FDP-Fraktion Bremen fordert Aufbau eines Schulabschluss-Coaching-Programms in Bremen; Pilotstart an zehn Oberschulen in Bremen und Bremerhaven

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Landtag 21. Wahlperiode Drucksache 21/1962

  1. September 2026 Antrag der Fraktion der FDP Kein Abschluss ohne Anschluss – Schulabschluss-Coaching im Land Bremen aufbauen

Die Zahl der Jugendlichen, die im Land Bremen die Schule ohne Abschluss verlassen, hat einen historischen Höchststand erreicht: Laut Monitoringbericht 2025 des IQHB waren es 2024 insgesamt 729 – 568 in der Stadt Bremen, 161 in Bremerhaven; 2014 lag die Zahl noch bei 447. Mit einer Quote von 10,6 Prozent des Abgangsjahrgangs gehört Bremen bundesweit zu den fünf Ländern mit den höchsten Werten, der Bundesdurchschnitt liegt bei rund 7 Prozent. Die Folgen zeigen sich unmittelbar am Arbeitsmarkt (vgl. Kleine Anfrage der Fraktion der CDU, Drs. 21/1493): 8.200 Arbeitslose im Land Bremen hatten 2024 keinen Schulabschluss (20 Prozent, Bund: 18,5 Prozent), 27.000 keinen Berufsabschluss (67 Prozent, Bund: 55 Prozent). Ohne Schulabschluss kein Ausbildungsplatz, ohne Ausbildung keine Erwerbsbiografie – so wird das Aufstiegsversprechen unserer Gesellschaft Jahr für Jahr für Hunderte junger Bremerinnen und Bremer gebrochen. Bremen kann sich das weder sozial noch ökonomisch leisten. Der demografische Wandel verknappt die Nachwuchsjahrgänge, während Handwerk, Industrie, Pflege und öffentlicher Dienst händeringend Fachkräfte suchen. Jeder Jahrgang mit über 700 jungen Menschen ohne Abschluss ist ein doppelter Verlust – für die Betroffenen und für den Wirtschaftsstandort. Zugleich kostet jeder verhinderte Schulabbruch nur einen Bruchteil dessen, was später durch Transferleistungen, Nachqualifizierung und entgangene Wertschöpfung anfällt: Investitionen in Bildung sind die wirtschaftlich vernünftigste Sozialpolitik. Dass es anders geht, zeigt Hamburg: Der Stadtstaat mit vergleichbarer Sozialstruktur hält seine Quote seit Jahren bei rund 6,3 Prozent (2024/25). Ein Baustein dieses Erfolgs sind Schulabschluss-Coaching-Programme wie „JEA! – Jedem einen Abschluss" (SchlauFox e.V.): An kooperierenden Stadtteilschulen begleiten vier geschulte Coaches eine feste Lerngruppe von 15 abschlussgefährdeten Schülerinnen und Schülern über zwei Jahre bis zur Prüfung – mit wöchentlichem Kleingruppen-Coaching, Sprachförderung, Fachnachhilfe und Unterstützung bei persönlichen Problemlagen. Seit 2009 wurden rund 1.800 Jugendliche begleitet, etwa 91 Prozent erreichten ihren Abschluss. Ein vergleichbares, schulisch verankertes Angebot fehlt in Bremen: Die bestehenden Angebote greifen zu kurz: Die Jugendberufsagentur setzt erst am Übergang Schule–Beruf an, ReBUZ und Schulvermeiderprojekte haben oft nur den Ansatz Kinder in Bildung zu halten oder greifen erst, wenn andere Maßnahmen bereits gescheitert sind. Bei zuletzt 729 Abgängern ohne Abschluss ist aber ein effektives und schnellgreifendes Mittel gefragt.

Landtag der Freien Hansestadt Bremen Haus der Bürgerschaft | Am Markt 20 | 28195 Bremen Drucksache Land - Drucksache 21/1962 2 von 2 Hinzu kommt der Fakt, dass Schulabbruch dabei kein flächiges, sondern ein räumlich hochkonzentriertes Problem: In Gröpelingen z.B. verlassen 16 Prozent der Schulentlassenen die Schule ohne Abschluss, in Horn-Lehe ein Prozent; an Schulen der höchsten Sozialstufe ist es jeder Vierte, an Schulen der niedrigsten vier Prozent. In Bremerhaven reicht die Spanne von 15 Prozent in Lehe bis null in Suhrheide und Schiffdorferdamm. Ein Schulabschluss-Coaching muss deshalb dort beginnen, wo das Problem konzentriert ist – in den Stadtteilen mit den höchsten Abgängerquoten.

Beschlussempfehlung: Der Senat wird aufgefordert,

  1. das Programm zunächst als Pilotvorhaben an zehn Oberschulen in Bremen und an zwei Oberschulen in Bremerhaven zu starten – prioritär an Schulen des Startchancen- Programms und an Standorten mit den höchsten Abgängerquoten ohne Abschluss, wobei Bremerhaven angesichts seiner überproportionalen Quote von zuletzt 13,9 Prozent angemessen zu berücksichtigen ist. Dafür ist innerhalb von sechs Monaten ein Konzept für ein Schulabschluss-Coaching-Programm nach dem Modell („JEA! – Jedem einen Abschluss") vorzulegen, das abschlussgefährdete Schülerinnen und Schüler ab Jahrgangsstufe 9 über zwei Jahre in festen Lerngruppen durch geschulte Coaches bis zum ersten Schulabschluss begleitet;
  2. für die Umsetzung vorrangig auf die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Bildungsträgern, Stiftungen, den Hochschulen (Gewinnung studentischer Coaches) und der Wirtschaft zu setzen, statt neue staatliche Doppelstrukturen zu schaffen, und zu prüfen, inwieweit Mittel aus dem Startchancen-Programm, dem Europäischen Sozialfonds sowie Instrumente der Arbeitsförderung (SGB II/III) zur Finanzierung herangezogen werden können;
  3. das Programm mit den bestehenden Strukturen – insbesondere Jugendberufsagentur, ReBUZ, Schulsozialarbeit und den Angeboten des zweiten Bildungswegs – systematisch zu verzahnen, damit kein Jugendlicher am Übergang Schule – Beruf aus dem Blick gerät;
  4. eine wissenschaftliche Begleitung und jährliche Evaluation vorzusehen, die insbesondere die Abschlussquote der Teilnehmenden und deren Übergang in Ausbildung erfasst, und der Bürgerschaft (Landtag) erstmals ein halbes Jahr nach Programmbeginn und danach jährlich zu berichten;
  5. auf dieser Grundlage ein messbares Landesziel zu verankern, die Quote der Schulabgängerinnen und Schulabgänger ohne ersten Schulabschluss bis 2030 mindestens auf den Bundesdurchschnitt zu senken.

Fynn Voigt, Thore Schäck und FDP-Fraktion

Anlage(n):

  • keine