Tobias Haberl Interview über Glauben, Zweifel, Treue im Alltag München; Buch stärkt Glauben der Leser, Resonanz groß.
Tobias Haberl im Gespräch: „Treue ist der Kern der Liebe“ - Deutsche Kapuzinerprovinz
Eine Provinz für vier Länder
ist Jahrgang 1975. Der Journalist und Autor lebt in München und schreibt für das SZ-Magazin. In seinem Buch „Unter Heiden“ thematisiert der Literaturwissenschaftler seine Rolle als Katholik in einer säkularisierten Gesellschaft.
Tobias Haberl im Gespräch: „Treue ist der Kern der Liebe“
Der Journalist Tobias Haberl hat mit seinem Buch „Unter Heiden“ viele Menschen angesprochen. Im Interview spricht er über Gottesferne, Momente der Nähe und seine Entscheidung für den Glauben.
Herr Haberl, in welchen Situationen fühlen Sie sich Gott besonders nah?
Das ist eine schwierige Frage für mich, weil ich mich gerade in einer persönlichen Krisensituation befinde. Zurzeit spüre ich Gott kaum. Ein Dominikaner, mit dem ich darüber gesprochen habe, sagte mir, dass Gottesferne selbst für große Gestalten des Christentums eine normale Erfahrung war. Entscheidend sei, in solchen Momenten treu zu bleiben, sich an frühere Erfahrungen zu erinnern, in der Liebe und im Gebet zu bleiben.
Haben Sie eine solche Gottesferne schon einmal erlebt?
Ja, immer wieder. Zweifel durchziehen mein ganzes Glaubensleben: Zweifel an der Existenz Gottes, an der Kirche. Ich finde das aber nicht schlimm. Im Gegenteil: Zweifel sind für mich so etwas wie ein Düngemittel des Glaubens. Zweifel führen dazu, dass ich mich intensiver auseinandersetze, bewusster bete, öfter zur Messe gehe, gezielter die Stille suche. Zweifel setzen etwas in Bewegung. Und dar-aus wächst wieder Glaube. Natürlich wünsche ich mir manchmal stärkere Gotteserfahrungen, wie andere sie schildern. Aber ich leide nicht sehr darunter. Ich glaube, es geht darum, im Glauben zu bleiben. Und ich erlebe immer wieder, dass daraus Trost, Halt und sogar eine Art von Antwort entsteht.
Ja, genau. Treue ist für mich der Kern der Liebe. Dass man bleibt, in guten wie in dunklen Zeiten. Das gilt für Beziehungen zwischen Menschen genauso wie für die Beziehung zu Gott. Glaube bedeutet für mich Vertrauen. Der Glaube ist ein Sprung ins Ungewisse, ohne Garantie. Und genau das fällt vielen heute schwer. Karl Rahner hat einmal gesagt: Glauben heißt, die Unbegreiflichkeit Gottes ein Leben lang auszuhalten. Das trifft es für mich sehr gut.
Wenn Sie auf Ihren Glaubensweg schauen: Wo haben Sie sich dieser Unbegreiflichkeit genähert?
Da muss ich ganz klassisch sagen: in der Messe, in der Eucharistie. Im Gebet, wenn es gelingt. Und auch in ganz alltäglichen Situationen. Wenn ich etwa durch den Wald gehe und plötzlich ein Reh aus dem Dickicht bricht. Oder wenn ich einem Menschen begegne und für einen Moment das Gefühl habe, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Auch das sind für mich Momente der Nähe.
Wie hat Ihre Glaubensgeschichte begonnen?
Ich bin katholisch aufgewachsen, im Bayerischen Wald. Sehr katholisch geprägt. Der Glaube war da, aber eher selbstverständlich, nicht reflektiert. Mit etwa 20 habe ich mein Elternhaus verlassen und mich über viele Jahre vom Glauben entfernt. Erst mit Ende 30 kam er zurück. Nicht durch ein Schlüsselerlebnis, sondern vor allem durch das Gefühl, dass mir etwas fehlt. Diese Lücke konnte nichts Materielles füllen. Ich habe gemerkt: Es ist Gott.
War das eine bewusste Entscheidung?
Ja. Ich habe mich für den Glauben entschieden, obwohl mir bewusst ist, wie unglaublich vieles daran ist. Seither fühlt sich mein Leben sinnvoller an, es hat ein Ziel. Das gibt mir Halt. Es ist wie eine Wanderung: Man geht anders, wenn man ein Ziel vor Augen hat.
Sie haben das Buch „Unter Heiden“ geschrieben, in dem Sie über Ihre Erfahrungen als Christ im Alltag sprechen. Warum gehen Sie mit diesem Thema in die Öffentlichkeit?
Ich arbeite ja als Journalist für die Süddeutsche Zeitung. Ausgangspunkt war ein Essay im SZ-Magazin über das Gefühl, als Christ im heutigen Lebens- und Arbeitsumfeld aufzufallen. Die Resonanz darauf war enorm und hat mir gezeigt, dass viele Menschen ähnlich empfinden. Daraus entstand das Buch. Und es hat etwas bewirkt: Menschen schreiben mir, dass es ihren Glauben stärkt. Ich sehe mich dennoch nicht als Missionar, sondern als Autor.
Ja und nein. Ich respektiere jeden Menschen und seine Entscheidung, ob und wie er glaubt. Christen haben jedoch auch den Auftrag, von ihrem Glauben zu erzählen. Nicht missionarisch im aggressiven Sinn, sondern ruhig und einladend. Wenn ich glaube, dass Gott existiert und dass es ein ewiges Leben gibt, dann kann ich nicht einfach schweigen.
Wie nimmt ihr Umfeld ihr Glaubensbekenntnis auf?
Mein Umfeld ist vielfältig. Es gibt Menschen, die meinen Glauben skurril finden, andere beneiden mich darum, wieder andere stehen fester im Glauben als ich selbst. Was mich stört: Wenn über Kirche und Glauben pauschal geurteilt wird, ohne Auseinandersetzung, ohne Interesse, ohne Wissen. Das passiert leider ziemlich oft.
Wo hadern Sie mit der Kirche?
Da gibt es Punkte, aber entscheidend ist für mich die Beziehung zu Christus. Ich sehe mich weder als Traditionalist noch als Reformer. Schwierig wird es für mich, wenn die Kirche beginnt, sich dem Zeitgeist anzubiedern und nicht mehr zu sich selbst steht. Ich würde mir eine Kirche wünschen, in der mehr Vielfalt möglich ist, innerhalb gewisser Grenzen. Unterschiedliche Ausdrucksformen des Glaubens sollten aus meiner Sicht nebeneinander bestehen dürfen.
Das Interview führte Tobias Rauser für cap!, das Magazin der Kapuziner.
Bei Fragen zu dieser Meldung oder zur Aufnahme in den Presseverteiler melden Sie sich per Mail oder Telefon bei Tobias Rauser, Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Telefon: +49 (0)160–99605655 oder
Der Newsletter der Kapuziner Wollen Sie über die Kapuziner und ihr Engagement informiert bleiben? Dann melden Sie sich kostenlos für unsere monatlichen „KAP NEWS “ an. www.kapuziner.org