ADFC entwickelt bundesweites Kinderschutzkonzept Dresden; Verabschiedung am 14.–15. November in Dresden vorgesehen
Ein bundesweit anwendbares Kinderschutzkonzept […] schafft einheitliche Standards und einen verlässlichen Rahmen. Markus Stich, Koordinator Kinderradelschule ADFC Nürnberg D er ADFC bewegt Menschen jeden Alters – auf Radtouren, bei Aktionen auf der Straße, in den ADFC-Radfahrschulen oder bei der Verkehrserziehung. Immer häufiger sind auch Kinder und Jugendliche dabei. Mit Angeboten wie Fahrradtrainings, Radtouren für Minderjährige und Kidical Mass spricht der ADFC sie gezielt an. Seit 2025 hat der Verband mit dem Jungen ADFC auch eine eigene Jugendorganisation. Um der gewachsenen Verant wortung gerecht zu werden, entwickelt der Verband ein Kinderschutzkonzept. Das Ziel: Kinder und Jugendliche, die an ADFC-Veranstaltungen teilnehmen oder sich engagieren wollen, bestmöglich zu unterstützen und zu schützen. Gleichzeitig sollen auch die vielen ehrenamtlich Aktiven im ADFC einen sicheren Rahmen für ihr Engagement erhalten: „Der ADFC hat ADFC-KINDERSCHUTZKONZEPT Kinder und Jugendliche spielen in der Arbeit des ADFC eine immer größere Rolle. Mit einem verbandsweiten Kinderschutzkonzept schafft der ADFC klare Standards, um junge Menschen zu schützen sowie Ehrenamtlichen mehr Sicherheit und Orientierung für ihre Arbeit zu geben. KINDER SCHÜTZEN seine Stärken traditionell in der Arbeit mit Erwachsenen. Mit den neuen Angeboten ist auch eine neue Verantwortung verbunden: Der ADFC muss sich stärker mit dem Schutz von Kindern und Jugend lichen auseinandersetzen. Dabei liegt der Fokus ganz klar auf Prä- vention“, sagt Johanna Drescher, die in der ADFC-Bundesgeschäfts- stelle für das Kinderschutzkonzept zuständig ist (Interview siehe S. 14). „Um die Ehrenamtlichen dabei zu unterstützen, arbeiten wir an einem verbandsweit gültigen Kinderschutzkonzept. Damit wir hier sicher aufgestellt sind, haben wir uns Expertise von außen besorgt.“ Externe Beratung Gerold Stabel ist ausgebildete Fachkraft für Kinderschutz und Berater für die Erstellung von Schutzkonzepten. „Ich unterstütze den ADFC bei Fachfragen und bei der systema tischen Verankerung des verbandsinternen Schutzkonzepts. Ich ver- suche, zu motivieren und zu moderieren sowie – geprägt durch meine eigenen Erfahrungen – das ehrenamtsnah zu gestalten.“ Auch Haupt- und Ehrenamtliche aus den Landes- und Kreisver- bänden des ADFC konnten ihre Erfahrungen beisteuern und so dafür sorgen, dass das Kinderschutzkonzept für die Arbeit vor Ort praxistauglich ist. Der Bundesvorstand stellt das fertige Kinder- schutzkonzept auf der Bundeshauptversammlung am 14. und 15. November in Dresden vor, damit es verabschiedet werden kann. GEMEINSAM ADFC RADWELT 12 BEWEGEN | Kinderschutz
Der ADFC nimmt Kinderrechte ernst und schafft sichere Räume, in denen junge Menschen sich einbringen und entfalten können Sarah Holczer, ADFC-Bundesvorsitzende Fotos: Linnard Gordalla, Markus Metschl, Julia Baier Schutz für Minderjährige und Engagierte „Mit dem Kinderschutzkonzept übernimmt der ADFC Verantwortung – für Kinder und Jugendliche, für unsere Ehrenamtlichen, für die Zukunft unserer Kinder- und Jugendarbeit. Wir schaffen einen klaren Rah- men, der Schutz, Orientierung und Handlungssicherheit bietet. Für mich ist das ein wichtiges Signal: Der ADFC nimmt Kinderrechte ernst und schafft sichere Räume, in denen junge Menschen sich einbringen und entfalten können“, sagt die ADFC-Bundesvor sitzende Sarah Holczer. Das Konzept berücksichtigt unterschiedliche Formen von Gefährdung: unbeabsichtigte Grenzverletzungen, Übergriffe, Gewalt unter Kindern und im digitalen Raum. Verschiedene Maß- nahmen dienen der Prävention: Klare Verhaltensregeln für den Umgang mit Kindern und Jugendlichen bieten Orientierung und Sicherheit für alle Beteiligten. Dazu gehören Hinweise, wie man mit Kindern und Jugendlichen sprechen sollte, wie viel und welcher Körperkontakt erlaubt ist sowie Regeln für den Kontakt über Social Media und Messenger. Das Konzept liefert auch einen Leitfaden, was bei Verdachtsfällen zu tun ist. Zudem will der ADFC künftig u. a. erweiterte Führungszeugnisse einsehen. Verbandsinteresse ist groß Vor allem bei den Landes- und Kreisverbänden, die schon viel mit Kindern und Jugendlichen arbeiten – wie der ADFC Nürnberg, der 2024 eine Kinderradel- schule gegründet hat. „Wir veranstalten jeden Samstag offene Trainings, zu denen Kinder kommen, die wir nicht kennen – oft auch ohne Eltern. Das heißt, wir haben die Aufsichtspflicht und sind teilweise auch mit den Kindern alleine. Da war von Anfang an ein wesentlicher Gedanke: Wie stellen wir sicher, dass die Kinder einen sicheren Ort haben? Wir haben uns aber auch die Frage gestellt, wie geben wir unseren ehrenamtlichen Trainer:innen Sicherheit im Umgang mit den Kindern“, sagt Markus Stich. Er koordiniert die Kinderradelschule und ist dankbar, dass der ADFC sich nun intensiv mit dem Kinderschutz auseinandersetzt. „Ein bundesweit anwendbares Kinderschutzkonzept ist für uns sehr wertvoll. Es schafft einheit liche Standards und einen verläss lichen Rahmen für unsere Arbeit vor Ort. Dadurch werden wich- tige Strukturen etabliert, die wir allein nur mit deutlich höherem Aufwand stemmen könnten.“ Einige ADFC-Landesverbände arbeiten bereits an eigenen Kin- derschutzkonzepten für ihre Kinder- und Jugendarbeit. Thomas Kees verantwortet beim ADFC Saar die Kinder- und Jugendarbeit und sagt: „Wir gehören mit dem ADFC Berlin zu den ersten Lan- desverbänden, die ein eigenes Konzept auf den Weg gebracht haben. Obwohl wir mit dem saarländischen Kinderschutzbund in engem Kontakt stehen und das Konzept gemeinsam erarbeitet haben, ist eine Abstimmung und Weiterentwicklung innerhalb des ADFC mit seinen spezifischen Umgebungsbedingungen sehr sinnvoll.“ Der saarländische Landesverband hat mit seiner Der ADFC Saar macht viel für Kinder und Jugendliche, z. B. Fahrradaktionen bei einem Stadtfest. Beispiel Kidical Mass: Kinder und Jugendliche spielen in der Arbeit des ADFC eine immer größere Rolle. 13 ADFC RADWELT Kinderschutz
Welche Situationen sind im Verbandsalltag besonders sensibel oder herausfordernd? Bei Ehrenamtlichen, die zum Beispiel Fahrradtrainings anbieten, er- lebe ich häufig Unsicherheit bezüglich Nähe und Distanz: In welchen Situationen und an welchen Körperstellen dürfen Kinder bei Hilfe stellungen angefasst werden? Darf ich ein Pflaster aufkleben, wenn ein Kind gestürzt ist, oder brauche ich dafür schon die Erlaubnis der Erziehungsberechtigten? Neben Antworten auf konkrete Fragen, ging es auch darum, den ADFC und seine Aktiven auf den Umgang mit Verdachtsfällen vorzubereiten, denn das kann schnell überfordern und zu Konflikten führen. Gleichzeitig wollen wir erreichen, dass alle Beteiligten genau hinschauen und wissen, dass sie sich melden kön- nen, wenn sie zum Beispiel Verstöße beobachtet haben. Auch die Einsichtnahme in erweiterte Führungszeugnisse ist im ADFC-Alltag herausfordernd. Es handelt sich zwar um ein „Stan- dard-Instrument“ im Kinderschutz, bedeutet aber auch mehr Büro- kratie und Organisation: Wer sieht die Zeugnisse an? Wie muss das dokumentiert werden? Zusätzlicher Aufwand ist im Ehrenamt immer eine Heraus forderung. Wie geht der ADFC mit möglichen Vorbehalten um? Im ADFC passiert so vieles im Ehrenamt und ich verstehe, wenn ein Vorstand sagt: ‚Ich will doch nur den Radverkehr voranbringen, warum soll ich jetzt eine Schulung absolvieren, Führungszeugnisse einsehen, ein Konzept lesen.‘ Deshalb unterstützen wir von der Bundesebene aus mit einem praxisnahen Kinderschutzkonzept, übersichtlichen Checklisten für den Alltag und mit Beratung. Zusätz- licher Aufwand bleibt es zwar, aber Kinder und Jugendliche haben nun mal ein besonderes Schutzbedürfnis – und Kinderrechte umzu- setzen, geht nicht ohne Auseinandersetzung und Mehraufwand. Das ist aber auch eine Investition in die Zukunft. Nach zwei Jahren werden wir uns das Kinderschutzkonzept noch mal genau ansehen und gemeinsam mit Ehrenamtlichen sowie Kindern und Jugendlichen prüfen, wie es in der Praxis funk- tioniert und passen es bei Bedarf an. Zur verantwortungsvollen Kinder- und Jugendarbeit gehören Schulungen zwingend dazu. Unsere Basis-Kinderschutzschulung dauert online nur drei Stunden – das ist sinnvoll investierte Zeit. … bei JOHANNA DRESCHER, Referentin für Verbandsthemen NACHGEFRAGT PRAXISNAHER SCHUTZ FÜR KINDER UND EHRENAMT Es geht ja nicht nur um den Schutz von Kindern, sondern auch darum, dass Ehrenamtliche weniger Sorge haben müssen, Fehler zu machen … Genau. Dass sie sich sorgen, ist nicht nur normal, sondern sogar super. Das heißt ja, dass sie ihr Handeln reflektieren und nicht einfach blind loslegen. Ehrenamtliche können mit anderen über Unsicherheiten oder Fragen sprechen, zum Beispiel mit anderen Ehrenamtlichen, die vor Ort etwas für Minderjährige auf die Beine stellen. Und falls es die nicht gibt, sind lokale Beratungsstellen oder die Kinderschutzschulungen in der ADFC-Akademie der richtige Ort. Auch über die E-Mail-Adresse kinderschutz@adfc.de können sich Ehrenamtliche Rat holen. Wie gelingt es, Schutzmaßnahmen umzusetzen, ohne das Engagement zu erschweren oder Menschen abzuschrecken? Ich denke auch andersrum: Wer sich schon anderswo engagiert hat und sich im ADFC einbringen möchte, erwartet ein Kinder- schutzkonzept und wäre abgeschreckt, wenn wir da nichts hätten. Und die Schutzmaßnahmen erleichtern das Engagement auch – denn statt Unsicherheit (Darf ich das? Was mache ich, wenn etwas passiert?) liefert das Kinderschutzkonzept einen klaren Rahmen. Klar, da kommt zusätzlicher Aufwand auf alle im ADFC zu. Damit der überschaubar bleibt, unterscheidet der Entwurf des Kinderschutzkonzepts aber zwischen Unterstützen- den, die zum Beispiel bei einer Kidical Mass die Kreuzungen ab- sichern, und Betreuenden, die die Aufsichtspflicht bei einer Radtour für Minderjährige übernehmen. Unterstützende bekom- men eine kurze Kinderschutz-Einweisung durch jemanden, der die Kinderschutzschulung absolviert hat und unterschreiben, dass sie sich an den Verhaltenskodex halten und nicht einschlägig vor- bestraft sind – das ist sogar am Tag der Veranstaltung noch machbar. Wer Kinder betreut und begleitet, muss mit mehr Auf- wand rechnen, hat aber naturgemäß auch mehr Fragen, die unser Konzept beantworten kann. Infos und das komplette Interview online auf www.adfc.de/kinderschutz und im neuen E-Magazin. Foto: ADFC/Deckbar, ADFC Nürnberg, privat ADFC RADWELT 14 BEWEGEN | Kinderschutz
Für uns, die wir für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig sind, wird das Konzept die Arbeit sicher erleichtern. Thomas Kees, Verantwortlicher für Kinder- und Jugendarbeit beim ADFC Saar Radfahrschule, Schulprojekten und Fahrraddemonstrationen ein breites Angebot für Kinder und Jugendliche. „Wir erwarten eine hohe Sensibilität und große Offenheit gegenüber den Konzepten, die auf Bundes- und Landesebene erstellt werden. Für uns, die wir für die Kinder- und Jugendarbeit zuständig sind, wird es die Arbeit sicher erleichtern. Im Idealfall erreichen wir damit sogar Aktive, die sich bisher Aktionen mit Kindern nicht haben vorstellen kön- nen. Nicht, weil sie nicht wollten, sondern weil sie sich bisher davor gescheut haben“, sagt Kees. Kinderschutz als gemeinsame Aufgabe Mit dem Kon- zept wird Kinderschutz zur gemeinsamen Aufgabe im gesamten ADFC. Die ADFC-Bundesgeschäftsstelle unterstützt dabei mit Checklisten, Arbeitshilfen und Schulungsangeboten in der ADFC- Akademie (ab Januar 2027). Es wird auch Beratungsangebote und eine feste Ansprechstelle für Kinderschutzfragen geben, bei der sich Engagierte im Verdachtsfall oder bei einem „komischen Gefühl“ melden können. Gleichzeitig gilt: Wer Angebote oder Ver- anstaltungen für Kinder und Jugendliche plant oder durchführt, ist verpflichtet, sich mit dem Kinderschutzkonzept vertraut zu machen und es umzusetzen. Wichtig dabei: „Die Maßnahmen werden RECHTLICHE VORGABEN Kinder