Entrup et al. untersuchen kindliche Misshandlungserfahrungen und zervikale Dystonie in der Fall-Kontroll-Studie; kein signifikanter Zusammenhang zwischen Misshandlungserfahrungen und Dystonie
Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2026 Jg. 72, Heft 2 - Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin
Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie 2026 Jg. 72, Heft 2
Risiko – Prädiktion – Konzeptualisierung
In diesem Heft unserer Zeitschrift setzen wir uns mit der Erfassung von Risikofaktoren und Prädiktoren psychischer und psychosomatischer Störungen auseinander und reflektieren deren Auswirkung auf die Therapie. Am Beginn steht eine Grundsatzdebatte, an der ich als Herausgeber und Mitverantwortlicher im Arbeitskreis Operationalisierte Diagnostik (OPD) selbst beteiligt bin. Mit Recht und guten Argumenten stellt Christiane Steinert aus Berlin die Frage, ob die Konzeptionalisierung der OPD-Strukturachse nicht allzu normativ geraten ist. Wird hier ein Ideal von guter Struktur und damit psychischer Gesundheit geschaffen, das alle, die diese nicht erreichen pathologisiert? In meiner Replik weise ich darauf hin, dass in der Tat das Strukturniveau in der Normalbevölkerung einer linksschiefen Normalverteilung zu folgen scheint. Das heißt, nur wenige Menschen zeigen das „gute Strukturniveau“ währen die meisten im Bereich zwischen 1,5 und 2,5 – also „neurotisch“ mit reiferer oder weniger reifer Ausprägung – zu finden sind. Darüber hinaus geht die OPD-3 nicht davon aus, dass unser strukturelles Funktionieren immer gleich gut ausgeprägt ist, sondern dass eine gewisse Variabilität in der Natur der Sache liegt. Natürlich bleibt die Grundfrage: Wie normativ ist unsere Diagnostik? Diskriminiert sie oder bildet sie Realität ab – testtheoretisch sollten Bodenund Deckeneffekte vermieden werden, ethisch dagegen die Bewertungen (Steinert, 2026; Doering, 2026). Derwahl et al. (2026) räumen mit dem Vorurteil auf, Studierende der Medizin oder Psychologie bzw. (angehende) Lehrer:innen seien psychisch labiler als andere Menschen („Die wollen ja nur sich selbst therapieren!“). Tatsächlich scheint es sogar umgekehrt zu sein: Lehramts-, Psychologie- und Medizin-Studierende sind möglicherweise sogar integrierter hinsichtlich ihrer Persönlichkeitsstruktur und weniger anfällig für ein Burnout als die anderer Fächer. Kaum jemand kennt die Welt der empirischen Psychotherapieforschung so gut wie Falk Leichsenring. Die qualitativen Ansprüche an seine eigenen Studien, die messerscharfen Analysen des Feldes sowie seine Empörung über wissenschaftliche Unredlichkeit im Schulenstreit sind Legende. Allerorten wird derzeit von einer „modularen Psychotherapie“ gesprochen, wobei leicht unter den Tisch fällt, dass es bislang so gut wie keine empirischen Wirksamkeitsnachweise dafür gibt. Ebenso bleibt die Auseinandersetzung mit konzeptionellen Bedenken meist aus. Dazu nehmen Leichenring et al. (2026) Stellung und versuchen einen konstruktiven und fairen Dialog zwischen den Vertreter:innen der verschiedenen Lager anzustoßen.
In einem weiteren Beitrag stehen Vorurteile auf dem Prüfstand – diesmal sind es Altersstereotype, nämlich, dass ältere Menschen weise, aber auch rigide und isoliert und überhaupt eine Bürde für die Gesellschaft seien. Reinwarth et al. (2026) zeigen, dass jüngere Menschen zwar durchaus annehmen, ältere seien rigide und eher isoliert, dass aber in allen Altersgruppen die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt ist, das ältere Menschen erfahrener und weiser seien, jedoch keineswegs die Gesellschaft belasten. Den Abschluss des Heftes bildet die Arbeit von Entrup et al. (2026), in der dem Zusammenhang von kindlichen Misshandlungserfahrungen und zervikaler Dystonie nachgegangen wird. In dieser Fall-Kontroll-Studie konnte kein derartiger Zusammenhang nachgewiesen werden. Das Autorenteam schließt – auch im Lichte vergleichbarer Studien –, dass kindliche Missbrauchserfahrungen wohl keinen signifikanten Einfluss auf die Entstehung fokaler Dystonien haben dürften. Unser „Manuskripthaushalt“ hat mehr oder weniger zufällig ergeben, dass in diesem Heft bis auf einen Beitrag alle in englischer Sprache erscheinen. Wir bieten unseren Autor:innen diese Option ja schon seit mehreren Jahren an. Der Vorteil besteht darin, dass englischsprachige Beiträge mehr gelesen werden (dies zeigt die Online-Statistik des Verlags) und auch mehr zitiert werden. Darin liegt ein Vorteil insbesondere für Autor:innen am Anfang ihrer Karriere, die Impact-Faktoren und Zitationen für ihre Habilitationen und Berufungen sammeln müssen. Auf der anderen Seite gehen wir davon aus, dass nicht alle von Ihnen, unseren Leser:innen, mit diesen englischsprachigen Publikationen einverstanden sind. Nun haben wir tatsächlich von Ihnen noch nie eine derartige Rückmeldung erhalten – vielleicht schätzen wir Sie ja auch falsch ein? Nehmen Sie doch bitte dieses Heft zum Anlass, es uns mitzuteilen, falls Sie mit so vielen englischen Texten nicht einverstanden sein sollten.
Literatur Derwahl, L., Buchholz, I., Strauß, B., Gumz, A. (2026). Burnout and Personality Structure: A Comparison of Medical, Psychology and Teaching and Other Students. Z Psychosom Med Psychother, 72, 142-158. Doering, S. (2026). Reply to Steinert: Light and Shadow of the “Os”. Z Psychosom Med Psychother, 72, 127-141. Entrup, J., Mautner, S., Kamm, C., Berger, C., Reese, R., Spitzer, C. (2026). (2026). Childhood Maltreatment and Cervical Dystonie. Z Psychosom Med Psychother, 72, 189-199. Leichsenring, F., Doering, S., Steinert, C. (2026). Modular Psychotherapy – Conceptual and Empirical Issues. Z Psychosom Med Psychother, 72, 159-174. Reinwarth, A.C., Krakau, L., Brähler, E., Strauß, B., Peters, M. (2026). Altersstereotype in Deutschland – Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Z Psychosom Med Psychother, 72, 175-188. Steinert, C. (2026). Commentary: Darkening the „O“ in OPD. Z Psychosom Med Psychother, 72, 128-136.
Stephan Doering, Klinik für Psychoanalyse und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien
Z Psychosom Med Psychother 72, 125–127, ISSN (Printausgabe): 1438-3608, ISSN (online): 2196-8349 © 2026 Vandenhoeck & Ruprecht