Kino der Reitschule Diaz – Don’t Clean Up This Blood – Bern; No Borders No Nations

17.08.2026 / 11h00 - BKa Nº15 – Brunchen mit Mosimanns Kino der Rückseiten

Sitzt er gerade nicht vor der Leinwand, dann ist Yannick Mosimann hinter der Kamera anzutreffen: Der Filmemacher, Fotograf und Klangkünstler ist multimedial unterwegs. Zum Film hat der Berner einen vielfältigen Zugang. Er dreht experimentelle Kurzstreifen, aber auch Langspielfilme. In der BKa berichtet er, wo grosses Kino läuft.

1 – Ich bin bei Jane Schoenbrun hängengeblieben mit «A Self-Induced Hallucination», dieser unheimlichen Doku über eine Internet-Legende, und seither bei jedem Film dabei. Kaum jemand trifft dieses Gefühl von Sehnsucht und Verlorensein so genau. Jetzt folgt mit «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» ein Slasher über das Slasher-Kino selbst. Hannah Einbinder soll als gefeierte Jungregisseurin ein längst totes Franchise wiederbeleben und fährt an den Originalschauplatz, wo Gillian Anderson als einstiger Star der Reihe den verlassenen Ort wie einen Schrein hütet. Der Killer, erzählt diese, sitze auf dem Grund des Sees, «dort, wo die Filme herkommen». Ein cronenberg’sches Portal, aus dem VHS-Kassetten und Mörder gleichermassen auftauchen. Das ist Kino als Spuk, ganz im Sinne von Kulturtheoretiker Mark Fisher, auf den sich Schoenbrun selbst beruft: Wenn keine Zukunft mehr zu haben ist, bleibt nur das Vergangene, das nicht wärmt, sondern zurückkommt. So auch der Reboot-Zwang der Streaming-Welt, der tote Marken wiederausgräbt, weil der Name noch zieht. Eine Kultur, die ihre eigenen Toten recycelt. Weniger Angst als Sehnsucht. Ich habe den Film noch nicht gesehen. Aber ich weiss jetzt schon, dass ich ihn lieben werde (ab Do., 20.8., in den Kinos) .

2 – Brunch ist die masslose Mahlzeit. Zu spät fürs Frühstück, zu früh fürs Mittagessen, und trotzdem alles auf einmal. Genau das ist auch «Marty Supreme» als Brunch-Kino. Josh Safdies Film ist ein einziger Vorwärtsdrang, und mittendrin ein Timothée Chalamet, der nicht spielt, sondern sich anbietet, mit jeder Einstellung neu. Ein Ehrgeiz, der keiner Kunst dient, und eine Kunst, die nur dem Ehrgeiz dient. Marty spielt sich durch jede Szene und lässt fallen, wer ihm nichts nützt. Er gewinnt nicht, er stürzt nach vorne, gräbt sich immer tiefer, und man sieht ihm dabei zu wie einem Unfall, von dem man nicht wegschauen kann. Man müsste ihn verabscheuen. Man will nur, dass es weitergeht. Die Logik des Kapitals sitzt so tief, dass sie kein Aufhören mehr kennt, jeden Traum in Bewegung übersetzt, jeden Ehrgeiz in Sucht. Marty gewinnt nicht, weil er will, sondern weil er nicht mehr anders kann. Und wir, den Mund noch voll, auch nicht. Kaffee kalt, Teller leer. Man bereut nichts (Cinématte, Bern. So., 30.8., 10 und 14 Uhr).

3 – Eine Bewegung, in die ich bisher kaum Einblick bekommen habe. Ich danke dem Kino Rex für seine Retrospektive zur taiwanesischen Nouvelle Vague (Do., 27.8., bis 28.9.) . «Yi Yi» aber, das Vermächtnis von Edward Yang, einem sehr stillen Regisseur dieser Generation, habe ich gesehen, immer wieder. Umso mehr freut mich, dass es in der Reihe läuft. In einer frühen Szene sitzt der kleine Yang-Yang im Auto und fragt seinen Vater, ob wir nicht immer nur die halbe Wahrheit sehen. Weil niemand sieht, was hinter ihm liegt. Er fragt es mit dem vollen Ernst, den nur ein Kind aufbringt. Zwei Stunden später fotografiert der Junge die Hinterköpfe der Leute und schenkt ihnen mit seiner Polaroid die Hälfte, die sie nie zu sehen bekommen. Fast drei Stunden lang legt Yang die Anatomie einer Familie frei, ihre unausgesprochenen Spannungen, dieses zugeknöpfte Milieu, das ganz ohne Handlung von Empathie erzählt, von Aufmerksamkeit, von Zärtlichkeit. Auch dann, wenn hinten in den Zimmern längst alle weinen. Ein Film, der uns immer die Rückseite zeigt (Sa., 29.8., 17 Uhr. Weitere Vorstellungen Mo., 7.9., 17.30 Uhr und So., 27.9., 11 Uhr) .

4 – Im Juli 2001 schlug die Polizei die Proteste gegen den G8-Gipfel in Genua nieder. In der Diaz-Schule, die den Protesten als Medienzentrum und Sanitätsposten diente, prügelte sie auf Schlafende ein. Am Tag zuvor war Carlo Giuliani erschossen worden. Amnesty sprach von der schwersten Aussetzung demokratischer und bürgerlicher Rechte in einem westlichen Land seit dem Zweiten Weltkrieg. Italien wurde später wegen Folter verurteilt. Auch aus Bern fuhren viele damals nach Genua. Der Innenhof der Reitschule trägt bis heute den Namen Piazza Carlo Giuliani. Von dort spannt das Kino der Reitschule im September einen Bogen zurück nach Genua und weiter zu dem, was in Italien gerade wieder aufzieht. Den Auftakt macht «Diaz – Don’t Clean Up This Blood» im Rahmen von No Borders No Nations . Wisch das Blut nicht weg. Eine Anweisung. Man befolgt sie, indem man hingeht (Do., 20.8., 19 Uhr) .