Corpus Christi, Texas Dürreabgabe von der Industrie; 280% Zuschlag bei Wassernotstand

Stadt in Texas will Dürreabgabe von der Industrie – infosperber

Einwohner von Corpus Christi, Texas, sammelten fast 13’000 Unterschriften, um eine unfaire Freikaufregelung für grosse Wasserverbraucher abzuschaffen. © Kris TV

Stadt in Texas will Dürreabgabe von der Industrie

27.08.2026 Trotz Dürre dürfen Industrien in Corpus Christi weiter unbegrenzt Wasser verbrauchen. Das sei ungerecht, findet die Bevölkerung.

Corpus Christi, Texas, gehört zu den Städten, in denen das Wasser oft knapp ist. Anfang August waren die Wasserreservoire schon den 29. Monat in Folge weniger als 30 Prozent voll. Während Schulen und Kleinunternehmen bei Dürre Wasser sparen mussten, durften Grossverbraucher aber weiterhin so viel Wasser verbrauchen, wie sie wollten.

Grund dafür ist eine Art Freikauf-Gebühr, die 2018 eingeführt wurde. Grosse industrielle Verbraucher bezahlen dabei jeden Monat zusätzlich 31 Cent pro 1000 Gallonen (3,8 Kubikmeter) Wasser, auch wenn keine Dürre herrscht. Dafür sind sie von Einschränkungen ausgenommen, wenn das Wasser knapp wird. Für Durchschnittsverbraucher und kleine Unternehmen gibt es diese Möglichkeit nicht. Viele Einwohnerinnen und Einwohner finden das ungerecht.

Aktivisten verlangen Dürregebühr statt ungerechter Freikaufzahlungen

Bestrebungen, die Gebühr wieder abzuschaffen, gebe es seit 2020, berichtete unter anderem «Inside Climate News» ( ICN ). Zuletzt unterschrieben 12’788 Personen eine Petition, die eine andere Regelung fordert.

Die hohe Zahl der Petenten überzeugte den Stadtrat. Einzelne Mitglieder versuchten zunächst erfolglos, die Petition als «Klima-Anliegen» zu labeln – dann hätte ein übergeordnetes Gericht des Staates Texas darüber entscheiden müssen. Das Ansinnen wurde abgelehnt, die Petition zugelassen. Am 3. November wird Corpus Christi über das « Fair Water Amendment » abstimmen.

Die Initianten erwarten, dass die Grossindustrie bis dahin versuchen wird, ihre Vorlage juristisch anzugreifen. Das ist sehr wahrscheinlich, denn das «Fair Water Amendment» hat es in sich: Wenn der Stand der Wasserreservoire 30 Prozent unterschreitet, sollen die grossen Industrien 70 Prozent mehr fürs Wasser bezahlen – das entspricht laut ICN einem Aufpreis von rund drei Dollar pro 1000 Gallonen. Bei einem Füllstand von weniger als 20 Prozent soll die Gebühr auf 140 Prozent steigen. Und falls Corpus Christi einen Wassernotstand ausruft, würden 280 Prozent zusätzliche Gebühren fällig.

Corpus Christi droht das Wasser auszugehen

Dass es wieder zu längeren Dürren kommt, ist wahrscheinlich. Corpus Christi ist eine Küstenstadt etwa auf halber Strecke zwischen Houston und der mexikanischen Grenze. Es herrscht subtropisches Klima – im Juli und August gibt es Durchschnittstemperaturen um die 30 Grad und durchschnittlich sechs Regentage pro Monat . In einem Monat fallen im Schnitt um die 67 Millimeter Regen, vor allem in den Sommermonaten bis Ende September. Davon abziehen müsste man eigentlich das Hurrikan-Wasser. Die tropischen Stürme können in kurzer Zeit sehr viel Regen bringen, was den Durchschnitt anhebt, dem Wasserhaushalt aber nicht viel bringt.

Es gibt immer wieder längere Dürrephasen. Eine umstrittene Entsalzungsanlage, die durch die Gebühren der Grossindustrie finanziert werden soll, ist noch nicht gebaut. Corpus Christi könnte die erste US-Stadt sein, der das Wasser ausgeht. Im Mai dieses Jahres standen die Speicher bei 8 Prozent Füllstand. Inzwischen hat es etwas geregnet, im grössten Speicher ist wieder Wasser. Die Gefahr ist für den Moment gebannt.

Es kann aber wieder zu Engpässen kommen. Mit dem «Fair Water Amendment» oder einer ähnlichen Regelung ginge es für ortsansässige Grossunternehmen wie Exxon Mobil, Occidental Chemical und Valero Energy um Millionen Dollar . Neben Raffinerien, die in der Gegend viel Wasser verbrauchen, werden in Zukunft wohl auch grosse Rechenzentren betroffen sein.

Für die Anwohnerinnen und Anwohner stelle sich andernfalls womöglich die Frage, ob sie bei Dürre überhaupt noch Wasser haben, sagt Isabel Araiza , Gründerin der Organisation For the Greater Good, die die Petition organisiert hat.

Das ist kein weit hergeholtes Szenario. Falls es bis dahin nicht regnet, plant Corpus Christi laut «Inside Climate News» ab September Einschränkungen in der Wasserversorgung. Betroffen wären um die 500’000 Einwohnerinnen und Einwohner – und auch die Industrie, die wenigstens die Hälfte des Wassers in Corpus Christi verbraucht.

«Water Banking» und andere Tricks

Regelungen, mit denen sich grosse Konzerne von Einschränkungen freikaufen können wie in Corpus Christi, sind auch in den USA selten. Dennoch: Das US-Wasserrecht ist komplex. Grossunternehmen versuchen mit vielen Mitteln, sich ihre Wasserversorgung zu sichern.

In US-Bundesstaaten wie Nevada und Arizona, wo Wassermangel längst ein Problem darstellt, gibt es beispielsweise Gutschriftsysteme. Das heisst, ein Unternehmen finanziert lokale Infrastruktur wie Strassen, Schulen und Recyclingsysteme und bekommt dafür Wassergutschriften für Dürrezeiten. Die Praxis wird als «Water Banking» bezeichnet. (Kommunale Wassersparpläne, die Wasser für trockene Jahre konservieren sollen, werden zum Teil auch so bezeichnet.)

Oder ein Unternehmen kauft Land und gibt sich als Landwirtschaftsbetrieb aus, um an die dazugehörigen Wasserrechte zu kommen. In den USA gilt aus historischen Gründen vielerorts: Wer zuerst da war, bekommt das meiste Wasser.

Auch in Europa gibt es Vorzugsrechte

In Europa hat die öffentliche Wasserversorgung meist Vorrang vor der Industrie. In vielen europäischen Ländern sind Freikaufmodelle wie in Corpus Christi verboten. Aber auch hier gibt es historische Verträge, die unbegrenzte Wassernutzung garantieren. Was gültig, aber genau genommen nicht mehr rechtens ist. Eine deutsche Fabrik, die einen eigenen Brunnen mit solchen historisch verbrieften Entnahmerechten hat, kann beispielsweise auch bei Dürre weiter Wasser nutzen, so viel sie möchte.

Auch in der Schweiz gibt es sogenannte «ehehaften Rechte», die mehrere hundert Jahre alt sein können. Wer damals zum Beispiel eine Mühle betrieb, sicherte sich die zugehörigen Wasserrechte ab. Diese verbrieften Rechte sind von der Verfassung besonders geschützt und gelten deshalb noch heute. Es gibt jedoch Bestrebungen , ehehafte Wasserrechte bis 2040 in eine moderne Rechtsform zu bringen oder abzuschaffen.

Arizona: die Wüste, das Wasser – und immer mehr Menschen – Infosperber am 16. Februar 2022

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