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title: "Bischof Dr. Bertram Meier predigt am 15. August 2026 in Maria Vesperbild; Geistliches Zentrum seit dem 17. Jahrhundert."
sdDatePublished: "2026-08-16T13:18:00Z"
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Bischof Dr. Bertram Meier predigt am 15. August 2026 in Maria Vesperbild; Geistliches Zentrum seit dem 17. Jahrhundert.

„Wählen wir das Leben! Kämpfen wir für das Leben!“
Mariä Himmelfahrt: Marias Geburtstag für den Himmel
Predigt des Bischofs Dr. Bertram Meier
am 15. August 2026 in Maria Vesperbild

Wir sind heute zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Denn was ist das Fest der
Aufnahme Mariens in den Himmel anderes als ihr Geburtstag für das Ewige
Leben? Wer einer Geburtstagseinladung folgt, der bringt ein kleines Geschenk
mit und verbindet damit eine Gratulation. Es fällt nicht leicht, unsere Wünsche
für Maria in Worte zu fassen, denn die Mutter Gottes und Mutter der Kirche hat
so viele Facetten, dass wir sie gar nicht in einem Atemzug nennen können. Wer
Maria ehren will, braucht eine persönliche Beziehung zu ihr. Daher starte ich
mit einigen Fragen: Wie habe ich bisher Maria in meinem Glaubensleben
erfahren? Die Maria der Maiandachten? Maria als ökumenischen Zankapfel?
Betrachten wir Maria an der Krippe, Maria unterm Kreuz, Maria im Abend-
mahlssaal! Knüpfe ich mit Maria am Gebetsnetz des Rosenkranzes? Kann ich
etwas anfangen mit der Maria der Dogmen? Vor allem aber die Schlüsselfrage:
Lasse ich mich von Maria durchs Leben begleiten? Finde ich mit und durch
Maria näher zu Jesus?
Jedenfalls fällt es nicht leicht, Maria zu beglückwünschen. Vielleicht haben wir
sie fast schon zu großgemacht, so hoch über uns entrückt, dass wir sie kaum
erreichen können – die kleine Jüdin Miriam, von der wir zunächst nichts wissen,
als dass sie in jungen Jahren, ohne verheiratet zu sein, Mutter wird. Ihr Sohn
behauptet, nicht nur eines Menschen Kind, sondern Gottes Sohn zu sein.
Womöglich haben wir es leichter, an Maria unsere Glückwünsche zu richten,
wenn wir sie - unbeschadet ihrer Würde - von der hohen Säule einmal
herunternehmen und mitten unter uns Menschen hineinstellen – als eine von
uns. Denn es spricht sich leichter, wenn man dem anderen in die Augen
schauen kann.

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Bevor ich mich zum Sprecher für uns alle mache, um Maria zu gratulieren,
drängt es mich, Wallfahrtsdirektor Menzinger besonders zu bedenken. Lieber
Michael, seit 2024 betreust Du dieses Heiligtum der Muttergottes, ein
geistliches Zentrum mitten in den Stauden. Schon als Junge, wenn ich zu
meiner Tante nach Thannhausen in Ferien fuhr, machte ich hier jedes Mal
Station. Zusammen mit vielen Kirchen und Kapellen, die Maria geweiht sind,
ist Vesperbild ein markanter Punkt in der geistlichen Geographie unseres
Bistums. Wir müssen diesen Ort nicht künstlich „aufblasen“, er war und ist von
sich aus „stark“. Maria Vesperbild braucht keinen Promotor, sondern einen
Spiritus Rector, einen geistlichen Leiter, der die Menschen seelsorglich
einfühlsam begleitet, ihnen das Wort kündet, die Sakramente spendet und in
Gottes Namen Sünden vergibt. Vergelt’s Gott, Michael, für den Dienst, den Du
mit einigen Mitbrüdern, denen ich ebenso herzlich danke, in Treue ausführst.
Maria Vesperbilds Bedeutung hängt weniger an besonderen Events, sondern
mehr an der Tatsache, dass der Gnadenort seit der Mitte des 17. Jahrhunderts
für viele aus nah und fern eine spirituelle Quelle ist. Möge es so bleiben! Es
lebe „Marias schwäbische Hauptstadt“!

Nun ist es an der Zeit, Maria hochleben zu lassen. Ein erster Glückwunsch
lautet: Maria wir beglückwünschen Dich zu deinen offenen Ohren. Wer das
Leben Marias ein wenig nachgeht, entdeckt sie als Hörende. Das Tympanon
der Würzburger Marienkirche zeigt, wie Maria durch das Ohr Christus
empfängt: „sola fide“ und „sola gratia“, d. h. allein durch Glauben, durch Gnade
von Gott her, ist sie ganz Ohr für Ihn, und ihr Lebensweg setzt diesen Anfang
fort. So gesehen schlägt Maria als Hörende eine ökumenische Brücke zu
unseren protestantischen Brüdern und Schwestern. In welcher Konfession auch
immer, echtes Christsein ist stets marianisch. D.h. menschlich brachte Maria
nichts mit – für Gott die Möglichkeit, aus ihr alles zu machen.
So steht sie vor uns wie eine große Ohrmuschel. Sind wir überhaupt noch fähig
zuzuhören? Der Hörende erwartet mehr als Informationsaustausch; er ver-
sucht, sich in den anderen hineinzuhören: Was schwingt mit in seiner Stimme?

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Sagt er etwas, indem er schweigt? Einem Menschen lauschen, kann eine
Neuentdeckung sein. Heute haben viele das Lauschen verlernt. Als Priester und
Bischof wünsche ich mir selbst, immer mehr ein Hörender zu werden. Vielleicht
ist die Krise der Beichte nicht zuletzt eine Krise der Priester: Wir sollen zuerst
einmal hören und lauschen. Dann erst gilt es, selbst das Wort zu ergreifen, zu
ermahnen und Zuspruch zu geben. Dies gilt auch für die Kirche als Ganze:
Vielleicht reden wir deshalb so oft an den Menschen vorbei, weil wir antworten,
wo wir nicht gefragt wurden, und Fragen stellen, die die Menschen in ihren
Freuden und Nöten nicht interessieren. Oder als Ehepartner und Freund: Wie
viele scheitern in ihrer Beziehung daran, dass sie einander nicht mehr zuhören
können. Gespräche werden im Keim erstickt; man vereinbart viele Treffen, und
trifft sich eigentlich nie. Man pflegt den täglichen Umgang und umgeht
einander in entscheidenden Fragen.
Der Blick auf Maria belehrt uns eines Besseren: Sie ruft uns in die Stille des
Wartens und Lauschens, bis Gott das Wort hat; uns als Kirche mahnt sie zur
Geduld, unsere Sendung gerade in Situationen zu erfüllen, die undankbar,
hoffnungslos oder konfliktgeladen sind. Im Film „Ein Mann seines Wortes“
zeichnet der Regisseur Wim Wenders ein Porträt von Papst Franziskus. In einer
der ersten Szenen sagt der verstorbene Papst: „Die Kirche ist oft taub. Sie hört
weder auf Gott noch auf die Menschen. Wir brauchen Apostel des Ohres.“ Maria
hat keine Weihe empfangen, dennoch war und ist sie eine „Apostelin des
Ohres“. Sie hat gut hingehört – auf den Engel Gabriel und auf der Hochzeit zu
Kana, auf den Anspruch Gottes im Blick auf die Nöte der Menschen. Maria, wir
beglückwünschen Dich zu Deinen offenen Ohren.

Aus dem Hören erwächst die Antwort: Maria, wir beglückwünschen Dich zu
Deinem beherzten Ja. Wir müssen uns einmal in die Lage der jungen Frau
hineinversetzen. Erschreckt und verwirrt stellt sie fest, dass sich in ihrem
Körper etwas tut. Bekomme ich ein Kind? Mag sie beklommen gefragt haben.
Oder stimmt etwas mit meiner Gesundheit nicht? – Welche Not hat sie wohl
ausgestanden? Wie es bei uns Menschen so ist, musste sie über kurz oder lang

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zum Mittelpunkt des Dorftratsches werden. Keine leichte Situation für ein
Mädchen, sich selbst und noch mehr den anderen die Schwangerschaft
plausibel zu machen. Die Antwort Gottes klingt überraschend. Sie bietet kein
einsichtiges Rezept, wie der Mensch es sich wünscht; und noch etwas ist zu
bedenken: Damals hätte es ohnehin keine Rezepte gegeben, mit deren Hilfe
man unerwünschte Kinder entweder im Vorfeld ganz verhindern oder vor der
Geburt noch hätte loswerden können. Maria bekommt nur die Zusicherung des
Geistes. Das ist alles: „Heiliger Geist wird über Dich kommen und die Kraft des
Höchsten wird dich überschatten.“ Ein Kind vom Heiligen Geist. Hand aufs
Herz: Wer glaubt heute noch daran? Können wir das „Geheimnis des Glaubens“
annehmen oder wollen wir es rationalistisch auflösen? Lassen wir das
Geheimnis zu!
Auf Gabriels unglaubliche Botschaft hat Maria beherzt Ja gesagt: Ich bin die
Magd des Herrn. Eine Magd ist ihrem Herrn preisgegeben. Wenn Mann und
Frau heiraten, dann schenken sie sich in Liebe: in Gesundheit und Krankheit,
in guten und bösen Tagen, in Hoch-Zeiten und Krisen. Ein Leben lang sind sie
einander preisgegeben und einander verbunden. Halbe Hingabe gibt es nicht:
entweder ganz oder gar nicht. Dieses Versprechen sollte sich nicht irgendwann
als unüberlegter Versprecher entpuppen.
Maria, wir bewundern Dein Ja zum Leben und nehmen Dich als Vorbild, um als
Kirche Ja zu sagen - nicht zu den Maßstäben der Welt, sondern zur Messlatte,
die Gottes Wort vorgibt. Wo es um Leben und Tod geht, gibt es keinen
Kompromiss. Wir müssen vermeiden, dass uns für das Ende des menschlichen
Lebens das passiert, was in der Debatte um den Anfang geschah: Wie der
umstrittene Beratungsschein einst fast zur Zerreißprobe für die katholische
Kirche in Deutschland geworden wäre, so bahnt sich jetzt eine ähnliche
Debatte an um den assistierten Suizid. Gesetzentwürfe dafür liegen schon in
den Schubladen. Hier darf es für katholische Christen keine faulen Kompro-
misse geben: Wir schützen und verteidigen das Leben von der Zeugung bis
zum natürlichen Tod, ohne Wenn und Aber. Wenn daran gedacht wird, den
assistierten Suizid als Dienstleistung in caritativen Einrichtungen nach

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erfolgter Pflichtberatung anzubieten, dann erliegt die Kirche einem Selbst-
missverständnis. Ihre Mission lautet: Als Volk des Lebens sind wir das Volk für
das Leben! (Papst Johannes Paul II.) Es ist gut, dass wir die Bewahrung der
Schöpfung ganz oben ansetzen, aber bitte nicht auf Kosten des Menschen, der
Krone der Schöpfung! Frösche tragen wir über die Straße, doch Kleine und
Schwache wie Embryonen und Senioren bleiben auf der Strecke. Wählen wir
das Leben! Kämpfen wir für das Leben! Machen wir klare Ansage! Christen
müssen identifizierbar sein.

Noch einer kommt hinzu, der meist im Hintergrund bleibt und von der Kirche
den Titel „Arbeiter“ bekommen hat: Josef, der Verlobte, der Maria nicht
bloßstellen und sich deshalb im Stillen von ihr trennen wollte. Maria, wir
beglückwünschen Dich zu Josef, der Deinen Sohn, den Gottessohn, erzog. Es
ist schade, dass Josef meist nur als alter Mann dargestellt wird. Ich kann ihn
mir auch als jungen Menschen vorstellen, mitten im Beruf als Zimmermann,
die Gründung einer Familie im Blick. In einem modernen Lied über Josef heißt
es: „Du wolltest weiter nichts, o nein, als mit Maria glücklich sein.“ Was wurde
da dem Josef abverlangt, als er die Vaterschaft an den Heiligen Geist abtreten
musste! Selbst abnehmen, damit ein anderer zunehmen darf: Das bringt Josefs
Biographie auf den Punkt. Von ihm überliefern uns die Evangelien kein einziges
Wort. Seine Spuren verlaufen schließlich im Sand. Ich stelle mir vor: Wenn Josef
sein Evangelium geschrieben hätte, ein Evangelium nach Josef, dann hätte es
wohl das eine große Thema der Treue: bei aller Nähe auch Trennung und
Distanz zulassen. Ohne Josef keine Gottesmutter, ohne Gottesmutter keinen
menschlichen Erlöser.
Die Gestalt des Josef rückt uns näher als wir denken: etwa, wenn Eltern ihren
Einfluss auf Kinder schwinden sehen; wenn andere Menschen ins Leben eines
Freundes treten und wir selbst uns zurücknehmen müssen; nicht zuletzt dort,
wo ein Jugendlicher zu seinen Eltern oder Freunden sagt: „Ich entscheide
anders, als Ihr es von mir erwartet. Ich gehe ins Kloster, ich werde Priester.“
Dann ist auch von uns die Haltung des Josef gefordert: annehmen und doch

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weiter begleiten, in Gedanken und Gebeten. Ich habe diese Haltung sehr schön
in einem Gedicht von Linus David ausgedrückt gefunden:
„Wieviel er von dem Ganzen je verstand, wer weiß.
Was er gesprochen, schien den Schreibern nicht der Rede wert.
Zur Not weiß man grad eben seinen Namen: Josef.
Doch was er tat, das Wesentliche,
hat man uns freilich aufgeschrieben, weil’s dazugehört,
weil auch dem scheinbar Unbedeutenden
um Jesu willen und für diesmal
höhere Bedeutung zukam.
Was er tat? Das Nötige.
Auch wenn sie nicht von ihm empfangen hatte
die Mutter – er verstieß sie nicht.
Auch wenn er nicht sein Vater war,
er zog es dennoch auf – das Kind.
Wieviel er von dem Ganzen je verstand, wer weiß.
Dass er und sie ihn brauchten, das verstand er wohl
und tat das Seine.“

Wir haben versucht, unsere Geburtstagswünsche für Maria in passende Worte
zu kleiden: Wir beglückwünschen Dich zu deinen offenen Ohren, zu Deinem
beherzten Ja und zu Deinem Verlobten Josef.
Einen hätten wir jetzt fast vergessen: Wir beglückwünschen Dich zu Deinem
Sohn Jesus. Auch wenn wir den Geburtstag Marias für den Himmel feiern, bleibt