NLWKN Verden: sechstes Trockenjahr in Niedersachsen; Wasserstände nahe historischen Tiefstständen
Trockenheit und (noch) kein Ende in Sicht - Niedersachsen erlebt das sechste Trockenjahr in kurzer Folge
Trockenheit und (noch) kein Ende in Sicht - Niedersachsen erlebt das sechste Trockenjahr in kurzer Folge
Blickpunkt Region Verden: vor allem kleine Gewässer geraten ans Limit
Verden. Pünktlich zu den Hundstagen stellt sich aktuell erneut Hochdruckwetter mit viel Sonne und hohen Temperaturen ein. Nur eins fehlt, und das schon seit längerer Zeit: ausreichend Regen. Dieser wird nicht nur sehnlichst von Gartenbesitzern und Landwirten herbeigesehnt, betont der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) in Verden: Niedersachsen erlebe das mittlerweile sechste Trockenjahr in kurzer Folge. Dabei sind vor allem die Binnenschifffahrt und die Anrainerindustrie, aber auch Waldbesitzer auf Niederschläge in ausreichender Menge angewiesen.
„Parallelen zu den seit 2018 wiederholt auftretenden Trockenjahren können durchaus gezogen werden, da in ähnlicher Weise wie in den Jahren 2018, 2019, 2020, 2022 und 2025 der Frühjahrsregen und die sommerlichen Niederschläge bisher zum Teil nur dürftig und punktuell sehr unterschiedlich gefallen sind“, betont Ulrich Neubauer, Hydrologe beim NLWKN in Verden. Reserven, die sonst im Winterhalbjahr in Grundwasserständen und den Flüssen wieder gebildet wurden, werden demnach zunehmend aufgezehrt.
Im Norden Deutschlands ist die Lage dabei nicht ganz so dramatisch wie derzeit an Rhein und Donau, die ihre historischen Niedrigwerte aktuell unterschreiten. Der Grund: hiesige Gewässer sind deutlich weniger stark auf Wasser aus den Gebirgen in Form von Schmelzwasser angewiesen. Aber auch in Niedersachsen, etwa in der Region rund um Verden, macht sich der fehlende Regen der letzten Wochen an den Pegelständen deutlich bemerkbar.
Im Dienstgebiet der NLWKN-Betriebsstelle Verden, bestehend aus den Landkreisen Osterholz, Altkreis Rotenburg, Verden, Heidekreis und Celle, fiel dabei schon in den Wintermonaten die Niederschlagsbilanz im nördlichen Bereich zu gering aus. Im Schnitt fehlten hier rund 25 Prozent der sonst üblichen Menge. Auch das Frühjahr konnte die Bilanz nicht zum Positiven ändern. „Hierbei handelt es sich um eine Entwicklung, die wir mit wenigen Ausnahmen bereits in den Vorjahren beobachtet haben – und eine denkbar schlechte Ausgangslage für den Sommer“, so Ulrich Neubauer. Im Süden der Region konnte dagegen zunächst ein ausgeglichener Wasserhaushalt bilanziert werden.
Früher Start der Vegetationsperiode – mit Folgen
Als zusätzliche Belastung erwies sich die Tendenz der letzten Jahre zu einer immer zeitigeren Erwärmung im Frühjahr. Auch die Vegetationsperiode beginnt entsprechend früher, es wird also schneller grün. „Das heißt dann aber auch, dass Pflanzen beginnen, Wasser aus dem Boden zu ziehen und über ihre Blätter wieder abzugeben. Dadurch wird die Phase im Winter, in der sich Wasserspeicher eigentlich auffüllen können, immer kürzer“, so der NLWKN-Hydrologe.
In den oberirdischen Gewässern, die der Landesbetrieb teils mit einem eigenen Messnetz überwacht, spiegelt sich diese Situation analog zu den Niederschlägen ebenfalls wieder: Im Winterhalbjahr, der typischen Zeit hoher Wasserstände, gab es praktisch keine dieser Ereignisse entlang der norddeutschen Bäche und Flüsse. Die letzte nennenswerte höhere Wasserführung lag schon Ende Februar weit zurück, danach ging es mit den Wasserständen kontinuierlich mit kleinen Unterbrechungen stetig bergab. Dieser Trend verstärkte sich dann noch einmal ab Anfang Juni mit Beginn der außergewöhnlichen heißen Witterung. Die überproportionale Wärme (+2,5-3,0 ° Temperaturabweichung gegenüber dem langjährigen Mittel allein im Juni) führte zu einem weiteren beschleunigten Absinken der Pegel.
Die Konsequenz: mittlerweile führen Aller, Weser und Leine sowie deren Nebengewässer nur noch Abflüsse und Wasserstände unterhalb der sonst jahreszeitlich bedingten Verhältnisse. So steht etwa der Wasserstand die Aller bei Rethem bei 24 Zentimetern (alle genannten Wasserstände Stand 14.08.) und damit nur noch knapp 18 Zentimeter unter der niedrigsten jemals gemessenen Niedrigwassermarke aus 2022. Damals wurden acht Zentimeter am von der WSV Weser betriebenen Pegel gemessen. Ähnlich verhält es sich mit der Leine bei Schwarmstedt: hier liegt der Wasserstand bei 54 Zentimetern. Hier sind es nur vier Zentimeter bis zum bisherigen Tiefststand mit 50 Zentimetern im Jahr 2022. Die Wasserstände dieser und anderer ausgewählter Pegel sowie historische Vergleichswerte sind auf der Internetseite des NLWKN unter www.pegelonline.nlwkn.niedersachsen.de tagesaktuell einsehbar.
An Nebengewässern wie Wümme und Böhme ergibt sich ein ähnliches, wenngleich noch nicht ganz so extremes Bild. Auch hier fehlen am NLWKN-Pegel Hellwege (Wümme) mit Pegelstand von derzeit 35 Zentimetern zwar nur noch einige Zentimeter bis zum tiefsten Stand der letzten 15 Jahre. Allerdings kann es noch ein wenig dauern, bis hier Grenzwerte erreicht oder unterschritten werden, da diese Gewässer prinzipiell noch einige Reserven selbst im unteren Bereich der Wasserführungen besitzen. „Allerdings werden auch diese langsam geringer, da die weiteren Aussichten keine nennenswerten Niederschläge voraussagen“, so Neubauer.
Kleinere Gewässer mit geringen Einzugsgebieten kommen dagegen schon jetzt an ihr Limit, so dass diese entweder nur noch sehr geringe Wassermengen führen oder ganz ausgetrocknet sind – etwa am Krelinger Bach im Landkreis Heidekreis oder am Reithbach im Landkreis Verden. Das sei zwar zum Teil auch in den Vorjahren schon so gewesen, weiß Ulrich Neubauer: „Der Unterschied liegt darin, dass dieser Zeitpunkt meistens erst Ende August bis Mitte September eintrat, also einen halben bis ganzen Monat später“.
Die meisten größeren Gewässer dagegen haben aktuell noch aus dem Grundwasserspeicher genügend Reserven, so dass ein völliges Austrocknen nach Einschätzung der NLWKN-Experten sehr unwahrscheinlich ist. Aber auch hier könne die Tierwelt unter Stress geraten, wenn zu wenig Wasser im Flussbett vorhanden ist. Auswirkungen sind auch für weitere Nutzungen denkbar, etwa für Industrie, Wasserkraft, Landwirtschaft und Freizeitsport. Bei ungünstiger Entwicklung können diese durch die jeweils zuständigen Stellen eingeschränkt oder untersagt werden.
Der Ausblick in die nähere Zukunft verheißt keine hinreichende Entspannung: Flächendeckende ergiebige Regenereignisse werden von den Experten bis auf Weiteres nicht erwartet. Diese würden jedoch dringend gebraucht, um eine nachhaltige Veränderung herbeizuführen und die Gewässer und das Grundwasser wieder auf „Normalstand“ zu bringen, betont Ulrich Neubauer: „Selbst wenn es mehr regnen sollte, verbleibt der Niederschlag erst einmal in den oberen Bodenschichten. Hier wird das Regenwasser dann zuerst den Pflanzen zur Verfügung stehen. Aber das heißt noch lange nicht, dass genug Überschuss da ist, um weiter nach unten zu sickern und das Grundwasser aufzufüllen“. Eine Anreicherung erfolge nur bei Überschuss an Wasser im Boden.
„Bis zum mittelfristigen Vorhersagezeitraum Anfang September werden wir nach aktuellem Stand wohl weiterhin mit Trockenheit und stagnierenden oder sinkenden Wasserständen rechnen müssen“, so Neubauer. Neue Extremwerte könnten vereinzelnd dann nicht mehr ausgeschlossen werden. Eine erste echte Entspannung dürfte es demnach erst im Winter geben. Langfristig, so der Experte des NLWKN, müssten zusätzliche Anstrengungen unternommen werden, um das vorhandene Wasser besser über das Jahr zu verteilen – etwa durch Speicherlösungen, die Überschüsse des Winters für trockene Sommer besser nutzbar machen. „Wenn die Trends und Prognosen so eintreten wie vorhergesagt, müssen wir davon ausgehen, dass vieles von dem, was wir gerade sehen, auch in Niedersachsen zu einer neuen Normalität gehört. Wir erleben die Folgen des Klimawandels aktuell gerade live. Wetterextreme treffen uns bereits seit einiger Zeit. Wir müssen deshalb das Klima besser schützen, um uns selber zu schützen“, ist Neubauer überzeugt.