Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart hält Vortrag zur aktuellen Sicherheitslage in Europa; NATO unvollständig vorbereitet.

Generalleutnant a.D. von Sandrart hält Vortrag zur aktuellen Sicherheitslage in Europa - Reservistenverband

Generalleutnant a.D. von Sandrart hält Vortrag zur aktuellen Sicherheitslage in Europa

Begrüßung durch den stellvertretenden Vorsitzenden Oberstabsaphoteker d. R. Wilfried Feldhusen

Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart

Generalleutnant a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart, Oberstabsfeldwebel d.R. Rolf Lewerenz

Herzlichen Dank an Brigadegeneral a.D. Jürgen-Joachim von Sandrart

Von Wilfried Feldhusen, Bilder RK-Wingst und Umgebung

Die Reservisten der Kameradschaft Wingst und Umgebung

Das Plädoyer hielt der stellvertretende Vorsitzende, Oberstabsapotheker der Reserve, Wilfried Feldhusen. Zunächst skizzierte er den beruflichen Werdegang des Vortragenden. Jürgen-Joachim von Sandrart diente in seiner letzten Funktion als kommandierender General des multinationalen Korps Nordost in Stettin. 2011 absolvierte er einen sechsmonatigen Auslandseinsatz der International Security Assistence Force (ISAF) als Berater des 209. Corps der afrikanischen National Armee. Dort überlebte er im Mai 2011 in Afghanistan Taloquan unmittelbar ein Bombenattentat. Sieben Menschen, darunter zwei deutsche Soldaten (Major Thomas Tholy und Hauptfeldwebel, Tobias Lagenstein) waren gefallen. Neun weitere, darunter sechs deutsche Soldaten wurden verletzt. Von 2005-2009 hatte General von Sandrart eine ministerielle Verwendung als Referent für Militärpolitik im Führungsstab der Streitkräfte im Bundesministerium der Verteidigung, Dienstsitz Berlin inne. Von 2012-2013 folgte dort eine weitere Verwendung als Referatsleiter in der Abteilung Strategie und Einsatz. Im August 2013 wurde von Sandrart Kommandeur der Panzerbrigade 41, danach stellvertretender Chef des Stabes der Abteilung sieben von Shape in Mons, Belgien. Im April wurde von Sandrart Divisionskommandeur der ersten Panzerdivision in Oldenburg. General von Sandrart wurde im März 2025 mit einem großen Zapfenstreich in den Ruhestand verabschiedet. Oberstabsapotheker der Reserve Feldhusen verwies auf die vorbildliche Eigenschaft dieses Soldaten, der das eigene Schicksal und sein Leben für Deutschland, für uns und unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ohne Einschränkung im Dienst und im Krieg eingesetzt hat. Auch seine geistige Haltung, das Eigeninteresse, dem Gemeinwohl hinten anzustellen, sei beispielhaft.

Der ehemalige Vorsitzende der Kameradschaft Wingst, Oberstabsfeldwebel der Reserve Rolf Lewerenz übernahm die Moderation in der dem Vortrag folgenden Diskussionsrunde. Er begrüßte noch einmal explizit erschienene Persönlichkeiten aus dem öffentlichen Leben, dem Landkreis Cuxhaven und Gemeinden, Angehörige der Truppe, hier aus Nordholz und Funktioner der Gesellschaft für Sicherheitspolitik, Bremervörde und dem Land Niedersachsen zu dieser Veranstaltung.

Einleitend zu seinem Vortrag stellte General von Sandrart angelehnt an die Geometrie eines Dreiecks, seine grundsätzliche Wahrnehmung zu den Hauptkonfrontations- und Bedrohungslinien dar. Der noch Osten zeigende Schenkel des Dreiecks sei der „klassischen“ Bedrohung zuzuordnen. Diese bestehe militärisch, systemisch, existentiell aufgrund seiner nuklearen Dimension seitens Russland, China und Nordkorea. Der nach Westen ausgerichtete Schenkel gebe die Herausforderung für unsere, für die globale Sicherheit durch den „Trumpismus“ wieder. Der noch unten zeigende Sockelschenkel sei Parameter für die existenzielle Bedrohung durch die Fraktionierung unserer Gesellschaft, die Stärkung nationalsozialistischer und sozialistischer Ränder. In diesem Zusammenhang sei die Zuwendung, der in Teil nationalsozialistisch, geprägten AfD oder der sozialistischen Linken, nicht mit dem Eid, den Soldaten und Beamte geschworen haben, vereinbar.

Der Kern des Vortrages richtete sich aufgrund der aktuellen Ereignisse auf die hybride Bedrohung und die Herausforderungen und Antworten, die sich seines Erachtens daraus entwickeln sollten. General von Sandrart begann mit der Feststellung: Wir befinden uns nicht mehr im Frieden, sondern bereits in einem hybriden Konflikt. Die Kriegsgeschehnisse in der Ukraine und im nahen und mittleren Osten, wie auch täglich in Deutschland in Europa seien Hinweise darauf, wie Konflikte in der kommenden Jahrzehnten geführt würden. Wir befinden uns in einem Fenster der Verwundbarkeit. Der Konflikt hat im hybriden Raum bereits begonnen und könnte jederzeit eine Verbindung hochintensiver hybrider, klassischer, symmetrischer und asymmetrischer Kriegsführung übergehen. Die NATO ist noch unvollständig vorbereitet auf eine hochintensive Verteidigung im großen Maßstab. Russland regeneriert seine Streitkräfte und reagiert flexibel auf praktische Erfahrungen, hat gelernt, Masse mit moderner Technologie zu verbinden. Die Kriegsführung verläuft nicht linear, Zeithorizonte müssen gleichzeitig gedacht werden. Ergebnisse dieses Prozesses müssen in Innovation, Fähigkeiten, Ausbildung, Übung und Planung einfließen. Von Sandrart zeichnete drei Horizonte zukünftiger Kriegsführung. Bis etwa 2030 bestimmen technische Entwicklungen wie das digitalisierte Gefechtsfeld, Drohnen, KI-Unterstützung, Cyber und elektronische Kampfführung sowie immer schnellere Entscheidungszyklen den Krieg. Ab 2030 nimmt die Autonomie zu, die Integration des Menschen in die Maschine, Weltraum und Hyperschallfähigkeiten werden stärker genutzt. Nach 2040 ist die Kriegsführung hoch automatisiert, die Domänen einschließlich zivilen Raumes vernetzt. Raum, Zeit und Information sind weitgehend unbegrenzt. Entscheidend ist die schrittweise Destabilisierung des Gegners nicht zwingend der offene, militärische Angriff. Technologie allein entscheidet jedoch keine Kriege. Politik, Wirtschaft, industrielle Kapazität und gesellschaftliche Widerstandskraft entscheiden, ebenso, so General Sandrart. Wir dürfen das Muster hybrider Angriffe nicht als voneinander unabhängige Einzelereignisse betrachten. Sie sind klare Angriffe auf unsere staatliche Integrität und erfordern ihre Benennung und entsprechendes Handeln. Neben Resilienz brauchen wir eine glaubwürdige hybride Abschreckung. Der Gegner muss erkennen, dass jeder Angriff Kosten verursacht, deren Zeitpunkt, Umfang und Form nicht zuverlässig kalkuliert werden können. Hybride Verteidigung basiert auf drei miteinander verbundenen Fähigkeiten: Erstens Informationshoheit, d.h. Erkennen von Zusammenhängen, Analyse von und Bezeichnung, Kommunikation von Erkenntnissen- schnell und glaubwürdig. Zweitens Abschreckungsfähigkeit, d.h. Die Verfügbarkeit politischer, wirtschaftlicher und nachrichtendienstlicher Instrumente mit der Bereitschaft, sie einzusetzen. Drittens Resilienz, d.h. Staat, Wirtschaft, kritische Infrastruktur und Gesellschaft müssen auch dann funktionsfähig bleiben, wenn ein Gegner versucht, sie zu stören. Der strategische Auftrag: Europa und der globale Westen verfügen grundsätzlich über die notwendigen Ressourcen. Menschen, Wissen, Industrie, Kapital und Technologie. Unser Problem ist weniger ein Mangel an Fähigkeiten als deren fehlende strategische Verbindung. General von Sandrart kam zum Schluss zum Fazit: Es geht um die Handlungsfähigkeit unseres Staates, die Geschlossenheit unserer Gesellschaft und das Vertrauen in unsere freiheitliche Ordnung. Unsere Antwort auf den hybriden Konflikt sollte deshalb eindeutig sein: Resilienz nach innen. Abschreckung nach außen. Handlungsfähigkeit auf allen Ebenen. Es liegt an uns, wie wehrhaft wir dem hybriden Konflikt entgegnen.

Die anschließende Diskussion verlief äußerst lebhaft. Die Brisanz des Themas hatte das Publikum erreicht. General von Sandrart erhielt ein großes Dankeschön und den üblichen Wingster Reservistenschluck mit auf dem Nachhauseweg.

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