700 Forschende aus 50 Ländern reisen nach Leipzig zum Jubiläumskongress des CISH; Leipzig wird Ausrichter der Centennial Conference.
Universität Leipzig: „Geschichte umgibt uns überall“ – Ein Gespräch über den Kongress des internationalen Historikerverbands CISH in Leipzig
Lea und Matthias Middell im Interview
„Geschichte umgibt uns überall“ – Ein Gespräch über den Kongress des internationalen Historikerverbands CISH in Leipzig
Ende August kommen mehr als 700 Forschende aus über 50 Ländern zum Jubiläumskongress des internationalen Historikerverbands CISH nach Leipzig. Dabei geht es nicht nur um neue Forschungsergebnisse, sondern auch darum, wie Geschichte weltweit gedeutet, genutzt und künftig erzählt wird. Unterschiedliche wissenschaftliche Generationen treffen dabei nicht erst im Konferenzsaal aufeinander, sondern schon im Organisationsteam: Matthias Middell, Professor für Kulturgeschichte und Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees, und Lea Middell, Doktorandin an der Leipziger Graduate School Global and Area Studies und Koordinatorin des Kongresses. Im Interview sprechen sie darüber, was es heißt, einen Kongress dieser Größe zu organisieren, warum sich keine politische Bewegung ohne historische Begründung legitimiert und wie umkämpft die Deutung von Geschichte heute ist – von Erinnerungsgesetzen bis zu der Frage, ob künstliche Intelligenz Historiker:innen überflüssig macht.
- Ende August treffen sich für fünf Tage rund 700 Historikerinnen und Historiker aus über 50 Ländern in Leipzig. Für alle, die nicht vom Fach sind: Was passiert da eigentlich – und warum sollte das jemanden interessieren, der sonst nichts mit Geschichtswissenschaft zu tun hat?
Matthias Middell: Zunächst: Es gibt keine politische Strömung und keine gesellschaftliche Bewegung, die sich nicht mit historischen Begründungen legitimiert – Geschichte prägt also weltweit unseren Alltag. Allerdings auf sehr unterschiedliche Weise, sodass Geschichtserzählungen aufeinanderprallen. Denken wir nur an die Geschichte von Revolutionen oder Kolonialismus, der Arbeiter oder des Adels, des Konsums oder des Eigentums. Zur Begründung der eigenen Weltsicht werden stets Erzählungen über das Entstehen der Gegenwart herangezogen. Historikerinnen und Historiker spielen dabei eine wichtige Rolle; doch auch Medien, Politik, Museen und Kunst prägen Geschichtsbilder – von der Populärkultur ganz zu schweigen.
Bevor wir es uns in unserer eigenen Variante solcher historischen Herleitungen allzu bequem machen, lohnt der Blick in andere Weltgegenden: Wie wird dort über Geschichte gedacht, und was könnte das mit uns zu tun haben? Viele Geschichten sind intensiv miteinander verflochten – durch Handel, Kriege und die darauf gefundenen Friedenslösungen, durch geteilte Erfahrungen mit Viren und ihrer Bekämpfung und natürlich durch die Mobilität von Menschen, seien es Touristen oder Asylsuchende. Diese Verflechtungen sind unverzichtbar und lassen sich kaum aufgeben. Doch sie erzeugen auch Begegnungsstress und manchmal Verlustängste – vor allem, wenn wir zu wenig über die politischen Anschauungen und sozialen Ansprüche derer wissen, denen wir begegnen. Auch sie sind historisch begründet und nur in Kenntnis der jeweiligen Geschichte gut zu verstehen.
Wenn Historikerinnen und Historiker aus buchstäblich aller Welt zusammenkommen, ist das eine Chance, sich auf die Verflechtungen der Zukunft einzustellen. Solche Treffen sind seltener, als man annehmen könnte: Die letzten Weltkongresse dieser Art fanden 2015 in Jinan (China) und 2022 in Poznań (Polen) statt.
Lea Middell: Ich würde die Frage gern umdrehen: Was bedeutet es, „nicht vom Fach“ zu sein? Braucht man dafür einen Abschluss in Geschichte? Das würde ich verneinen, denn Geschichte umgibt uns überall. Sie beginnt schon am Konferenzort, einer Mischung aus dem Campus der ehemaligen Sporthochschule der DDR und dem neuen Campus der Erziehungswissenschaften. Sie begleitet uns im Alltag – etwa in Museen, Monumenten, Nachrichtensendungen oder Zeitungen. Geschichte ist nicht nur eine wissenschaftliche Disziplin, sondern fest in unserer Gesellschaft verankert – und letztlich auch in jeder anderen Disziplin, denn disziplinäre Identität gibt es nur mit Bezug auf eine Theorie- und Organisationsgeschichte.
Diese Konferenz hat deshalb große gesellschaftliche Bedeutung: Hier präsentieren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur ihre neuesten Forschungsergebnisse. Sie diskutieren auch, wie Geschichte überall auf der Welt gedeutet und genutzt wird – und welche Art von Geschichte künftig erforscht und erzählt werden soll. Deshalb haben wir uns bemüht, auch Studierende und Promovierende für die Konferenz zu gewinnen – etwa als Volunteers, die bei der Organisation helfen und zugleich an den Debatten teilnehmen.
- Eigentlich hätte 2026 der Weltkongress in Jerusalem stattfinden sollen. Wegen des Kriegs im Nahen Osten wurde er verschoben – und Leipzig richtet stattdessen die Centennial Conference zum hundertjährigen Bestehen des CISH aus. Wie ist diese Entscheidung gefallen – und wie schwer ist sie gefallen?
Matthias Middell: Auf der Generalversammlung des Internationalen Historikerverbandes CISH zeichnete sich Ende 2024 in Tokio ab, dass der Kongress wegen der Reisewarnungen in vielen Ländern entweder gar nicht in Jerusalem stattfinden könnte oder seinen gerade erläuterten Zweck verfehlen würde: Historikerinnen und Historiker aus aller Welt zusammenzubringen. Gerade nach den coronabedingten Unterbrechungen eingespielter Kommunikationsformen hätte dies eine weitere Verzögerung bedeutet. Zugleich waren die Wahl eines neuen Vorstands und die Verabschiedung eines neuen Statuts dringlich, um den Möglichkeiten einer digitaler gewordenen Welt Rechnung zu tragen. Vor allem aber hätte die Historikerschaft keine Gelegenheit gehabt, darüber zu sprechen, wie mit der heraufziehenden neuen Weltordnung oder dem menschengemachten Klimawandel als Zäsur der Menschheitsgeschichte umzugehen ist. Deshalb sind wir eingesprungen – im Wissen, wie knapp die Zeit für die Organisation einer so großen Konferenz sein würde.
- 700 Vortragende, 64 Panels, zehn Sonderformate, Gäste aus über 50 Ländern. Was heißt es, so etwas zu koordinieren – und wo war der Moment, an dem Sie dachten: Hier wird’s schwierig?
Lea Middell : Ich war in der „privilegierten“ Position, die Koordination erst im Januar 2026 von meiner Kollegin Katrin Köster übernommen zu haben. Viele Grundsteine waren da bereits gelegt. Natürlich gibt es jede Woche einen oder mehrere Problemfälle. Aber es muss weitergehen, und Scheitern ist keine Option: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwarten eine optimale Vorbereitung. Zum Glück stehe ich nicht allein da, sondern werde tatkräftig von Kolleginnen und Kollegen sowie Hilfskräften unterstützt. Allerdings wird Koordinationsarbeit eher verhalten wahrgenommen. Die Referentinnen und Referenten konzentrieren sich auf ihren wissenschaftlichen Beitrag und setzen die dafür nötige Infrastruktur als selbstverständlich voraus. Eine Universität ist jedoch für Studium und Forschung gebaut und ausgestattet. Ein Kongress dieser Größenordnung ist ein Ausnahmefall, für den der geeignete Rahmen erst geschaffen werden muss. Zum Glück war die Universität Leipzig schon oft Ort wissenschaftlicher Großveranstaltungen, sodass gerade die Hausverwaltung viel Routine hat. Trotzdem bleibt intensive kommunikative Vermittlungsarbeit nötig, um all die Teilnehmenden aus aller Welt mit der Situation vor Ort zusammenzubringen.
Man kann es auch umdrehen und sich wünschen, dass die für eine Konferenz nötigen Kompetenzen schon im Studium eine größere Rolle spielen. Bei einer Konferenz geht es nicht nur um einzelne Paper oder Panels, sondern um das Gesamtbild – sowohl für die wissenschaftliche Praxis als auch für das Ergebnis des Kongresses. Dazu gehören Eventmanagement, Wissenschaftskommunikation, Social Media und Finanzen – all die Bereiche, die auf der Vorderbühne nur an Registration Fee und Programmheft sichtbar werden.
- Der CISH wurde 1926 in Genf gegründet – in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg, als die Beziehungen zwischen Historikerinnen und Historikern verschiedener Länder noch zerrüttet waren. Was war die Gründungsidee dahinter – und wie viel davon trägt hundert Jahre später noch?
Matthias Middell : Im Vordergrund stand der Wiederaufbau von Vertrauen zwischen Historikerinnen und Historikern, die fest in ihren nationalen Wissenschaftsgemeinschaften verankert waren. Entsprechend organisierte man den Weltverband zunächst auf Basis von Nationalvertretungen. Einem Land wurde ein Bericht zu einem historischen Thema übertragen, Vertreterinnen und Vertreter anderer Länder kommentierten und ergänzten ihn. Geschichte war im Wesentlichen Nationalgeschichte, die man zaghaft zu vergleichen begann. Der französische Historiker Marc Bloch hielt auf dem CISH-Kongress in Oslo ein leidenschaftliches Plädoyer für solche Vergleiche, um europäische oder gar Weltgeschichte neu zu denken. Zugleich warnte er davor, die nationalen Vergleichseinheiten allzu getrennt zu betrachten. Ihm war als einem der Ersten klar, dass Verflechtung bedeutet: Die Geschichte eines Landes trägt unweigerlich Elemente der Geschichte anderer Länder in sich – als Ergebnis permanenter Begegnungen und ständigen Austauschs.
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Organisationsprinzip des CISH um Zusammenschlüsse von Fachleuten aus verschiedenen Ländern erweitert, die gemeinsam zu einem Thema arbeiteten: etwa zur Geschichte der Städte und Parlamente oder des Globalen Südens und der Revolutionen. Heute gibt es 54 Nationalverbände und 26 thematische Kommissionen. Hinzu kommen fünf interne Kommissionen auf dem Weg zur Vollmitgliedschaft, die noch eine globale Mitgliedschaft aufbauen – unter anderem zur Rolle von KI in der künftigen Geschichtswissenschaft.
Diese Form muss heute weiterentwickelt werden: Zum einen wächst die Zahl derjenigen, die sich nicht primär als Angehörige einer nationalen Geschichtswissenschaft, sondern als Teil einer transnationalen Fachgemeinschaft sehen. Zum anderen sind die nationalen Wissenschaftssysteme in manchen Weltregionen zu schwach, um regelmäßig die Teilnahme an weltweiten Aktivitäten zu sichern. Dadurch sind viele Historikerinnen und Historiker im Weltverband nicht angemessen repräsentiert. Die Statutendiskussion im Vorfeld des Leipziger Kongresses hat Lösungsvorschläge für dieses unleugbare Problem formuliert. Wir werden sehen, welche Resonanz sie finden.
Lea Middell : Aus meiner Perspektive als Doktorandin im Bereich Globalgeschichte und als Teilnehmerin des CISH-Kongresses 2022 in Poznań muss ich ehrlich sagen: Den meisten Studierenden ist das CISH kaum bekannt. Auch bei vielen etablierten Historikerinnen und Historikern spielt die Organisation keine besondere Rolle. Für meine Ausbildung war ich inzwischen in Großbritannien, Belgien, Südkorea, Irland und Nordirland. Mein Eindruck: Internationale Geschichte wird noch immer vor allem durch die nationale Brille gesehen. Wer transnational, regional oder global arbeitet, verfügt häufig über andere Netzwerke und Organisationen für den regelmäßigen Austausch.
Das CISH muss deshalb stärker darauf achten, die vielen Arten, Geschichte zu erforschen, zu repräsentieren und für sie attraktiv zu sein. In einer Zeit des direkten Kontakts über Social Media reicht es nicht mehr, nur über die Vorsitzenden der Mitgliedsorganisationen zu kommunizieren. Zu genau dieser Reflexion lädt die Konferenz mit ihrem Motto „The Past, the Present and the Future“ ein – verbunden mit der Neuwahl des Boards, dem zentralen Entscheidungsorgan des CISH. Persönlich wünsche ich mir, dass das CISH wieder stärker zu einem Ort produktiven wissenschaftlichen Streits und Uneinigseins wird – nicht, damit niemand mehr zu den Konferenzen kommt, sondern damit wir wieder lernen, Kompromisse zu schließen und kritischer zu argumentieren, statt nach einer vermeintlichen „historical truth“ zu suchen. Krisen lösen sich nicht durch Vereinfachung oder Vereinheitlichung, sondern durch Gespräche und Diversität.
- Geschichte war schon