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title: "Elisabeth Neumann spricht über Studium an der Universität Leipzig; Lumos-Moment mit 1.700 Taschenlampen."
sdDatePublished: "2026-08-20T08:10:00Z"
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Elisabeth Neumann spricht über Studium an der Universität Leipzig; Lumos-Moment mit 1.700 Taschenlampen.

Universität Leipzig: LEIPZIG ALUMNI – im Gespräch: Elisabeth Neumann

LEIPZIG ALUMNI – im Gespräch: Elisabeth Neumann

Als Juristin, Poetry-Slammerin und Absolventin der „Class of 2026“ spricht Elisabeth Neumann über ein Studium zwischen Bibliothek und Bühne, die Verbindung von Recht und Sprache – und darüber, warum ungewöhnliche Wege manchmal genau die richtigen sind. Bei der Graduierungsfeier der Universität Leipzig am 26. September 2026 hält sie die Abschlussrede der Absolvent:innen.

Wenn Sie auf Ihre Studienzeit an der Universität Leipzig zurückblicken: Welche Erfahrungen, Begegnungen oder Momente haben Sie besonders geprägt?

Da gab es in fünfeinhalb Jahren Unzählige. Es fühlt sich an, als hätte ich in der Zeit mindestens ein Dutzend verschiedener Leben gelebt. Wo beginne ich da nur?

Am besten am Anfang, denn der war in negativer Hinsicht sehr prägend. Ich habe mitten in der Pandemie angefangen zu studieren. Da ging im Grunde eineinhalb Jahre lang erst mal gar nichts. Ich war 18 Jahre alt und bereit für das Studileben, Bühnen und dafür, die Welt zu erobern, doch die stand still. Anstatt mit 800 anderen Erstis im Hörsaal, saß ich alleine zuhause vor dem Laptop und war mir sicher, mein Leben wäre vorbei. So hatte ich mir das alles gar nicht vorgestellt.

Mit dem Ende der Lockdowns ging es dann aber bergauf. Der nächste sehr prägende Moment war, als ich die Benachrichtigung zum Bestehen meiner letzten großen Übung bekommen habe. Ich war nach dem 4. Semester scheinfrei und hatte zum ersten Mal so richtig das Gefühl, dass das mit mir und einer juristischen Karriere doch wirklich etwas werden könnte.

Natürlich waren auch viele Erfahrungen, Begegnungen und Momente rund um die Poetry Slams sehr prägend, die nicht selten auch in Hörsälen stattfanden. Ich erinnere mich da an meine ersten Slam am Cospudener See, die erste 30-Punkte-Wertung, die ersten Gewinnertexte und natürlich den Sieg im Bundesfinale des Jura-Slams in Berlin. Von all diesen Momenten bleibt mir aber vor allem mein erster Jura-Slam in Hannover in Erinnerung. Meine Freunde sind bei der Applaus-Abstimmung vor Begeisterung für Standing Ovations aufgesprungen und dabei fast über die Pulte eine Reihe weiter nach vorne gefallen. Da kriege ich bis heute ein paar Freudentränchen in die Augen, wenn ich daran denke. Für mich ist dieser Moment der symbolische Inbegriff von echter Freundschaft und Unterstützung und war Beginn eines weiten und aufregenden Wegs beim Jura-Slam.

Eine der wichtigsten und prägendsten Begegnungen direkt an der Universität Leipzig war die mit Maria Garz von der Öffentlichkeitsarbeit der juristischen Fakultät. Ich hatte kurz nach besagtem Slam bei Instagram plötzlich eine Nachricht vom Instagram Profil der Fakultät bekommen. Die begann mit: „Hallo Elli, warum erfahre ich erst jetzt von deinem tollen Erfolg“. Sie hat mich gefragt, ob ich nicht mal einen Beitrag über den Jura-Slam machen will. Das habe ich getan, der kam gut an und kurz darauf hat man mir ein Mikro in die Hand gedrückt und ich habe Interviews geführt und Videos gedreht. Das brachte im Grunde den Stein für alles andere ins Rollen. So kam ich beruflich erst zur Semesterbetreuung und weiter zur Studienbotschaft. Die Videos über die Peotry-Slams kamen im Social-Media-Team der Uni gut an und irgendwann flatterte die erste Anfrage für die Moderation der Immatrikulationsfeier in mein Postfach und dann auch immer mehr externe Anfragen für Auftragstexte. Plötzlich war das alles kein kleines Hobby mehr, sondern ich war offiziell Moderatorin und Poetry-Slammerin. Der Rest ist Geschichte, wie man so schön sagt.

Ein absolut denkwürdiges Erlebnis, das sogar bis heute als Foto eingerahmt an meiner Wand hängt war der „Lumos-Moment“ im Gewandhaus, als ich zum ersten Mal die Immatrikulaitonsfeier moderiert habe. Das waren 1.700 Taschenlampen, die auf mein Zeichen hin zeitgleich nach oben leuchteten. In dieses Lichtermeer zu blicken, war der Wahnsinn und es bringt mich jedes Jahr aufs Neue zum Staunen.

Eine sehr wegweisende Zeit war auch die meiner Auslandaufenthalte. Dort gab es so viele Momente und Begegnungen, dass ich diese aus Platzgründen gar nicht alle aufzählen kann. Ganz besonders ist mir dabei jedoch einer der ersten Abende als Austauschstudentin in Lissabon in Erinnerung. Die typischen Themen waren in unserer Gruppe natürlich, wer welchen Schwerpunkt im Studium hat und was man neben dem Studium so macht. Ich weiß noch, wie ich damals noch recht durcheinander erklärt habe, dass mein Schwerpunkt das Medienrecht ist und ich nebenbei Slams und Moderationsaufträge habe und irgendwie auch Social-Media-Arbeit mache und ich hoffe, dass das alles Sinn ergibt und wirklich so funktionieren wird, wie ich mir das vorstelle. Ich beendete die Erklärung mit den Worten: „I don't know if this is the perfect plan, maybe the whole way I'm planning it is just stupid, but somehow it works.“ Darauf bekam ich von einem Studenten eine der besten Antworten, die ich jemals gehört habe: „If something is stupid but works, it isn’t stupid.“ Das ist ein Satz, der mich wirklich in fast jeder meiner Überlegungen und Handlungen auch bis heute prägt.

Neben Ihrem Jurastudium stehen Sie als Poetry-Slammerin und Moderatorin auf der Bühne. Was haben Ihnen diese beiden Welten – Recht und Sprache – für Ihren persönlichen Weg mitgegeben?

Aus dem rechtswissenschaftlichen Bereich nehme ich vor allem die strukturierte Herangehensweise an Probleme und Sachverhalte mit. Man sollte sich jede Situation und jedes Problem genauer anschauen, die wichtigsten Punkte liegen oft im Detail. Dabei ist es aber auch wichtig nach langen detailreichen Überlegungen einen Schritt zurück zu gehen und mit etwas Abstand auf das Ergebnis zu schauen und sich zu fragen: „Kann das so stimmen und fühlt sich das richtig an?“ Ich finde, diese Herangehensweise hilft mir auch persönlich sehr dabei, rational und objektiv Entscheidungen zu treffen und dennoch meiner Intuition zu vertrauen.

Aus dem Bereich des Slams und der Sprache nehme ich vor allem mit, dass es nicht nur entscheidend ist, was man sagt, sondern vor allem wie man Dinge formuliert. Sprache ist dabei sowohl eine Wissenschaft die man studieren, als auch ein Werkzeug, das man nutzen kann. Hier greifen Recht und Sprache für mich wunderbar in einander. Die juristische Vorgehensweise hilft dabei, die Wortwahl und den Ausdruck in Texten und Vorträgen zu analysieren. Umgekehrt hilft die Kenntnis über die Sprache dabei, eigene Argumente und Standpunkte entsprechend zu formulieren zu verteidigen.

Mir persönlich hat die Erfahrung im Umgang mit Recht und Sprache vor allem mitgegeben, nicht immer nur zu hören was jemand wörtlich gesagt hat, sondern auch besser zu verstehen was er damit ausdrücken will. Andersherum kann ich durch dieses Wissen oft selbst besser die richtigen Worte zu finden.

Sie vertreten bei der Graduierungsfeier die „Class of 2026“ mit der Absolvent:innenrede. Welche Gedanken, Hoffnungen und auch Herausforderungen verbinden Sie mit Ihrem Abschlussjahrgang?

Wir sind die Generation, die mehr Möglichkeiten hat, ihr Leben frei zu gestalten, als alle anderen davor. Es gibt so viele Studiengänge und Berufsrichtungen, wie noch nie. Das ist eine unsagbar große Chance, die einem manchmal dennoch wie eine Last auf den Schultern liegt. Wenn man sich nur zwischen zwei Wegen entscheiden kann, ist man mit seiner Entscheidung oft zufriedener, als wenn man die Wahl zwischen 2.000 Optionen hat. Das liegt einfach daran, dass man ständig in Sorge ist, nicht die richtige oder nicht die beste Entscheidung getroffen zu haben. So stehen wir jetzt alle mit unseren Zeugnissen in der Hand vor diesen gefühlten 2.000 Optionen, in welche Richtung unser Leben weitergehen soll.

Ich habe neulich zu diesem Thema eine schöne Ansicht gehört, die da lautete: „Es gibt nicht ‘die richtige’ Entscheidung. Du muss eine Entscheidung treffen und sie zur richtigen machen!“ Mit dem Studienabschluss haben wir, denke ich, alle schon einmal eine gute Entscheidung für einen zu uns passenden Weg getroffen. Jetzt ist es an uns, daraus weiterhin die richtige zu machen.

Trotz dieser unzähligen Möglichkeiten, die nach einem Universitätsabschluss nun vor einem liegen, ist eine weitere Herausforderung unseres Jahrgangs die Frage, wie der Einsatz künstlicher Intelligenz in Unternehmen den Arbeitsmarkt und -alltag beeinflussen wird.

Wir sind der Abschlussjahrgang, der seinen Kindern irgendwann erzählen wird: „Als ich angefangen habe zu studieren, gab es noch kein Chat GPT“, und zeitgleich besteht für viele aktuell die Sorge, ob der Einsatz künstlicher Intelligenz in Unternehmen nicht gerade viele Stellen für Berufseinsteiger ersetzen könnte.

Dass neue Techniken die Arbeitswelt verändern, steht außer Frage, jedoch bleibt in mir die Hoffnung, dass das unsere Fähigkeiten, die wir im Studium entwickelt haben, nicht ersetzt, sondern eher unterstützt. Ich erkläre das immer gerne an einem Beispiel. Wenn man Dummheit definieren möchte, könnte man sagen: „Dummheit bedeutet, zu wissen, dass etwas gefährlich ist und es trotzdem zu tun.“ Wenn man Mut definieren möchte, käme man jedoch zum selben Ergebnis. Eine KI kann diese Definitionen auch herausarbeiten, aber die juristische, die moralisch und ganz allgemein die menschliche Einordnung, ob etwas dumm oder mutig ist, die nehmen wir selbst vor.

In unserem Bereich sagt man gerne: „Jura beginnt dort, wo der Wortlaut aufhört“, und das ist die eigentliche Arbeit, die uns die KI nicht ab- und damit auch nicht wegnehmen kann.

Wenn Sie Ihre Studienzeit an der Universität Leipzig in einem Poetry-Slam-Titel zusammenfassen müssten – wie würde dieser lauten und warum?

„Zwischen Bühnen, Bib und Backen“: Das war fast während des gesamten Studiums die erste Zeile meiner „Instagram-Bio“ und das trifft es als Zusammenfassung sehr gut. Es gab Wochen, in denen habe ich Donnerstagmittag für die Arbeit Videos gedreht, stand am Abend auf der Bühne in der Moritzbastei und habe Texte über Social-Media und Ziegen vorgelesen, saß am Freitag früh in der Bibliothek, um für eine Medienrechtklausur zu lernen, war später mit Freunden auf der Karli und habe am Samstag Zitronenmuffins mit meinen WG-Mädels gebacken.

Diese Kombination klingt absurd, ist aber zum Schluss das, was für mich funktioniert hat. Manchmal war ich auf der Fahrt zu einem Auftritt und hatte endlich genug gedanklichen Abstand für den „Aha-Moment“ zu juristischen Themen. Ab und an saß ich mit Bekannten in der Mensa und dachte mir mitten im Gespräch: „Das wäre ein richtig gutes Thema für einen Slamtext“ und ganz oft war zuhause mit Freunden oder Familie Kuchen zu backen genau die Entspannung und das Gefühl von Geborgenheit, das ich gebraucht habe, um danach wieder weiter Texte zu schreiben und für das Examen zu lernen.

Elisabeth Neumann ist 24 Jahre alt und hat an der Universität Leipzig Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Medienrecht studiert. Während ihrer Studienzeit war sie im Fachschaftsrat, engagierte sich im Team der Semesterbetreuung und war als Studienbotschafterin der Universität Leipzig und als Strafrechtdozentin bei einem Repetitorium tätig. Zudem leistete sie Freiwilligenarbeit in Indonesien und verbrachte einen Austauschaufenthalt in Portugal. Ein besonderes Talent hat Elisabeth Neumann für öffentliche Auftritte. Seit 2021 tritt sie als Poetry-Slammerin in ganz Deutschland auf und war Deutsche Meisterin im Jura-Slam 2024. Derzeit moderiert sie Veranstaltungen und ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer internationalen Kanzlei in Berlin tätig.

Erstellt von: Die Fragen stellte Christin Kieling.

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