Forschungsprojekt second bau entwickelt regionales ReUse-System in Düsseldorf; Regionale Bauteillager vernetzt
Forschungsprojekt “second bau”: Die Zukunft ist gebraucht | Architektenkammer Nordrhein-Westfalen (AKNW)
Forschungsprojekt “second bau”: Die Zukunft ist gebraucht
Nicht alles, was gebraucht ist, ist verbraucht. Das Forschungsprojekt “second bau” der Landeshauptstadt Düsseldorf, der Hochschule Düsseldorf und weiteren Projektpartnern zeigt, wie vorhandene Bauteile und Materialien digital erfasst, gelagert, handwerklich aufbereitet und in neue Nutzungen überführt werden können. Ein Best Practice für eine zirkuläre Bauwende.
Der Bausektor verursacht erhebliche Emissionen, bindet große Mengen an Rohstoffen und erzeugt enorme Abfallmengen. Gleichzeitig befindet sich ein großer Teil zukünftiger Bauressourcen bereits in der gebauten Umwelt.
ReUse scheitert häufig nicht daran, dass keine Materialien vorhanden sind, sondern an fehlenden Strukturen. Bauteile werden zu spät erfasst, Zwischenlager fehlen, Qualitäten sind unklar und Planungsprozesse sind kaum auf verfügbare ReUse-Bauteile ausgerichtet. Dabei liegt ein großer Teil der Bauressourcen in der gebauten Umwelt. Viele Bauteile könnten nach Umbau oder Rückbau weitergenutzt werden, wenn sie frühzeitig identifiziert, schonend ausgebaut und verfügbar gemacht würden.
Genau hier setzt “second bau” an. Das Projekt entwickelt ein regionales System für die Wiederverwendung von Bauprodukten, Bauteilen und Materialien. Im Mittelpunkt stehen ein Material- und Bauteillager, digitale Werkzeuge sowie die Erprobung an Prototypen und Case Studies. second bau wird im Programm CircularCities.NRW umgesetzt.
Das Bauteillager entsteht am Bauwendehof in Düsseldorf-Flingern. Als Reallabor ist es mehr als ein Depot: Materialien aus Rückbauprojekten können dort ankommen, geprüft, sortiert, aufbereitet und für neue Nutzungen bereitgestellt werden. Erprobt werden Lagerlogistik, Materialbewertung, handwerkliche Bearbeitung und digitale Dokumentation.
Die Arbeit beginnt bereits im Bestand. In Rückbauprojekten werden Bauteile dokumentiert, vermessen und bewertet. Pre-Deconstruction-Audits, Materialsteckbriefe und digitale Datensätze machen Wiederverwendungspotenziale sichtbar. Anschließend wird geprüft, welche Aufbereitung oder neue Nutzung möglich ist.
Entscheidend ist die gesamte Prozesskette: Erfassung, selektiver Rückbau, Ausbau, Transport, Lagerung, Prüfung, Aufbereitung, Vermittlung und Wiedereinbau müssen zusammen gedacht werden. Wird ein Schritt zu spät berücksichtigt, gehen Bauteile häufig verloren. Case Studies liefern dazu Erkenntnisse für künftige Projekte.
Zwischen Material, Daten und Umsetzung
Eine Besonderheit von second bau ist die enge Verbindung von handwerklicher Praxis und digitaler Infrastruktur. Zirkuläres Bauen wird konkret beim Ausbauen, Reinigen, Prüfen, Reparieren, Anpassen und Wiedereinbauen. Dafür braucht es Materialkenntnis und einen konstruktiven Umgang mit Gebrauchsspuren und unterschiedlichen Qualitäten.
Kreative Umnutzung eröffnet zusätzliche Möglichkeiten. Bauteile, die nicht mehr in ihrer ursprünglichen Funktion eingesetzt werden können, erhalten durch handwerkliche Bearbeitung eine neue Aufgabe. Prototypen zeigen, wie Planung, Materiallogistik und Handwerk zusammenspielen.
Digitale Werkzeuge machen Bauteile für Planung und Ausführung auffindbar und bewertbar. Sie stellen Informationen zu Maßen, Zustand, Qualität und Verfügbarkeit bereit. Erst im Zusammenspiel von Lager, Handwerk, Daten und Planung entsteht eine belastbare Grundlage für den Wiedereinsatz.
Eine zentrale Aufgabe ist die Entwicklung verlässlicher Kriterien für die Bewertung wiederverwendeter Bauteile. Dabei geht es unter anderem um Zustand, technische Eigenschaften, Schadstofffreiheit, Dokumentation, Einsatzfähigkeit und notwendige Aufbereitung. Auch Fragen der Haftung, Gewährleistung und eines nachvollziehbaren Qualitätsnachweises spielen eine wichtige Rolle.
Das Projekt untersucht, welche Prüf- und Bewertungsprozesse erforderlich sind und an welchen Stellen bestehende Standards ergänzt werden müssen. Ziel ist es, transparente Grundlagen für den Einsatz von ReUse-Bauteilen zu schaffen. Eine mögliche Qualifizierung oder Zertifizierung muss dabei sowohl technische Sicherheit gewährleisten als auch mit vertretbarem Aufwand in Rückbau, Lager und Baupraxis integrierbar sein.
Ebenso wichtig ist die Vernetzung von Bauteillagern, Materialbörsen und Urban Mining Hubs. Einzelne Lager können nur begrenzte Mengen und Sortimente vorhalten. Durch abgestimmte Datenstrukturen, gemeinsame Qualitätskriterien und digitale Schnittstellen könnten verfügbare Bauteile standortübergreifend sichtbar und Materialströme regional wie überregional koordiniert werden. second bau entwickelt hierfür übertragbare Erkenntnisse und bringt Erfahrungen in bestehende Netzwerke ein.
ReUse muss früh beginnen. Werden Bauteile erst kurz vor dem Abbruch betrachtet, fehlen Zeit, Planungssicherheit und passende Abnehmer:innen. Je früher Rückbauprojekte analysiert und Materialpotenziale mit konkreten Bedarfen verbunden werden, desto größer ist die Chance auf Wiederverwendung.
Zugleich müssen Qualitätssicherung, Transport, Lagerkosten, Aufbereitung und zusätzlicher Planungsaufwand wirtschaftlich abgebildet werden. Das Reallabor untersucht deshalb auch, unter welchen Bedingungen tragfähige Geschäftsmodelle entstehen können und wie sich die Leistungen entlang der Prozesskette refinanzieren lassen.
second bau entwickelt nicht nur ein lokales Bauteillager, sondern untersucht, welche Strukturen für eine dauerhafte und übertragbare Kreislaufpraxis im Bauwesen notwendig sind. Die Ergebnisse sollen in Prozessmodelle, Leitfäden, Bildungsformate und Geschäftsmodellansätze einfließen.
Gleichzeitig dient das Reallabor als Ort für Wissenstransfer und Vernetzung. In Workshops, Fachveranstaltungen und Bildungsformaten wird vermittelt, wie Urban Mining, selektiver Rückbau und Wiederverwendung praktisch funktionieren. So bringt second bau Akteure entlang der Wertschöpfungskette zusammen und schafft die Grundlage, gewonnene Erkenntnisse auf weitere Projekte zu übertragen.
second bau zeigt damit: Zirkuläres Bauen braucht Orte, an denen Materialien ankommen können; Daten, die Bauteile planbar machen; Handwerk, das neue Nutzungen ermöglicht, und Kooperationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Perspektiven aus der Praxis gesucht
Eine laufende Umfrage erfasst Bedarfe, Hemmnisse sowie rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen beim Einsatz wiederverwendbarer Bauteile. Angesprochen sind Akteur: innen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Die Ergebnisse fließen in die Entwicklung des Bauteillagers und seiner Angebote ein.
Daten zum Projekt second bau
Projekt: second bau – Zentrum für zirkuläre Bauprodukte, Materialien und Gestaltung
Fördertitel: Kompetenzzentrum für zirkuläre(s) Handwerk und Bauwirtschaft: Ein Bauteillager als Reallabor für Bildung, Transfer, Handwerk und Baukultur im Kreislauf
Gefördert durch: Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Verkehr des Landes NRW
Laufzeit: November 2025 – Oktober 2028
Geförderte Partner: Concular GmbH, Hochschule Düsseldorf – In-LUST, Landeshauptstadt Düsseldorf – Amt für Umwelt- und Verbraucherschutz, Laarakkers ReSource GmbH, Sustina AG
Vertragspartner: urselmann interior, WzH – Werkstatt für zirkuläres Handwerk
von Jana Bauer, Eyleen Pahl, Lea Schymura