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title: "Marie Glassl erhält Werkbeitrag (Kanton Zürich) für Übersetzung von Alice Ceresa; Zugang für deutschsprachiges Publikum"
sdDatePublished: "2026-08-17T11:23:00Z"
source: "https://www.zh.ch/content/dam/zhweb/bilder-dokumente/themen/sport-kultur/kultur/kulturförderung/bereiche/literatur/lesereise/ausgezeichnete-2026/Laudatio_Glassl.pdf"
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  - name: "literature"
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  - name: "women's rights"
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  - name: "cultural policy"
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locations:
  - "Zürich (Kanton)"
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Marie Glassl erhält Werkbeitrag (Kanton Zürich) für Übersetzung von Alice Ceresa; Zugang für deutschsprachiges Publikum

Laudatio Marie Glassl

Kanton Zürich
Direktion der Justiz und des Innern
Fachstelle Kultur

Werkbeitrag Literatur 2026:
Marie Glassl: «Alice Ceresa: Die verlorene Tochter»

Manche Texte wirken auch Jahrzehnte nach ihrer Entstehung, als seien sie ihrer
Zeit voraus. Alice Ceresas «La figlia prodiga» ist einer davon. Und dies, obwohl
die Verfahren, mit denen Ceresa ans Werk geht, auch ein wenig Patina angesetzt
haben. Denn genau darin liegt das überraschende Moment bei der Lektüre des
1967 im italienischen Original erschienen experimentellen Romans, der nun in
der Übersetzung von Marie Glassl erstmals auf Deutsch erscheint. Die Dekon­
struktion, der die Autorin die Erzählung vom verlorenen Sohn systematisch und
mit einem kalten intellektuellen Furor unterzieht, eignet sich ausgezeichnet, um
die patriarchalen Erzähl- und Denkstrukturen freizulegen, an denen sich aktuelle
literarische Texte ebenfalls (wieder) abarbeiten.
Im Roman analysiert die «verlorene Tochter» eine auf das Neue Testament zu­
rückgehende Erzähltradition und legt offen, wo der Versuch, das eine mit dem
anderen Geschlecht zu vertauschen, die Logik der Geschichte ad absurdum füh­
ren muss: «Es ist schwer vorstellbar, dass Töchter das väterliche Vermögen ver­
prassen, ihre Familie allein durch ihren Weggang ins Verderben stürzen, um
schließlich ihren angestammten Ehrenplatz in der zuvor verlassenen Familie zu­
rückzugewinnen, bloß durch den simplen Akt ihrer Heimkehr.» Ceresa ver­
schiebt Perspektiven, kehrt Verhältnisse um und macht sichtbar, wie tief gesell­
schaftliche Erwartungen, Normen und Geschlechterrollen in die Struktur der
Sprache eingeschrieben sind. Aus der Arbeit am biblischen Gleichnis entsteht
eine grundsätzliche Reflexion über Freiheit, Selbstbestimmung und weibliche
Existenz.

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Marie Glassl gelingt es in ihrer Übersetzung, den Ton von Ceresas Prosa im
Deutschen lebendig werden zu lassen. Die langen, gedanklich verschachtelten
und sich oft am Rand des Paradoxen bewegenden Sätze entfalten ihre argumenta­
tive Präzision und ihren rhythmischen Sog.
Dank der Übersetzung von Marie Glassl wird ein wichtiger feministischer Text
für ein deutschsprachiges Publikum zugänglich, und es ist zu hoffen, dass Cere­
sas Leidenschaft für die Form einen produktiven Dialog zwischen dem Diffe­
renzfeminismus der 1960er/1970er-Jahre und heutigen feministischen Positionen
provozieren wird. Denn der Text öffnet einen Denkraum, in dem sich Arbeit an
der Form und die Arbeit der Kritik verbinden.
Für ihre herausragende Übersetzungsleistung wird Marie Glassl ein Werkbeitrag
des Kantons Zürich zugesprochen.

Begründung der Fachgruppe Literatur (kantonale Kulturförderungskommission),
Zürich 2026