Bayindir, Schreyögg, Busse Klinikübernahmen in Deutschland; 1,24 Prozentpunkte Rückgang ~10% relativ

Rückgang der Herzinfarkt-Sterblichkeit durch Klinikübernahmen - Bundesverband Deutscher Privatkliniken e.V.

Rückgang der Herzinfarkt-Sterblichkeit durch Klinikübernahmen

Wenn ein Krankenhaus den Träger wechselt, sind damit nicht selten Befürchtungen über Einsparungen und schlechtere Versorgung verbunden. Eine bundesweite Studie von Dr. Esra Eren Bayindir und Prof. Dr. Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics (HCHE) der Universität Hamburg sowie Prof. Dr. Reinhard Busse von der Technischen Universität Berlin (TUB) kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Nach Übernahmen können sich die Überlebenschancen von Menschen mit akuten Notfällen wie dem Herzinfarkt verbessern. In übernommenen deutschen Kliniken ging die 30-Tage-Sterblichkeit nach einem akuten Herzinfarkt um 1,24 Prozentpunkte zurück. Bezogen auf eine Ausgangssterblichkeit von 12,82 Prozent entspricht das einer relativen Verringerung von rund zehn Prozent. Die Ergebnisse wurden in The Lancet Regional Health – Europe veröffentlicht.

Zusätzliche Investitionen bewirken bessere Behandlungsqualität

Untersucht wurden deutsche Krankenhäuser und die Entwicklung der Behandlungsqualität nach einem Trägerwechsel. Die Wissenschaftler sehen einen möglichen Grund für die Entwicklung in zusätzlichen Investitionen, die nach einer Übernahme in Kliniken fließen können. Anders als in Gesundheitssystemen, in denen Zusammenschlüsse teilweise über höhere Preise finanziert werden, sind die Vergütungen stationärer Leistungen in Deutschland weitgehend reguliert.

Für neue Träger kann es daher attraktiver sein, die vorhandenen Mittel in die Ausstattung und Infrastruktur eines Krankenhauses zu investieren. Gerade bei der Herzinfarktversorgung können solche Maßnahmen unmittelbare Bedeutung haben. Ein Beispiel sind Herzkatheterlabore, die eine schnelle interventionelle Behandlung ermöglichen.

Nach Einschätzung von Jonas Schreyögg vom Hamburg Center for Health Economics spielt dabei eine standardisierte und stark infrastrukturbasierte Versorgung eine wichtige Rolle. Verbesserungen an der technischen Ausstattung könnten sich deshalb vergleichsweise schnell auf die Behandlungsqualität auswirken.

Bei Schlaganfallpatienten kein entsprechender Effekt

Ein vergleichbarer Zusammenhang zeigte sich bei der Untersuchung der Schlaganfallversorgung nicht. Für diese Patientengruppe konnten die Forscher nach Klinikübernahmen keine signifikante Verbesserung der Überlebenschancen feststellen. „Der Unterschied zwischen Herzinfarkt und Schlaganfall zeigt, dass Kapital allein nicht immer ausreicht“, erklärt Prof. Dr. Jonas Schreyögg, Co-Autor der Studie und Wissenschaftlicher Direktor des HCHE. „Herzinfarktversorgung hängt stark von einzelner, gut standardisierter Infrastruktur ab – ein Herzkatheterlabor wirkt vergleichsweise schnell. Schlaganfallversorgung braucht dagegen eingespielte, interdisziplinäre Teams und Prozesse, die sich nicht von heute auf morgen aufbauen lassen. Unsere Ergebnisse sind deshalb kein pauschales Plädoyer für mehr Klinikfusionen. Sie zeigen aber: Im richtigen regulatorischen Umfeld können Übernahmen unterkapitalisierten Häusern den Zugang zu notwendigen Investitionen eröffnen.“

Als mögliche Erklärung führen sie die unterschiedlichen Anforderungen der Behandlung an. Eine gute Schlaganfallversorgung ist nicht allein von technischer Ausstattung abhängig. Entscheidend sind unter anderem abgestimmte Abläufe sowie die Zusammenarbeit verschiedener medizinischer und therapeutischer Fachrichtungen. Solche Strukturen lassen sich nach Einschätzung der Forscher nicht kurzfristig etablieren.

Die Ergebnisse liefern damit differenzierte Evidenz für die gesundheitspolitische Diskussion um Krankenhausstrukturen: Für kapitalintensive, standardisierte Notfallversorgung wie die Herzinfarktbehandlung können Krankhausübernahmen rasche Qualitätsverbesserungen ermöglichen. Für komplexere, koordinationsabhängige Versorgungspfade wie die Schlaganfallbehandlung braucht es zusätzlich gezielte Integrationsstrategien, die über reine Kapitalinvestitionen hinausgehen.

Die Studie basiert auf öffentlich zugänglichen strukturierten Qualitätsberichten und Krankenhausverzeichnissen. Die Qualitätsindikatoren zu Mortalität und Wiederaufnahmeraten wurden vom Wissenschaftlichen Institut der AOK (WIdO) bereitgestellt. Die Studie “Hospital acquisitions and 30-day mortality after acute myocardial infarction and stroke in Germany: a quasi-experimental cohort study” lesen Sie hier .