Forscherinnen und Forscher von WSL und SLF in der Schweiz beantworten häufige Fragen zur Trockenheit 2026; Rheinschifffahrt stark eingeschränkt Kaub Engpass
Trockenheit 2026: Häufige Fragen und Antworten
Medienmitteilung Veröffentlicht am 24. August 2026
Trockenheit 2026: Häufige Fragen und Antworten
Birmensdorf, 24.08.2026 — Waldbäume färbten sich schon im Juli braun, Gewässer haben rekordtiefe Wasserstände: Der Sommer 2026 war extrem trocken und heiss. Forscherinnen und Forscher von WSL und SLF antworten auf häufige Fragen.
Wie aussergewöhnlich ist die Situation diesen Sommer?
Die Situation ist sehr aussergewöhnlich. Wir beobachteten schon im Juli in der Schweiz an vielen Flüssen rekordtiefe Messwerte. Der Aabach (LU
AG) hatte so tiefe Wasserstände wie noch nie seit Start der Aufzeichnungen und der Füllstand des Hallwilersees (AG) war so tief wie noch nie im Juli.
In der Schweiz lagen die Niederschläge insbesondere im Mittelland deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt. Gleichzeitig sind Temperaturen häufig über den üblichen Wert in dieser Jahreszeit. Statistisch gesehen lagen die Werte gegen Ende Juni in einem Bereich, der alle zwei bis alle zehn Jahre vorkommt – teilweise auch seltener. Die Auswirkungen zeigen sich unter anderem in den trockenen Böden, in den tiefen Wasserständen von Gewässern und Grundwasser. Die Situation hat sich seit Mitte Juli weiter verschärft.
Die Trockenheit wird durch eine Kombination mehrerer Faktoren verursacht: geringe Schneefälle in den Alpen während des Winters, deutlich unterdurchschnittliche Niederschläge in Mitteleuropa seit April sowie mehrere ausgeprägte Hitzewellen, die nahezu den gesamten Alpenraum betroffen haben.
Wo ist die Situation am schlimmsten, wo etwas weniger?
Auf der nationalen Trockenheitsplattform des Bundes zeigt sich, dass der grösste Teil der Schweiz von einer extremen Trockenheit betroffen ist. Zwar konnten die Alpenregionen noch bis vor Kurzem etwas von der Schneeschmelze profitieren. Da jedoch auch diese in diesem Jahr spärlich ausgefallen ist, ist es auch in Bergbächen aussergewöhnlich trocken für diese Jahreszeit.
Kann man von einer Dürre sprechen?
Von Trockenheit reden wir bei einer Periode mit deutlich unterdurchschnittlichem Niederschlag, die zu Wasserdefiziten im Boden, in Gewässern und in Grundwasserführungen führt, und damit die natürlichen und menschlichen Systeme beeinträchtigt. Dabei wird zwischen verschiedenen Arten von Trockenheiten unterschieden, die sich in ihrer Entstehung und Auswirkungen unterscheiden. Man spricht von meteorologischer , landwirtschaftlicher oder hydrologischer Trockenheit. Hält eine Trockenheit über längere Zeit an, wie derzeit seit mehr als vier Monaten, spricht man in einem Klima wie dem der Schweiz von einer Dürre.
Wie lange und heftig müsste es regnen, damit wieder Normalität einkehren würde?
Kurzzeitige Niederschläge verbessern die Situation nur teilweise. Oberflächen-Gewässer reagieren schnell auf Regen, Grundwasser und tiefe Bodenschichten benötigen hingegen eine längere Regenerationszeit. Für eine nachhaltige Entspannung der Lage braucht es also länger anhaltende und grossflächige Niederschläge. Diese sollten nicht zu intensiv sein, da es sonst lokal auch zu Oberflächenabfluss und Überschwemmungen kommen kann. Intensiver Regen ist generell ein Problem, da er oft die Versickerungskapazität des Bodens übersteigt. Dies gilt sowohl für trockene wie auch feuchte Phasen. Dieser Effekt kann verstärkt werden, wenn Flächen versiegelt sind. Eine optimale Vorbereitung setzt somit bei der Landnutzung an.
Wie wirkt sich die Trockenheit aus?
Im August 2026 waren Flüsse und Seen von einem starken Wasserdefizit betroffen; bei den vom Bund gemessenen Grundwasserständen sind rund die Hälfte der Standorte unterdurchschnittlich. Die Wasserknappheit wirkt sich entsprechend auf praktisch sämtliche Sektoren der Wasserwirtschaft aus. Beispielsweise gibt es Einschränkungen bei der Wasserentnahme aus den Flüssen. Das heisst, dass die Landwirtschaft nicht mehr im gewohnten Umfang bewässern kann. Etliche Alpbetriebe mussten Kühe unerwartet früh wieder ins Tal bringen, weil das Wasser und das Futter knapp geworden waren. Zudem sind viele Betriebe gezwungen, bereits jetzt ihre Winterfutterreserven zu nutzen. Infolgedessen reduzieren einige Bauernbetriebe ihre Tierbestände.
Auch der tiefe Wasserstand des Bodensees bereitet Schwierigkeiten: Teilweise liegen private Schiffe nicht mehr im Wasser. Auch die Rheinschifffahrt für den Warentransport von der Nordsee in die Schweiz kann nur noch einen kleinen Teil der üblichen Ladung transportieren. Bei Kaub (D), einem Engpass des Rheins, droht die Schifffahrt vorübergehend sogar zum Erliegen zu kommen.
Auch Fische und andere Flusslebewesen leiden unter den tiefen Wasserständen. Spätestens ab 25 Grad steigt die Sterblichkeit der allermeisten Fische deutlich an. Zudem sind sie gestresst und können sich schlechter fortpflanzen. Fische sind auf kühle Rückzugsorte angewiesen - mit sinkenden Wasserständen gehen diese Rückzugsorte jedoch zunehmend verloren. Der Schweizerische Fischerei-Verband berichtet von zahlreichen Abfischungen und rekordhohen Fischsterben.
Welche Auswirkungen gibt es für das Grundwasser und die Trinkwasserversorgung?
Langanhaltende Trockenphasen wie diese beeinflussen auch die Grundwasserstände. Diese reagieren in der Regel zwar nur langsam. Hält ein Niederschlagsdefizit jedoch lange genug an, können Grundwasserpegel absinken. Tiefe Grundwasserstände können sich negativ auf Quellschüttungen und damit die Menge an Wasser auswirken, welche für die Trinkwasserversorgung zur Verfügung stehen. Die aktuelle Wasserverfügbarkeit kann die Nachfrage nicht vollständig decken. Dies ist die Definition von Wasserknappheit.
Hat die Trockenheit auch Folgen für die Stromversorgung?
Die aktuelle Trockenheitsperiode stellt für die Schweizer Stromversorgung derzeit keine Bedrohung dar. Zwar füllen sich die alpinen Speicherseen langsamer als üblich und zwei von vier Schweizer Atomkraftwerken (AKW) mussten aufgrund der hohen Wassertemperaturen zeitweise ihre Leistung drosseln oder vorübergehend vom Netz genommen werden. Gleichzeitig erweist sich der seit 2020 rasch fortschreitende Ausbau der Photovoltaik als wertvoller Beitrag zur aktuellen Stromversorgung. An sonnigen Tagen trägt die Solarstromproduktion während der Mittagsstunden regelmässig mehr als die Hälfte der nachgefragten Leistung bei; in den Abend- und Nachtstunden übernimmt die Wasserkraft die zentrale Rolle. Zudem liegt der Stromverbrauch in der Schweiz im August üblicherweise auf dem tiefsten Stand des Jahres.
Auch mit Blick auf den kommenden Winter, wenn die Stromnachfrage ihren saisonalen Höchststand erreicht, bestehen derzeit keine akuten Anzeichen für eine kritische Versorgungslage. Zwar schreitet die Auffüllung der Speicherseen langsamer voran als in durchschnittlichen Jahren, die Speicherstände steigen jedoch weiterhin. Die Schweizer Speicherkraftwerke übernehmen die Aufgabe, Wasser aus dem Sommer in die Wintermonate zu verlagern, um Winterstrom zu erzeugen.
AKW : In der Schweiz sind derzeit vier AKW in Betrieb. Die beiden kleineren Reaktorblöcke des Kernkraftwerks Beznau (je rund 365 MW installierte Leistung) mussten in den vergangenen Wochen wiederholt ihre Leistung gedrosselt oder zeitweise vom Netz genommen werden. Grund dafür waren die hohen Wassertemperaturen der Aare, deren Wasser zur Durchlaufkühlung genutzt wird. Dies ist ab 25°C Wassertemperatur der Fall.
Fotovoltaik : Seit 2020 findet in der Schweiz ein rascher Ausbau der Fotovoltaik statt. Dadurch ist ihr Anteil an der jährlichen Stromproduktion von rund 4.5 Prozent auf inzwischen etwa 14 Prozent gestiegen. Diese Entwicklung erweist sich insbesondere im aktuellen trockenen und sonnigen Sommer als wertvoll, da die hohe Sonneneinstrahlung zu einer überdurchschnittlichen Solarstromproduktion führt und damit die geringere Produktion einzelner Wasserkraftwerke und AKW kompensieren kann.
Wasserkraft : Die 10 Prozent grössten Wasserkraftwerke der Schweiz erzeugen mehr als 90 Prozent der jährlichen Wasserkraftproduktion. Diese grössten Anlagen befinden sich überwiegend an den grossen Flüssen des Mittellands oder nutzen in den Alpen die hohen Fallhöhen zur Stromerzeugung. Da die grossen Flüsse im Mittelland derzeit deutlich weniger Wasser führen als im langjährigen Mittel, können viele Laufwasserkraftwerke nur mit reduzierter Leistung produzieren. Die alpinen Speicherkraftwerke profitieren hingegen teilweise von der verstärkten Schnee- und Gletscherschmelze, wodurch ein Teil des fehlenden Niederschlags kompensiert werden kann. Die beobachteten Daten zeigen, dass die Wasserkraft zurzeit nach wie vor während des gesamten Tages Strom erzeugt. Auffällig ist jedoch, dass der grösste Anteil der Produktion in nur einem Peak (normalerweise sind es 2-3 Peaks), in den Abend verlagert wird – also in die Zeit, in der die Photovoltaik keinen Beitrag mehr leisten kann. Dieses Produktionsmuster ist relativ neu und lässt sich sowohl auf die geringeren Abflussmengen als auch auf den starken Ausbau der Photovoltaik in den vergangenen Jahren zurückführen.
In einer unserer neusten Studie (under review) zeigen wir exemplarisch, dass ein Energiemix aus verschiedenen erneuerbaren Energiequellen einen wesentlichen Beitrag zu einer resilienten Elektrizitätsversorgung leisten kann. Die unterschiedlichen Energiequellen ergänzen sich sowohl saisonal als auch wetterbedingt:
In sonnigen und trockenen Sommerperioden übernimmt die Photovoltaik einen grossen Teil der Stromproduktion. In niederschlagsreichen Perioden steht der Wasserkraft mehr Energie zur Verfügung. Im Winter könnte die Windenergie einen wichtigen Beitrag leisten, da ihre Produktion häufig dann hoch ist, wenn die Solarstromerzeugung gering ausfällt.
Obwohl Windkraft gerade im Winterhalbjahr wertvolle Beiträge zur Stromversorgung leisten könnte, fehlt in der Schweiz derzeit die gesellschaftliche Akzeptanz für einen raschen Ausbau.
Es gibt Nutzungskonflikte zwischen den verschiedenen Sektoren, beispielsweise zwischen der Energieproduktion und der Landwirtschaft. Der Energiesektor will das Wasser bis im Winter in den Speicherseen speichern, um es dann bei höheren Preisen für die Stromproduktion zu nutzen. Für die Landwirtschaft wäre es hingegen ideal, wenn das Wasser zur Bewässerung im Sommer verfügbar wäre. Wie solche Nutzungskonflikte gelöst werden sollen, ist im Moment nicht geklärt.
Trockenheit beschäftigt die Schweiz seit etwas mehr als 20 Jahren und wird erst seit 2022 offiziell als Naturgefahr anerkannt. Seit einem Jahr informiert der Bund über die nationale Trockenheitsplattform. Zudem befindet sich der Bund in der Anfangsphase der Ausarbeitung einer nationalen Wasserstrategie. Diese soll Ansätze und Orientierung dafür liefern, wer wann und wo Wasser nutzen darf und wie in Trockenheitssituationen priorisiert werden soll. Die Herausforderung ist, dass Trockenheitsmanagement multidimensional ist und dadurch so viele Akteurinnen und Akteure im Spiel sind. Das neu gestartete NCCR-Clim+-Projekt wird nebst zahlreichen anderen Aspekten der Forschungsfrage nachgehen, auf welcher räumlichen Ebene die Wasserverteilungsfrage angegangen werden soll. Die Gewässerhoheit liegt jedoch meist bei den Kantonen.
Wie lassen sich solche Konflikte lösen?
Kurzfristig gilt es vor allem, den Wasserverbrauch zu senken. Insbesondere die Landwirtschaft, als eine der grössten Wasserverbraucherinnen, ist gefordert, effizientere Bewässerungssysteme einzusetzen oder trockenheitsresistentere Kulturen anzubauen, die weniger Wasser benötigen.
Mittelfristig ist eine Anpassung der Konzessionen (Wassernutzungsrechte) für Wasserkraftwerke denkbar. Diese könnten an bestimmte Bedingungen geknüpft werden, etwa daran, dass bei ausgeprägter Trockenheit ein grösserer Teil des Wassers als heute in die Gewässer abgegeben werden muss, ohne dabei die Planungssicherheit der Betreiber übermässig zu beeinträchtigen.
Langfristig ist es sinnvoll, mehr Wasser in der Landschaft zu speichern, sei es in Städten, Wäldern, Böden oder im Grundwass