Vittorio Magnago Lampugnani: Hochhaus und Stadtraum Zürich; Abstimmung über Hochhausrichtlinien am 27. September 2026

Vittorio Magnago Lampugnani: «Hochhaus und Stadtraum» | Hochparterre

login container Kontoübersicht Adressangaben Abos Bestellungen abmelden

Verlag Stellenplattform Über uns Publizistische Leitlinien Nachhaltigkeit Buchhandlung Mediadaten Sponsored Content Edition Hochparterre Sitzungszimmer mieten

Shop Stellenplattform Edition Hochparterre Hochparterre Hochparterre Wettbewerbe Themenhefte Werkplatz Spezial Neuerscheinungen Architekturführer Grundrissfibeln

Noch keine Artikel im Warenkorb Total Zur Kasse

Vittorio Magnago Lampugnani: «Hochhaus und Stadtraum»

Am 27. September stimmt Zürich über neue Hochhausrichtlinien ab. Damit steht eine alte Frage erneut zur Debatte: Was tragen Hochhäuser zur Stadt bei? In Zusammenarbeit mit dem BSA ZAGG publizieren wir eine Serie von Meinungsbeiträgen. Heute: Vittorio Magnago Lampugnani.

Im gegenwärtigen Diskurs um Dichte und Fächenersparnis nimmt das Hochhaus eine wichtige Rolle ein. Es liegt auf der Hand: je mehr die Nutzflächen gestapelt werden, desto weniger Platz in der Stadt beanspruchen sie. Überdies erhöhen sie die bauliche Ausnutzung der Grundstücke und damit ihre Wertschöpfung.

Die verlockende Strategie muss allerdings im Zusammenhang mit dem Stadtraum betrachtet werden. Hohe Häuser sind nicht nur statisch anspruchsvoll, technisch komplex und ökologisch problematisch: Sie verschatten und bedrängen auch den Stadtraum. Nicht zufällig positionierte Le Corbusier in seiner Ville Contemporaine von 1922 die 200 Meter hohen Wolkenkratzer mitten im zentralen Park, wo sie genügend Platz um sich herum hatten; die amerikanischen Hochhäuser befand er als zu aneinander gedrängt und zu niedrig, New York bezeichnete er als „wunderbare Katastrophe“.

Tatsächlich liegt die Faszination von Manhattan an der unerhörten Konzentration von Wolkenkratzern auf einer vergleichsweise kleinen Fläche; sie schafft ein großartiges städtebauliches Ensemble, freilich auf Kosten von schluchtartigen Straßen. Urbane Räume mit Aufenthaltsqualität erzeugt lediglich das Rockefeller Center mit seiner sorgfältig um die Sunken Plaza orchestrierten Komposition.

In der zeitgenössischen Stadt werden die Hochhäuser überwiegend eingesetzt, um eine wirtschaftlich attraktive hohe Ausnutzung zu erreichen respektive um die baurechtlich mögliche Ausnutzung vollständig auszuschöpfen; da diese für die jeweilige Parzelle berechnet wird, kommt es zur Addition von Überbauungen, die jeweils mit einem Hochhaus bestückt sind. Dieses wird unauffällig niedrig gehalten, um möglichst keine Widerstände der Nachbarn zu erregen, und als städtebaulicher Akzent gerechtfertigt, während es in Wahrheit nichts als ein ökonomisches Diagramm abbildet. Das Ergebnis ist eine unentschiedenes Auffüllen von Lücken, das die Straßen- und Platzräume beschädigt und das Bild der Stadt unglücklich verschleift

Wenig spricht für Hochhäuser in einer modernen Stadt. Sie sind nicht nur als Architekturtyp aufwändig, sie beeinträchtigen auch das Stadtklima massiv und schaffen kaum lösbare stadträumliche Probleme. Daher sollten sie ausschließlich dort eingesetzt werden, wo sie die Logik der Stadt neu lesbar machen. Sie sollten zu mehreren auftreten, so miteinander komponiert werden, dass sie attraktive öffentliche Räume generieren, und sich in ihrer Höhe klar, scharf und kühn von jener des übrigen Stadtbaukörpers absetzt. Nur dann können sie ihre Irrationalität rechtfertigen: Wenn sie der Stadt etwas schenken, was sie sonst nicht hat und sie nicht nur funktional und räumlich, sondern auch ästhetisch und emotional bereichert.

Vittorio Magnago Lampugnani ist Architekt BDA BSA, emeritierter Professor für Geschichte des Städtebaus an der ETH Zürich und Autor zahlreicher Bücher.

Hochparterre und der BSA ZAGG (Bund Schweizerischer Architektinnen und Architekten, Ortsgruppe Zürich, Aargau, Glarus, Graubünden) veröffentlichen ab dem 17. August eine Serie mit Meinungsbeiträgen zur zur Hochhaus-Debatte. Was können Hochhäuser zu einer zeitgemässen Stadt beitragen? Wo liegen ihre städtebaulichen, gesellschaftlichen räumlichen Qualitäten – und wo ihre Defizite? Was bedeutet der Bau neuer Hochhäuser fürs Klima, für die Wohnkrise und für die Raumentwicklung der Schweiz im Allgemeinen?

Hintergrund ist die bevorstehende Abstimmung in der Stadt Zürich vom 27. September 2026. Entschieden wird über die neuen Hochhausrichtlinien. Dabei steht der ursprüngliche Vorschlag des Stadtrats einer stark veränderten Vorlage des Gemeinderats gegenüber.

Der Stadtrat hatte die geltenden Hochhausrichtlinien aus dem Jahr 2001, den Ergänzungsplan und die BZO an heutige ökologische und soziale Anforderungen angepasst. Die stadträtliche Vorlage orientiert sich dabei an drei Höhenstufen für Hochhäuser: 40, 60 und 80 Meter. Jede Stufe hat spezifische Anforderungen, ab 80 Metern gilt eine Gestaltungsplanpflicht. Die mögliche Fläche für den Bau von Hochhäusern bleibt im Vergleich zum Ergänzungsplan von 2002 gleich gross. Innerhalb der Hochhausgebiete gibt es aber Verschiebungen: Neu werden sensible Gebiete wie Hanglagen und Quartierhaltungszonen ausgeschlossen. Dafür wird das Hochhausgebiet bis 40 Meter vergrössert. Das Gebiet für Hochhäuser bis 80 Meter wird zugunsten eines neu eingeführten 60‑Meter‑Gebiets verkleinert. Für Hochhäuser über 80 Meter braucht es wie bisher einen Gestaltungsplan und somit die Zustimmung von Stadt- und Gemeinderat.

Der Gemeinderat hat die Vorlage des Stadtrats umfassend verändert, indem er die Hochhausgebiete deutlich verkleinerte, insbesondere jene, in denen 40-Meter-Hochhäuser erlaubt wären. Schon ab 60 Meter hohen Häusern soll zudem eine Gestaltungsplanpflicht gelten. Ein 80-Meter-Hochhaus darf in der Version des Gemeinderats nur entlang der Gleise und in Oerlikon gebaut werden.

Eine Minderheit des Gemeinderats hat gegen die abgeänderte Vorlage das Referendum egriffen. Der Stadtrat schlägt als Gegenvorschlag die ursprüngliche Vorlage der BZO-Teilrevision vor. Deshalb entscheiden die Stimmberechtigten nun über die beiden Vorlagen. Die offiziellen Informationen zur Abstimmung sind hier zu finden.

In den kommenden Wochen publizieren wir auf Hochparterre täglich einen Meinungsbeitrag.

Wollen Sie ebenfalls zur Debatte beitragen? Textvorschläge nehmen wir unter redaktion @ hochparterre . ch gerne entgegen.

Hochparterre AG, Verlag für Architektur, Planung und Design

Telefon +41 44 444 28 88

Noch keine Artikel im Warenkorb

Badenerstrasse mit Blick auf die Hardau-Türme anno 1978 (Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Diskutieren Sie mit und schreiben Sie einen Kommentar