NZZ unter Gujer kippt Neutralitätspolitik Schweiz; Hin zu EU/NATO
NZZ und Neutralität – Zackbum
Ballade eines Schweizer Weltblatts, das sich selbst abhandenkam.
Wer ist eigentlich der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung ( NZZ )? Eric Gujer oder Cédric Wermuth ? Die Frage mag etwas maliziös klingen, doch sie führt direkt zu des Pudels Kern. In der Beurteilung der schweizerischen Neutralität, über deren Verankerung in der Verfassung das Stimmvolk am 27. September entscheidet, ist zwischen der Gujer-NZZ und der Wermuth-SP kaum ein Unterschied auszumachen. Beide sprechen wahlweise von einer « Putin- » oder « Blocher-Initiative ». Der sozialdemokratische Politologe Wolf Linder bemerkt, die SP habe diese Kampfbegriffe gar von der NZZ kopiert, was « unter der Gürtellinie » sei und weitere Argumente offenbar entbehrlich mache, wie er in einem offenen Brief an die Parteiführung schreibt.
Tatsächlich ist die NZZ -Berichterstattung über die Neutralität und die Neutralitätsinitiative ein radikaler Bruch mit der eigenen Tradition. Das springt sofort ins Auge, wenn man die Artikel eines Gujer und anderer Redaktoren mit dem vergleicht, was ihre Vorgänger geschrieben haben. Was über 200 Jahre lang granitfest galt, ist plötzlich Makulatur. Dabei gehören die Gedanken zur Schweizer Neutralität, die ein publizistischer Leuchtturm wie Willy Bretscher , NZZ -Chefredaktor von 1933 bis 1967, formuliert und in die Welt getragen hat, zum Klügsten und Klarsten, was man bis heute zum Thema lesen kann.
Doch beginnen wir mit der Gegenwart. Da erklärt Gujer in einem Leitartikel vom 15. August, es sei endlich an der Zeit, « Putin klar als Feind » zu benennen, wohlwissend, « dass die Benennung eines Feindes immer die Möglichkeit eines bewaffneten Konflikts mit sich bringt ». Eine publizistische Kriegserklärung.
Ein Teil der Schweizer Öffentlichkeit habe bereits kapituliert und betreibe Appeasement, behauptet der Falke von der Falkenstrasse, und zielt damit auf Christoph Blocher und alle, die an der umfassenden Neutralität der Schweiz festhalten. Gujer wirft Blocher « Geschichtsklitterung » oder « die bewusste Legitimierung russischer Aggression » vor, wofür spreche, « dass sich die Propaganda des Moskauer Aussenministeriums und Aussagen Blochers verblüffend ähneln ». Beide kritisierten unisono, die Schweizer Regierung höhle die Neutralität aus, indem sie die westliche Sanktionspolitik mittrage. Beide plädierten « für eine absolute Neutralität, die keinen Unterschied dabei macht, ob sie einer Diktatur oder einer Demokratie gilt ».
Obwohl Blocher vor einem dritten Weltkrieg und vor möglichen weiteren russischen Angriffen auf europäische Staaten warnt und Russland als grösste Gefahr für die Sicherheit der Schweiz und Europas bezeichnet, stellt ihn Gujer als Handlanger des Kremls dar (« Hier ist augenscheinlich etwas zusammengewachsen, was zusammengehört »). Für Gujer – wie für einen Wermuth – sind Blocher und die SVP, die als einzige Partei noch eine konsequente Neutralitätspolitik verfolgen, bloss « Claqueure einer Diktatur ».
Stattdessen zeigt die Kompassnadel der NZZ nach Brüssel, dem Sitz von Nato und EU. « Die Schweiz bekennt sich zur westlichen Gemeinschaft und leistet einen aktiven Beitrag, dass Putin und Konsorten die Welt nicht nach ihrem autoritären Willen umgestalten können », gab Gujer in einer Rede an der Generalversammlung der AG für die Neue Zürcher Zeitung am 13. April 2024 die Richtung vor.
Damals sagte er auch: « Wollen wir uns noch eine autonome Landesverteidigung leisten? Wenn nicht, was folgt daraus: ein Beitritt zur Nato und die Preisgabe der Neutralität ?» Unter Gujers Ägide rät die NZZ unablässig zu einem Näherrücken an das westliche Militärbündnis und an den Machtblock namens Europäische Union. Da ist das Abwracken und Niederschreiben der Schweizer Neutralität und einer eigenständigen und unabhängigen Aussenpolitik zwischen den Blöcken und über den Fronten nur logisch: Wer nach Brüssel will, muss die Neutralität wegräumen.
Beispiele? « Die kleine Schweiz ist verletzlich – verbindliche Spielregeln mit der EU sind in ihrem Interesse », schrieb NZZ -Redaktor Tobias Gafafer im April 2024. Das Verhältnis der Schweiz zur Europäischen Union werde « zu Unrecht schlechtgeredet ». Und am 20. August 2026 dekretierte er: « Die Schweiz muss die Chancen des EU-Pakets nutzen. »
Ins selbe Horn bläst Georg Häsler , NZZ -Redaktor, Berner FDP-Politiker sowie Offizier der Schweizer Armee, der auch schon im Kampfanzug an einer Medienkonferenz teilnahm und als so etwas wie der militärstrategische Lautsprecher der Redaktion fungiert. « Ausgerechnet jetzt, wo stabile Beziehungen zu den Nachbarn an Bedeutung zunehmen, verfällt die Schweiz dem Eigensinn. Eine Annahme der jüngsten SVP-Zuwanderungsinitiative würde in Brüssel und allen anderen europäischen Hauptstädten als Vorentscheidung für die neuen EU-Verträge gelesen – die wohl letzte Möglichkeit, gleichberechtigt am Binnenmarkt zu partizipieren, ohne gleich beitreten zu müssen », meinte Häsler im Mai 2026, vor der Volksabstimmung über die Nachhaltigkeitsinitiative. « Die Europäer schliessen die Reihen » – und die Schweiz solle sich gefälligst mit ins Glied stellen. Das ist der Tenor und die aussenpolitische Devise der Redaktion.
Den Vogel schoss Inlandchefin Christina Neuhaus in einem Kommentar vom 25. August 2026 ab. Allen Ernstes nahm sie die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee ( GSoA ), die immer schon gegen die bewaffnete Neutralität war, als Referenz und Kronzeugin: Sie lehne « Blochers Volksbegehren ohne Wenn und Aber ab ». Auweia. Wenn die das sagen. Bretscher würde sich im Grab umdrehen.
Im Licht der eigenen Geschichte betrachtet, ist das eine Wende um 180 Grad, um nicht zu sagen: ein Verrat am geistigen Erbe, an der NZZ-DNA. Die Belege finden sich im Archiv. Wenn ein Gujer die Vorstellung einer « absoluten Neutralität » in die Nähe von moralischem Versagen und Parteigängertum für das Böse auf der Welt rückt, widerspricht er damit auch frontal dem NZZ-Idol Bretscher. « Die Neutralität der Schweiz ist uneingeschränkt, absolut », erkannte Bretscher in seinem Meisterstück, dem berühmten Leitartikel « Die schweizerische Neutralität » vom 17. Oktober 1939.
Wer die Schuld an diesem Krieg trug und wer der Aggressor war, war vom ersten Kriegstag an sonnenklar. Dennoch verfiel Bretscher nicht der Versuchung, die Neutralitätsmaxime einem wohlfeilen Moralismus zu opfern. Auf die wiederhergestellte, keinen Vorbehalten, keiner Differenzierung mehr unterliegende « uneingeschränkte Neutralität » der Schweiz könne « nicht der Schatten eines Zweifels oder einer Zweideutigkeit fallen ». Sie bedeute die « bedingungslos gleiche Behandlung beider Parteien in einem kriegerischen Konflikt durch die neutrale Schweiz », militärisch abgesichert durch die Schweizer Armee, die « die Unabhängigkeit, Unversehrtheit und Sicherheit des Vaterlandes gegen jeden fremden Angriff, komme er, woher immer, mit allen Mitteln schützen » werde, wie der Bundesrat am 30. August 1939 betonte.
Bretscher – auch diese analytische Unterscheidung geht seinen Nachfolgern durch die Lappen – stellte klar, dass die strikt und absolut neutrale Aussenpolitik der Schweiz nicht mit moralischer Indifferenz oder gar einem Maulkorb für den Bürger zu verwechseln sei: « Die unbedingte Wahrung der Neutralität ist für das Schweizervolk eine Selbstverständlichkeit, die durch den Umstand, dass das gleiche Schweizervolk daneben auch seine bestimmten Meinungen über den Krieg hat, gar nicht berührt wird. »
Mit anderen Worten: Gesinnungsneutralität verlangt niemand. Die Neutralität der Schweiz als Lebensversicherung in Zeiten des Kriegs misst sich nicht daran, wie man sich dabei fühlt, sondern daran, was sie bewirkt. Entsprechend verteidigte Bretscher die « unbedingte Neutralität » und wies jede « willkürliche Ausweitung des Neutralitätsbegriffes » als « unstatthaft und gefährlich » zurück.
Während heutzutage nicht nur eine NZZ, sondern auch der Schweizer Bundesrat und die Parteienvertreter von links bis Mitte-rechts nach Applaus aus dem Ausland gieren und alles tunlichst vermeiden wollen, was irgendjemandem, vor allem aber den « europäischen Partnern » missfallen könnte, erinnerte Bretscher in einem weiteren Leitartikel vom 2. November 1942 an das « Martyrium der Neutralität ». Dieses bestehe wesentlich darin, « dass wir es beim besten Willen keiner der Kriegsparten recht machen können ».
Schon damals klangen die Vorwürfe der Neutralitätsgegner und -verwedler wie heute: Man tadle das « Stillesitzen » der Schweiz als nationalen Egoismus, und man drohe den « Abseitsstehenden », dass sich ihre Haltung früher oder später an ihnen rächen werde, beobachtete Bretscher. Inzwischen ist das zum Narrativ nicht bloss der NZZ, sondern der politischen Elite des Landes geworden.
Nachzulesen sind die Gedanken des weitsichtigen Chefredaktors in einem Sammelband seiner wichtigsten Kommentaren zwischen 1933 und 1944. Erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen, legte die NZZ das Buch zum 90. Geburtstag ihres bedeutendsten Angestellten nochmals auf. Im Vorwort schrieb der damalige Chefredaktor Hugo Bütler , die ausgewählten Texte seien « Dokumente eines publizistischen Kampfes um Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz ». Man schrieb das Jahr 1987, und ein schweizerisch-deutscher Jungjournalist, aufgewachsen in der Bundesrepublik, machte seine ersten Gehversuche in der NZZ als Praktikant. Sein Name: Eric Gujer.
Fortsetzung folgt. *Der Artikel erschien zuerst in der « Weltwoche ». Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
Schlagworte: Blocher , Christina Neuhaus , Eric Gujer , Georg Häsler , GSoA , Hugo Bütler , Neutralität , NZZ , Philipp Gut , Putin , Willy Bretscher , Wolf Linder
Blocher , Christina Neuhaus , Eric Gujer , Georg Häsler , GSoA , Hugo Bütler , Neutralität , NZZ , Philipp Gut , Putin , Willy Bretscher , Wolf Linder
Bildschirmfoto-2026-08-28-um-08.48.46.png 636 1226 redaktion@zackbum.ch https:
logo1.svg redaktion@zackbum.ch 2026-08-31 05:00:52 2026-08-28 08:49:54 NZZ und Neutralität
Das könnte Dich auch interessieren
Schreiben Sie einen Kommentar Antwort abbrechen
Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert
Name, E-Mail-Adresse und Website in diesem Browser für meinen nächsten Kommentar speichern.
An Diskussion beteiligen? Hinterlasse uns Deinen Kommentar!
Kleines Vademecum für Kommentarschreiber 27. August 2020 - 16:08
Wer wir sind und was wir wollen 25. August 2020 - 15:07
ZACKBUM.ch startet: Die Rückkehr der Medienkritik 25. Juli 2020 - 6:05
August 2020 - 16:08
August 2020 - 15:07
Juli 2020 - 6:05