LWF überwacht Schwammspinner in Franken-Eichenbeständen; Massenvermehrung ab 2027 in Franken erwartet
Themen 4 |2026 LWF aktuell 9 Nachdem sich Waldbewirtschaftende und die Waldschutzabteilung der LWF in den vergangenen Jahren intensiv mit Rin- den- und Holzbrütern an der Eiche befas- sen mussten, rücken in den kommenden Jahren wieder Blattfresser in den fränki- schen Eichenwäldern in den Fokus. Hohe Fangzahlen des Schwammspinners in Lockstofffallen Die Fangzahlen von Schwammspinnern in den Lockstofffallen gingen nach der Massenvermehrung von 2018 bis 2020 über mehrere Jahre zurück (Abbildung 1). Seit dem Tief im Jahr 2022 steigen die Fangzahlen wieder an. Die Fänge aus dem Jahr 2025 liegen auf dem Niveau zwischen den Werten der Sommer 2016 und 2017. Nach dem Falterflug und der Eiablage im Spätsommer 2017 folgten im Frühjahr 2018 höhere Schwammspinner- Dichten mit ersten Kahlfraßflächen bei Bamberg und Gunzenhausen. Um genauer abschätzen zu können, ob sichtbarer Fraß oder Kahlfraß im Mai/ Juni 2026 erwartet werden kann, wur- den an allen Fallenstandorten mit ho- hen Falterfangzahlen im Sommer 2025 Schwammspinner-Eigelege an 24 syste- matisch ausgewählten Eichenstämmen bis 2 m Stammhöhe gezählt. Dabei wur- den bei einer Vielzahl von Suchdurchgän- gen erneut Gelege gefunden. Wer aktuell mit offenen Augen durch Eichenbestände Frankens läuft, kann wieder einzelne Ge- lege erwarten (Abbildung 2). In den letz- ten Jahren waren Gelegefunde die Aus- nahme. In nur wenigen Beständen lag in 2025 die rechnerische Dichte bereits zwi- schen 0,3 bis 0,5 Gelegen je Stamm. Da ab Dichten > 1 Gelege je Stamm starker Fraß bis hin zum Kahlfraß möglich ist, ist im Sommer 2026 vereinzelt mit sichtba- rem, möglicherweise stärkerem Fraß zu rechnen. Wer wird 2027 in den Eichenkronen fressen? Hannes Lemme Aufmerksame Waldbesucher und Forstleute werden im Herbst und Winter 2025 wieder häufiger Schwammspinner-Gelege an Eichen in Frankens Wäldern entdeckt haben. Auch das Monitoring mit Lock- stofffallen zeigte im Sommer 2025 hohe Fangzahlen. Wir stehen offensichtlich wieder vor einer Massenvermehrung des Schwamm- spinners mit Kahlfraß in Frankens Eichenbeständen. Nachdem die Eiche nach der Trockenheit der vergangenen Jahre mehr »zeichnete« als erwartet, ist die Entscheidungsfindung – Entlaubung zulassen und laufen lassen – oder – eingreifen – nicht einfach. Wie wir uns aktuell darauf vorbereiten, beschreiben wir in diesem Artikel. 10 10 10 10 10 10 10 10 10 10 10 10 10 100 1.000 10.000 Anzahl Fallenstandorte Anzahl Falter je Falle Monitoring Schwammspinner 2014 2015 2016 2017 2018 2019 2020 2021 2022 2023 2024 2025 1 Fangzahlen des Schwammspinners in Lockstofffallen in Bayern von 2014 bis 2025. Die Zunahme der Population wird durch die logarithmische Skalie- rung der x-Achse sichtbar.
Themen Stehen wir vor einer Massenvermehrung im Jahr 2027? Spannend ist die Frage, wie sich die Schwammspinnerpopulation weiter entwickelt. Massenvermehrungen des Schwammspinners verlaufen in Bayern, aber auch im südöstlichen Mitteleuropa und Südosteuropa, zyklisch. Nach der Massenvermehrung folgt ein Dichterück- gang, der jedoch rasch in einen Dichtean- stieg bis zur nächsten Massenvermeh- rung übergeht. Daher können wir bei einer »durchschnittlichen « Witterung er- warten, dass die Anflugzahlen der Falter in den Lockstofffallen und nachfolgend die Gelegedichten 2026 weiter ansteigen. Daher muss mit einer Massenvermeh- rung in den Eichenbeständen Frankens ab Sommer 2027 gerechnet werden. Er- eignisse wie ein verregnetes Frühjahr oder ein zeitlich versetztes Schlüpfen der Eilarven des Schwammspinners mit dem Blattaustrieb der Eichen können den Beginn der Massenvermehrung auf die nachfolgende Vegetationsperiode ver- schieben. Wahrscheinlich lässt sich diese dadurch jedoch nicht verhindern. So be- günstigt beispielsweise ein kühles Früh- jahr mit anschließender schneller Erwär- mung den Schlupf der Eilarven zwar, die Eichen können im Austrieb allerdings nicht in gleichem Maße folgen. Im Juni 2026 wurde kaum Fraß durch den Schwammspinner beobachtet. Nach dem Routinemonitoring mit Lockstofffal- len, das von den Revierleitern der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Fors- ten (ÄELF) und den Betrieben der Baye- rischen Staatsforsten im Juli und August durchgeführt wird, zählen Mitarbeitende der LWF im September erneut Gelege an den Fallenstandorten. Im Anschluss wird entschieden, ob die ÄELF sowie Dritte weitere Gelegesuchen durchführen müs- sen. Bei dieser Entscheidung ist erstens das Risiko von Kombinationsfraß und zweitens die Vorschädigung der Eichen von entscheidender Bedeutung. Darum überwachen wir jetzt Eichen- wickler und Frostspanner Bei der Massenvermehrung des Schwamm- spinners 1993 traten erhebliche Schäden auf Flächen mit Kombinationsfraß auf, auf denen sowohl Eichenwickler als auch Schwammspinner fraßen. Die Belaubung der Eichen war bereits Anfang Mai durch den Eichenwickler vollständig abgefres- sen. Die Eichen trieben dann erneut aus. Der Schwammspinner hatte seine Ent- wicklung zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen, sodass alle nachfolgenden Ersatztriebe erneut befressen wurden. Zudem wurde der Ersatztrieb nach dem Schwammspinnerfraß durch Mehltau so stark befallen, dass es zum vollständigen Blattfall kam. Bei insgesamt sechs unter- suchten Flächen mit dieser Konstellation kam es zu Baummortalitäten zwischen 20 und 80 % (22; 46; 51; 52; 63; 77 % je Fläche, Lobinger 1998). Bei den nachfol- genden Massenvermehrungen in den Jah- ren 2004/2005, 2010/2011 (mit Eichen- prozessionsspinner) sowie 2018/2020 fraßen andere Arten wie Eichenwick- ler und Frostspanner nicht zeitlich vor dem Schwammspinner. Ein kombinierter Kahlfraß blieb daher aus. Um das Risiko eines Kombinationsfra- ßes besser abschätzen zu können, hat die LWF im vergangenen Jahr das Monito- ring der Frostspannerarten intensiviert und ein pheromongestütztes Eichenwick- lermonitoring eingeführt. Dieses wurde im Sommer 2025 mittels 120 Lockstoff- fallen sowie im Winter 2025/2026 durch Zweigproben in 60 Beständen durchge- führt. Das Monitoring des Frostspanners wurde mit Leimringen in der potenziel- len Schwammspinner-Kulisse erweitert – von 14 Beständen 2024 auf 20 Bestände 2025/26. Der Kleinschmetterling Eichenwickler (Tortrix viridana) lebt an Eichen. Die Eilarven schlüpfen mit dem Blattaustrieb und fressen in Blattwickeln bis Ende Mai (Abbildung 3). Die Verpuppung erfolgt in der Baumkrone. Bereits ab Anfang Juni fliegen die Falter mit nachfolgender Eiab- lage an Zweigen in der Oberkrone. Mas- senvermehrungen des Eichenwicklers verlaufen unregelmäßig, zum Teil mehr- jährig »chronisch« und räumlich »klein- teiliger« als die des Frostspanners oder Schwammspinners. Ein flächiges Moni- toring ist daher arbeitsaufwändiger als beim Frostspanner. Neben den Eichen- wicklern gehören auch weitere Wickler zur Fraßgesellschaft an der Eiche. 2 Weibchen des Schwamm- spinners mit Gelegen am Stamm einer Hainbuche im Sommer 2018. Foto: Hannes Lemme, LWF 3 Larve und Wickel eines Eichenwicklers. Fotos: Gyorgy Csoka, Hungary Forest Research Institute, Bugwood.org 10 LWF aktuell 4 |2026
Themen 4 |2026 LWF aktuell 11 Autor Dr. Hannes Lemme arbeitet in der Abteilung »Wald- schutz« der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft und ist zuständig für das Monitoring und Management forstlicher Schadorganismen. Kontakt: Hannes.Lemme@lwf.bayern.de Literatur Das Literaturverzeichnis finden Sie unter www.bayern.de in der Rubrik »Publikationen«. Zusammenfassung Das Monitoring mit Lockstofffallen im Sommer 2025 und nachfol- gende Gelegesuchen durch die LWF zeigen hohe Anflugzahlen bzw. Dichten des Schwammspinners. Möglicherweise stehen wir 2027 wieder vor einer Massenvermehrung des Schwammspinners. Um die Entscheidungsfindung im Umgang mit dieser Massenvermeh- rung vorzubereiten, wurde das Monitoring von Eichenwickler und Frostspanner bereits 2025 erweitert und in diesem Jahr wiederholt. Ein wesentlicher Punkt bei Entscheidungsfindung wird die Ein- schätzung der Eichenvitalität sein. durch Schwammspinner ohne weitere Schadfaktoren wird – wie auch zuletzt – aus Waldschutzsicht unkritisch gese- hen. Daher werden nun Informationen über Vorschädigungen und Dichten von Eichenwickler und Frostspannerarten ge- sammelt und für eine Gesamtbewertung zusammengeführt. Mitte September muss mit den vorliegenden Informatio- nen entschieden werden, ob das Risiko eines Kombinationsfraßes besteht. Wird dieses Risiko als gering eingeschätzt, er- folgt die Schwammspinner Gelegesuche- Suche ausschließlich in der »Vorschädi- gungskulisse«. Eichenvitalität – schwer einschätzbar, aber Knackpunkt bei Entscheidungen Wesentlich schwieriger wird die Ein- schätzung der Eichenvitalität vor der kommenden Massenvermehrung des Schwammspinners. Nach der Trocken- heit der vergangenen Jahre 2018 bis 2020 sowie 2023 kam es in der fränkischen Ei- chenkulisse zu starken Vitalitätseinbu- ßen. Die Schadholzmengen infolge von Trockenheit im Bestand sowie summa- risch aller rinden- und holzbrütenden Insekten bei der Eiche lag in Bayern bei 61.000 fm (2023), 78.000 fm (2024) und 49.000 fm (2025, siehe auch Terzenbach et al. 2026). Diese Schadholzmengen sind für die Eiche ungewöhnlich hoch. Die Entwicklung der Schäden in diesem Jahr werden wir bei der Entscheidung zur Ge- legesuche berücksichtigen. Eine Empfeh- lung zum Umgang mit der kommenden Massenvermehrung des Schwammspin- ners, insbesondere für oder gegen einen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln als Ultima Ratio, wird auf Basis der umfang- reichen Begleitforschung der letzten Mas- senvermehrung und den Ergebnissen des Monitorings der verschiedenen Schad- insekten erfolgen. Einmaliger Kahlfraß Der Kleine Frostspanner (Operophtera brumata) lebt an einer Vielzahl von Laub- gehölzen (Abbildung 4). Wie der Eichen- wickler schlüpfen die Eilarven mit dem Blattaustrieb ihrer Wirtspflanzen. Die Eilarven sind jedoch weniger hungertole- rant als die des Eichenwicklers. Der Fraß erfolgt bis Ende Mai. Die Larven ver puppen sich im Boden. Die Schmetterlin- ge erscheinen ab Mitte Oktober bis Ende Dezember. Die flügellosen Weibchen be- steigen die Laubbäume und legen die Eier am Stamm, in Zweigen, Rindenritzen und loser Rinde ab. Massenvermehrungen des Frostspanners verliefen (bisher) zyklisch und über große Flächen regional-synchron. Massenvermehrungen innerhalb eines Bestands dauern ein, selten zwei Jahre. Neben dem Kleinen Frostspanner wird in Franken oft auch der Große Frostspanner (Erannis defoliaria) beobachtet. Eichenwickler-Dichten niedrig, Frost- spanner-Entwicklung uneinheitlich Sowohl die Eichenwickler-Lockstofffal- len vom Sommer 2025 als auch die Ei- chenwickler-Dichten der Zweigproben aus dem Winter 2025/2026 zeigen nied- rige bis sehr niedrige Fangzahlen bzw. Dichten. Beim Frostspanner wurden 2025 höhere Dichten in den südlichen Teilen des AELF Schweinfurt sowie den südwestlichen Teilen des AELF Bad Neu- stadt festgestellt. Hier kam es vereinzelt zu starkem bis hin zum Kahlfraß einzel- ner Bestände. Beobachtungen zum Fraß dieser Arten an der Eiche werden dieses Jahr sehr wichtig, um die Daten des Mo- nitorings zu ergänzen. Die Überwachun- gen von Eichenwickler und Frostspanner werden im Sommer 2026 und Winter 2026/2027 wiederholt. Dann wird eine Einschätzung zur Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens der Massenvermeh- rung von Eichenwickler bzw. Frostspan- ner und dem Schwammspinner für die Vegetationsperiode 2027 möglich. 4 Larve des Großen Frostspanner (li.) und Kleinen Frostspanners (re.). Fotos: Milan Zubrik, Forest Research Institutev Slo- vakia, Bugwood.org (li.); Steven Katovich, Bugwood.org (re.) 5 Schwammspinner-Weibchen bei der Eiablage an Eiche. Foto: Hannes Lemme, LWF