Marie Glassl erhält Werkbeitrag (Kanton Zürich) für Übersetzung von Alice Ceresa; Zugang für deutschsprachiges Publikum

Laudatio Marie Glassl

Kanton Zürich Direktion der Justiz und des Innern Fachstelle Kultur

Werkbeitrag Literatur 2026: Marie Glassl: «Alice Ceresa: Die verlorene Tochter»

Manche Texte wirken auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, als seien sie ihrer Zeit voraus. Alice Ceresas «La figlia prodiga» ist einer davon. Und dies, obwohl die Verfahren, mit denen Ceresa ans Werk geht, auch ein wenig Patina angesetzt haben. Denn genau darin liegt das überraschende Moment bei der Lektüre des 1967 im italienischen Original erschienen experimentellen Romans, der nun in der Übersetzung von Marie Glassl erstmals auf Deutsch erscheint. Die Dekon­ struktion, der die Autorin die Erzählung vom verlorenen Sohn systematisch und mit einem kalten intellektuellen Furor unterzieht, eignet sich ausgezeichnet, um die patriarchalen Erzähl- und Denkstrukturen freizulegen, an denen sich aktuelle literarische Texte ebenfalls (wieder) abarbeiten. Im Roman analysiert die «verlorene Tochter» eine auf das Neue Testament zu­ rückgehende Erzähltradition und legt offen, wo der Versuch, das eine mit dem anderen Geschlecht zu vertauschen, die Logik der Geschichte ad absurdum füh­ ren muss: «Es ist schwer vorstellbar, dass Töchter das väterliche Vermögen ver­ prassen, ihre Familie allein durch ihren Weggang ins Verderben stürzen, um schließlich ihren angestammten Ehrenplatz in der zuvor verlassenen Familie zu­ rückzugewinnen, bloß durch den simplen Akt ihrer Heimkehr.» Ceresa ver­ schiebt Perspektiven, kehrt Verhältnisse um und macht sichtbar, wie tief gesell­ schaftliche Erwartungen, Normen und Geschlechterrollen in die Struktur der Sprache eingeschrieben sind. Aus der Arbeit am biblischen Gleichnis entsteht eine grundsätzliche Reflexion über Freiheit, Selbstbestimmung und weibliche Existenz.

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Marie Glassl gelingt es in ihrer Übersetzung, den Ton von Ceresas Prosa im Deutschen lebendig werden zu lassen. Die langen, gedanklich verschachtelten und sich oft am Rand des Paradoxen bewegenden Sätze entfalten ihre argumenta­ tive Präzision und ihren rhythmischen Sog. Dank der Übersetzung von Marie Glassl wird ein wichtiger feministischer Text für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich, und es ist zu hoffen, dass Cere­ sas Leidenschaft für die Form einen produktiven Dialog zwischen dem Diffe­ renzfeminismus der 1960er/1970er-Jahre und heutigen feministischen Positionen provozieren wird. Denn der Text öffnet einen Denkraum, in dem sich Arbeit an der Form und die Arbeit der Kritik verbinden. Für ihre herausragende Übersetzungsleistung wird Marie Glassl ein Werkbeitrag des Kantons Zürich zugesprochen.

Begründung der Fachgruppe Literatur (kantonale Kulturförderungskommission), Zürich 2026