Frau Zupke erklärt Ostalgie in Deutschland; Ostalgie wächst unter jungen Menschen
Interview mit der Rheinischen Post: „Einigen erscheint die DDR zunehmend schöner, je länger sie zurückliegt“ - Deutscher Bundestag
Interview mit der Rheinischen Post: „Einigen erscheint die DDR zunehmend schöner, je länger sie zurückliegt“
Das Interview wurde geführt von David Grzeschik und erschien am 12. August 2026 in der Rheinischen Post.
Frau Zupke, wie erklären Sie jungen Menschen heutzutage, warum Sie sich damals gegen das SED-Regime in der DDR aufgelehnt haben? Ich erzähle ihnen erstmal davon, dass ich ganz normal aufgewachsen bin – so wie die meisten Bürgerinnen und Bürger der DDR. Wenn man aus einem normalen Umfeld kam, verstand man als Kind ja nicht unmittelbar, dass man in einer eingemauerten Diktatur lebt. Erst in der Schulzeit habe ich gemerkt, dass Individualität nicht erwünscht war, dass Widerspruch sanktioniert wurde und selbst ganz normales aufmüpfiges Verhalten schnell politisiert wurde. Wenn man das an der eigenen Geschichte deutlich macht, entsteht bei jungen Menschen oft ein konkretes Verständnis dafür, was es bedeutet, in einer Diktatur zu leben.
Trotzdem dominiert in manchen Kreisen heute ein Gefühl von „Ostalgie“ – zum Teil bei Menschen, die die DDR gar nicht mehr erlebt haben. Wie kann das sein? Ostalgie gab es schon kurz nach dem Ende der DDR. Einigen erscheint die DDR zunehmend schöner, je länger sie zurückliegt. Diesen psychologischen Effekt, dass früher alles besser gewesen sein soll, erleben wir ja nicht nur im Kontext der DDR. Man filtert bestimmte Erinnerungen heraus, vergleicht sie mit der Gegenwart und kommt zu dem Gefühl, dass das Vergangene besser wäre. Dabei wird ausgeblendet, wie das Leben in der DDR tatsächlich war. Menschen, die Widerspruch geäußert oder sich nicht angepasst haben, haben schwer unter der Diktatur gelitten. Bei den Opfern wirken diese Erfahrungen bis heute nach.
Was war Ihr erster Gedanke, als Sie den Auftritt des Kabarettisten Uwe Steimle mit AfD-Politikern sahen, bei dem sie die DDR-Hymne gesungen haben? Ich war fassungslos und musste erst einmal prüfen, ob das wirklich passiert ist. Einige versuchten das ja im Nachhinein als Widerstandsakt umzudeuten, da man in der DDR den Text der Hymne nicht singen durfte – wie absurd. Diese Hymne war eines der stärksten Symbole der DDR – ob mit Text oder ohne, spielt keine Rolle. Wenn sich Menschen heute hinstellen, das singen und dann sagen, das sei nur Spaß gewesen, finde ich das erschreckend – und kein bisschen lustig.
Auf der Bühne stand auch der AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund. Besorgt Sie, dass er in den Umfragen weit vorne liegt und die Wahl gewinnen könnte? Ich bin als Opferbeauftragte nicht gewählt, um Wahlentscheidungen der Menschen zu bewerten oder Wahlempfehlungen abzugeben. Das Wahlrecht ist ein hohes Gut, das wir in der DDR hart erkämpft haben, und das ich mit großer Demut respektiere – unabhängig davon, wie ich ein mögliches Wahlergebnis persönlich bewerte.
Brauchen wir eine bessere Aufarbeitung der DDR-Geschichte im Schulunterricht? DDR-Geschichte wird oft nicht verbindlich genug in der Schule behandelt. Das ist ein Problem. Trotz des föderalen Bildungssystems müssen wir Wege finden, das Thema besser abzusichern – in Ost wie in West. Mein Wunsch wäre, dass jede Schülerin und jeder Schüler die Schule mit einem klaren Wissen darüber verlässt, was die DDR war – und das Verständnis entwickelt, dass es sich um eine Diktatur und einen Unrechtsstaat gehandelt hat. Jeder junge Mensch sollte wissen, wer Erich Honecker war und was die deutsche Teilung bedeutete. Und ich würde mir wünschen, dass jede Schülerin und jeder Schüler wenigstens einmal eine Gedenkstätte zur zweiten deutschen Diktatur besucht. Ich habe die Sorge, dass die SED-Diktatur zu einer bloßen Fußnote der Geschichte wird. Und das wäre gefährlich – gerade in einer Zeit, in der die Generation der Zeitzeugen immer kleiner wird.
Sie haben vorgeschlagen, statt Marx- und Lenin-Statuen im öffentlichen Raum mehr Orte der Würdigung für die Opfer zu schaffen. Es gibt schon ein paar Straßen und Plätze, die nach Opfern der Diktatur benannt wurden. Straßennamen sind eine Art kollektives Gedächtnis und machen Geschichte sichtbar. Daher ist es wichtig, dass wir Freiheitskämpferinnen und -kämpfer der Friedlichen Revolution würdigen. Aber auch die Sichtbarkeit von Zeitzeugen in der Öffentlichkeit ist unverzichtbar – in Medien oder auf Veranstaltungen. Sie müssen Raum bekommen, um über ihre Erfahrungen in der Diktatur sprechen zu können.
65 Jahre nach Beginn des Mauerbaus und mehr als 35 Jahre nach dem Mauerfall: Ist Deutschland im Herzen wiedervereint? Das Verhältnis zwischen Ost und West ist bis heute mit Spannungen verbunden. Bei jüngeren Menschen spielt die Herkunft oft keine große Rolle mehr, bei älteren Generationen ist das zum Teil noch stärker präsent. Viele Menschen schätzen zwar den Wert der Wiedervereinigung, aber sobald es um das persönliche Empfinden geht, kommen oft gegensätzliche Wahrnehmungen zum Vorschein. Für einige ehemalige DDR-Bürger wurde der Aufbruch in Freiheit und Demokratie in den 90ern überlagert von schmerzhaften Erfahrungen in der Transformationszeit. Diesen Erfahrungen wurde oft nicht genug Raum gegeben. Und vieles davon wird bis heute über Generationen weitergegeben. Wenn dann kein Korrektiv dazukommt – etwa durch Schule oder Begegnungen mit Zeitzeuginnen und Zeitzeugen – bleibt oft nur eine einseitige und nostalgische Erzählung hängen, während die Realität der Diktatur verschwimmt.
Können Sie vor diesem Hintergrund verstehen, dass gerade in Ostdeutschland die Kritik an der geplanten Abschaffung der sogenannten Rente mit 63 groß ist? Bei einem Thema wie diesem entsteht im Osten schnell das Gefühl, dass die eigenen Erfahrungen und Lebensleistungen schon wieder nicht gewürdigt werden. Deshalb lässt sich die Debatte nicht nur ökonomisch oder sozialpolitisch führen, sondern muss immer auch emotional und biografisch betrachtet werden. Biografien im Osten sind anders: Nach der Wende war die Arbeitslosigkeit hoch. Die Opfer der SED-Diktatur wurden bereits während der DDR beruflich benachteiligt. All diese Erfahrungen fließen in die Debatte um die Rente ein.
Sie sind seit 2021 die erste SED-Opferbeauftragte beim Deutschen Bundestag. Was ist die wichtigste Errungenschaft, die Sie seitdem erreicht haben? Der wichtigste Moment war für mich der 30. Januar 2025, als die letzte Novellierung der sogenannten SED-Unrechtsbereinigungsgesetze einstimmig im Bundestag beschlossen wurde. Mit dieser Reform wurde die SED-Opferrente erhöht, von der Bedürftigkeitsprüfung entkoppelt und die Anerkennung gesundheitlicher Folgeschäden erleichtert. Das war unglaublich emotional, bei uns auf der Tribüne sind Tränen geflossen. Die Entkopplung der Opferrente von der Bedürftigkeit galt vielen Betroffenen lange wie ein unerreichbares Ziel. Die Erhöhung ist eine riesige Anerkennung – und eine echte Hilfe. Denn viele Opfer der SED-Diktatur leben bis heute in prekären Verhältnissen. Zu Ihnen zählen politische Gefangene, die Zwangsarbeit leisten mussten. Ikea hat davon profitiert und sechs Millionen Euro in einen Opferfonds eingezahlt. Sprechen Sie mit weiteren Firmen? Ja. Wir sind mit Otto im Gespräch, und wir haben auch andere Unternehmen angesprochen. Das Kapitel ist noch nicht abgeschlossen. Von den Betroffenen wird das auch immer wieder eingefordert. Sie schildern mir sehr eindringlich, dass nicht nur der politische Freiheitsentzug selbst belastend war, sondern auch die Bedingungen, unter denen sie Zwangsarbeit leisten mussten. Manche erzählen von gesundheitsgefährdenden Tätigkeiten unter unmenschlichen Bedingungen. Ich finde deshalb, dass sich gerade große Konzerne diesem Teil ihrer Geschichte stellen sollten. Sie könnten dazu beitragen, dass dieses Unrecht nicht in Vergessenheit gerät. Einige Unternehmen sehen das ähnlich, andere reagieren abwehrend. Genau deshalb bleibt es wichtig, weiter Druck zu machen und die Tür für Gespräche immer weit offen zu halten.
Wie kommt das Geld an die Opfer? Mit dem im Januar 2025 verabschiedeten Gesetzespaket wurde auch ein bundesweiter Härtefallfonds eingerichtet – ein wirklicher Meilenstein. Bisher gab es solche Fonds nur in den ostdeutschen Ländern, sodass viele Betroffene leer ausgingen, wenn sie heute in Westdeutschland leben. Das war aus meiner Sicht nicht gerecht. Denn entscheidend muss sein, welches Unrecht jemand erlitten hat — und nicht, wo er oder sie heute wohnt. Der Fonds ist inzwischen in Kraft, die Richtlinien stehen, und wir haben die bürokratischen Hürden so niedrig wie möglich gehalten. Mittlerweile konnten wir schon eine Million Euro ausschütten und über 300 Menschen unterstützen. Aber viele, gerade im Westen, wissen das noch nicht. Den Fonds bekannter zu machen, wird auch Aufgabe meiner zweiten Amtszeit sein.
Was wollen Sie sonst noch erreichen? Ich sehe vor allem zwei Handlungsfelder. Das erste ist die Unterstützung der Opfer des DDR-Zwangsdopings. Dabei geht es um Menschen, die als Minderjährige vom Staat für den Leistungssport missbraucht wurden und bis heute unter schweren gesundheitlichen Folgen leiden. Aus meiner Sicht braucht es für sie endlich eine klare gesetzliche Regelung und eine dauerhafte monatliche Unterstützung. Es wäre gut, wenn dazu noch dieses Jahr ein Gesetzentwurf vorgelegt würde. Das zweite Handlungsfeld betrifft Gruppen, die bislang nur wenig Aufmerksamkeit erhalten und die mehr Unterstützung bekommen sollten. Dazu gehören etwa Menschen, die über den sogenannten Asozialen-Paragrafen verfolgt wurden, oder Frauen und Mädchen, die unter dem Vorwand gynäkologischer Behandlungen weggesperrt und misshandelt wurden. In beiden Bereichen geht es darum, das erlittene Unrecht genauer aufzuarbeiten und zu klären, wie betroffenen Menschen heute besser geholfen werden kann. Mein Eindruck ist: Hier gibt es noch deutliche Lücken, die wir schließen müssen.
Interview auf der Website der Rheinischen Post (Externer Link, Link öffnet ein neues Fenster)
„Einigen erscheint die DDR zunehmend schöner, je länger sie zurückliegt“
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