Martin Kotynek Interview zum zweijährigen Bestehen des Media Forward Fund in DACH-Raum; 450 Bewerbungen zeigen Bedarf und Vielfalt

Zwei Jahre Media Forward Fund: Interview mit Martin Kotynek

Wie der Media Forward Fund unabhängigen Journalismus stärkt

Unabhängiger Journalismus braucht nicht nur gute Inhalte, sondern auch tragfähige Geschäftsmodelle. Genau hier setzt der Media Forward Fund an. Initiiert wurde er 2024 von der Schöpflin Stiftung in Zusammenarbeit mit damals neun weiteren Stiftungen und einem Impact Investor; inzwischen haben sich weitere Organisationen angeschlossen. Das Ziel ist es, mit der Förderung unabhängiger Qualitätsmedien die Vielfalt im Journalismus und damit auch die Demokratie zu stärken. Dafür bündelt der Fund neue Fördermittel für den Journalismus in Deutschland, Österreich und Schweiz und unterstützt die Entwicklung von neuen Geschäftsmodellen in gemeinwohlorientierten Medien.

Wir haben mit Gründungsgeschäftsführer Martin Kotynek auf die ersten zwei Jahre des Media Forward Fund zurückgeblickt und ihn gefragt, welche Erfahrungen er gemacht hat, wo er Herausforderungen und Potenziale für gemeinwohlorientierte Medien sieht und wie sich der Fund zukünftig weiterentwickeln soll.

Vor zwei Jahren ist der Media Forward Fund gestartet mit dem Anspruch, für mehr Medienvielfalt im DACH-Raum zu sorgen. Seitdem haben sich hunderte Medienorganisationen bei euch beworben. Was sagt diese Resonanz über den Zustand des Journalismus aus? Martin Kotynek: Als wir gestartet sind, wussten wir noch gar nicht, ob unser Angebot angenommen wird. Die Resonanz hat uns dann total beeindruckt, nicht nur beim ersten Call, sondern fortlaufend in unseren bisher vier Ausschreibungen. Für mich zeigt das vor allem zwei Dinge: Es gibt im gesamten DACH-Raum eine enorme Vielfalt an Ideen für gemeinwohlorientierte Geschäftsmodelle und einen großen unternehmerischen Willen. Viele Medienschaffende gründen oder entwickeln bestehende Angebote weiter, weil sie überzeugt sind, dass unabhängiger Journalismus gerade jetzt gebraucht wird. Zweitens zeigen die bisher 450 Bewerbungen natürlich auch, wie groß der Bedarf an Unterstützung ist. An Ideen, den Journalismus tragfähig zu finanzieren, fehlt es nicht – es fehlt an den finanziellen Ressourcen, die Tragfähigkeit zu erreichen.

Im Bewerbungsprozess habt ihr Einblick in verschiedenste Geschäftsmodelle der Medienunternehmen bekommen. Welche Herausforderungen begegnen euch immer wieder und wo seht ihr Mut für Neues?

Martin Kotynek: Was uns im gesamten DACH-Raum begegnet: Viele Medien machen hervorragenden Journalismus, ihr Geschäftsmodell funktioniert im Kleinen gut. Aber es fehlt an Kapazitäten und Kapital, um diese Ansätze ins Wachstum zu bringen – etwa, um ihre Produkte weiterzuentwickeln, neue Zielgruppen zu erreichen oder ihre Daten strategischer zu nutzen. Gerade für kleinere Organisationen ist es essenziell, ihre journalistische Exzellenz noch stärker mit gemeinwohlorientertem unternehmerischem Denken zu verbinden.

Gleichzeitig gibt es spannende Ansätze jenseits der traditionellen Medienmodelle: Diese Medien entwickeln ihre Angebote konsequent aus den Bedürfnissen ihres Publikums heraus – sie müssen relevant sein, sonst bezahlt niemand dafür. Dabei experimentieren und lernen die Medien kontinuierlich, was funktioniert – und was eben nicht. Und so entstehen viel Innovationskraft und neue Erfolgsmodelle. Uns begegnen beispielsweise verschiedene Variationen eines Modells, das unsere Jurorin Lucy Kueng vom Reuters Institute for the Study of Journalism als »magisches Dreieck« bezeichnet: Newsletter schaffen Regelmäßigkeit, Podcasts stärken die Bindung zur Community und Veranstaltungen schaffen persönliche Begegnungen. Zusammen eröffnen sie neue Möglichkeiten, Menschen langfristig an ein Medium zu binden und unterschiedliche Erlösquellen aufzubauen.

Wie entscheidet die Jury, welche Idee oder welcher Ansatz eines Medienunternehmens das Potenzial hat, langfristig erfolgreich zu sein und welches damit gefördert wird?

Martin Kotynek: Im Mittelpunkt steht die Frage, ob ein Vorhaben das Potenzial hat, eine Medienorganisation nachhaltig weiterzuentwickeln. Voraussetzung dafür sind erste Belege, dass der Ansatz funktioniert und Nutzende erreicht. Die Jury will verstehen, welche Wirkung das Vorhaben entfalten soll und ob das Team zeigen kann, wie es realistisch dorthin gelangen will.

Die Jury besteht aus fünf unabhängigen Expert:innen aus allen drei DACH-Ländern und ist an einen festen Kriterienkatalog gebunden. Alle Zu- und Absagen werden transparent begründet. Unsere Geldgeber erfahren dabei erst im Nachhinein, wer sich beworben hat und wen die Jury ausgewählt hat. So stellen wir sicher, dass unsere fördernden Partner keinen Einfluss auf die Entscheidung der Jury nehmen können.

Beim Media Forward Fund geht es nicht nur ums Geld. Warum reicht finanzielle Förderung allein heute nicht mehr aus?

Martin Kotynek: Zukunftsfähiger Journalismus hängt nicht nur vom Geld ab. Viele Bewerber haben ähnliche Baustellen: Wie entwickle ich mein Produkt weiter? Wie gewinne ich Mitglieder? Wie nutze ich meine Daten sinnvoll und leite daraus Wachstumsmaßnahmen ab? Dieses Wissen muss sich nicht jede Organisation neu erarbeiten. Es ist in der Branche vorhanden, aber oft noch ungleich verteilt.

Unser Upskilling-Programm soll diesen Bedarf decken: Wir laden unsere Förderpartner, aber auch Bewerbende mit Potenzial zu unseren Upskilling-Angeboten ein, darunter zu zweitägigen thematischen Deep Dives, Learning Visits untereinander und 1:1-Coachings für Medienorganisationen. Themen sind beispielsweise Produktentwicklung, Community-Aufbau, Führungskultur, Datenstrategie und so weiter. Dadurch entsteht ein Mehrwert, den keine einzelne Förderung allein schaffen könnte. Alles, was unsere Förderpartner durch unsere gemeinnützige Förderung lernen, wird an die Öffentlichkeit weitergegeben, damit auch andere Medienschaffende davon profitieren können.

Ende des Jahres laufen die ersten Förderungen aus. Gibt es schon ein erstes Fazit zu den Förderpartnern der ersten Runde?

Martin Kotynek: Wir sehen, dass unsere geförderten Organisationen wichtige Entwicklungsschritte hin zur finanziellen Tragfähigkeit gemacht haben. Einige erreichen ihre Meilensteine schneller als geplant, bei anderen müssen Zwischenziele korrigiert werden. Auch das gehört für uns als junge Förderorganisation dazu, diese Erfahrungen in die Weiterentwicklung unseres Förderprogramms einzubringen.

Und die Zusammenarbeit soll nach der Förderung nicht enden. Die Organisationen bleiben Teil unseres Netzwerks und bringen ihre Erfahrungen wieder in unsere Community ein. Davon profitiert die gesamte Branche und wir stärken das Medienökosystem im gesamten DACH-Raum.

Der Media Forward Fund verfügt inzwischen über rund 20 Millionen Euro von 25 Förderern. Zu den anfangs rund zehn Stiftungen und einem Impact Investor sind weitere Partner aus Philanthropie und öffentlicher Hand dazugekommen. Wo soll sich der Fund hin entwickeln?

Martin Kotynek: Die Medienbranche verändert sich weiterhin rasant. Dabei müssen wir uns verstärkt der Frage widmen, wie KI die Wertschöpfung im Journalismus verändert. KI beeinflusst schon jetzt, wie journalistische Inhalte gefunden, genutzt und bezahlt werden. Das birgt Risiken, eröffnet aber auch neue Chancen. Und damit auch kleine gemeinwohlorientierte Medien diese Chancen nutzen können, brauchen sie Zeit zum Experimentieren, Kapital und den Austausch mit anderen. Dabei möchten wir künftig eine stärkere Rolle spielen.

Unser Ziel bleibt, dass unabhängiger Journalismus langfristig auf einer breiteren finanziellen Basis steht. Hans Schöpflin, Mitgründer des Media Forward Fund, sagt immer: »Der Journalismus braucht viel mehr Geld von viel mehr Menschen.« Dafür möchten wir weitere Partner aus Philanthropie und der öffentlichen Hand gewinnen, die den Journalismus in dieser akuten Medienkrise stärken wollen. Schon jetzt sind mit dem deutschen Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, dem Land Nordrhein-Westfalen und der Stadt Genf drei öffentliche Partner dabei. Gleichzeitig wollen wir dazu beitragen, dass Wissen über erfolgreiche Geschäftsmodelle schneller in der Branche zirkuliert. Der Fund soll deshalb nicht nur Förderer sein, sondern auch Plattform für Austausch, Lernen und Innovation.