Sr. Leandra betreute die Klosterbibliothek Oberzell; Bestand erweitert, Lesemotivation gesteigert

Erzieherin mit zwei Leidenschaften: Bücher und Natur - Kloster Oberzell

Erzieherin mit zwei Leidenschaften: Bücher und Natur

Am 20. September 1932 wurde Elisabeth Ulsamer als drittes von neun Kindern ihrer Eltern Philipp und Philomena geboren. Die Familie hatte Bäckerei und Lebensmittelhaus in der Annastraße und war verwurzelt in der Pfarrei Stift Haug. Elisabeth besuchte die Volksschule in Würzburg. Ihre Jahre der Kindheit waren überschattet von den Ereignissen des Zweiten Weltkriegs. Als zwölfjährige erlebte Elisabeth am 16. März 1945 den Bombenangriff auf Würzburg, bei dem ihr Elternhaus völlig zerstört wurde, ein großer Einschnitt für die ganze Familie. Die hochschwangere Mutter ist mit ihren fünf Kindern nach Stadelschwarzach gefahren, wo sie anschließend einige Monate gelebt und auf einem Bauernhof mitgearbeitet hat. Elisabeth zog sich in dieser Zeit immer wieder einmal zurück und spürte, damals wohl zum ersten Mal den inneren Ruf, ihren Weg als Ordensfrau zu gehen.

Nach der Volks- und Mittelschule besuchte Elisabeth eine zweijährige hauswirtschaftliche Berufsschule in Würzburg und half während dieser Zeit und anschließend im elterlichen Haushalt mit. Ihre Mutter Philomena schrieb in einem Zeugnis über ihre Tochter: „Sie hat den Haushalt selbstständig geführt. Sie musste täglich für 16 Personen kochen und auch die noch nötigen Arbeiten wie putzen usw. verrichten. Ich konnte mich jederzeit auf sie verlassen.“ Ihre Mutter war eine sehr fromme, religiöse Frau und für Elisabeth sehr prägend. Als sie als 16-jährige ihren Wunsch äußerte, ins Kloster gehen zu wollen, sagte ihre Mutter zu ihr: „Elisabeth, du willst mich doch mit den kleinen Kindern hier nicht allein lassen.“ Und Elisabeth hat geantwortet: „Ich muss doch Mutter, ich muss doch.“ Sie spürte ihre Berufung ganz klar, gleichzeitig war es auch schwer, die Eltern mit den vielen kleinen Geschwistern zurückzulassen.

Auch den Eltern fiel es nicht leicht, ihre Tochter loszulassen und so fragte ihr Vater, als er sie nach Oberzell brachte: „Bekommt das Mädel denn hier auch genug zu essen?“ Als das von der Oberin bejaht wurde, haben die Eltern ihren Segen gegeben. Mit 18 Jahren trat Elisabeth im März 1951 in Oberzell ein, besuchte das Kindergärtnerinnen-Seminar in Oberzell und beendete es mit der staatlichen Prüfung. Sie erhielt ebenso die Missio canonica.

Von 1953 bis 1955 besuchte sie die Caritative Frauenschule in München und wurde zur Wohlfahrtspflegerin ausgebildet, heute Sozialarbeiterin. Anschließend begann die intensivere klösterliche Ausbildung, am 3. Oktober 1956 wurde sie eingekleidet und erhielt den Namen Sr. Maria Leandra. Nach dem einjährigen Noviziat feierte sie ihre zeitliche, im Oktober 1960 ihre ewige Profess.

Die ersten Jahre war Sr. Leandra als Fürsorgeschwester im Fürsorgeheim in Oberzell und Schnaittach eingesetzt. Es folgten noch kürzere Aufenthalte als Pfarrhelferin in Oberschwarzach sowie als Sozialarbeiterin in Kirchschönbach, bevor Sr. Leandra von 1967 bis 1981 in St. Ludwig ihre Talente einbrachte. Unvergessen sind die großen Theaterstücke, die sie mit den Mädchen in St. Ludwig aufführte. Auch die Dekoration des Hauses, z.B. mit Ikebana-Gestecken, die Herstellung von kreativen Faschingskleidern oder die Organisation der Bibliothek waren ihr wichtig. Auch ihre Familie lag ihr sehr am Herzen. Sie hatte große Freude an ihren Neffen und Nichten, wenn sie musizierten. Mit viel Freude organisierte sie kleine Konzerte und Vorstellungen in Oberzell und im Antoniushaus.

Von 1981 bis 1986 war sie einige Jahre an verschiedenen Orten im Büro eingesetzt, bevor sie im Februar 1986 in das Mutterhaus versetzt wurde und hier die nächsten 35 Jahre lebte und wirkte. Ihre Aufgaben im Mutterhaus waren sehr vielfältig. Als zuständige Schwester für den Hausschmuck konnte sie ihren Sinn für Ästhetik und Schönheit sowie ihre Kreativität einbringen. Ihre Gestaltung hatte Stil, Räume waren einladend geschmückt, für manchen Geschmack vielleicht auch etwas zu intensiv und bis zuletzt hatte ihr Zimmer im Antoniushaus ihre Handschrift. Auch das sonntägliche Musikstück während des Mittagessens im Mutterhaus wählte sie mit Bedacht und teilte ihre Überlegungen dazu in einer kleinen Einführung. Sie hatte ein großes Durchsetzungsvermögen, realisierte ohne Zögern, was sie für sich als richtig erkannt hatte. Oftmals stand sie mit ihren Ideen allein und musste das Unverständnis der Mitschwestern aushalten.

Schließlich gab es zwei Orte, an denen man Sr. Leandra auf jeden Fall antreffen konnte – die Klosterbibliothek oder der Kräutergarten. Von 1986 bis Ende 2020 war sie verantwortlich für die Klosterbibliothek, sie organisierte die Buchausleihe, erweiterte den Buchbestand, vernetzte sich und gestaltete natürlich auch die Räumlichkeiten nach ihrem Geschmack. Sie wollte einen zum Lesen und Verweilen einladenden Raum schaffen. Es war ihr ein großes Anliegen, die Mitschwestern immer wieder zum Lesen zu motivieren und sie bedauerte, dass die Bibliothek so wenig genutzt wurde. Sie selbst las sehr viel, beschäftige sich mit der Geschichte und hatte unter anderem auch ein großes Wissen über die Geschichte von König und Bauer und unserer Gemeinschaft.

Als Sr. Leandra begann, den Oberzeller Kräutergarten anzulegen – der anfangs lediglich zum Anbau von Kräutern für die Zubereitung von Tees gedacht war – ahnte sie wohl nicht, welche Bedeutung der Garten einmal bekommen würde. Er wuchs schnell zu einem der größten und schönsten Kräutergärten, Sr. Leandra war in jeder freien Minute, oft frühmorgens oder spätabends dort anzutreffen. Sie scheute keine Mühen, war fleißig und traute sich, Menschen für die Mitarbeit im Kräutergarten anzusprechen und zu begeistern. Da zu der Zeit der Nutzgarten noch relativ groß war stießen hier zwei Interessen aufeinander. Die einen wollten wenig Besucher im Garten, Sr. Leandra hingegen lud viele Menschen ein und verstand sich auch in der „modernen Landgewinnung“, so wuchs das Areal des Kräutergartens stetig an.

Sr. Leandra hat neues gewagt und aufgebaut, die Klostermedizin kam in den Blick. Durch den Kontakt mit der Apothekerin Katharina Mantel, die regelmäßig bei der Gartenarbeit half, begann eine enge Kooperation mit der Forschergruppe Klostermedizin unter der Leitung des bereits 2019 verstorbenen Dr. Johannes Gottfried Mayer, ein bekannter Medizinhistoriker der Universität Würzburg.

Der Garten bekam viel öffentliche Aufmerksamkeit und auch Sr. Leandra scheute die Öffentlichkeit nicht, sie gab Interviews, Fernsehbeiträge wurden gedreht und es war ihr ein Anliegen, ihr Wissen weiterzugeben. Über einen langen Zeitraum schrieb sie in jeder Lupe einen Beitrag über eine Heilpflanze und war in dieser Zeit wohl eine der bekanntesten Schwestern unserer Gemeinschaft.

Zur großen Kraftquelle wurde Sr. Leandra die Meditation und Kontemplation, sie besuchte Kurse bei dem Benediktinerpater und Zen-Meister Willigis Jäger. Regelmäßig verbrachte sie Zeiten in St. Benedikt in Würzburg, später im Benediktushof in Holzkirchen, arbeitete mit und hatte Zeit für ihre Meditation. Sie fand zu einer inneren Ruhe und einem Frieden. Das Herzensgebet war ihr sehr vertraut, mit jedem Atemzug war sie ganz nah mit Gott verbunden. Sr. Leandra war eine überzeugte und begeisterte Ordensfrau, auch wenn sie das Gefühl ihrer Mutter, sie mit den vielen kleinen Geschwistern alleine gelassen zu haben, geschmerzt hat. In der Einstimmung auf das eiserne Professjubiläum sagte sie rückblickend: „Ich dachte in den letzten Jahren viel nach über mein Leben und meine Stationen, bin sehr dankbar für alles, was ich erlebt habe und schaue nach vorne.“

Sr. Leandra war freundlich, zugewandt, hatte ein erfülltes, oft selbstbestimmtes Leben, sie war konsequent in ihrem Tun und Handeln, kein Mensch von langem Zögern und vielen Worten. Mit dem Satz – „Davon lassen wir uns doch nicht aufhalten“ – meisterte sie so manche Hürde und war voller Tatendrang. Sr. Leandra hatte keine Zeit zu verlieren, so war sie stets die Erste, aber in all ihrer Eile lag nie ein Anzeichen von Hektik. In ihrer Gestik, Mimik und Fortbewegung lag immer eine gewisse Ruhe.

Im April 2021 ist Sr. Leandra ins Antoniushaus umgezogen und genoss in ihrem gemütlich eingerichteten Zimmer im Erdgeschoss den Zugang zur freien Natur. Sr. Leandra liebte die Natur, so konnte man sie bei gutem Wetter immer auf der Terrasse vor ihrem Zimmer antreffen, das Gesicht der Sonne zugewandt hat sie einfach die Ruhe genossen oder ihr Brötchen mit den Vögeln geteilt. Sie war gerne alleine und pflegte gleichzeitig intensiv ihre Kontakte, durch Briefe, bei Familienfesten oder ihren Geburtstagsfeiern hier im Haus.

Auch die Einkaufstouren mit ihrer Schwägerin Renate waren ihr wichtig und ein Highlight im Alltag. In einem Gespräch kurz vor ihrem Umzug sagte sie: „Mein Gesichtskreis wird jetzt enger, aber auch weiter; ich bin mehr für Gott da. Gott führt mich, spricht durch mich. Ich habe jetzt mehr Zeit, mich einfach von Gott lieben zu lassen.“

Ganz bewusst nahm sie Abschied und erhielt die Krankensalbung. Zu ihrem Patenkind hat sie einmal über das Beten gesagt: „Du kannst Gott um alles bitten, was Du möchtest. Das ist ein Bittgebet. Es hat eine große Kraft. Du kannst Gott für alles danken, was du bist und hast und kannst. Das ist ein Dankgebet. Das hat eine ganz besonders große Kraft. Und du kannst im Herzen einfach immerzu offen und mit Gott sein, das ist ein stilles Gebet. Das ist Kontemplation. Im Herzen mit Gott sein. Im Herzensgebet.“

In den frühen Morgenstunden des 18. Juli wurde Sr. Leandra, im Herzen offen, mit Gott verbunden, von dem empfangen, zu dem sie betete – Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.