LWF warnte vor Massenvermehrung des Schwammspinners in Franken-Eichen; Kahlfraß möglich ab 2027.
LWF aktuell 159Wer wird 2027 in den Eichenkronen fressen?von Hannes Lemme
LWF aktuell 159 Wer wird 2027 in den Eichenkronen fressen? von Hannes Lemme Aufmerksame Waldbesucher und Forstleute werden im Herbst und Winter 2025 wieder häufiger Schwammspinner-Gelege an Eichen in Frankens Wäldern entdeckt haben. Auch das Monitoring mit Lockstofffallen zeigte im Sommer 2025 hohe Fangzahlen. Wir stehen offensichtlich wieder vor einer Massenvermehrung des Schwammspinners mit Kahlfraß in Frankens Eichenbeständen. Nachdem die Eiche nach der Trockenheit der vergangenen Jahre mehr »zeichnete« als erwartet, ist die Entscheidungsfindung – Entlaubung zulassen und laufen lassen – oder – eingreifen – nicht einfach. Wie wir uns aktuell darauf vorbereiten, beschreiben wir in diesem Artikel. Nachdem sich Waldbewirtschaftende und die Waldschutzabteilung der LWF in den vergangenen Jahren intensiv mit Rinden- und Holzbrütern an der Eiche befassen mussten, rücken in den kommenden Jahren wieder Blattfresser in den fränkischen Eichenwäldern in den Fokus. Hohe Fangzahlen des Schwammspinners in Lockstofffallen Zoombild vorhanden Abb. 1: Fangzahlen des Schwammspinners in Lockstofffallen in Bayern von 2014 bis 2025. Die Zunahme der Population wird durch die logarithmische Skalierung der x-Achse sichtbar (© LWF) Die Fangzahlen von Schwammspinnern in den Lockstofffallen gingen nach der Massenvermehrung von 2018 bis 2020 über mehrere Jahre zurück (Abbildung 1). Seit dem Tief im Jahr 2022 steigen die Fangzahlen wieder an. Die Fänge aus dem Jahr 2025 liegen auf dem Niveau zwischen den Werten der Sommer 2016 und 2017. Nach dem Falterflug und der Eiablage im Spätsommer 2017 folgten im Frühjahr 2018 höhere Schwammspinner-Dichten mit ersten Kahlfraßflächen bei Bamberg und Gunzenhausen. Um genauer abschätzen zu können, ob sichtbarer Fraß oder Kahlfraß im Mai
Juni 2026 erwartet werden kann, wurden an allen Fallenstandorten mit hohen Falterfangzahlen im Sommer 2025 Schwammspinner-Eigelege an 24 systematisch ausgewählten Eichenstämmen bis 2 m Stammhöhe gezählt. Dabei wurden bei einer Vielzahl von Suchdurchgängen erneut Gelege gefunden. Wer aktuell mit offenen Augen durch Eichenbestände Frankens läuft, kann wieder einzelne Gelege erwarten (Abbildung 2). In den letzten Jahren waren Gelegefunde die Ausnahme. In nur wenigen Beständen lag in 2025 die rechnerische Dichte bereits zwischen 0,3 bis 0,5 Gelegen je Stamm. Da ab Dichten > 1 Gelege je Stamm starker Fraß bis hin zum Kahlfraß möglich ist, ist im Sommer 2026 vereinzelt mit sichtbarem, möglicherweise stärkerem Fraß zu rechnen. Stehen wir vor einer Massenvermehrung im Jahr 2027? Zoombild vorhanden Abb. 2: Weibchen des Schwammspinners mit Gelegen am Stamm einer Hainbuche im Sommer 2018 (© H. Lemme, LWF) Spannend ist die Frage, wie sich die Schwammspinnerpopulation weiterentwickelt. Massenvermehrungen des Schwammspinners verlaufen in Bayern, aber auch im südöstlichen Mitteleuropa und Südosteuropa, zyklisch. Nach der Massenvermehrung folgt ein Dichterückgang, der jedoch rasch in einen Dichteanstieg bis zur nächsten Massenvermehrung übergeht. Daher können wir bei einer »durchschnittlichen « Witterung erwarten, dass die Anflugzahlen der Falter in den Lockstofffallen und nachfolgend die Gelegedichten 2026 weiter ansteigen. Daher muss mit einer Massenvermehrung in den Eichenbeständen Frankens ab Sommer 2027 gerechnet werden. Ereignisse wie ein verregnetes Frühjahr oder ein zeitlich versetztes Schlüpfen der Eilarven des Schwammspinners mit dem Blattaustrieb der Eichen können den Beginn der Massenvermehrung auf die nachfolgende Vegetationsperiode verschieben. Wahrscheinlich lässt sich diese dadurch jedoch nicht verhindern. So begünstigt beispielsweise ein kühles Frühjahr mit anschließender schneller Erwärmung den Schlupf der Eilarven zwar, die Eichen können im Austrieb allerdings nicht in gleichem Maße folgen. Im Juni 2026 wurde kaum Fraß durch den Schwammspinner beobachtet. Nach dem Routinemonitoring mit Lockstofffallen, das von den Revierleitern der Ämter für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (ÄELF) und den Betrieben der Bayerischen Staatsforsten im Juli und August durchgeführt wird, zählen Mitarbeitende der LWF im September erneut Gelege an den Fallenstandorten. Im Anschluss wird entschieden, ob die ÄELF sowie Dritte weitere Gelegesuchen durchführen müssen. Bei dieser Entscheidung ist erstens das Risiko von Kombinationsfraß und zweitens die Vorschädigung der Eichen von entscheidender Bedeutung. Darum überwachen wir jetzt Eichenwickler und Frostspanner Zoombild vorhanden Abb. 3a: Larve eines Eichenwicklers (© G. Csoka, Hungary, Forest Research Institute, Bugwood.or) Bei der Massenvermehrung des Schwammspinners 1993 traten erhebliche Schäden auf Flächen mit Kombinationsfraß auf, auf denen sowohl Eichenwickler als auch Schwammspinner fraßen. Die Belaubung der Eichen war bereits Anfang Mai durch den Eichenwickler vollständig abgefressen. Die Eichen trieben dann erneut aus. Der Schwammspinner hatte seine Entwicklung zu diesem Zeitpunkt noch nicht abgeschlossen, sodass alle nachfolgenden Ersatztriebe erneut befressen wurden. Zudem wurde der Ersatztrieb nach dem Schwammspinnerfraß durch Mehltau so stark befallen, dass es zum vollständigen Blattfall kam. Bei insgesamt sechs untersuchten Flächen mit dieser Konstellation kam es zu Baummortalitäten zwischen 20 und 80 % (22; 46; 51; 52; 63; 77 % je Fläche, Lobinger 1998). Bei den nachfolgenden Massenvermehrungen in den Jahren 2004
2011 (mit Eichenprozessionsspinner) sowie 2018
2020 fraßen andere Arten wie Eichenwickler und Frostspanner nicht zeitlich vor dem Schwammspinner. Ein kombinierter Kahlfraß blieb daher aus. Zoombild vorhanden Abb. 3b: Wickel eines Eichenwicklers (© G. Csoka, Hungary, Forest Research Institute, Bugwood.or) Um das Risiko eines Kombinationsfraßes besser abschätzen zu können, hat die LWF im vergangenen Jahr das Monitoring der Frostspannerarten intensiviert und ein pheromongestütztes Eichenwicklermonitoring eingeführt. Dieses wurde im Sommer 2025 mittels 120 Lockstofffallen sowie im Winter 2025
2026 durch Zweigproben in 60 Beständen durchgeführt. Das Monitoring des Frostspanners wurde mit Leimringen in der potenziellen Schwammspinner-Kulisse erweitert – von 14 Beständen 2024 auf 20 Bestände 2025
- Der Kleinschmetterling Eichenwickler (Tortrix viridana) lebt an Eichen. Die Eilarven schlüpfen mit dem Blattaustrieb und fressen in Blattwickeln bis Ende Mai (Abbildung 3). Die Verpuppung erfolgt in der Baumkrone. Bereits ab Anfang Juni fliegen die Falter mit nachfolgender Eiablage an Zweigen in der Oberkrone. Massenvermehrungen des Eichenwicklers verlaufen unregelmäßig, zum Teil mehrjährig »chronisch« und räumlich »kleinteiliger« als die des Frostspanners oder Schwammspinners. Ein flächiges Monitoring ist daher arbeitsaufwändiger als beim Frostspanner. Neben den Eichenwicklern gehören auch weitere Wickler zur Fraßgesellschaft an der Eiche. Der Kleine Frostspanner (Operophtera brumata) lebt an einer Vielzahl von Laubgehölzen (Abbildung 4). Wie der Eichenwickler schlüpfen die Eilarven mit dem Blattaustrieb ihrer Wirtspflanzen. Die Eilarven sind jedoch weniger hungertolerant als die des Eichenwicklers. Der Fraß erfolgt bis Ende Mai. Die Larven verpuppen sich im Boden. Die Schmetterlinge erscheinen ab Mitte Oktober bis Ende Dezember. Die flügellosen Weibchen besteigen die Laubbäume und legen die Eier am Stamm, in Zweigen, Rindenritzen und loser Rinde ab. Massenvermehrungen des Frostspanners verliefen (bisher) zyklisch und über große Flächen regional-synchron. Massenvermehrungen innerhalb eines Bestands dauern ein, selten zwei Jahre. Neben dem Kleinen Frostspanner wird in Franken oft auch der Große Frostspanner (Erannis defoliaria) beobachtet. Eichenwickler-Dichten niedrig, Frostspanner-Entwicklung uneinheitlich Zoombild vorhanden Abb. 4b: Larve des Großen Frostspanners (© M. Zubrik, Forest Research Institutev Slovakia, Bugwood.org) Sowohl die Eichenwickler-Lockstofffallen vom Sommer 2025 als auch die Eichenwickler-Dichten der Zweigproben aus dem Winter 2025
2026 zeigen niedrige bis sehr niedrige Fangzahlen bzw. Dichten. Beim Frostspanner wurden 2025 höhere Dichten in den südlichen Teilen des AELF Schweinfurt sowie den südwestlichen Teilen des AELF Bad Neustadt festgestellt. Hier kam es vereinzelt zu starkem bis hin zum Kahlfraß einzelner Bestände. Beobachtungen zum Fraß dieser Arten an der Eiche werden dieses Jahr sehr wichtig, um die Daten des Monitorings zu ergänzen. Die Überwachungen von Eichenwickler und Frostspanner werden im Sommer 2026 und Winter 2026
2027 wiederholt. Dann wird eine Einschätzung zur Wahrscheinlichkeit des Zusammentreffens der Massenvermehrung von Eichenwickler bzw. Frostspanner und dem Schwammspinner für die Vegetationsperiode 2027 möglich. Eichenvitalität – schwer einschätzbar, aber Knackpunkt bei Entscheidungen Zoombild vorhanden Abb. 5: Schwammspinner-Weibchen bei der Eiablage an Eiche (© H. Lemme, LWF) Wesentlich schwieriger wird die Einschätzung der Eichenvitalität vor der kommenden Massenvermehrung des Schwammspinners. Nach der Trockenheit der vergangenen Jahre 2018 bis 2020 sowie 2023 kam es in der fränkischen Eichenkulisse zu starken Vitalitätseinbußen. Die Schadholzmengen infolge von Trockenheit im Bestand sowie summarisch aller rinden- und holzbrütenden Insekten bei der Eiche lag in Bayern bei 61.000 fm (2023), 78.000 fm (2024) und 49.000 fm (2025, siehe auch Terzenbach et al. 2026). Diese Schadholzmengen sind für die Eiche ungewöhnlich hoch. Die Entwicklung der Schäden in diesem Jahr werden wir bei der Entscheidung zur Gelegesuche berücksichtigen. Eine Empfehlung zum Umgang mit der kommenden Massenvermehrung des Schwammspinners, insbesondere für oder gegen einen Einsatz von Pflanzenschutzmitteln als Ultima Ratio, wird auf Basis der umfangreichen Begleitforschung der letzten Massenvermehrung und den Ergebnissen des Monitorings der verschiedenen Schadinsekten erfolgen. Einmaliger Kahlfraß durch Schwammspinner ohne weitere Schadfaktoren wird – wie auch zuletzt – aus Waldschutzsicht unkritisch gesehen. Daher werden nun Informationen über Vorschädigungen und Dichten von Eichenwickler und Frostspannerarten gesammelt und für eine Gesamtbewertung zusammengeführt. Mitte September muss mit den vorliegenden Informationen entschieden werden, ob das Risiko eines Kombinationsfraßes besteht. Wird dieses Risiko als gering eingeschätzt, erfolgt die Schwammspinner Gelegesuche-Suche ausschließlich in der »Vorschädigungskulisse«. Zusammenfassung Das Monitoring mit Lockstofffallen im Sommer 2025 und nachfolgende Gelegesuchen durch die LWF zeigen hohe Anflugzahlen bzw. Dichten des Schwammspinners. Möglicherweise stehen wir 2027 wieder vor einer Massenvermehrung des Schwammspinners. Um die Entscheidungsfindung im Umgang mit dieser Massenvermehrung vorzubereiten, wurde das Monitoring von Eichenwickler und Frostspanner bereits 2025 erweitert und in diesem Jahr wiederholt. Ein wesentlicher Punkt bei Entscheidungsfindung wird die Einschätzung der Eichenvitalität sein. Literatur - Terzenbach, S.; Frühbrodt, T.; Hahn, W. A. (2026): Perspectives on the necessity for an integrated management of the two-spotted oak borer, Agrilus biguttatus, and associated research priorities. In: Forest Ecology and Management 611, S. 123690. DOI: 10.1016
j.foreco.2026.123690 - Lobinger, G. (1999): Untersuchungen über Zusammenhänge zwischen Insektenbefall, Witterungsfaktoren und Eichenschäden in Unterfranken. Berichte aus der LWF 19 Beitrag zum Ausdrucken Weiterführende Informationen Autoren