Pauline Jagsch kämpft bei der WM in Poznan, Polen um Medaillen; neue europäische Bestzeit über 500 m

„Bock auf den Schmerz“: Pauline Jagsch will bei der WM glänzen

„Bock auf den Schmerz“: Pauline Jagsch will bei der WM glänzen

Bei der Kanurennsport-EM im Juni gewann Pauline Jagsch zweimal Gold. Bei der WM in dieser Woche in Polen möchte die 23-Jährige in drei Disziplinen um die Medaillen kämpfen. Ihr größter Traum ist aber ein anderer: Olympiasiegerin zu werden.

Als Pauline Jagsch am Montag dieser Woche mit dem Team des Deutschen Kanu-Verbands (DKV) die Reise nach Poznan antrat, tat sie dies in dem sicheren Gefühl, dass sich für sie ein Kreis schließt. 2018 hatte die heute 23 Jahre alte Kajak-Spezialistin in der westpolnischen 540.000-Einwohner-Stadt ihr erstes internationales Rennen bestritten. „Ich hatte mich über die Jugend-DM dafür qualifiziert und bis dahin Kanurennsport nur als Hobby betrieben. Leistungssport stand für mich lange gar nicht zur Debatte. Aber nach dem Rennen in Poznan habe ich eine Pro-und-Contra-Liste zum Thema Leistungssport geschrieben, die ich bis heute habe“, erinnert Pauline sich im Gespräch mit dem DOSB. Drei Jahre später gewann sie an selber Stelle bei der Juniorinnen-EM ihre erste internationale Medaille im Einer.

Kein Wunder also, dass die Vorfreude auf die Welttitelkämpfe auf dem Maltasee, die von diesem Mittwoch bis Sonntag ausgetragen werden, riesig ist bei der Team-D-Athletin, die vor gut zwei Monaten endgültig ins Blickfeld der Kanu-Welt gepaddelt war. Bei der EM in Montemor-o-Velho (Portugal) Mitte Juni ragte Pauline nicht nur wegen ihrer auffälligen Körperlänge von 1,85 Metern heraus. Sie gewann im Kajak-Einer über 500 Meter mit neuer europäischer Bestzeit von 1:47,164 Minuten Gold, ließ im Zweier über dieselbe Distanz an der Seite von Paulina Paszek (28

Hannoverscher Kanu-Club) den zweiten Titel folgen – und steht deshalb bei der WM unter besonderer Beobachtung. „Die EM war schon ein Ausrufezeichen, die Aufmerksamkeit danach war hoch“, sagt sie.

Den Druck, diese Leistungen auf globalem Niveau bestätigen zu müssen, will die Sportsoldatin vom SC Berlin-Grünau gar nicht erst an sich heranlassen. „Druck hat man immer, im Vergleich zu Olympischen Spielen fliegt man bei einer WM aber unter dem Radar. Ich habe gerade so viel Spaß am Sport und bin so gut drauf, da werde ich mich nicht mit zusätzlichen Ansprüchen belasten“, sagt sie und lacht dabei so ehrlich und erfrischend, dass Zweifel überhaupt keine Chance zum Mitschwingen haben. Und um es klar zu sagen: Ihre eigenen Ansprüche genügen ja auch schon. Sie startet im Einer, Zweier und Vierer über die 500-Meter-Distanz und liebäugelt auf allen drei Distanzen mit einer Medaille.

Nach den Paris-Spielen brauchte sie ein Jahr zur Verarbeitung

Mess- und sichtbarer Erfolg ist indes nicht die Bedingung dafür, dass Pauline Jagsch Freude an ihrem sportlichen Tun empfinden kann. „Wenn es mir gelingt, in jedem Rennen meine bestmögliche Leistung zu zeigen, dann habe ich für mich schon gewonnen, egal, wozu es dann reicht. Und Spaß habe ich, wenn ich das Gefühl von Freiheit habe. Vorn schnell rauskommen, über die Strecke fliegen und hinten heraus voll durchziehen – wenn das Rennen so läuft, kann ich es richtig genießen“, sagt sie. Dass dazu immer auch gehört, sich über körperliche Limits hinaus zu quälen, hat sie nicht nur akzeptiert, sie mag es sogar. „Ich habe total Bock auf den Schmerz. Der Ehrgeiz, meine Grenzen immer wieder auszutesten, ist da“, sagt sie.

Dass das nicht immer so war, gibt Pauline offen zu. 2024 konnte sie bei ihren ersten Olympischen Spielen in Paris Silber mit dem Vierer gewinnen. „Das war ein extremes Erlebnis. Ich war 21 Jahre alt und total geflasht davon, Olympia als Athletin mitmachen zu dürfen. Die Medaille hat alles getoppt, ich war komplett reizüberflutet“, erinnert sie sich. Es brauchte die gesamte Saison 2025, um die vielen Eindrücke zu verarbeiten und die Gedanken neu zu ordnen. „Ich hatte im vergangenen Jahr zwar noch Lust auf Sport, aber nicht darauf, richtig schnell zu fahren. Diese Leichtigkeit ist in dieser Saison wieder zurück und beflügelt mich“, sagt sie.

Dabei achtet die gebürtige Berlinerin sehr genau darauf, sich weder physisch noch mental zu überlasten. „Ich weiß, was mein Körper aushalten kann, und ich denke, dass bei mir noch mehr drin ist. Aber Lockerheit ist mir sehr wichtig. Ich bin von außen und von innen stärker geworden durch die Erfahrungen der vergangenen Jahre und habe verstanden, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn man mal nicht gewinnt. Die Menschen, die einen lieben, machen ihre Liebe nicht von Ergebnissen abhängig“, sagt sie. Aus Fehlern zu lernen sei eine wichtige Erfahrung, die sie gemacht habe. „2024 hatte ich einen Bandscheibenvorfall, weil ich nicht auf die Signale meines Körpers gehört und weitertrainiert habe, obwohl die Schmerzen schon da waren. Danach haben wir das Training umgestellt und ich bin stärker zurückgekommen.“

Ich will unbedingt nahbar bleiben, niemals die Bodenhaftung verlieren. Ich möchte Kinder und Jugendliche gern dazu animieren, immer fleißig zu sein und als Gemeinschaft am Weiterkommen zu arbeiten, denn gemeinsam ist man immer stärker als allein. Pauline Jagsch Europameisterin Kajak-Einer und -Zweier SC Berlin-Grünau und Team Deutschland

Ich will unbedingt nahbar bleiben, niemals die Bodenhaftung verlieren. Ich möchte Kinder und Jugendliche gern dazu animieren, immer fleißig zu sein und als Gemeinschaft am Weiterkommen zu arbeiten, denn gemeinsam ist man immer stärker als allein.

Seitdem stellt Pauline Qualität stets über Quantität. „Ich mache alles, was ich tue, aus Überzeugung und ganzem Herzen anstatt lust- und emotionslos. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ich mich durchs Training quälen muss. Aber ganz ehrlich: Das sind die Tage, die einen wirklich stark machen“, sagt sie. Und weil sie diese Tage in der Regel mit ihren Teamkolleginnen durchsteht, ist aus dem A-Kader der Frauen eine Gemeinschaft geworden, in der alle füreinander einstünden. „Ich bin sehr stolz darauf, dass wir uns als Gruppe nach den Olympischen Spielen 2021, wo es keine Medaille für die deutschen Frauen gab, so stark entwickelt haben. Wir gehen sehr wertschätzend miteinander um, weil wir verstanden haben, dass man niemanden hassen muss, um sich zu motivieren. Es reicht schon, für sich selbst das Beste zu wollen. Dann kann man sich trotzdem mit anderen über deren Erfolge freuen“, sagt sie.

Eine ganz besondere Bindung hat Pauline zu ihrer Zweier-Partnerin, die auch im Vierer dabei ist. „Paulina und ich haben schnell gespürt, dass wir auf derselben Wellenlänge liegen. Mit ihr kann ich über alles reden, wir verstehen uns sehr gut. In diesem Jahr ist das Eis komplett gebrochen, nicht nur sportlich, sondern auch privat“, sagt sie über ihre Bettnachbarin auf Trainings- und Wettkampfreisen. Das Erfolgsgeheimnis sieht sie in der permanenten Kommunikation. „Wir sind ständig am Reden, manches wissen selbst unsere Trainer nicht. Jedes Training, jedes Rennen ist wie ein Selbststudium“, sagt sie. „Ich bin überzeugt davon, dass Paulina und ich immer vorne fahren werden, wenn wir es schaffen, zusammen unseren Rhythmus zu fahren. Wir dürfen einander nur nicht verlieren.“

Von der fünf Jahre älteren Schlagfrau, die zunächst für ihr Geburtsland Polen startete und seit 2021 für Deutschland antritt, könne sie sich in puncto Wissen und Erfahrung vieles abschauen. „Davon profitiere ich sehr“, sagt sie. Umgekehrt sei sie diejenige, die die impulsivere Kameradin emotional einhege, wenn diese sich zu sehr aufrege und in Dinge hineinsteigere. „Wir geben einander eine starke Schulter, und das ist total wichtig.“ So gern sie Rennen im Einer fahre, „weil man da sein eigenes Ding machen, sich aber auch gleichzeitig nicht hinter anderen verstecken kann“, hat Pauline Jagsch viel mehr Freude daran, Siege und auch Niederlagen mit einem Team zu teilen. „Ich bin sehr harmoniebedürftig und stehe zu 100 Prozent hinter meinen Teams“, sagt sie.

Paulines Vorbilder sind Lisa Carrington und Max Rendschmidt

Ihrer Klassenlehrerin am Emmy-Noether-Gymnasium in Berlin-Köpenick verdankt Pauline Jagsch, sich den Schritt in den Leistungssport zugetraut zu haben. „Sie hat in mir das Potenzial gesehen und mir geraten, an die Flatow-Oberschule zu wechseln, die in Berlin eine Eliteschule des Sports ist“, sagt sie. Als sportliches Vorbild nennt Pauline, die an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport studiert, die achtfache Olympiasiegerin Lisa Carrington (37) aus Neuseeland. „Ich fand es früher super cool, gegen sie Rennen fahren zu dürfen, vor allem weil ich gespürt habe, dass sie auch nur ein Mensch ist und trotz ihrer Erfolge total auf dem Boden geblieben ist“, sagt sie. Im deutschen Team ist es Max Rendschmidt (32

KG Essen), mit dem sie im Mixed ihren ersten Weltcupsieg feiern konnte. „Seine Lockerheit bewundere ich sehr!“

Sie selbst möchte als Vorbild für nachfolgende Generationen, das sie spätestens seit ihren EM-Siegen ist, für Respekt und Wertschätzung stehen. „Ich will unbedingt nahbar bleiben, niemals die Bodenhaftung verlieren“, sagt sie. Mit jungen Menschen zu arbeiten, passe zu ihrem Berufswunsch, an einer Grundschule tätig zu sein. „Ich möchte Kinder und Jugendliche gern dazu animieren, immer fleißig zu sein und als Gemeinschaft am Weiterkommen zu arbeiten, denn gemeinsam ist man immer stärker als allein“, sagt sie.

Viel Zeit, an diesen Themen zu feilen, hat Pauline allerdings zumindest in den kommenden Jahren nicht. Sie hat alles auf die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles ausgerichtet. „Mein Hauptziel ist der Olympiasieg“, sagt sie. Ob im Einzel oder im Team, ist nicht entscheidend. Und wenn es richtig gut laufe, sei sogar die Teilnahme an Olympischen Heimspielen keine Utopie. „2036 wäre ich 33, mal schauen, ob der Körper dann noch mitspielt“, sagt sie, „aber Olympische Spiele in Deutschland zu erleben, wäre ein absoluter Traum!“ Wenn es als Sportlerin zu eng wird, will sie die Bewerbung zumindest als Botschafterin unterstützen. „Für das Gemeinschaftsgefühl in unserem Land wäre ein solches Projekt total wichtig, davon könnten alle profitieren“, sagt sie. Es wäre aus sportlicher Sicht vielleicht der letzte Kreis, der sich für Pauline Jagsch schließen würde. Aber bis dahin kann sie noch so viel gewinnen.