Ina Boesch erhält Anerkennungsbeitrag Literatur 2026 Kanton Zürich; Präzision trifft literarische Gestalt

Laudatio Ina Boesch

Kanton Zürich Direktion der Justiz und des Innern Fachstelle Kultur

Anerkennungsbeitrag Literatur 2026: Ina Boesch: «Marleen. Von der Chirurgie des Wahns»

Eine Frau, über deren Leben kaum mehr geblieben ist als Akten über psychiatri­ sche Behandlungen, die in eine Lobotomie mündeten, Erinnerungsfragmente und Schweigen. Gerade weil so vieles fehlt, entscheidet sich Ina Boesch dagegen, diese Leerstelle mit Gewissheiten zu füllen. Stattdessen macht sie die Suche selbst zum Gegenstand ihres Buchs. Doch Boesch rekonstruiert Marleens Schicksal nicht einfach. Sie legt offen, wo Dokumente sprechen, wo Archive verstummen und wo Literatur beginnen muss. Die Recherche ist präzise, der historische Kontext sorgfältig gearbeitet. Gleich­ zeitig verlässt sie die Grenzen wissenschaftlichen Erzählens und findet eine lite­ rarische Form zwischen familiärer Nähe und historischer Distanz. Statt die Leer­ stellen zu überdecken, macht sie sie zum Ausgangspunkt ihres Erzählens. Das «Du» schafft Nähe, ohne jemals vorzugeben, Marleen vollständig zu kennen. Es ist ein behutsames Gespräch über Jahrzehnte hinweg und zugleich das Einge­ ständnis, dass jeder Annäherung Grenzen gesetzt sind. Darin zeigt sich Boeschs feines Gespür für ihre Figur. Marleen wird als Mensch greifbar, ohne dass die Autorin mehr behauptet, als sie wissen kann. Boesch schreibt in einer klaren, ru­ higen Sprache, verzichtet auf dramatische Effekte – und schont ihre Leser:innen dennoch nicht. Mit «Marleen» erzählt sie nicht nur von einer einzelnen Frau, sondern von den Machtverhältnissen einer Psychiatrie, in der insbesondere Frauen allzu oft zu Objekten medizinischer und gesellschaftlicher Kontrolle wur­ den. Gleichzeitig zeigt sie, dass die Leerstellen der Archive keine Zufälle sind, sondern allzu oft die Lebensgeschichten von Frauen betreffen.

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«Marleen» zeigt, dass Literatur Geschichte nicht verfälschen muss, um ihr näher­ zukommen. Manchmal gelingt gerade zwischen Dokument und Fiktion die wahr­ haftigste Annäherung an ein Leben. Das Buch weiss jederzeit, wann es sich auf gesicherte Fakten stützt und wann es den Raum der Imagination betritt. Aus die­ ser Transparenz entsteht Vertrauen und eine beeindruckende literarische Ehrlich­ keit. Für diese Verbindung von historischer Präzision und literarischer Gestal­ tung erhält Ina Boesch einen Anerkennungsbeitrag des Kantons Zürich.

Begründung der Fachgruppe Literatur (kantonale Kulturförderungskommission), Zürich 2026