Apotheken erhalten zweistufige Honoraranpassung in Deutschland; Gegengerechneter Abschlag ab 2027 nötig.
Apotheken zwischen Existenzdruck und Erneuerung
- LAV
Apotheken zwischen Existenzdruck und Erneuerung
Der Blick über den Tellerrand mit LAV-Beirat Jan Reuter
Die dringend benötigte Honoraranpassung für die Apotheken ist in zwei Schritten politisch durchgesetzt, wenngleich eine Anhebung des Abschlags ab 2027 gegengerechnet werden muss. Die wirtschaftliche Lage vieler Betriebe dürfte das neue Fixum dennoch verbessern. Der Blick nach vorn zeigt neben der wirtschaftlichen Entwicklung auch, dass die Politik die Apotheken besser und breiter in Versorgungsaufgaben einbinden will: Von den erweiterten Impfangeboten über eine Reihe neuer pharmazeutischer Dienstleistungen bis zur assistierten Telemedizin.
Vor diesem Hintergrund sind auch Stimmen, wie die von LAV-Beirat Jan Reuter (Apotheker aus Waldürn) wichtig, die von neuen Chancen und größeren unternehmerischen Spielräumen für Apotheker:innen sprechen. Apotheker Jan Reuter aus Waldürn vertritt diesen Ansatz aus Überzeugung: Nicht warten und jammern, sondern handeln. In einem vieldiskutierten Beitrag auf Linkedin hat er unlängst persönlich beschrieben, wie sich durch neue Angebote und eine veränderte Kommunikationskultur das Niveau seiner Apotheke spürbar verändert hat. Im Interview mit den LAV-Nachrichten ordnet er seine Position ein – und stellt sich auch der kritischen Frage, wie realistisch sein Weg für die Breite der Apothekerschaft ist.
Herr Reuter, viele Apotheken kämpfen nach wie vor mit den wirtschaftlichen Gegebenheiten oder Personalknappheit und Sie gehen nach vorn mit der Aufforderung, dass Apotheken mehr und neue Leistungen anbieten sollen. Gibt’s da nicht auch Gegenwind von Kolleginnen und Kollegen?
Ich kann nachvollziehen, dass mein Ansatz bei manchen Kolleginnen und Kollegen für Fragezeichen sorgt. Und ich will die Situation auch gar nicht schönreden. Viele stehen wirtschaftlich weiter unter Druck. Mir geht es aber ausdrücklich nicht darum, die bestehenden Probleme zu relativieren oder durch unternehmerische Aktivität „wegzulösen“. Gleichzeitig sehe ich es aber als unsere Verantwortung, uns auch unabhängig davon für die Zukunft aufzustellen. Es ist aus meiner Sicht kein „Entweder-oder“, sondern ein klares „Sowohl-als-auch“: Wir müssen politisch kämpfen – und parallel unsere eigenen Handlungsspielräume nutzen. Dabei geht es nicht um zusätzliche Belastung, sondern um die Frage: Wie können wir die Kompetenzen, die wir ohnehin täglich einsetzen, sichtbarer und wirksamer machen?
Sie sprechen davon, dass Apotheken ihr Angebotsprofil stärken und USPs entwickeln sollten. Welche Angebote können das sein – und wie beginnt man konkret?
Ich halte es für wichtig, hier bewusst niedrigschwellig zu denken. Es geht nicht darum, sofort große neue Geschäftsmodelle aufzubauen, sondern zunächst die vorhandenen Möglichkeiten konsequent zu nutzen und weiterzuentwickeln. Ein Beispiel sind die pharmazeutischen Dienstleistungen, die bereits einen strukturierten Rahmen bieten. Darüber hinaus sehe ich Potenzial in Bereichen wie Medikationsanalysen, strukturierten Beratungsgesprächen oder präventiven Checks.
Der entscheidende erste Schritt ist aus meiner Sicht: Anfangen und Erfahrungen sammeln. Jede Apotheke hat eine andere Ausgangssituation – sowohl im Team als auch in der Patientenstruktur. Deshalb gibt es keine „Standardlösung“. Wichtig ist, sich schrittweise heranzutasten, Rückmeldungen aufzunehmen und das eigene Angebot kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Wenn aber viele Apotheken bald ähnliche Wege gehen und Impfungen oder pDL anbieten, oder sich mit Tests und Checks einbringen, besteht dann nicht die Gefahr, dass am Ende wieder alle gleich sind und die „Unique-ness“ verpufft?
Diese Gefahr besteht theoretisch – in der Praxis sehe ich sie deutlich weniger. Denn Apotheken sind immer auch Spiegel ihrer Umgebung:
und der individuellen Stärken des Teams.
Selbst wenn zwei Apotheken formal ähnliche Leistungen anbieten, werden sie diese unterschiedlich ausgestalten und kommunizieren.
Aus meiner Sicht liegt der Schlüssel daher nicht primär in der Leistung selbst, sondern in der klaren Positionierung und konsequenten Umsetzung. Gerade hier haben Apotheken noch erhebliches Potenzial. (…)
Wie ist es Ihnen gelungen, selbst und auch im Team das Selbstbewusstsein zu entwickeln, dass Sie mehr sind, als Arzneimittelabgabestelle – und wie reagieren die Kund:innen auf Ihr Angebot?
Das war ein Prozess – und ist es auch weiterhin. Ein wichtiger Schritt war für uns, die eigene Rolle neu zu definieren: Nicht nur als Abgabestelle, sondern als Ansprechpartner für Verständnis und Einordnung von Medikation. Dazu gehört auch, aktiver auf Patientinnen und Patienten zuzugehen. Wir warten nicht ausschließlich auf Fragen, sondern bieten Unterstützung an, wenn wir sehen, dass Bedarf besteht.
Die Rückmeldungen sind überwiegend sehr positiv – insbesondere dann, wenn der Mehrwert klar wird. Viele Patienten schätzen es, wenn sich jemand strukturiert Zeit nimmt und komplexe Zusammenhänge verständlich erklärt.
Neben allen unternehmerischen Ansätzen: Wie wichtig bleibt aus Ihrer Sicht , dass sich die Apothekerschaft weiterhin politisch für bessere Rahmenbedingungen einbringt?
Er bleibt absolut zentral. Eine angemessene Vergütung, die sich in Zukunft auch im Verhandlungsweg weiterentwickelt ist die Grundlage dafür, dass wir unseren gesetzlichen Versorgungsauftrag erfüllen können. Ohne diese Basis geraten auch sinnvolle Erweiterungen schnell an Grenzen.
Gleichzeitig sehe ich eine zweite Ebene der Verantwortung: Jede Apotheke ist auch ein eigenständiges Unternehmen. Deshalb halte ich es für notwendig, beide Perspektiven parallel zu verfolgen: Den politischen Einsatz für bessere Rahmenbedingungen und die unternehmerische Weiterentwicklung vor Ort. Nur in dieser Kombination entsteht langfristige Stabilität. (…)
LAV-Mitglieder können das ganze Interview hier nachlesen.
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