Gunnar Leue Buch You‘ll never sing alone Dortmund; Historische Musikkultur des Fußballs Kommerzialisierung kritisch bewertet
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Von „Gott und Dickel“ schreibt Gunnar Leue auf Seite 189 seines Buchs „You‘ll never sing alone“ – gemeint sind nicht die Geschehnisse beim DFB-Pokalfinale 1989, sondern zwei echte Größen: Hinter „Dickel“ verbirgt sich Dortmunds Stadionsprecher, „Gott“ trägt den Vornamen Karel und war jahrzehntelang als „goldene Kehle von Prag“ bekannt. Gemeinsam nahmen sie eine BVB-Neuinterpretation des Biene-Maja-Songs auf – ein weiteres Kapitel in der langen Reihe fußballerischer Musik-Skurrilitäten.
Dabei ist Leues Buch keineswegs nur ein Kuriositäten-Kabinett. Akribisch und unterhaltsam erzählt der Autor nach, wie – so der Untertitel – „die Musik in den Fußball kam“. Er gräbt sich bis zum 1880 veröffentlichten Song „The Dooley Fitba Club“ zurück, vermutlich dem ersten Stück mit konkretem Bezug zum damals neuen Trendsport. Während in England schnell eine Brücke zwischen Fußballkultur und Music-Hall-Unterhaltung entstand, tat sich Fußball-Deutschland mit dieser Lockerheit schwer, wie ironiefreie frühe Vereinslieder zeigen. Leue ordnet seine Spurensuche chronologisch und blickt auch auf Argentinien und Brasilien. Es geht um das erste Stadion-Singen, die Fußball-Schlagerwelle der 1960er (Radi Radenkovic) und die Geschichte des titelgebenden Songs. Als auch Fußballer selbst ans Mikro traten, entstand nicht nur Schönes – siehe „Fußball ist unser Leben“ der Weltmeister von 1974, ein kommerzieller Erfolg trotz zweifelhafter Qualität. Auch Solokünstler wie Kevin Keegan landeten Hits: 1979 verkaufte er über 200.000 Exemplare von „Head over heels in love with you“.
Zahlreiche Abbildungen alter Plattencover illustrieren die Anekdoten, darunter das BVB-Vereinslied, die Gott-Dickel-Kooperation und „Lars Rickens Hot Shots“ aus dessen wenig bekannter Zeit als Musik-Empfehler.
Lobenswert: Leue behält beide deutschen Nachkriegsstaaten im Blick. Der DFB fiel dabei über die Jahrzehnte musikalisch immer wieder unglücklich auf – etwa 1978 mit Heimorgel-Entertainer Franz Lambert im Mannschaftsquartier, oder 2017, als er beim Pokalfinale (BVB–Eintracht Frankfurt) verblüfft feststellte, dass sich die Fans keine Helene-Fischer-Halbzeitshow gewünscht hatten.
So anekdotenreich das Buch ist, in den letzten Kapiteln kippt der Tonfall merklich, wirkt sich der kommerzielle Overkill der Branche doch sogar auf diesem Gebiet aus: Eine Entwicklung, die den Autor durchaus mit seinem Sport hadern lässt. Gunnar Leues Herz indes gehört trotzdem dem Fußball – und seinen Gesängen.
You‘ll never sing alone, Gunnar Leue, Ventil-Verlag, 29,50 €.
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