Şebnem Korur Fincancı freigesprochen in der Türkei; Gericht freispricht vom Vorwurf der Verunglimpfung des Staates
Aktivistin Şebnem Korur Fincancı: Ein Brief kann die Welt verändern | Amnesty International
Aktivistin Şebnem Korur Fincancı: Ein Brief kann die Welt verändern
Die türkische Professorin Şebnem Korur Fincancı ist eine renommierte Gerichtsmedizinerin, die sich seit Jahrzehnten für den Schutz der Menschenrechte einsetzt. Der Kampf gegen Folter ist ihr besonders wichtig. Doch den türkischen Behörden ist ihr Engagement ein Dorn im Auge. Deshalb schikanieren die Behörden Şebnem Korur Fincancı seit Jahren mit strafrechtlichen Ermittlungen, Inhaftierungen und haltlosen Anklagen.
Doch die Menschenrechtsverteidigerin lässt sich nicht unterkriegen und macht unbeirrt weiter. Amnesty International unterstützt sie seit langem und hat sich unter anderen mit Urgent Actions und beim Briefmarathon 2024 für sie eingesetzt. Zigtausende Appelle wurden für sie weltweit geschrieben. Mit Erfolg: Im Februar 2025 sprach ein Gericht sie frei vom Vorwurf der “öffentlichen Verunglimpfung des türkischen Staates”.
In diesem Text beschreibt Şebnem Korur Fincancı, wie wichtig die Solidarität der Amnesty-Unterstützer*innen für sie war, und wie die Teilnahme an Appell-Aktionen die Welt verändern kann.
Manchmal fallen aus einem Briefumschlag ein paar Zeilen. Und manchmal eine ganze Welt.
Seit Monaten öffne ich nun schon Kartons. Darin sind Briefe, Karten, die krakelige Handschrift von Kindern, Abziehbilder, Zeichnungen, die zittrige und doch elegante Schrift derer, die bereits viele Jahre hinter sich haben… Worte, die mich berührt haben, von Menschen im Alter von zwei bis 92 Jahren.
Diese Kartons enthalten nicht nur Briefe, sie enthalten ein gemeinsames Gewissen.
Ein Teil einer Solidarität, die wir alle in uns tragen – zusammengebracht durch die Kampagne von Amnesty. Aus der ganzen Welt: aus Indien, Kanada, Japan und Neuseeland. In verschiedenen Sprachen wiederholt sich immer wieder derselbe Satz:
Genau das vergessen wir manchmal.
Wer Menschenrechtsverletzungen erfährt, weiß, dass es dabei nicht nur um Gesetze geht. Es geht auch um das Gefühl des Verlassenseins. Dass man nicht weiß, ob die eigene Stimme irgendwo Widerhall findet. Und in einem solchen Moment füllt ein Brief von einer dir völlig unbekannten Person dieses Vakuum.
Kann ein Brief die Welt verändern?
Ja, das kann er. Aber vielleicht nicht so, wie wir erwarten.
Er kann nicht von heute auf morgen alles verändern. Er allein kann keine Gesetzesänderungen herbeiführen. Aber er verändert einen Menschen. Und wo sich ein Mensch verändert, da beginnt sich die Welt zu verändern.
Schüler und Schülerinnen einer technischen Oberschule in Polen haben mir Briefe geschrieben, nachdem sie sich ein Video angesehen hatten, das ihnen ihre Lehrerin gezeigt hatte. Die Jungen mit Geschichten auf hastig herausgerissenen Notizbuchseiten, Mädchen auf sorgfältig verziertem Papier und mit Sätzen, die ihre Gefühle ausdrückten… Alle mit unterschiedlichen Perspektiven und Auffassungen. Und doch hatten sie alle eines gemeinsam:
Die Fähigkeit, den Schmerz eines anderen Menschen nachzuempfinden.
Das ist es, was wir Solidarität nennen.
Es muss nicht perfekt sein. Es muss nicht makellos sein. Irgendwo benutzt ein Kind einen Stift für jemanden am anderen Ende der Welt. Das allein ist ein Durchbruch.
Menschen auf der ganzen Welt schreiben an jemanden, den sie noch nie getroffen haben. Denn wenn irgendwo Rechte verletzt werden, ist das nicht mehr nur ein lokales Problem. Es ist eine globale Verantwortung. Und diese Verantwortung wird nicht von Staaten getragen, die allzu oft dabei versagen, sondern von den Menschen, füreinander.
Wir leben in einem System, das uns ständig einbläut: Kümmere dich um dein eigenes Leben. Doch die Inhalte dieser Kartons sprechen eine andere Sprache:
Menschen werden erst dann zu Menschen, wenn sie sich füreinander einsetzen.
Ein einzelner Brief mag unbedeutend erscheinen. Aber was passiert, wenn viele einzelne Briefe zusammenkommen?
Sie erzeugen Druck. Sie erzeugen Sichtbarkeit. Sie halten der Macht etwas entgegen.
Schweigen bereitet den besten Nährboden für Menschenrechtsverletzungen. Und solche Kampagnen durchbrechen dieses Schweigen. Sie erinnern die Staaten an eine schlichte Wahrheit: Dinge, von denen sie meinen, dass niemand sie sieht, können ein Kind auf der anderen Seite der Welt dazu bewegen, einen Stift in die Hand zu nehmen.
Eine in einem Klassenzimmer in Litauen gestellte Schulaufgabe ist in der Tat ein politischer Akt. Eine aus Kanada verschickte Karte kann so bedeutend sein wie eine diplomatische Nachricht. Denn Solidarität ist nicht nur guter Wille – sie ist eine Kraft, die einen Einfluss auf Machtverhältnisse hat.
Der jüngst von Bergleuten [in Eskişehir] errungene Erfolg ( sie hatten wegen ausstehender Löhne und Entschädigungen gestreikt, Anm. d. Red) hat uns an etwas Grundlegendes erinnert: Rechte werden nicht aus Wohlwollen von oben gewährt; sie werden durch Solidarität von unten errungen. Und Solidarität ist kein reines Schlagwort – sie ist eine Kraft, die Ergebnisse hervorbringt.
Auf meinem Schreibtisch liegen immer noch Tausende Briefe, die geöffnet werden wollen.
Ich möchte sie alle behalten. Denn sie sind nicht nur Papier. Sie legen Zeugnis ab. Sie stehen für Solidarität, für Hoffnung. Notizen, die die Menschheit für sich selbst macht.
Aber da stellt sich mir auch eine Frage:
Wo bringe ich all diese Hoffnung unter?
Vielleicht ist die Antwort ja: Man kann Hoffnung nicht eingrenzen.
Denn Hoffnung ist nichts, das man irgendwo aufbewahren sollte. Sie wächst, wenn man sie teilt.
Vielleicht ist das der Grund, warum ein Brief niemals nur ein Brief ist.
Die Briefe, die sich auf meinem Schreibtisch türmen und immer wieder dasselbe sagen:
Manchmal ist genau das der Satz, den ein Regime am meisten fürchtet.
Dieser Artikel erschien zuerst am 30. April 2026 auf Türkisch in der Zeitung Evrensel.
Wir freuen uns über den Freispruch von Şebnem Korur Fincancı in der #Türkei ! Dieser entlarvt die völlig haltlosen Anschuldigungen gegen die renommierte Gerichtsmedizinerin. Ihre Äußerungen im Rahmen ihrer Menschenrechtsarbeit hätten niemals zu Strafverfolgung führen dürfen. 1
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sprach ein Gericht sie frei
Manchmal fallen aus einem Briefumschlag ein paar Zeilen.
Und manchmal eine ganze Welt.
Wir leben in einem System, das uns ständig einbläut: Kümmere dich um dein eigenes Leben.
Doch die Inhalte dieser Kartons sprechen eine andere Sprache:
Sie halten der Macht etwas entgegen.
Der jüngst von Bergleuten [in Eskişehir] errungene Erfolg (
sie hatten wegen ausstehender Löhne und Entschädigungen gestreikt, Anm. d. Red)
hat uns an etwas Grundlegendes erinnert: Rechte werden nicht aus Wohlwollen von oben gewährt; sie werden durch Solidarität von unten errungen. Und Solidarität ist kein reines Schlagwort – sie ist eine Kraft, die Ergebnisse hervorbringt.
Ich möchte sie alle behalten.
Denn sie sind nicht nur Papier.
Sie legen Zeugnis ab. Sie stehen für Solidarität, für Hoffnung.
Notizen, die die Menschheit für sich selbst macht.
Denn Hoffnung ist nichts, das man irgendwo aufbewahren sollte.
Sie wächst, wenn man sie teilt.