DLR-Stellungnahme zum 9. Energieforschungsprogramm Köln; Resilienz stärkt Versorgungssicherheit und Industrieposition
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DLR-Stellungnahme zum 9. Energieforschungsprogramm
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Herausgeber
Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt e.V. (DLR) Anschrift
Linder Höhe
51147 Köln Telefon
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meike.jipp@dlr.de Inhaltlich verantwortlich Bereichsvorstand Energie und Verkehr Prof. Dr. Meike Jipp
DLR-Stellungnahme zum 9. Energieforschungsprogramm Seite 3 Rückblick auf das 8. Energieforschungsprogramm Das 8. Energieforschungsprogramm hat eine missionsorientierte Innovationspolitik etabliert und dient als wichtiges Instrument zur Gestaltung eines wirtschaftlichen, resilienten und klimaneutra- len Energiesystems. Das Forschungsprogramm hat Akteure aus Politik, Forschung und Industrie zusammengeführt, die Zusammenarbeit über Technologie- und Sektorengrenzen hinweg ge- stärkt und Entwicklungen unterstützt, die einzelne Akteure allein nicht umsetzen könnten. Durch die Förderung von Reallaboren und großskaligen Testfeldern können Technologien im in- dustriellen Maßstab erprobt, Daten zu Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit gewonnen und die Lücke zwischen Forschung und Anwendung geschlossen werden. Die Förderung der Skalierung kann zudem die Etablierung strategisch wichtiger Energietechnologien beschleunigen. Mit Sprin- terzielen konnten wichtige Akzente gesetzt werden, um besonders relevante Technologien ge- zielt zu beschleunigen und ihren zeitnahen Transfer in die Praxis voranzutreiben, damit drän- gende Herausforderungen zeitnah gelöst werden können. Die mit dem 8. Energieforschungs- programm angestoßenen positiven Entwicklungen sollten daher konsequent fortgeführt und ge- zielt um neue Akzente ergänzt werden.
Fokus für das 9. Energieforschungsprogramm Vor dem Hintergrund der angespannten weltpolitischen und wirtschaftlichen Lage müssen die Themen Resilienz sowie die Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland eine zentrale Rolle in allen Missionen einnehmen. Als missionsübergreifende Anforderungen an das neue Energiefor- schungsprogramm sollten diese Themen daher fest in die einzelnen Missionen als Querschnitts- themen verankern werden und nicht losgelöst von den anderen Missionen als eigene separate Missionen stehen. Resilienz Die sichere Energieversorgung von Industrie, Gesellschaft und kritischen Infrastrukturen erfordert sowohl ein widerstandsfähiges Energiesystem als auch eine hohe technologische Souveränität und eine geringe Abhängigkeit von Importen kritischer Rohstoffe und Kompo- nenten. Dafür muss die Forschung Lösungen entwickeln, die im Hinblick auf volatile Stromerzeu- gung, Extremwetterereignisse, Cyberangriffe sowie geopolitische und wirtschaftliche Engpässe die Versorgungssicherheit stärken. Die Resilienzmaßnahmen gilt es hinsichtlich der Effektivität und des Schadenvermeidungspotenzials zu bewerten und gegenüber den entstehenden Mehr- kosten abzuwägen. Stärkung des Wirtschaftsstandorts Deutschland Der zunehmende internationale Wettbewerb und der wachsende Kostendruck auf die Indust- rie erfordern eine wirtschaftliche Bereitstellung, Speicherung und Verteilung von Energie in Form von Strom, Wärme und chemischen Energieträgern. Zugleich muss der schnelle Transfer von Innovationen aus der Forschung in die industrielle Anwendung ermöglicht werden. Dafür muss sich die Energieforschung eng an den Bedarfen der Industrie orientieren und industrienahe Lösungen zügig in die Wertschöpfung überführen. Darüber hinaus muss die Energieforschung auch den Grundstein für künftige Industrielösungen legen, die dabei auftretenden Herausforde- rungen frühzeitig antizipieren und die Integrationskette in die Industrie konsequent gestalten.
DLR-Stellungnahme zum 9. Energieforschungsprogramm Seite 4 Mission Energiesystem Die Mission Energiesystem zielt darauf ab, die Versorgungssicherheit sowohl im Normalbetrieb als auch bei äußeren Störungen sicherzustellen und hierbei ökonomisch, sozial und ökologisch nachhaltige Lösungen voranzutreiben. Das Energiesystem integriert hierbei die Subsysteme Wärme, Strom, Gas/Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe und berücksichtigt auch das Zu- sammenspiel verschiedener Verbrauchergruppen und Daten. Das Energiesystem muss in Störungsfällen in der Lage sein, schnell in den Normalbetrieb zurück- zukehren. Dafür müssen Systemkonzepte und Systemtechnik erforscht werden, welche einen Teilweiterbetrieb kritischer Infrastrukturen trotz massiver Störungen in Inselnetzen erlauben. Zu- dem gilt es sicherzustellen, dass die Energieinfrastruktur ausreichend vor physischen Angriffen und Cyberangriffen geschützt ist. Um auf akute Bedrohungslagen reagieren zu können, werden Technologien mit hohem Reifegrad benötigt, die einen schnellen Transfer in die Anwendung er- möglichen. Die Forschung muss dazu beitragen, resilienzsteigernde Maßnahmen wirtschaftlich attraktiv zu gestalten und Geschäftsmodelle entwickeln, die bereits im Normalbetrieb wirtschaft- lichen Nutzen stiften. Teil-Ausfälle und Extremwetterereignisse machen echtzeitfähige Systemanalysen und Prognosen des Energiesystems erforderlich, um ihre Auswirkungen frühzeitig zu bewerten und den Infra- strukturausbau gezielt und effizient zu steuern. Dabei gilt es, Netzengpässe zu antizipieren und Infrastrukturbetreiber frühzeitig über Vulnerabilitäten zu informieren. Aufgrund der fortschrei- tenden Elektrifizierung und der Erhöhung der Quote an erneuerbaren Energien müssen Vorher- sagemodelle in der Lage sein, Unsicherheiten in der Energieverfügbarkeit und in den Lastprofilen abzubilden und Flexibilitäten zu berücksichtigen. • Sprinterziel 1: Bis 2034 ist eine technische Lösung für die Umsetzung und den Betrieb einer inselnetz- und schwarzstartfähigen Notstromversorgung für kritische urbane Infra- strukturen in einem Smart-KRITIS-Grid auf TRL 6 demonstriert. Dies beinhaltet V2G-fähige ÖPNV-Komponenten (u.a. E-Bus-Depots) und dezentrale Erzeuger mit Speichern (u.a. PV kombiniert mit Batterien auf öffentlichen Flächen und dezentrale H2-fähige Gas-KWK- Kraftwerke). • Sprinterziel 2: Bis 2030 sind hochaufgelöste dynamische Modelle von gekoppelten Gas- und Strominfrastrukturen auf TRL 6 entwickelt, welche in Szenarioanalysen die Risiken und Verwundbarkeiten des Energiesystems systematisch aufzeigen und kritische Schwachstellen identifizieren. Den Entscheidungsträgern werden Kaskadeneffekte sowie Maßnahmen, die deren Auswirkungen wirksam begrenzen, frühzeitig aufgezeigt. • Sprinterziel 3: Bis 2032 stehen echtzeitfähige, räumlich und zeitlich hochaufgelöste Nowcasting-Technologien auf TRL 6 zur Verfügung, welche kombinierte Wind- und PV- Erzeugungsprognosen inklusive quantifizierter Unsicherheiten ermöglichen und für die zukünftige Direktvermarktung von Aufdach-PV genutzt werden können. • Sprinterziel 4: Bis 2032 sind netzbildende und schwarzstartfähige klimaneutrale Groß- speicher auf Basis von Druckluftspeicherkraftwerken auf TRL 5 technologisch validiert und deren Systemintegration demonstriert.
Mission Wärme Die Mission Wärme zielt darauf ab, eine nachhaltige und robuste Wärme- und Kältebereitstel- lung für Gebäude und Industrie zu gewährleisten, Effizienzen zu steigern und Flexibilitätspoten- ziale zu nutzen. Für das kommende Energieforschungsprogramm sollte die Wärmebereitstellung für eine wettbewerbsfähige Industrie stärker in den Fokus gesetzt werden. Damit sich die
DLR-Stellungnahme zum 9. Energieforschungsprogramm Seite 5 deutsche Industrie im internationalen Wettbewerb behaupten kann, sind kostengünstige Bereit- stellungen von Prozesswärme, Dampf und Prozesskälte essentiell. Kostensenkungspotenziale können durch Effizienzsteigerungen und durch Nutzung der Flexibilitätspotenziale erschlossen werden sowie durch eine konsequente Optimierung des Zusammenspiels von Strom, (Ab- )Wärme und chemischen Energieträgern in Industrieparks und angrenzenden Quartieren. Für die hocheffiziente Nutzung günstiger erneuerbarer Energien sollte die elektrifizierte Wärmebereit- stellung über Hochtemperatur-Wärmepumpen (HTWP) sowie elektrische und induktive Heizer weiter erforscht und in die Industrie überführt werden. Insbesondere durch hybride Lösungen, die elektrische und solarthermische Systeme kombinieren, kann ein kostenoptimiertes Wärme- portfolio für die Industrie geschaffen werden. Die verschiedenen Technologien sind notwendig um das Temperaturspektrum der in der Industrie benötigten Prozesstemperaturen effizient ab- decken zu können. Für die robuste und resiliente Wärmebereitstellung sind nicht nur Wärme- speicher unabdingbar, sondern auch hochflexible Technologien zur Wärmebereitstellung, wie zum Beispiel last- und brennstoffflexible Technologien. Diese können in Störfällen greifen und die Resilienz erhöhen, und im Normalbetrieb Lastspitzen glätten und Dunkelflauten überbrü- cken. • Sprinterziel 1: Bis 2030 sind Konzepte für industrielle Elektroheizer auf Leistungen
5MW skaliert und bei Prozesstemperaturen >900°C auf TRL 6 demonstriert. • Sprinterziel 2: Bis 2034 ist eine Hochtemperatur-Wärmepumpe (HTWP) mit superkriti- schem CO2 im industriellen Maßstab (>1MW, >200°C) auf mindestens TRL 6 demons- triert. Durch die Optimierung der HTWP für spezialisierte Industrieprozesse wie Trock- nungsprozesse wird eine Kostenreduktion von 20% der Betriebskosten und 15% der In- vestitionskosten erreicht. • Sprinterziel 3: Bis 2034 steht für die Industrie ein mit thermischen Speichern integriertes Hochtemperatur-Wärmeaufwertungssystem auf TRL 6 zur Verfügung. Dieses ermöglicht die Nutzung industrieller Abwärme und schafft Flexibilitäten durch die Zuschaltung strombasierter Wärmeerzeugung. • Sprinterziel 4: Bis 2034 ist eine brennstoffflexible Gasturbine auf mindestens TRL 6 de- monstriert, welche mit beliebiger Mischung aus Erdgas und Wasserstoff betrieben wer- den kann und eine um mindestens 50% verringerte CO- und NOx-Emission im Vergleich zu den 2026 geltenden Grenzwerten aufweist. • Sprinterziel 5: Bis 2034 ist die hybride Prozesswärmeversorgung in einem industrierele- vanten Wärmeportfolio durch gezielte Kombination mindestens dreier Technologien aus Hochtemperatur-Wärmepumpen, Elektroheizern, solarthermischen Systemen, brenn- stoffflexiblen Gasturbinen und thermischen Speichern auf TRL 6 demonstriert. Die not- wendigen Werkzeuge zur Kostenoptimierung in Bezug auf Planung, Integration und Be- trieb sind validiert.
Mission Strom Die Mission Strom stellt die effiziente und zuverlässige Stromerzeugung, -verteilung und -spei- cherung in den Vordergrund. Die Verfügbarkeit von Strom ist die Grundlage aller Missionen, und eine kostengünstige Strombereitstellung ist für die Wettbewerbsfähigkeit des Industrie- standorts Deutschlands essenziell. In dem folgenden Energieforschungsprogramm sollte die Technologiesouveränität Deutschlands und Europas gestärkt werden. Im Bereich der Stromer- zeugung durch Wind sind flächeneffiziente, leise und smarte Windparks in der Lage, kosten- günstig Energie dezentral bereitzustellen bei gleichzeitiger gesteigerter gesellschaftlicher Akzep- tanz. Im Bereich der Stromverteilung gilt es zu erforschen, wie Anreizmodelle eine netzdienliche
DLR-Stellungnahme zum 9. Energieforschungsprogramm Seite 6 Stromnutzung und den netzdienlichen Einsatz von Speichern ermöglichen können. Dadurch können Infrastrukturausbaukosten gesenkt und Preisspitzen vermieden werden. Im Bereich der Stromspeicher sollte eine europäische Batteriefertigung unterstützt werden. Durch Integration einer digitalen Batterieentwicklungsplattform in die Batteriefertigung können Entwicklungszei- ten und -kosten reduziert werden. Um Importabhängigkeiten und Rohstoffrisiken zu vermeiden, sind Batteriematerialien mit reichlich vorkommenden Elementen zu bevorzugen. • Sprinterziel 1: Bis 2