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title: "Kommunale und regionale Energieversorger in Deutschland finanzieren Netzausbau der Zukunft; PwC-Studie: 290 Mrd EUR bis 2050"
sdDatePublished: "2026-08-25T13:38:00Z"
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Kommunale und regionale Energieversorger in Deutschland finanzieren Netzausbau der Zukunft; PwC-Studie: 290 Mrd EUR bis 2050

Finanzierungswege für die Stromversorgung der Zukunft - Klimaschutz- und Energieagentur Niedersachsen

Finanzierungswege für die Stromversorgung der Zukunft

Im Zuge der voranschreitenden Energiewende entsteht bei der kommunalen und regionalen Energiewirtschaft ein erheblicher Investitionsbedarf für den Ausbau der Stromnetze. Die Finanzierung dieser Investitionen rückt zunehmend in den Vordergrund und wird am 15. September auch beim Leuphana Energieforum diskutiert. Wir haben im Vorfeld des Energieforums mit Prof. Degenhart (Leuphana) über Möglichkeiten und künftige Herausforderungen bei der Finanzierung gesprochen.

Das Leuphana Energieforum am 15.9.2026 in Lüneburg beschäftigt sich mit der Stromversorgung der Zukunft. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie die Energiewende konkret auf regionaler und kommunaler Ebene gestaltet werden kann. Dabei werden rechtliche, finanzielle, technische und gesellschaftspolitische Aspekte behandelt. Die Themen sollen während des Energieforums mit Wissenschaft und Praxisakteur:innen im Plenum und in sieben Panels mit Fachvorträgen und Diskussionen beleuchtet werden. Ein Panel beschäftigt sich mit der Planung von Strombedarf, notwendigen Investitionen und deren Finanzierung im kommunalen und regionalen Bereich. Wir haben Professor Dr. Heinrich Degenhart von der Leuphana im Vorfeld des Energieforums dazu interviewt, wie Kommunen und Regionen den Netzausbau der Zukunft finanzieren können.

KEAN: Professor Degenhart, welche Rolle spielen zukunftsfähige Stromnetze aus Ihrer Sicht für die Umsetzung der Energiewende?

Die Energiewende zu bewältigen, ist eine große Aufgabe. Im Mittelpunkt der Energiewende wird aufgrund der zunehmenden Verzahnung von Strom, Wärme und Mobilität die Stromversorgung der Zukunft stehen. Wetterabhängigkeit und Dezentralität der Erneuerbaren Energien bergen weitere Herausforderungen. Handlungsbedarf gibt es nicht nur auf europäischer und Bundesebene, sondern gerade auch in den Regionen, Landkreisen und Kommunen. Eine PwC Studie von 2025 geht davon aus, dass die überwiegend kommunalen Energieversorger in Deutschland allein bis zum Jahr 2050 290 Mrd. EUR in Stromverteilnetze investieren müssen, davon rund 190 Mrd. EUR bis zum Jahr 2035. [1] Andere Quellen [2] kommen auf ähnlich eindrucksvolle Größenordnungen.

Warum kommt der kommunalen und regionalen Energiewirtschaft solch eine zentrale Rolle für die Stromversorgung der Zukunft zu?

Rund 1.000 [3] meist kommunale und regionale Energieversorger betreiben in Deutschland Stromverteilnetze und zum Teil auch Stromerzeugungsanlagen und Stromspeicher. Ihre Aufgabe ist, Erzeugung und Verbrauch zusammenzuführen, wobei Kunden zunehmend nicht nur Strom nachfragen, sondern auch Strom erzeugen oder speichern. Digitalisierung, E-Autos und Wärmepumpen führen zu einem starken Anstieg des Strombedarfs in der Fläche. Bezogen auf einen durchschnittlichen Energieversorger ist das Investitionsvolumen für Stromverteilnetze mit 290 Mio. EUR auf mehr als 20 Jahre verteilt immer noch sehr hoch, aber grundsätzlich finanzierbar.

Prof. Dr. Heinrich Degenhart (Leuphana Universität) im Interview

Wie können Stadtwerke die stark wachsenden Investitionen in die Energieinfrastruktur finanzieren – und wo stoßen sie dabei an Grenzen?

Investitionen in Stromnetze und – teilweise - Stromerzeugung und -speicherung finden in Stadtwerken vor Ort statt und müssen dann dort auch finanziert werden. Das starke Wachstum der Investitionen in Stromerzeugung, -speicherung und -netze kann zu Finanzierungsengpässen führen. Wenn ein mittelgroßes Stadtwerk z.B. statt 10 Mio. EUR pro Jahr 30 Mio. EUR pro Jahr investieren muss und die Bilanzsumme dann von 100 auf 200 Mio. EUR steigt, kann die Finanzierung aus Sicht der potentiellen Geldgeber kritisch werden. Banken finanzieren üblicherweise nur einen Teil der Investitionen mit Krediten und erwarten einen ergänzenden Eigenmitteleinsatz. Außerdem sind auf Unternehmensebene Schuldendeckungsgrade, entweder in Relation zum Eigenkapital oder in Relation zum frei verfügbaren Cashflow einzuhalten.

Was sind die Hauptgründe dafür, dass die bisherige Fremdfinanzierung über Banken künftig an ihre Grenzen stoßen könnte?

Laut der oben genannten PwC-Studie [4] fehlt es auf der Unternehmensebene vor allem am Eigenkapital, um dann das nötige zusätzliche Fremdkapital zu erhalten. Auf der Bankenseite begrenzen bankaufsichtliche Eigenkapital- und Liquiditätsanforderungen und Streuungsregeln die Kreditvergabemöglichkeiten. Die bisher übliche Fremdfinanzierung über das Banksystem könnte daher bei der absehbaren Häufung der Investitionen schon in den 2030er Jahren an Grenzen stoßen.

Der deutlich ergiebigere organisierte Kapitalmarkt steht den allermeisten kommunalen und regionalen Energieversorgern aufgrund des im Einzelfall absolut zu geringen Finanzbedarfs nicht zur Verfügung: Für Anleihen ist ein Mindestvolumen von 500 Mio. EUR üblich. Alternative Finanzierungsquellen außerhalb des Bankensystems und des organisierten Kapitalmarkts, z.B. über Eigenkapital- und Fremdkapitalfonds internationaler institutioneller Anleger – so sie denn für kleine und mittlere deutsche Stadtwerke überhaupt verfügbar sind - werden gemessen an bisherigen Bankfinanzierungen nach der BAI Infrastruktur Studie 2026 aber schnell sehr teuer [5] . Höhere Finanzierungskosten landen am Ende über die Stromrechnung bei den Stromverbrauchern, was politisch unerwünscht ist.

Wie gelingt die Finanzierung der Energiewende? AdobeStock_521344366

Welche Rolle spielt der Finanzbereich der Energieversorger bei der Steuerung großer Infrastrukturinvestitionen?

Der Finanzbereich hat die Aufgabe, die Liquidität des Unternehmens jederzeit zu sichern. Dazu gehört, die Finanzierungsmittel für notwendige Investitionen zu beschaffen, aber auch, nicht finanzierbare Investitionen zu verhindern. Sehr langfristige, größere Investitionen, wie sie für Verteilnetze anfallen, müssen präzise beschrieben und zweckgebunden finanziert werden. Voraussetzung der Finanzierbarkeit unternehmerischer Investitionen ist, dass sich Investitionen rechnen. Nicht alles, was technisch machbar oder politisch erwünscht ist, ist finanzierbar.

Die Folgen überdimensionierter Netze für die Nutzer lassen sich am Beispiel der nach der deutschen Wiedervereinigung in den neuen Bundesländern neu geschaffenen Abwassernetze zum Teil noch heute beobachten. Eine Investitions- und Finanzplanung, die von der betrieblichen Ebene ausgeht, kann zu deutlich geringeren Investitionen führen als die Top Down-Schätzung der Beraterstudien. Beim politisch gewünschten und geplanten Ausbau der Wärmenetze ist das schon gut erkennbar.

Welche Anforderungen werden vom Finanzbereich an die Investitionsplanung gestellt?

Der Finanzbereich benötigt für die Kapitalbeschaffung eine im Hinblick auf Beträge und Zeitpunkte der investitionsbedingten Auszahlungen möglichst präzise Investitionsplanung. Dazu gehören die Fragen nach dem Zweck der Investition, den Investitionsprioritäten und nach Rentabilität und Risiko der Investitionen. Wann soll und wann kann investiert werden? Technische Möglichkeiten wie Lieferzeiten und Bauzeiten und rechtliche Aspekte wie Genehmigungszeiten können deutliche Verzögerungen der eigentlich gewünschten Investitionszeitpunkte bewirken.

Ökonomische Möglichkeiten wie die Frage, ob und inwieweit Investitionen „sich rechnen“, können zur Verschiebung oder Unterlassung von Investitionen führen. Die Planungen sollten realistisch sein. Anderenfalls sind Investitionen weder durch das Banksystem noch durch andere Investoren finanzierbar oder es entstehen zumindest hohe Bereitstellungskosten für nicht abgerufene Finanzierungsmittel. Zudem kann es zu einer Blockade sonst möglicher anderen Finanzierungen kommen: Verbindlich bereitgestellte und noch nicht abgerufene Kredite werden nämlich bankseits auf die maximalen Kreditkapazitäten eines Unternehmens angerechnet.

Eine gute Planung als zentrale Voraussetzung für die Finanzierung. Quelle: Marcin Balcerzak

Über welche Finanzinstrumente und Finanzierungsquellen verfügen Energieversorger – und wie wählen sie die passenden aus?

Der Finanzbereich sollte die verfügbaren Finanzinstrumente und deren Einsatzbedingungen kennen und die für das Energieversorgungsunternehmen günstigsten Instrumente und Financiers auswählen. Dabei gibt es keine Musterlösung, die auf alle Stadtwerke passt. Bei einer absehbaren Eigenkapitalknappheit können einige Stadtwerke z.B. mit den Eigentümern verhandeln, dass sie aus den Gewinnen vermehrt Rücklagen bilden dürfen oder von den kommunalen Eigentümern Kapitalerhöhungen oder als Eigenkapitalersatz wirkende Konzernkredite erhalten.

Kleinere und mittlere Energieversorgungsunternehmen können den Eigenkapitalbedarf ganz oder großenteils durch Mezzaninekapital von Bürgern decken. Größere Energieversorgungsunternehmen können von institutionellen Investoren Eigenkapital oder Mezzanine-Kapital erhalten. Der aktuell konzipierte Deutschlandfonds soll die Eigenkapitalbeschaffung durch geeignete Fördermaßnahmen unterstützen. Auf der Fremdkapitalseite ist der klassische Bankkredit immer noch die Basis der Investitionsfinanzierung.

Gibt es weitere Möglichkeiten oder z.B. Förderprogramme, die bei der Finanzierung unterstützen?

Lang laufende öffentliche Förderkreditprogramme der KfW , der EIB oder der Landesförderbanken mit teilweiser Haftungsfreistellung für die durchleitenden Geschäftsbanken verbessern die Liquidität der Banken und reduzieren den Eigenkapitalbedarf der Banken aus dem Kreditgeschäft. Der begrenzte Kreditspielraum des deutschen Bankensystems kann so erweitert werden. Größere Energieversorgungsunternehmen können den Anlagebereich des Banken- und Versicherungssektors direkt über Schuldscheindarlehen oder Namensschuldverschreibungen, möglicherweise in Verbindung mit Kreditratings anerkannter Ratingagenturen, kapitalmarktnah nutzen. Kreditplattformen und Kreditverbriefungsprogramme sind denkbare Alternativen zum klassischen Bankkredit.

Verschiedene Förderprogramme können bei der Finanzierung unterstützen. _iStock-1310874149

Das Thema wird beim diesjährigen Leuphana Energieforum am 15. September weiter vertieft. Worauf können sich Teilnehmende freuen?

Im „Stadtwerke-Panel“ des Leuphana Energieforums wird zunächst auf die technischen Grundlagen der Investitionsplanung am Beispiel der WEMAG Netz GmbH eingegangen. Tim Stieger, Geschäftsführer WEMAG Netz GmbH wird im ersten Vortrag des Panels zeigen, wie aus der Strombedarfsplanung die im Zeitverlauf notwendigen Investitionen abgeleitet werden. Im zweiten Vortrag wird sich Simon Knaut, Head of Energies & Public Services bei der Deutsche Kreditbank AG damit befassen, wie derartige Investitionen finanziert werden können, wenn das Stadtwerk nicht kapitalmarktfähig ist (und damit nicht die Finanzierungsmöglichkeiten der Übertragungsnetzbetreiber hat).

Prof. Dr. Heinrich Degenhart beschäftigt sich seit vielen Jahren in der Forschung mit der Finanzierung der Energiewende und der Unternehmensfinanzierung, zunächst als Professor für Finanzierung und Finanzwirtschaft der Leuphana Universität, nach der Pensionierung dann im Rahmen der Stiftung für Finanzierung und Finanzwirtschaft und in mehreren Arbeitsgruppen beim Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) und dem Verband Deutscher Treasurer (VDT)

[1] Vgl. PricewaterhouseCoopers GmbH Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Wie lässt sich die Energie und Wärmewende finanzieren? Finanzierungsbedarf aus Sicht der Energieversorgungsunternehmen (Oktober 2025)

[2] Vgl. z.B. jüngst Agora Energiewende, Stiftung Klimaneutralität, Dezernat Zukunft: Investitionen in eine zukunftsfähige Daseinsvorsorge. Von kleinen Stadtwerken bis zum Konzern – wie gelingt die Finanzierung der Energienetze? https:

investitionen-in-eine-zukunftsfaehige-daseinsvorsorge m.w.N . (Dezember 2025)

[5] Vgl. Bundesverband Alternative Investments e.V. (BAI), BAI Infrastruktur Report Deutschland 2026 (Juli 2026)

Veröffentlicht am: 24. A