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title: "Erfurter Lachse richten Kin-Ball-EM in Erfurt; 300+ Aktive, 26 Teams, 7 Nationen"
sdDatePublished: "2026-08-21T11:45:00Z"
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Erfurter Lachse richten Kin-Ball-EM in Erfurt; 300+ Aktive, 26 Teams, 7 Nationen

Mit ganz viel Pioniergeist den Weg aus der Nische finden

Mit ganz viel Pioniergeist den Weg aus der Nische finden

In Erfurt finden vom 26. bis 29. August die Europameisterschaften im Kin-Ball statt. Knapp 400 Menschen sind in Deutschland in dem Exotensport organisiert. Aber die Organisatoren des Turniers haben große Pläne und hoffen auf den Durchbruch.

Es gibt viele Wege, die Menschen zu der Sportart führen, die am besten zu ihnen passt. Doch der, den Minh Dam Hai gewählt hat, ist schon ein besonders verschlungener. Seit seiner Kindheit hatte der 32-Jährige Fußball gespielt, doch weil zunehmende Respektlosigkeiten und ein Mangel an Fair Play seine Leidenschaft für der Deutschen liebsten Sport abkühlen ließen, entschloss er sich im Jahr 2019, auf die Suche nach einem Ersatz zu gehen. „Mit ein paar Freunden habe ich dann auf Wikipedia die Liste der anerkannten Sportarten durchgeschaut und nach einer besonders exotischen gesucht, die zu mir passt und mit der ich möglichst schnell erfolgreich werden könnte. So bin ich beim Kin-Ball hängen geblieben“, erzählt er. Dass er sieben Jahre später nicht nur Nationalspieler, Trainer und Vereinsvorstand sein, sondern auch eine Europameisterschaft ausrichten würde, hätte er sich damals trotz allen Ehrgeizes kaum ausmalen können.

In der kommenden Woche ist es aber so weit. In der Erfurter Riethsporthalle kommen vom 26. bis 29. August die besten Teams des Kontinents zusammen, um ihre Meister zu ermitteln. Bei den Männern sind sieben Nationen am Start, fünf sind es bei den Frauen. Parallel dazu werden die International Open ausgetragen; ein europäischer Vereinswettbewerb, aufgeteilt in eine Amateur- und eine Profikategorie, bei dem insgesamt 26 Teams an den Start gehen, fünf davon aus Deutschland. Mehr als 300 Aktive kommen dadurch zusammen. Ein organisatorischer Aufwand, der für den als Ausrichter fungierenden lokalen Verein Erfurter Lachse mit seinen 60 Mitgliedern, dem Minh Dam Hai seit der Gründung im Frühjahr 2021 vorsteht, eine große Herausforderung darstellt. „Wir planen seit November 2025. Das Kern-Organisationsteam umfasst vier Leute, aber wir haben zum Glück viele Freiwillige, die uns helfen“, sagt der Vorstandsvorsitzende, der im Hauptberuf als Vertriebler im Außendienst für einen Wärmepumpenhersteller arbeitet.

Kin-Ball wurde in den 1980er-Jahren in Kanada erfunden

Wer sich nun fragt, was Kin-Ball überhaupt ist, steht mit dieser Frage keineswegs allein da. Der Mitte der 1980er-Jahre in Kanada von Studenten erfundene Wettkampf, der weltweit von rund drei Millionen Menschen betrieben wird, ist in Deutschland das, was man als Paradebeispiel für einen Nischensport bezeichnen kann. Der 2019 gegründete Deutsche Kin-Ball Verband zählt aktuell knapp 400 Mitglieder, die sich auf 16 Vereine aufteilen. Es gibt zwar einen Bundesliga-Spielbetrieb, aber noch keine Landesverbände. Auf dem Deutschen Turnfest 2004 wurde Kin-Ball erstmals in Deutschland vorgestellt, vier Jahre später war Saarlouis erster – und bis zu dieser Woche einziger – deutscher EM-Ausrichter.

Was den Sport einzigartig macht: Es treten drei Mannschaften gleichzeitig auf einem rund 20-mal 20 Meter großen Spielfeld gegeneinander an. Vier Spieler*innen pro Team – auf Vereinsebene sind gemischte Mannschaften erlaubt, bei der EM wird nach Geschlechtern getrennt gespielt – müssen verhindern, dass der Ball den Boden berührt, wenn sie in der Verteidigung sind. Der Ball ist kein gewöhnlicher Ball, sondern hat einen Durchmesser von 1,22 Metern, weist aber dank einer von einer Nylonhülle überzogenen Latexblase gute Flugeigenschaften auf und wiegt nicht einmal ein Kilogramm.

Mir gefällt auch sehr, dass Kin-Ball so inklusiv ist. Nicht alle im Team müssen besonders athletisch sein, gut schlagen und einen Überblick haben geht auch ohne viel Kondition oder Athletik. Minh Dam Hai Organisator der Kin-Ball-EM Vorsitzender der Erfurter Lachse

Mir gefällt auch sehr, dass Kin-Ball so inklusiv ist. Nicht alle im Team müssen besonders athletisch sein, gut schlagen und einen Überblick haben geht auch ohne viel Kondition oder Athletik.

Die vier Spieler*innen des angreifenden Teams bilden eine Angriffszelle. Einer von ihnen schlägt den Ball mit den Armen auf. Im Moment des Schlages müssen die anderen drei Kontakt mit dem Ball haben. Vor dem Schlag ruft einer der Angreifenden das Signalwort „Omnikin“ und die Farbe des Teams, das angegriffen wird. Die aufgerufene Mannschaft versucht, den Ball so unter Kontrolle zu bringen, dass er nicht den Boden berührt. Dabei dürfen alle Körperteile eingesetzt werden. Gelingt ihr dies, darf sie angreifen. Schafft sie es nicht, erhalten die beiden anderen Mannschaften einen Punkt und die aufgerufene Mannschaft erhält das Aufschlagsrecht. Gespielt wird in Sätzen bis elf Punkte. Bei der EM sind vier Gewinnsätze vorgeschrieben, auf Clubebene wird über vier Sätze gespielt.

Den besonderen Reiz, den Kin-Ball auf ihn ausübt, beschreibt Minh Dam Hai, der als Sohn vietnamesischer Eltern in Thüringen geboren wurde, in erster Linie als „eine Mischung aus Respekt, Fairness, Kooperation und Action. Der Ball ist genauso einzigartig wie der Fakt, dass drei Teams gleichzeitig gegeneinander antreten. Und mir gefällt auch sehr, dass Kin-Ball so inklusiv ist. Nicht alle im Team müssen besonders athletisch sein, gut schlagen und einen Überblick haben geht auch ohne viel Kondition oder Athletik. Außerdem gibt es keinen Raum für One-Man-Shows, weil alle vier Aktiven eingebunden sein müssen, wenn man erfolgreich spielen will. Teamwork und Gemeinschaftssinn sind extrem wichtig“, sagt er.

Das EM-Turnier in Erfurt kann kostenlos besucht werden

Wer nun Lust verspürt, sich den Exotensport einmal live anzuschauen, hat in Erfurt die beste Gelegenheit dazu. „Dank der Unterstützung durch die Stadt, den Stadtsportbund, den Landessportbund Thüringen und einige Sponsoren können wir es möglich machen, die Sportbegeisterten kostenlos zu uns einzuladen. Zudem werden alle Partien auf YouTube gestreamt“, sagt Minh Dam Hai. Alle Informationen dazu und zum Spielplan gibt es auf der Veranstaltungs-Website kinball-euro2026.de .

Die große Hoffnung der Organisatoren ist, mit der EM-Ausrichtung in neue Sphären der Bekanntheit vorzustoßen. Ihre Motivation und der Wunsch für die Zukunft ist es, Mitglied im DOSB zu werden (Bedingungen für die Aufnahme sind hier zu finden). Dafür braucht es zunächst Strukturen auf Landesebene, in Thüringen soll der erste Landesverband gegründet werden. Im Raum Erfurt sind sie bereits viel an Schulen aktiv, um ihrem Sport zu mehr Nachwuchs zu verhelfen. Mittelfristig hoffen sie auf die Aufnahme ins Programm der World Games, der Weltspiele der nicht-olympischen Sportarten. „Und ganz tief in mir träume ich davon, mit Kin-Ball zu Olympia zu kommen. Wahrscheinlich nicht mehr als Spieler, aber vielleicht als Trainer“, sagt Minh Dam Hai. Es wäre ein weiterer verschlungener Weg, aber damit kennt er sich ja aus.