade, begegnen uns oft auf Schokoladenpackungen, Bananen oder Kaffee. Sie signalisieren den Kundinnen und Kunden, dass bei der Herstellung dieser Produkte bestimmte Nachhaltigkeitskriterien eingehalten wurden. Zum Beispiel, dass für den Kakaoanbau kein Regenwald gerodet wurde, keine Kinder auf den Feldern arbeiten oder keine hochgiftigen Pestizide eingesetzt werden. Um dies zu gewährleisten, dass diese Versprechen eingehalten werden, erheben Auditor:innen auf den Landwirtschaftsbetrieben Daten, unter anderem die Anzahl neu gepflanzter Bäume. Damit soll sichergestellt werden, dass eine Bäuerin oder ein Bauer die Kriterien für eine Zertifizierung erfüllt.

Federico Cammelli hat sich mehrere Jahre mit Zertifizierungen und Umweltprogrammen im Kakaoanbau beschäftigt und zieht ein kritisches Fazit: «Entlang der gesamten Wertschöpfungskette bestehen Interessenskonflikte und es fehlen Anreize, damit die auf Kakaofarmen erhobenen Daten unabhängig kontrolliert werden.» Cammelli war bis im Februar Postdoc bei Johan Six, Professor für nachhaltige Agrarökosysteme an der ETH Zürich und Rachael Garrett, die an der Universität Cambridge Professorin ist. Heute arbeitet er als unabhängiger Forscher, ist aber noch immer mit der Universität Cambridge verbunden. Er ist der Erstautor einer Studie zur Integrität von Nachhaltigkeitsinitiativen, die soeben im externe Seite Fachjournal «Science» erschienen ist.

Die Studie zeigt: Jede vierte Angabe, die für das Nachhaltigkeitsmonitoring im Kakaoanbau erhoben wurde, war manipuliert. War den Prüfer:innen und den Landwirt:innen der Zielwert bekannt, der für einen entsprechenden Nachweis erforderlich war, fielen die Abweichungen deutlich grösser aus – ein Hinweis darauf, dass vorsätzlich falsche Angaben einflossen.

Für die Studie analysierten die Forschenden Monitoringdaten von 407 Kakaofarmen aus der Elfenbeinküste, die an einer Baumpflanzaktion teilnahmen. Alle Farmen nahmen an einem Nachhaltigkeitsprogramm eines internationalen Einkäufers und Exporteurs von Kakao teil. Im Rahmen des Programms wurden die Bäuerinnen und Bauern dazu aufgefordert, Schattenbäume zu pflanzen, um die langfristige Gesundheit der Kakaobäume zu sichern und die Biodiversität zu steigern.

Im Rahmen der Studie wurde das Monitoringsystem so angepasst, dass die Landwirte für die Angabe genauer Informationen über die Anzahl ihrer Bäume belohnt wurden. In nachfolgenden Audits wurde dann überprüft, wie viele Schattenbäume tatsächlich gepflanzt wurden. Die Auditoren zählten die Bäume und gaben den Wert per Smartphone in ein System ein, das ihnen sofort anzeigte, ob ihre Zählung mit jener des Bauern übereinstimmte und er dafür eine Belohnung verdient. Die Auditoren hatten zudem die Möglichkeit, die Angaben nachträglich zu korrigieren.

«In denjenigen Fällen, in welchen die Kriterien beim ersten Durchgang erfüllt wurden, kam es lediglich bei 6 bis 7 Prozent nachträglich zu Änderungen», sagt Cammelli. «Ganz anders, wenn die Kriterien beim ersten Durchgang nicht erfüllt waren – dort sahen wir bei 33 Prozent der Bauern nachträgliche Änderungen.» Zum Vergleich prüften die Forschenden ausserdem, ob auch andere, nicht auditrelevante Kriterien und das anschliessende Belohnungssystem verändert wurden. Das war jedoch nicht der Fall. «Die Prüfer haben also sehr spezifisch diejenigen Daten angepasst, die für das Bestehen des Audits relevant waren», bilanziert der Wissenschaftler. Zwar erhalten die Prüfer selbst keine Belohnung für eine korrekte Berichterstattung. Dennoch haben sie Anreize, dafür zu sorgen, dass die Betriebe die Prüfung bestehen. Zum Beispiel, um gute Beziehungen zu den Landwirten aufrechtzuerhalten oder den Preis mit ihnen zu teilen.

Verborgene Kriterien reduzieren falsche Angaben

Die Forschenden wollten zudem experimentell herausfinden, ob sich Falschmeldungen durch einfache Anpassungen bei der Datenerhebung reduzieren lassen. Zu diesem Zweck teilten sie die Farmen in zwei Gruppen ein. Bei der ersten Gruppe kannten die Kontrolleur:innen die Parameter, anhand derer geprüft wurde, ob ein Bauer die Überprüfung bestanden hatte; der zweiten Gruppe wurden diese vorenthalten. «Die Rate der manipulierten Angaben sank dadurch um mehr als die Hälfte von 25 auf 11 Prozent», sagt Cammelli. Kennen die Prüfer:innen die Kriterien nicht, die es braucht, um eine Prämie im Rahmen eines Nachhaltigkeitsprogramms oder einer Zertifizierung zu erhalten, können missbräuchliche Angaben beim Monitoring stark reduziert werden.

«Die Studie kommt zur richtigen Zeit», sagt Rachael Garrett, Mitautorin der Studie. «Mit der EU-Entwaldungsverordnung müssen Handelsfirmen sicherstellen, dass ihre Monitoringsysteme über die gesamte Lieferkette hinweg funktionieren.» Die EU-Entwaldungsverordnung tritt ab Ende Dezember 2026 für grosse und mittlere Unternehmen und ab Ende Juni 2027 für Kleinunternehmen in Kraft.

Die Verordnung ist im Rahmen des europäischen Green Deal entstanden. Sie verlangt, dass sämtliche Importeure und Verkäufer:innen von Soja, Kaffee, Palmöl, Rindfleisch, Gummi, Holz und Kakao in der EU nachweisen können, dass die Produkte auf Flächen produziert wurden, die nach 2020 nicht dafür entwaldet wurden. Für den Nachweis werden die Grenzen der Anbauflächen manuell mithilfe von Geoinformationssystemen vermessen. Anschliessend wird die Walddichte um die vermessenen Parzellen per Satellit überwacht.

«Für die Kontrolleure bestehen bei der Datenerhebung vor Ort ähnliche Anreize zur fehlerhaften Dokumentation, wie wir sie in unserer Studie beschrieben haben», erklärt Garrett. Kürzlich abgeholzte Flächen könnten bei der ersten manuellen Kartierung missbräuchlich dokumentiert werden. «Unsere Forschungsdaten sind für die praktische Ausgestaltung von Audits und für das Monitoring im Rahmen der Verordnung sehr relevant», sagt Garrett. Aktuell berät sie die Umweltschutzbehörde Grossbritanniens und begleitet die Ausgestaltung eines Monitoringsystems für eine britische Verordnung gegen illegale Rodungen.

Die Studienautor:innen sind sich bewusst, dass Anpassungen auf einzelnen Kakaofarmen nicht ausreichen, um grössere Nachhaltigkeitsprobleme, wie die Entwaldung des tropischen Regenwaldes, zu lösen und Anreize für Manipulationen auszumerzen. «Dafür müsste die gesamte Verteilung der Einnahmen entlang der Lieferkette transformiert werden», sagt Johan Six. Der Kakaoanbau basiere bis heute auf einem neokolonialen Wirtschaftssystem, das den Produzenten und Produzentinnen in Afrika keine echten Mittel für eine nachhaltige Existenzgrundlage biete. Deshalb müsse die Kakaoverarbeitung, zum Beispiel zu Schokolade, zunehmend in den Produktionsländern selbst stattfinden, sodass diese stärker an den Gewinnen entlang der Wertschöpfungskette beteiligt würden. «Bis heute profitieren die Produzenten in Afrika kaum von den Nachhaltigkeitsversprechen an die Konsumentinnen in Europa», sagt Six, der seit Jahren mit Kakaobäuerinnen und -bauern in Westafrika zusammenarbeitet. «Damit haben die Bauern nur sehr wenige Anreize, damit sie selbst in nachhaltigere Produktionssysteme investieren.»

Cammelli F, Six J, Garrett RD: False reporting undermines the integrity of supply chain sustainability initiatives, Science, 13. August 2026, doi: externe Seite 10.1126

13.08.2026 von Samuel Schlaefli, freier Autor