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title: "VIOZ bildet Dachverband der Moscheegemeinden im Kanton Zürich; 80 Prozent der Moscheen vertreten."
sdDatePublished: "2026-08-31T12:22:00Z"
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VIOZ bildet Dachverband der Moscheegemeinden im Kanton Zürich; 80 Prozent der Moscheen vertreten.

«Man muss miteinander sprechen, bevor Konflikte entstehen» | Stadt Zürich

Herr Halilovic, wenn Sie heute durch Zürich gehen: Wie erleben Sie den Umgang der Stadt mit der religiösen Vielfalt?

Mich beeindruckt, dass Zürich den Dialog nicht erst dann sucht, wenn es Probleme gibt. Die Stadt hat früh erkannt, dass Religionsgemeinschaften Teil der Zivilgesellschaft sind, und dass man miteinander sprechen muss, bevor Konflikte entstehen. Dieses Vertrauen wächst nicht über Nacht. Es ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit über viele Jahre.

Vor 30 Jahren, als die Vereinigung der islamischen Organisationen (VIOZ) in Zürich gegründet wurde, war das noch anders. Was war der Auslöser für die Gründung?

In den neunziger Jahren entstanden immer mehr muslimische Gemeinschaften, aber es gab keine gemeinsame Stimme. Gleichzeitig suchten die Behörden eine Ansprechpartnerin. Ein konkreter Anlass war die Diskussion um muslimische Grabfelder. Daraus entwickelte sich die Idee eines Dachverbands, der den Austausch mit Behörden, Kirchen und der Öffentlichkeit pflegt.

Wie hat sich die Organisation entwickelt?

Sie ist stark gewachsen. Bei der Gründung gehörten zehn Moscheegemeinden dazu. Heute vertreten wir rund 80 Prozent der Moscheen im Kanton Zürich. Ein wichtiger Meilenstein war unsere Grundsatzerklärung von 2005. Darin bekennen sich alle Mitgliedsorganisationen ausdrücklich zu Menschenrechten, Gleichberechtigung und Religionsfreiheit. Das war ein klares Signal – nach innen und nach aussen.

Und wie hat sich die muslimische Bevölkerung verändert?

Sehr stark. Die erste Generation bestand vor allem aus Gastarbeitern, die davon ausgingen, irgendwann wieder in ihre Herkunftsländer zurückzukehren. Heute erleben wir die zweite und dritte Generation. Viele junge Muslim*innen sind in Zürich geboren, sprechen Schweizerdeutsch und engagieren sich in Vereinen oder Politik. Zürich ist ihre Heimat. In zahlreichen Moscheen wird heute auch auf Deutsch gepredigt.

Abduselam Halilovic ist Vorstandsmitglied der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), die rund 80 Prozent der Moscheegemeinschaften im Kanton Zürich vertritt. Er ist als Sohn eines bosnischen Imams in Schlieren aufgewachsen und studierte Islamwissenschaft, Geschichte, Politikwissenschaft und Religionsphilosophie an der Universität Zürich. Beruflich ist er als Seelsorger und stellvertretender Geschäftsführer der Muslimischen Seelsorge Zürich (QuaMS) tätig. (mk)

Trotzdem wird oft von «den Muslimen» gesprochen, als wären sie eine homogene Gruppe.

Dabei ist die muslimische Bevölkerung ausgesprochen vielfältig. Unsere Mitglieder stammen vom Balkan, aber auch aus Ländern wie Somalia, Syrien, Afghanistan, Pakistan oder der Schweiz. Sie haben unterschiedliche kulturelle Hintergründe und religiöse Traditionen. Was sie verbindet, ist nicht ihre Herkunft, sondern der Wunsch, ihren Glauben in einer offenen Gesellschaft zu leben.

Sie sagen, das Zusammenleben funktioniere im Alltag gut. Gleichzeitig sprechen Sie immer wieder von Ausgrenzung. Wie passt das zusammen?

Es ist tatsächlich ein Spannungsfeld. Im Alltag funktioniert das Zusammenleben meist gut. Menschen begegnen sich in Schule, Quartier oder Beruf. Dann folgen immer wieder Phasen mit islamkritischen Berichten, rassistischen Vorfällen oder politischen Debatten wie aktuell jener über das Kopftuch. Das verunsichert viele Muslim*innen, und sie fühlen sich wieder ausgegrenzt.

Seit der Gründung der VIOZ hat sich der interreligiöse Dialog in Zürich stark entwickelt. Welche Rolle spielte die Stadt Zürich dabei?

Eine wichtige. Die Stadt ist rechtlich gar nicht primär für Religionsfragen zuständig. Umso mehr schätzen wir, dass Zürich trotzdem aktiv auf Religionsgemeinschaften zugeht. Ein starkes Zeichen ist der Imam-Empfang im Stadthaus, den Elmar Ledergerber nach 9

11 initiierte. In einer sehr schwierigen Zeit öffnete die Stadt die Tür und sagte: Ihr gehört zu uns, ihr seid Teil dieser Gesellschaft. Dieses Dialogformat führt die Stadt Zürich bis heute fort.

Ein symbolischer Akt. Reicht das?

Symbole sind wichtig, aber dabei ist es nicht geblieben. Über die Fachstelle Diversität, Integration und Antirassismus (DIA) der Stadtentwicklung Zürich gibt es seit vielen Jahren einen regelmässigen Austausch. Die Stadt unterstützt Dialogstrukturen wie das Zürcher Forum der Religionen und das Zürcher Institut für interreligiösen Dialog. So entstehen Beziehungen, lange bevor Krisen eintreten. Die DIA versteht Religionsgemeinschaften nicht als Problem, sondern als Partnerinnen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Dieses Verständnis hat viel Vertrauen geschaffen.

Die Stadt unterstützt die VIOZ auch finanziell. Was ermöglicht das?

Für uns ist das sehr wichtig, weil muslimische Gemeinschaften nicht öffentlich-rechtlich anerkannt sind wie die grossen Kirchen. Viele Moscheen leben finanziell von der Hand in den Mund. Mitgliedsbeiträge reichen oft kaum für Miete und Imam-Lohn. Die Unterstützung der Stadt ermöglicht es uns, die interreligiöse Arbeit auszubauen und eine Anlaufstelle für antimuslimischen Rassismus zu betreiben.

Was tut die VIOZ gegen antimuslimischen Rassismus?

Viele Menschen erleben Diskriminierung im Beruf oder öffentlichen Raum. Da die Dunkelziffer hoch ist, fungiert die VIOZ als vertraute Brücke: Wir ermutigen Betroffene, Vorfälle zu melden und vermitteln an Fachstellen wie die Zürcher Anlaufstelle Rassismus ZüRAS. Zudem suchen wir den Dialog mit Behörden und Medien, damit muslimisches Leben als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft wahrgenommen und niemand ausgegrenzt wird.

Haben Muslim*innen in Zürich ein Imageproblem?

Ja, teilweise schon. Die Berichterstattung ist häufig von globalen Ereignissen geprägt: Terroranschläge, Kriege, Konflikte. Das verzerrt die Realität. Über den normalen Alltag von Muslim*innen wird viel seltener berichtet. Dabei funktioniert das Zusammenleben in Zürich deutlich besser, als viele Schlagzeilen vermuten lassen.

Trifft dies auch auf das Zusammenleben mit der jüdischen Gemeinschaft zu?

Ja, es funktioniert viel besser, als viele vermuten würden. Natürlich belastet der Nahostkonflikt auch uns. Umso wichtiger ist es, dass wir miteinander reden und nicht übereinander. Persönliche Beziehungen tragen weiter als politische Debatten. Ich schätze den Austausch mit Vertreter*innen der jüdischen Gemeinden sehr.

2024 griff ein jugendlicher IS-Anhänger in Zürich einen orthodoxen Juden an. Hat das die Beziehungen nachhaltig belastet?

Der Anschlag hat uns alle erschüttert. Wir haben uns sofort und unmissverständlich dagegen positioniert und uns mit der jüdischen Gemeinschaft solidarisiert. Wir standen gemeinsam auf dem Lindenhof symbolisch für Frieden ein. Gerade in solchen Momenten zeigt sich, wie wichtig persönliche Beziehungen sind.

Nach islamistisch motivierten Anschlägen geraten muslimische Organisationen unter Rechtfertigungsdruck. Wie erleben Sie das?

Das ist belastend. Selbstverständlich verurteilen wir Gewalt und Extremismus - das haben wir immer getan. Schwieriger ist die Erwartung, dass sich Muslim*innen immer wieder für Taten rechtfertigen sollen, mit denen sie nichts zu tun haben. Das schafft Distanz statt Vertrauen.

Welche Verantwortung trägt die VIOZ bei der Prävention von Radikalisierung?

Die meisten Imame vermitteln klar: Man kann Muslim, Zürcher und Schweizer zugleich sein. Mit unserem Weiterbildungsprogramm «Zürich Kompetenz», der Seelsorge und der Jugendarbeit stärken wir genau diese Haltung. Überall vertreten wir dieselben Werte: gesellschaftlicher Zusammenhalt, Frieden und gegenseitiger Respekt.

Sie betonen aber auch, Radikalisierung sei kein muslimisches Thema.

Genau. Die allermeisten Muslim*innen lehnen Extremismus entschieden ab. Aber Radikalisierung ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Wir sehen ähnliche Muster auch bei politischem Extremismus oder Verschwörungsideologien. Es geht häufig um Ausgrenzung, fehlende Zugehörigkeit und gesellschaftliche Fragmentierung. Deshalb sind auch Schule, Schulsozialarbeit, Behörden, Familien und die Zivilgesellschaft insgesamt gefordert.

Stimmt der Eindruck, dass Integration in Zürich besser gelingt als in vielen anderen europäischen Städten?

Ja, insgesamt schon. Das hat viel mit der politischen Kultur der Schweiz zu tun. Man sucht eher den Konsens, bevor Konflikte eskalieren. Hinzu kommt, dass die muslimische Bevölkerung in Zürich sehr vielfältig zusammengesetzt ist. Es gibt keinen dominierenden Herkunftsblock. Viele stammen aus Balkanstaaten, wo Menschen verschiedener Religionen seit Generationen zusammenleben. Zudem leben Menschen unterschiedlichster Herkunft in denselben Quartieren. Ich habe das in Altstetten selbst erlebt, wo ich aufgewachsen bin.

Reicht das aus, damit das Zusammenleben gelingt?

Nein. Auch Wohlstand, gute Bildung und soziale Sicherheit spielen eine wichtige Rolle. Wenn diese Grundlagen brüchig werden, wachsen Spannungen. Zusammenleben ist deshalb nichts Selbstverständliches. Man muss es immer wieder pflegen.

Die VIOZ feiert 2045 ihr 50-jähriges Bestehen. Was wünschen Sie sich bis dahin?

Ich wünsche mir, dass wir dann nicht mehr darüber diskutieren müssen, ob der Islam zu Zürich gehört. Sondern darüber, welchen Beitrag Muslim*innen für diese Stadt leisten. Wenn Vielfalt selbstverständlich geworden ist und niemand seine Zugehörigkeit ständig erklären muss, dann haben wir als Gesellschaft viel erreicht.

Die Fachstelle ist ein Bereich der Stadtentwicklung Zürich (STEZ). Sie koordiniert städtische Massnahmen zum interreligiösen Dialog und berät unter anderem auch Religionsgemeinschaften. (mk)