Israelische und deutsche Pädagog*innen diskutieren Holocaustbildung im deutsch-israelischen Begegnungsseminar der GEW und Histadrut HaMorim, Haus der Wannseekonferenz, Berlin; Präventionsarbeit gegen Antisemitismus stärkt Zusammenarbeit.

Gemeinsam gedenken – auch in schwierigen Zeiten | GEW - Die Bildungsgewerkschaft

Gemeinsam gedenken – auch in schwierigen Zeiten

Holocaust-Erinnerung ohne Zeitzeugen, Unterricht nach dem 7. Oktober, Antisemitismus an Schulen: Darüber sprachen israelische und deutsche Pädagog*innen im Begegnungsseminar von GEW und Histadrut HaMorim. Ihr Tenor: Handeln statt Wegsehen

Immer weniger Zeitzeugen können über die Shoah aus erster Hand berichten. Die Holocaustbildung muss daher neue Wege des Erinnerns gehen. Erzählabende mit Nachfahren der Holocaust-Überlebenden, also der zweiten oder dritten Generation, werden inzwischen in Israel regelmäßig durchgeführt. Auch in Deutschland finden seit einigen Jahren diese „Zikaron ba Salons” (Deutsch: Erinnern im Wohnzimmer) statt.

Außerdem wird mit KI-gestützter Erinnerungsarbeit experimentiert, Schüler*innen können einem Avatar Fragen über die Geschichte stellen, doch wie authentisch ist das? Acht Gäste aus Israel und zehn GEW-Mitglieder diskutierten im deutsch-israelischen Begegnungsseminar der beiden Bildungsgewerkschaften GEW und Histadrut HaMorim und der Friedrich-Ebert-Stiftung über die Vermittlung der Shoah. Auch die Erinnerungsarbeit nach dem Überfall der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 kam dabei zur Sprache.

Die Berichte der israelischen Lehrkräfte, die den Terror zum Teil selbst direkt erlebten und sich mit ihren Familien in Schutzräumen verstecken mussten, beeindruckten und bewegten die deutschen Teilnehmerinnen. Die israelischen Lehrkräfte erzählten auch von der riesigen Herausforderung, nicht nur mit der eigenen Traumatisierung und Trauer, sondern auch mit den Ängsten und Sorgen ihrer Schülerinnen einen Umgang zu finden. Sie seien nicht nur Lehrkräfte, die Wissen vermitteln, sondern pädagogische Begleiter und psychologische Berater der Kinder. Die israelische Bildungsgewerkschaft Histadrut Ha Morim habe sie dabei mit Computern für den Fernunterricht bis hin zu psychologischer Begleitung unterstützt. Die Initiative Edut 710, die deren Mitarbeiterin Dr. Noah Bar Gosen im Seminar in einem Online-Vortrag vorstellte, sammelt und archiviert Zeitzeug*innenberichte vom 7. Oktober, damit die Geschehnisse nicht vergessen, relativiert oder geleugnet werden. Der persönliche Austausch habe ihm gezeigt, wie wichtig es sei, Empathie und Verständnis für die israelische Perspektive zu entwickeln, sagte ein deutscher Teilnehmer.

Die Israelis zeigten sich beeindruckt davon, dass die deutschen Pädago*innen sich auch mit den NS-Bezügen in ihrer eigenen Familienbiografie befassen und davon nicht den Blick abwenden. Einige der israelischen Gäste waren direkte Nachfahren von Holocaust-Opfern oder Überlebenden. Die Zahl der sechs Millionen ermordeten Jüdinnen und Juden dürfe keine abstrakte Zahl werden, man müsse Kindern und Jugendlichen vermitteln, dass dahinter individuelle Menschen mit eigenen Biografien, Wünschen und Träumen stehen, so der Tenor des Seminars. Auch im Haus der Wannseekonferenz lernten die Teilnehmenden wie moderne Holocaust-Bildung im Rahmen einer interaktiven Ausstellung durchgeführt wird.

Antisemitismus begegnen: Handeln statt Wegsehen

Die deutschen Pädagoginnen berichteten auch von den Auswirkungen des erstarkenden Antisemitismus auf ihre Arbeit. „Nie wieder ist jetzt“ dürfe keine leere Phrase sein, sondern ein Handlungsauftrag, waren sich die Teilnehmenden einig. Dabei müsse Holocaust-Bildung auch immer einen Bezug zu Gegenwart und Zukunft herstellen – allein mit Gedenkstättenfahrten für Schülerinnen könne der zunehmende Antisemitismus nicht bekämpft werden. Ein Teilnehmer aus Deutschland berichtete von den positiven Erfahrungen mit einem von Lehrkräften, Pädagoginnen, Schülerinnen und Eltern gemeinsam gebildeten „Respekt Team“, das in Fällen von Rassismus oder Antisemitismus aktiv wird und Präventionsarbeit leistet.

„Dieses Begegnungsseminar hat mir gezeigt, dass Bildung besonders in Krisenzeiten einen Ort anbieten kann für die Erinnerung, für Fragen und Zuhören, das Aushandeln von Meinungsverschiedenheiten und den Wiederaufbau von Hoffnung”, bilanzierte Yulia Michurin, die stellvertretende Leiterin des Lehrkräfte-Bildungszentrums Pisga in Eilat. Die wichtigste pädagogische Aufgabe sei es, „nicht indifferent zu bleiben, sondern zu handeln”.

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