Französischer Verfassungsrat genehmigt Loi d’urgence agricole in Frankreich; Hunderte Schwerverletzte bei Bassines-Protest 2023
Der Krieg um das Wasser in Frankreich - EIKE - Europäisches Institut für Klima & Energie
Der Krieg um das Wasser in Frankreich
Gepostet von AR Göhring | Aug. 30, 2026 | Klima | 0 |
Wetterextreme wie die diesjährige außerordentliche Sommerhitze mit folgender Trockenheit haben manchmal auch ihr Gutes. Nach der diesjährigen langen und für viele Landwirte katastrophalen Hitzewelle hat der französische Verfassungsrat ( Conseil constitutionel ) endlich dem von grünen und roten Gruppen und Grüppchen heftig bekämpften Loi d’urgence agricole (Agrar-Notstandsgesetz) zugestimmt.
Dessen umstrittenster Teil betrifft die Anlage so genannter Retenus de substitution (von ihren Gegnern „Mégabassines“ getauft) d.h. künstlicher Teiche mit im Winter hochgepumptem Grundwasser als Wasserreserven für die Bewässerungs-Landwirtschaft vor allem in Westfrankreich. Im März 2023 kam es dort zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen radikalen, von der Partei der Grünen und der Bewegung um den trotzkistischen Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon unterstützten Umweltgruppen wie dem „Collectif Bassines Non Merci (BNM)“, Bewegungen wie „Les Soulèvements de la Terre“ und „Extinction Rebellion“, bestimmten Gewerkschaften und der Organisation Attac auf der einen und starken Verbänden der Bereitschaftspolizei auf der anderen Seite um das Bassin Sainte-Soline im Département Deux Sèvres, bei dem auf beiden Seiten Hunderte von Schwerverletzten zu beklagen waren und Polizeifahrzeuge in Flammen aufgingen.
Warum kam es in unserem fruchtbaren Nachbarland, in dem jedes Jahr um die 500 Milliarden Kubikmeter Wasser in Form von Regen oder Schnee niedergehen, überhaupt zu blutigen Kämpfen um die Speicherung von Wasser? Dass die meisten Niederschläge wieder verdunsten, tut hier nichts zur Sache. Es bleibt davon in jedem Fall mehr als genug, um das Land zu versorgen, sofern ein genügend großer Teil davon für die trockene Jahreszeit gespeichert wird. Obwohl orografisch begünstigt, hat Frankreich bei großen Stauseen mit einer Gesamtkapazität von etwa zwölf Milliarden Kubikmetern allerdings einen deutlichen Rückstand gegenüber dem mediterranen Nachbarland Spanien mit einer Staukapazität von annähernd 55 Milliarden Kubikmetern.
Die Provence ergrünt dank des Baus von Kanälen
Das war nicht immer so. Seit dem 19. Jahrhundert gab es vor allem in Südfrankreich größere landschaftsprägende Wasserbau-Projekte, die von römischen Bauwerken inspiriert wurden. Ich denke da zuerst an den Kanal von Marseille , welcher der an Wassermangel leidendenden großen Hafenstadt frisches Wasser vom Alpenfluss Durance zuführt. (Über diesen wilden Fluß habe ich in den 70er Jahren meine Diplomarbeit geschrieben.) In der Nähe von Aix-en-Provence überquert der 1854 in Betrieb genommene Kanal auf dem Aquädukt von Roquefavour das Tal des Flüsschens Arc. Dieses imposante Bauwerk wurde direkt vom aus der Römerzeit stammenden Pont du Gard bei Uzès im Département Gard inspiriert. Seine Architektur lohnt durchaus einen Abstecher. Etwas weniger romantisch, aber umso nützlicher ist der über ein Jahrhundert später sukzessive in Betrieb genommene Canal de Provence , der über ein System von Nebenkanälen frisches Wasser vom Durance-Nebenfluss Verdon mit seinem berühmten Grand Canion in die Départements Bouches du Rhône und Var leitet. Beide Kanäle sind mit mehr oder weniger großen Speicherseen verbunden und dienen neben der Trinkwasserversorgung und der landwirtschaftlichen Bewässerung nicht zuletzt auch der Elektrizitätserzeugung. Der auch vom Nebenfluss Ubaye gespeiste Speichersee Serre Ponçon im Durance-Tal fasst alleine 1,2 Milliarden Kubikmeter Wasser und liefert Jahr für Jahr etwa 700 Millionen Kilowattstunden Elektrizität.
Durance und Verdon versorgen über ihr teilweise unterirdisches Kanalsystem über drei Millionen Personen mit Trinkwasser und dienen der Bewässerung von etwa 120.000 Hektar Agrarland sowie der Versorgung von Industrien sowohl mit Wasser als auch mit Strom. Auch die Interessen von Jägern und Anglern wurden berücksichtigt. Trotz ihrer punktuellen Verbauung mit Beton im Interesse der Elektrizitätsgewinnung und der Industrialisierung haben beide Flüsse ihr urtümliches, wildes Aussehen behalten. Noch heute verändert die Durance nach jeder großen Schneeschmelze ihren mäandrierenden Lauf. Da sie letzten Endes von Gletschern gespeist werden, liefern beide Kanalsysteme auch in den trockensten Sommern noch genügend Wasser. Das hat in der Vergangenheit schon dazu geführt, dass die eigentlich aride Provence neben den Hochalpen und den Pyrenäen die einzige französische Region im Hochsommer ohne Wassermangel blieb.
Der Rückschritt beginnt in den 80er Jahren
Doch die Politik einer zukunftsorientierten Gestaltung des Wasserhaushalts durch den Bau von Kanälen und die Anlage von Stauseen überlebte nicht die 80er Jahre. Trotz der alles in allem positiven Ergebnisse des technischen Wassermanagements in der Provence kam es zu Aufständen mit internationaler Beteiligung, als der französische Zentralstaat im Verein mit regionalen Agenturen um die Mitte der 80er Jahre daran ging, auch die Loire, mit einer Länge von über 1.000 Kilometern Frankreichs längsten Fluss, zu bändigen. 1986 legten die Agence de l’eau Loire-Bretagne und das Etablissement public d’aménagement de la Loire et de ses affluents (EPALA) das Programm eines umfassenden Managements des Einzugsgebiets der Loire vor. Dazu gehörten vier größere Staudamm-Projekte, und zwar Serre-de-la-Fare am Oberlauf der Loire, um den bekannten Wallfahrtsort Le-Puy-en Velay vor Hochwasser zu schützen, die Staudämme Naussac II und Le Veurdre am Allier, dem größten Nebenfluss der Loire, sowie Chambonchard am Nebenfluß Cher im Département gleichen Namens am Mittellauf der Loire.
Alle vier Staudämme sollten lediglich der Regulierung des Flusses, d.h. der Verhinderung von Überschwemmungen und der Garantie einer Mindest-Abflussmenge in den trockenen Sommermonaten dienen. Grüne Lobby-Organisationen wie „SOS Loire vivante“ und „France Nature Environnement“ ließen die Bevölkerung jedoch glauben, es gehe um eine durchgehende Betonierung und Kanalisierung des geliebten Flusses mit seinen weltbekannten Schlössern. Damit überzeugten sie nicht nur die potenziell betroffenen Angler und Jäger, sondern auch den „World Wide Fund for Nature (WWF)“, der dem Kampf um die Bewahrung einer „Loire sauvage“ eine internationale Dimension verlieh. Prinz Philip, der damalige Gemahl der britischen Königin und Mitbegründer des WWF war sich nicht zu schade, im Oktober 1988 auf einer Massenkundgebung am Zusammenfluss von Allier und Loire wortgewaltig aufzutreten. Das Magazin „natur“ beauftragte mich darauf hin mit einer großen Reportage über den Kampf um die „Loire sauvage“. Ich besuchte im Februar oder März 1989 nach und nach alle wichtigen Orte an der Loire von der Mündung bis zu deren Quelle am Basaltkegel Mont Gerbier du Jonc im Zentralmassiv und nahm nicht nur an etlichen Zusammenkünften der Staudammgegner, sondern auch an Sitzungen von Regionalparlamenten in Orleans und Le-Puy-en-Velay teil. Die Staudammgegner werteten meine Präsenz als wertvolle Unterstützung ihres Anliegens. (Ich kann mich im Moment nicht mehr daran erinnern, in welcher Nummer des Naturmagazins meine Reportage erschien.)
Ich selbst bin angesichts dessen, was nachher passierte, nicht unbedingt stolz auf meine damalige Rolle. Die genannten Staudammgegner besetzten den Bauplatz Serre de la Fare über fünf Jahre lang und erreichten damit, dass das Projekt im Jahre 1994 endgültig begraben wurde. Bei den anderen Staudamm-Projekten verlegten sich die Verteidiger einer „Loire sauvage“ auf den Kauf von Grundstücken, um die Bauplanung von vornherein zu durchkreuzen. Beim Projekt Chambonchard erreichten sie mit ihren Drohungen gar, dass die bereits erteilte Baugenehmigung nicht genutzt wurde. „SOS Loire Vivante“ und der WWF hatten allen Grund, sich zu Siegern auf der ganzen Linie zu erklären. Ob das auch ein Sieg für die Umwelt und die französische Wirtschaft war, steht auf einem anderen Blatt…
Die Saboteure fühlen sich ermutigt
Der Jubel über die Durchsetzung grüner Ziele an der Loire inspirierte ähnliche Widerstandsaktionen gegen Staudammprojekte in anderen Landesteilen. So zum Beispiel in Südwest-Frankreich beim Projekt Charlas an der Garonne. Diese Staustufe mit einer Kapazität von 110 Millionen Kubikmetern mit dem Ziel, die Wasserführung der Garonne und mit ihr verbundener Flüsse zu verstetigen, wurde nach Protest-Drohungen gar nicht erst in Angriff genommen. Am anderen Ende Frankreichs, in der Normandie erreichten diese Bewegungen gar den Abbau der der Elektrizitätserzeugung dienenden Staustufen von Vezins und La Roche-Qui-Boit am Fluss Sélune, obwohl Ortsansässige versuchten, das Zerstörungswerk aufzuhalten. Im August 2022 beschädigten selbst ernannte Öko-Sheriffs mitten in einer Trockenperiode die Reservoire von Pouillé und Nalliers in der Vendée in Westfrankreich. Schließlich kam es im März 2023 nicht weit von dort zu den hier bereits erwähnten blutigen Auseinandersetzungen zwischen gut organisierten Widerstandsgruppen und der Polizei um ein der Bewässerungs-Landwirtschaft dienendes Speicherbecken bei Sainte-Soline.
Überall zeigt sich das gleiche Muster: Der politische Wille zur rationalen Gestaltung des Wasserhaushalts für die Bewässerung und die Elektrizitätsproduktion wird schlecht gemacht, moralisch abgewertet. Als Alternative zum politischen Gestaltungswillen predigen grüne Gruppierungen in der Pose der moralischen Überlegenheit das Wassersparen um beinahe jeden Preis und letzten Endes die Selbstaufgabe. Wir kennen dieses Muster in Deutschland nur zu gut. Als Begründung muss in Frankreich der Kampf gegen die Umweltbelastung der „produktivistischen“ Landwirtschaft herhalten. Kaum jemand macht sich noch Gedanken darüber, wie man die gegebene Bevölkerung auf der Basis einer Subsistenzwirtschaft ernähren könnte.
Schon seit 2025 ist die französische Handelsbilanz bei Agrarprodukten negativ. Früher gehörte das ehemalige Agrarland Frankreich zu den wichtigsten europäischen Exporteuren von Nahrungsmitteln. Daß die grünen Sabotagegruppen besser organisiert sind als die Verteidiger einer an den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit orientierten Energie- und Wasserversorgungspolitik erklärt deren Niederlage vermutlich nur zu einem Teil. Was ist seit den 70er und 80er Jahren des 20. Jahrhunderts passiert, um die Mentalität europäischer Völker so tiefgreifend zu verändern? Ohne eine klare Antwort auf diese Frage wird es schwer sein, den fatalen Trend umzukehren. Die Durchsetzung des französischen Agrar-Notstandsgesetzes ist sicher nur ein erster Schritt.
Vergleich: Stefan Homburg zur Situation der Wasserknappheit in Deutschland:
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