Bundeskabinett bringt 30. BAföG-Novelle auf den Weg in Deutschland; Verspätetes Reförmchen mit eingebautem Sozialabbau

Gebrochenes Aufstiegsversprechen | GEW - Die Bildungsgewerkschaft

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Das BAföG ist keine Wohltat für „privilegierte“ Studierende. Es ist ein Instrument des Sozialstaats. Wer hier kürzt, kürzt an Bildungschancen.

07.09.2026 - Andreas Keller, GEW-Vorstandsmitglied Hochschule und Forschung

Jetzt also doch: Nach monatelangem Hin und Her hat das Bundeskabinett die 30. BAföG-Novelle auf den Weg gebracht. Das ist besser als die zwischenzeitlich drohende Absage. Doch aus der im Koalitionsvertrag versprochenen Reform ist ein verspätetes Reförmchen mit eingebautem Sozialabbau geworden.

Die Wohnpauschale soll von 380 auf 440 Euro steigen – aber erst zum Sommersemester 2027 statt, wie versprochen, zum Wintersemester 2026

  1. Der Grundbedarf soll erst 2029 das heutige Grundsicherungsniveau erreichen. Bis dahin dürfte auch dieses längst überholt sein. Und während Studierende weiter auf Verbesserungen warten, plant die Regierung sogar Verschlechterungen: Die Wohnpauschale für Studierende, die bei ihren Eltern wohnen, soll schrittweise ganz gestrichen werden.

Das trifft ausgerechnet diejenigen, die häufig aus finanziellen Gründen zu Hause bleiben und zur nächstgelegenen Hochschule pendeln. Wer daraus schließt, sie hätten keine Wohnkosten, verwechselt Elternhaus mit Gratishotel. Vor allem aber verschärft die Kürzung die Abhängigkeit von den Eltern – bei einer Leistung, die einmal mehr Unabhängigkeit von der sozialen Herkunft schaffen sollte.

Genau darin liegt der Kern des Problems. Mit dem BAföG wurde 1971 ein Aufstiegsversprechen gegeben: Nicht der Geldbeutel der Eltern, sondern Fähigkeiten und Interessen sollten über Bildungswege entscheiden. Doch dieses Versprechen wurde Stück für Stück zurückgenommen. Aus dem Vollzuschuss wurde eine Förderung mit Darlehensanteil, das Schülerinnen-BAföG wurde zusammengestrichen, Bedarfssätze und Freibeträge verloren an Wert. 1972 erhielt fast jeder zweite Studierende BAföG, heute nur noch etwa jede*r neunte.

Der aktuelle Streit ist deshalb mehr als ein Haushaltskonflikt. Er steht für einen Paradigmenwechsel: Bildung wird zunehmend als private Investition behandelt, Ausbildungsförderung als Fürsorge für eine kleine Gruppe. Dabei ist die soziale Auslese härter denn je: Von 100 Akademiker*innenkindern beginnen 78 ein Studium, von 100 Kindern aus Familien ohne akademischen Hintergrund nur 25.

Deshalb darf der Bundestag dieses Reförmchen nicht einfach durchwinken. Bedarfssätze, Wohnpauschale und Freibeträge müssen jetzt deutlich steigen, Verschlechterungen müssen raus. Perspektivisch braucht es darüber hinaus den Vollzuschuss, wieder ein echtes Schüler*innen-BAföG und eine elternunabhängige Förderung.

2026: Soziale Lage Studierender 31.08.2026 - ( pdf - 5.20 MB)

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