Deutsche Krankenhaus Gesellschaft berichtet Anstieg gewalttätiger Übergriffe in deutschen Notaufnahmen

Seite 1 von 3 8/2026 Kiel und Lübeck im Dezember 2024 Pflegeforschung Newsletter-Intensiv Für Euch gelesen Liebe Kolleginnen und Kollegen, in diesem August Newsletter geht es um präventive Maßnahmen gegen gewalttätige Übergriffe in der Notaufnahme, PTBS Symptome bei An- gehörigen von kritisch Kranken, ECMO-Pflege und Nachhaltigkeit in der Intensivversorgung . Übrigens schreiben wir, abgesehen von den sehr gern angenommenen Gastbeiträgen von euch, den Newsletter ab jetzt regel- mäßig zu Dritt. Ella Peschel ist zum Team Pflegeentwicklung und Pflege- wissenschaft in Lübeck dazu gekommen- Herzlich Willkommen 😀 Maßnahmen zur Prävention von Gewalt am Arbeitsplatz in Notaufnahmen: Eine systematische Übersicht In einer Pressemitteilung der Deutschen Krankenhaus Gesellschaft Ende 2025 wurde mitgeteilt, dass die Anzahl gewalttätiger Übergriffe, vor allem in Notaufnahmen, gestiegen ist und das Thema weiterhin hoch aktuell ist. Schon 2021 verfassten Wirth et al. in einer systematische Übersichtsarbeit die Evidenz zu Präventionsmaßnahmen, die in Notaufnahmen umgesetzt wurden, um gewalttätige Vorfälle durch Patientinnen, Patienten und Angehörige zu redu- zieren oder das Wissen, die Fähigkeiten oder das Sicherheitsgefühl des Personals in Notaufnahmen zu verbessern. Einbezogen wurden Interventions- und Beobachtungsstudien, die über verhaltensbezogene, organisatorische oder umgebungsbezogene Maßnahmen bei Beschäftigten in Notaufnahmen berichteten. Fünfzehn Studien wurden einbe- zogen, von denen elf Verhaltensinterventionen (Präsenz-, Online- oder hybride Schulungsprogramme) zu Deeskala- tionsfähigkeiten, zum Umgang mit gewalttätigen Personen oder zu Selbstverteidigungstechniken untersuchten. Vier Studien umfassten darüber hinaus organisatorische und umfeldbezogene Interventionen. Vor allem die verhal- tensbezogenen Studien zeigten, dass Interventionen eine positive Wirkung in Form einer Verringerung gewalttäti- ger Vorfälle oder einer Verbesserung der Vorbereitung des Personals auf den Umgang mit gewalttätigen Situatio- nen hatten; die Evidenz ist, nach Auffassung der Autorinnen in dieser Arbeit, jedoch nach wie vor spärlich. Zu den berichteten alternativen Strategien zum Umgang mit aggressivem oder gewalttätigem Verhalten gehörten digitale Vorwarnungen, die dem Personal vor oder zu Beginn einer Interaktion mit einer Patientin oder einem Patienten mit einer Vorgeschichte aggressiven Verhaltens gegeben wurden. Allerdings wurden auch Hindernisse für die effektive Nutzung so eines Vorwarnsystems identifiziert. Patientinnen und Patienten hätten bereits eine aggressive oder gewalttätige Handlung begangen haben müssen, um in die Datenbank aufgenommen zu werden. Darüber hinaus merkten einige Teilnehmende in Interviews an, dass Computersysteme nicht immer zwischen Krankenhäusern ver- netzt sind, was dazu führen kann, dass Patientinnen oder Patienten, der zuvor in einem Krankenhaus aggressiv war, bei der Vorstellung in einem anderen Krankenhaus nicht als Risiko identifiziert werden. Die Autorinnen schluss- folgern, das zukünftige Studien insbesondere umweltbezogene und organisatorische Maßnahmen erforschen und eine hohe methodische Qualität gewährleisten sollten. (SK) Quelle: Online: 2025-11-24_PM_DKG_zu_Gewalt_im_Krankenhaus.pdf (abgerufen 10.08.26). Wirth, T., Peters, C., Nienhaus, A., Schablon, A. (2021). Interventions for workplace violence prevention in emergency departments: a systematic review. International journal of environmental research and public health, 18(16), 8459. „Es war eine Qual für ihn und eine Qual für uns ihn so zusehen“ – PTBS Symptome bei Angehörigen von kritisch Kranken Herausfordernde Erlebnisse auf der Intensivstation können nicht nur Patientinnen und Patienten, sondern auch für deren Angehörige und nahestehende Bezugspersonen eine erhebliche psychische Belastung darstellen. Kentnish- Barnes et al. (2026) haben in Interviews mit 17 Angehörigen untersucht, welche Erfahrungen während des Inten- sivaufenthalts mit späteren Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung verbunden sein können. Drei Monate nach der Intensivbehandlung bzw. dem Tod der nahestehenden Person zeigten alle Befragten deutliche

Seite 2 von 3 Belastungssymptome. Dabei wurde deutlich: Häufig ist es nicht ein einzelnes Ereignis, dass Angehörige traumati- siert, sondern die zunehmende Anhäufung belastender Erfahrungen. Besonders einschneidend waren die plötzliche Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung, das Miterleben des Leidens der nahestehenden Person, die ungewohnte und technisch geprägte Umgebung der Intensivstation, lange Wartezeiten und das Gefühl von Hilf- losigkeit und Kontrollverlust. Auch Veränderungen in der Beziehung zur erkrankten Person sowie das unmittelbare Erleben des Sterbens wurde als besonders belastend beschrieben. Die Ergebnisse zeigen zugleich, wo Angehörige Unterstützung brauchen: Eine transparente und wiederholte Kommunikation, verständliche Informationen und eine bestmöglich kontinuierliche Ansprechperson können helfen, Unsicherheit und Kontrollverlust zu reduzieren. Besonders wichtig erscheint eine familienzentrierte Begleitung an kritischen Übergängen, von der Aufnahme auf die Intensivstation über Veränderungen des Krankheitsverlaufs bis hin zu einer möglichen Sterbephase. Die Studie macht somit deutlich: Angehörigenbegleitung sollte nicht erst nach einem belastenden Intensiverlebnis ansetzen. Wie Angehörige die Intensivstation erleben, kann bereits wäh- rend des Aufenthalts entscheidend dafür sein, wie das Erlebte später verarbeiten. (EP) Quelle: Kentish-Barnes N, Denise T, Renet A, Reignier J, Souppart V, Etain B, Pochard F, Azoulay E. „It was torture for him, and it was torture for us to see him like that“: understanding multiple ICU-related triggers of family PTSD symptoms-a qualitative thematic study. Intensive Care Med. 2026 Jul;52(7):1458-1471. doi: 10.1007/s00134-026-08504-4. Epub 2026 Jun 10. PMID: 42268369. ECMO-Pflege: Mehr als Technik Die Versorgung von Patientinnen und Patienten mit extrakorporaler Membran Oxygenierung (ECMO) gehört mit zu den anspruchsvollsten Aufgaben in der Intensivpflege. In einem Scoping Review werten van Esch et al. (2026) 18 internationale Studien aus, um zu untersuchen, welche Kompetenzen Intensivpflegefachpersonen für die Betreu- ung von ECMO-Patientinnen und Patienten benötigen und welche Faktoren ihre Arbeit beeinflussen. Die Ergebnisse zeigen, dass kompetente pflegerische Versorgung von ECMO-Patientinnen und Patienten weit über technisches Wissen hinausgeht. Neben einem fundierten Verständnis von ECMO-Versorgung und möglichen Komplikationen sind klinisches Urteilsvermögen, kritisches Denken, Kommunikationsfähigkeit und interprofessionelle Zusammenar- beit entscheidend. Pflegefachpersonen übernehmen dabei eine zentrale Rolle in der kontinuierlichen Überwachung der Patientinnen und Patienten, der frühzeitigen Erkennung von Veränderungen und der Koordination der Versor- gung. Gleichzeitig berichten viele Pflegende von einer hohen körperlichen, emotionalen und kognitiven Belastung. Personalmangel, hohe Arbeitsdichte und begrenzte Möglichkeiten für spezialisierte Fortbildungen erschweren die Versorgung zusätzlich. Als zentreale Erfolgsfaktoren nennen die Autorinnen daher strukturierte Aus- und Weiterbildungsprogramme, regelmäßige praktische Erfahrungen, gute Teamarbeit und ausreichende personelle Ressourcen. Die Studie macht deutlich: Hochwertige pflegerische Versorgung von ECMO-Patientinnen und Patienten entsteht im Zusammenspiel von Fachkompetenz, Teamarbeit und unterstützenden organisatorischen Rahmenbedingungen. Um eine sichere und nachhaltige Versorgung zu gewährleisten, braucht es daher nicht nur spezialisierte Pflegefachpersonen, sondern auch gezielte Investitionen in Ausbildung, Personal und Arbeitsbedingungen. (EP) Quelle: van Esch A, Blokzijl F, van Aart CJC, Gommers D, Meuwese CL, van Mol MMC. Nursing management in extracorporeal membrane oxygenation (ECMO): A scoping review. Intensive Crit Care Nurs. 2026 Apr 23;95:104425. doi: 10.1016/j.iccn.2026.104425. Epub ahead of print. PMID: 42030624. Nachhaltigkeit in der Intensivversorgung Die Gesundheitsversorgung trägt erheblich zum Ausstoß von Treibhausgasen bei, wobei Intensivstationen aufgrund ihres hohen Material- und Ressourcenverbrauchs einen besonders großen Anteil haben. Die vorliegende Arbeit untersuchte, welche Maßnahmen die Umweltbelastung der Intensivmedizin verringern können, ohne die Sicherheit von Patientinnen und Patienten zu beeinträchtigen. Balan et al. (2026) veröffentlichten evidenzbasierte Empfeh- lungen im Rahmen der Initiative „Choosing Wisely Canada“. Grundlage waren eine Scoping-Review der Literatur sowie ein strukturierter dreistufiger Konsensusprozess einer nationalen multidisziplinären Arbeitsgruppe mit 23 Expertinnen und Experten. Aus 28 Vorschlägen wurden sieben Empfehlungen ausgewählt. Die Empfehlungen be- treffen vor allem den pflegerischen und interprofessionellen Alltag auf Intensivstationen.

  1. Unnötige Einmalhandschuhe sollen vermieden werden, wenn eine sorgfältige Händehygiene ausreicht.
  2. Beatmungsschläuche und Absaugkatheter sollten nur bei sichtbarer Verschmutzung oder Funktionsstörung gewechselt werden.
  3. Verbrauchsmaterialien sollen bedarfsgerecht bereitgestellt werden, um unnötige Entsorgung zu vermeiden.
  4. Medikamente sollten – sofern gleichermaßen sicher und wirksam – bevorzugt oral oder enteral statt intravenös verabreicht werden. Pflegeforschung

Seite 3 von 3 5) Wiederverwendbare Produkte sollen Einwegmaterialien ersetzen, wenn geeignete Alternativen verfügbar sind. 6) Isolationsmaßnahmen sollten unmittelbar nach hygienischer Freigabe beendet werden. 7) Außerdem wird empfohlen, vor der Verlegung aus der Intensivstation einen strukturierten Medikationsabgleich durchzuführen und nicht mehr benötigte intensivstationsspezifische Medikamente abzusetzen. Diese Maßnahmen sollen Ressourcenverbrauch, Abfall und Umweltbelastung reduzieren, ohne die Versorgungs- qualität zu beeinträchtigen. Die Empfehlungen beziehen sich auf Maßnahmen, die unmittelbar von klinischen Teams umgesetzt werden können, und wurden für Intensivstationen in Kanada entwickelt. Die Autorinnen und Autoren schlussfolgern, dass diese sieben praxisnahen Empfehlungen eine sichere und wirksame Grundlage für eine nachhaltigere Intensivmedizin darstellen. Für die Intensivpflege und Intensivtherapie in Deutschland verdeut- licht die Arbeit, dass insbesondere Pflegefachpersonen durch alltägliche Entscheidungen einen wichtigen Beitrag zu einer ressourcenschonenden und zugleich qualitativ hochwertigen Versorgung leisten können (PN). Quelle: Balan M, Bodley TF, Montazeripouragha A, Baharmand I, Yu ACM, Burns KEA, Murthy S; Canadian Critical Care Society (CCCS) and on behalf of the CCCS Choosing Wisely Canada Climate-Conscious Recommendations Working Group. Choosing Wisely Canada climate-conscious recommendations for critical care medicine. Can J Anaesth. 2026 Jun;73(6):519-533 In eigener Sache: Unsere Kollegin Linda Göttsche aus Kiel macht eine nationale Umfrage zum Thema: „Der Einfluss von Machtwahr- nehmung und Selbstwirksamkeit als Variable wahrgenommener Pflegequalität in der akutstationären Versorgung in Deutschland“. Wer von euch Lust hat in der ca. 15-minütigen anonymen Umfrage teilzunehmen (nicht in Arbeits- zeit) - hier der Link https://www.soscisurvey.de/machtwahrnehmung_pflege/ Linda freut sich über eure Meinung und Unterstützung. Die Umfrage ist noch bis zum 18. August offen. Pflegeforschung