Schweizerischer Arbeitgeberverband befragt Ausbildungsbetriebe in der Schweiz; 1 von 5 Unternehmen plant, weniger Lernende auszubilden

Abnehmende Grundkompetenzen nach der Volksschule: Eine Herausforderung für Berufsbildung und Wirtschaft - Schweizerischer Arbeitgeberverband

Abnehmende Grundkompetenzen nach der Volksschule: Eine Herausforderung für Berufsbildung und Wirtschaft

Sinkende Grundkompetenzen am Ende der obligatorischen Schulzeit werden für die Berufsbildung zunehmend zur Herausforderung. Eine Befragung der Wirtschaftsverbände zeigt deutliche Defizite, insbesondere beim Schreiben und in Mathematik. Fehlende Grundlagen erschweren die Rekrutierung geeigneter Lernender und erhöhen den Betreuungsaufwand. Die Unternehmen investieren erhebliche Ressourcen und halten mehrheitlich an ihrer Ausbildungsbereitschaft fest. Dennoch gibt bereits jedes fünfte Unternehmen an, aufgrund dieser Entwicklung weniger Lernende auszubilden oder ausbilden zu wollen.

Internationale und nationale Leistungserhebungen zeigen seit 2012 rückläufige Grundkompetenzen in Lesen, Schreiben und Mathematik. Bisher bleibt weitgehend ungeklärt, welche Faktoren für diese Entwicklung verantwortlich sind.

Um die Auswirkungen auf die duale Berufsbildung zu untersuchen, haben der Schweizerische Arbeitgeberverband (SAV), economiesuisse und der Schweizerische Gewerbeverband (sgv) die Ausbildungsbetriebe befragt. Die Auswertung von rund 2’900 Antworten zeigt: Viele Unternehmen stellen Defizite fest und beobachten eine deutliche Verschlechterung in den letzten Jahren. Besonders kritisch beurteilt werden die Schreibkompetenzen sowie zentrale mathematische Fähigkeiten. Gleichzeitig zeigen sich zunehmend Herausforderungen bei wichtigen fächerübergreifenden Kompetenzen wie Selbstständigkeit, Selbstorganisation oder kritischem Denken.

Die Folgen zeigen sich direkt im Ausbildungsalltag. Fehlende Kompetenzen erschweren die Suche nach geeigneten Lernenden, führen zu mehr Betreuungsaufwand und zu höheren Ausbildungskosten. Darunter leidet die Ausbildungsbereitschaft: Die zusätzlichen Kosten führen bei einem Fünftel der befragten Unternehmen dazu, weniger Lernende auszubilden oder ausbilden zu wollen.

Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung solider Grund- und fächerübergreifender Kompetenzen für einen erfolgreichen Übergang in die duale Berufsbildung, den Arbeitsmarkt sowie die Sicherstellung der Ausbildungsbereitschaft der Betriebe.

Dieses Papier wurde in Zusammenarbeit mit economiesuisse und dem sgv verfasst. Verantwortlich sind Prof. Dr. Rudolf Minsch, Leiter Wirtschaftspolitik & Aussenwirtschaft, Chefökonom bei economiesuisse, Nicole Meier, Ressortleiterin Bildung und berufliche Aus- und Weiterbildung beim SAV und Dieter Kläy, Ressortleiter Arbeitsmarkt, Berufsbildung und Wirtschaftsrecht beim sgv.

Grundkompetenzen müssen als Bildungs-, Wirtschafts- und Standortfaktor anerkannt werden. Sie bilden die Grundlage für eine starke duale Berufsbildung, die Fachkräftesicherung und die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz.

Die Ursachen des Kompetenzrückgangs müssen systematisch analysiert und das Bildungsmonitoring konsequent für evidenzbasierte Verbesserungen genutzt werden.

Lesen, Schreiben, Mathematik sowie zentrale fächerübergreifende Kompetenzen müssen in der Volksschule gezielt gefördert und verbindlich gestärkt werden.

Kompetenzlücken müssen während der obligatorischen Schulzeit frühzeitig geschlossen werden, bevor sie in der Berufsbildung zusätzlichen Aufwand und höhere Kosten verursachen.

Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe muss langfristig gesichert werden. Solide Grundkompetenzen schaffen die Voraussetzung dafür, dass Unternehmen weiterhin genügend Lehrstellen anbieten können.

Grundkompetenzen in der Schweiz: Befunde, Lücken und offene Fragen

Aktuelle Leistungsbefunde – Grundkompetenzen im Sinkflug?

Die PISA-Erhebung 2022 zeigt: Die Schweiz liegt im internationalen Vergleich zwar weiterhin über dem OECD-Durchschnitt, in Mathematik und Lesen haben die Leistungen der 15-Jährigen in den letzten Jahren jedoch markant abgenommen. [1] Besonders deutlich ist der Rückgang im Zehnjahrestrend: Zwischen 2012 und 2022 sanken die Mittelwerte signifikant um 22.7 Punkte in Mathematik und 25.1 Punkte im Lesen (vgl. Abbildung 1; OECD, 2023a; 2023b). Heute verfehlt knapp ein Fünftel der 15-Jährigen die Mindestanforderungen in Mathematik; im Lesen ist es rund ein Viertel (SKBF, 2026; Erzinger et al., 2023).

Abbildung 1: Leistungstrends in Mathematik und Lesekompetenz für die Schweiz seit der ersten PISA-Erhebung

Anmerkung: Die weissen Punkte stehen für Schätzungen der Durchschnittsergebnisse, die statistisch nicht signifikant über bzw. unter den Schätzungen von PISA 2022 liegen. Die schwarzen Linien bilden den Trend am besten ab. Quelle : OECD (2023a, S. 484)

PISA steht für «Programme for International Student Assessment» und ist eine internationale Schulleistungsstudie, die im Auftrag der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) üblicherweise alle drei Jahre durchgeführt wird. Untersucht werden die Kenntnisse und Fähigkeiten in Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften sowie individuelle Einschätzungen zu diversen Themen und Erfahrungen von 15-Jährigen (Erzinger et al., 2023).

Die Überprüfung des Erreichens der Grundkompetenzen (ÜGK) ist eine national durchgeführte Leistungsuntersuchung in der obligatorischen Schule mit schweizerischen Messinstrumenten und soll aufzeigen, inwieweit in den einzelnen Kantonen die nationalen Bildungsziele erreicht werden. Die von der Konferenz der eidgenössischen Erziehungsdirektorinnen und -direktoren (EDK) festgelegten nationalen Bildungsziele von 2011 beschreiben, welche Grundkompetenzen Schülerinnen und Schüler in Schulsprache, zweiter Landessprache und Englisch, Mathematik und Naturwissenschaften erwerben sollen. Die ÜGK erfasst dabei curriculare Kompetenzen, also die Umsetzung des Lehrplans, und unterscheidet sich damit methodisch von PISA (ÜGK Schweiz, o. D.).

Mit dem Ausbau des nationalen Bildungsmonitorings mittels ÜGK beschloss die EDK, dass sich die Schweiz ab 2015 nur noch an der internationalen PISA-Erhebung auf nationaler Ebene beteiligt. Die meisten Kantone verzichteten seither auf zusätzliche kantonale PISA-Stichproben. Ab 2028 wird das neue Monitoring der Grundkompetenzen die ÜGK ablösen und alle vier Jahre die Kompetenzen in Mathematik, Schulsprache und Fremdsprachen überprüfen (ÜGK Schweiz, o. D.).

[1] Die Grundkompetenzen umfassen gemäss Lehrplan 21 die Kompetenzen in der Schulsprache, der ersten und zweiten Fremdsprache, der Mathematik und den Naturwissenschaften. Der Hauptfokus unserer Untersuchung und der Unternehmensbefragung liegt auf den Grundkompetenzen Lesen und Schreiben in der Schulsprache sowie Mathematik. Die Ergebnisse zu den anderen Grundkompetenzen werden deshalb bewusst nicht aufgezeigt.

PISA zeigt einen klaren Zusammenhang zwischen Bildungserfolg und familiärer Herkunft. Jugendliche aus sozial benachteiligten Familien schneiden insbesondere in Mathematik deutlich schlechter ab. Zudem hat sich der Leistungsabstand nach sozioökonomischem Hintergrund zwischen 2018 und 2022 in der Schweiz signifikant vergrössert (Erzinger et al., 2023; OECD, 2023a). Auch die ÜGK 2024 bestätigt diese Unterschiede bereits am Ende des vierten Schuljahres (HarmoS). National erreichen 87 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Grundkompetenzen in der Schulsprache im Hören und 79 Prozent im Lesen sowie 76 Prozent in Mathematik. Gleichzeitig zeigen sich markante Unterschiede nach sozialer Herkunft, Erstsprache und Migrationshintergrund: Kinder mit ungünstigen sozioökonomischen Voraussetzungen erreichen die Grundkompetenzen deutlich weniger als Kinder, die nicht von sozioökonomischen Herausforderungen betroffen sind (EDK, 2026; Seiler et al., 2026).

Am Ende der Sekundarstufe I zeigt sich gemäss ÜGK 2023 ein ähnliches Muster. 82 Prozent der Schülerinnen und Schüler erreichen die Grundkompetenzen im Lesen der Schulsprache. In der Orthografie unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Sprachregion deutlich. Auch hier beeinflussen soziale Herkunft, Erstsprache und Migrationshintergrund das Erreichen der Grundkompetenzen weiterhin signifikant (Erzinger et al., 2025).

Die Entwicklung der Grundkompetenzen von Schülerinnen und Schülern wird in der Schweiz auf verschiedenen Ebenen erhoben. International liefert die PISA-Studie der OECD seit dem Jahr 2000 alle drei Jahre vergleichbare Daten zu den Kompetenzen 15-Jähriger in Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften. Auf nationaler Ebene untersucht die ÜGK seit 2016 im Auftrag der EDK, inwieweit die 2011 definierten nationalen Bildungsziele an verschiedenen Punkten der obligatorischen Schulzeit erreicht werden (EDK, 2011a; 2011b). Ergänzend setzen einzelne Kantone eigene Instrumente wie Checks, Stellwerktests oder Klassencockpit ein, die primär der schulinternen Standortbestimmung und individuellen Förderung dienen und nicht direkt mit dem nationalen Monitoring vergleichbar sind (SKBF, 2026).

Zwischen den Kantonen zeigt sich dabei eine grosse Diversität im Umgang mit Lernstandserhebungen. Kantone, die auf eigene Kompetenztests verzichten, gleichen dies nicht systematisch durch externe Evaluationen aus und umgekehrt werden die Ergebnisse der zahlreichen kantonalen Lernstandserhebungen und Schulqualitätsüberprüfungen nicht überall gleichermassen systematisch ausgewertet und genutzt. Diese fehlende Einheitlichkeit erschwert die Vergleichbarkeit und Transparenz im Bildungssystem zusätzlich (SKBF, 2026).

Sprachliche Zusammensetzung der Schülerschaft verändert sich

Der Anteil der Schülerinnen und Schüler der obligatorischen Schulzeit, deren Erstsprache [2] nicht der Ortssprache entspricht, ist in den letzten 25 Jahren kontinuierlich von 21 Prozent auf 36 Prozent gestiegen. Insgesamt ist die Zahl der Schulkinder mit Ortssprache als Erstsprache zwischen 2000 und 2025 um 8 Prozent zurückgegangen, währendem die Zahl der Schulkinder mit einer anderen Erstsprache um 50 Prozent gestiegen ist (BFS, 2026). Diese Entwicklung verändert die Rahmenbedingungen des Unterrichts. Die ÜGK 2024 zeigt, dass die zu Hause gesprochene Sprache mit dem Erreichen der Grundkompetenzen zusammenhängt. Hohe Anteile von Schülerinnen und Schülern mit Risikofaktoren, wie beispielsweise einem bildungsfernen oder fremdsprachlichen familiären Hintergrund, können zudem den Lernerfolg einzelner Kinder und ganzer Klassen beeinflussen. Die zunehmende sprachliche Heterogenität betrifft damit nicht nur einzelne Lernende, sondern beeinflusst zunehmend auch den gesamten Unterricht und das Schulwesen generell (SKBF, 2026).

[2] Die Erstsprache ist definiert als die erste Sprache, die ein Mensch erlernt (sogenannt: Muttersprache) (BFS, 2023).

Ursachen des Rückgangs bleiben weitgehend ungeklärt

Die Faktoren, die mit dem Bildungserfolg einzelner Schülerinnen und Schüler zusammenhängen, sind gut dokumentiert. Dazu zählen soziale Herkunft, Migrationshintergrund und die zu Hause gesprochene Sprache. Weniger klar ist jedoch, weshalb die Grundkompetenzen in den vergangenen Jahren abgenommen haben. Zwar werden verschiedene Erklärungsansätze diskutiert, belastbare empirische Nachweise fehlen jedoch weitgehend.

Ein Grund dafür ist die lückenhafte Datenlage. Die Schweiz verfügt über kein einheitliches, langfristig vergleichbares Monitoring der Grundkompetenzen. Kompetenzen werden mit diversen Instrumenten, auf verschiedenen Schulstufen und nach kantonal variierenden Verfahren erhoben, wobei dieselben Kompetenzbereiche weder regelmässig noch nach einer einheitlichen Methodik gemessen werden. Dadurch fehlen belastbare Längsschnittdaten, die es erlauben würden, Entwicklungen und mögliche Ursachen über längere Zeiträume abzubilden. Entsprechend werden verschiedene Erklärungsansätze diskutiert. Genannt werden unter anderem ein verändertes Mediennutzungsverhalten sowie der verstärkte Einsatz digitaler Geräte. Solche Zusammenhänge erlauben jedoch keine eindeutigen Rückschlüsse auf die Ursachen des beobachteten Kompetenzrückgangs (OECD, 2023a).

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