Sortenerhaltungszentrale Baden-Württemberg und Gemeinde Horgenzell starten Walnuss-Sorten-Erhaltungsprojekt in Horgenzell, Baden-Württemberg; Ziel: klimaresiliente Walnusssämlinge identifizieren, erhalten, vermehren

NEWSLETTER 0 9 / 2 0 2 6 SORTEN ERHALTUNGS ZENTRALE Baden-Württemberg VORWORT

Liebe Leserinnen und Leser, der Spätsommer/Herbst ist eine besondere Zeit im Obstbau: Die ersten Früchte reifen, die Ernte steht bevor und zugleich richtet sich der Blick bereits auf die kommenden Jahre. Auch in dieser Ausgabe unseres SEZ-Newsletters geht es um Projekte und Sorten, die zeigen, wie vielfältig und zukunftsorientiert der Streuobstbau und die Erhaltung alter Sorten sein kann. Angesichts des Klimawandels rücken zunehmend auch Nussgehölze in den Fokus der Sorten- erhaltungsarbeit. Mit dem Sortenerhaltungsgarten für Nussgehölze in der Gemeinde Horgenzell entsteht damit ein wichtiger Baustein für die langfristige Sicherung genetischer Vielfalt. Ebenso beschäftigen wir uns mit spätblühenden und frostrobusten Apfel- und Birnensorten – Sorteneigenschaften, die angesichts zunehmender Wetterextreme immer mehr an Bedeutung gewinnen. Vom Luikenprojekt gibt es ebenfalls Neuigkeiten und aktuelle Entwicklungen zu berichten. Es konnten einige pomologisch beschriebene Luikenvarietäten wieder sicher pomologisch einge- ordnet und auch wiederentdeckt werden. Dabei zeigen sich die Verwandtschaftsverhältnisse zum Luikenapfel als sehr vielfältig. Und natürlich dürfen auch die pomologischen Neuigkeiten nicht fehlen: Neue Erkenntnisse, interessante Sorten und Beobachtungen rund um unsere Obstvielfalt gehören zu den Themen, die uns immer wieder aufs Neue beschäftigen. Die Apfelsorte ‘Jules Labitte‘ ist ein besonderes Beispiel dafür. Eine schöne Gelegenheit zum persönlichen Austausch bietet der Offene Sortengarten am KOB am 19. September. Wer sich für alte und seltene Sorten interessiert, Sorten kennenlernen und bestimmen lassen möchte, ist herzlich eingeladen. Wir freuen uns auf viele bekannte und neue Gesichter! Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen, spannende Entdeckungen und einen guten Start in die Erntezeit. Dr. Ulrich Mayr, Leiter der Sortenerhaltungszentrale Baden-Württemberg

ERHALTUNG VON WALNUSSSORTEN – DR. ULRICH MAYR Sortenerhaltungszentrale Baden-Württemberg und Gemeinde Horgenzell starten gemeinsames Projekt Die SEZ hat bislang vor allem die Aufgabe, alte Apfel- und Birnensorten zu bewahren. Sie unterstützt dabei zahlreiche Initiativen und Vereine in Baden-Württemberg, berät bei der Sorten- auswahl und Beschaffung von Edelreisern, überprüft Sortengärten, sucht weiter nach regional- typischen Sorten und engagiert sich bei Sortenausstellungen und der Bestimmung unbekannter Sorten. Angesichts des Klimawandels rücken zunehmend auch Nussgehölze in den Fokus der Sortener- haltungsarbeit. Walnussbäume sind in Baden-Württemberg weit verbreitet und prägen vielerorts Streuobstwiesen, Hofstellen und die Kulturlandschaft. Die Streuobstkartierung aus dem Jahr 2008 schätzte den Bestand auf rund 300.000 bis 400.000 landschaftsprägende Walnuss- und Hofbäume. Ein besonderer Schatz liegt dabei in den zahlreichen Walnusssämlingen. Im Rahmen eines LEA- DER-Projekts wurden in Oberschwaben bei 72 Baumbesitzern insgesamt 269 Walnussbäume erfasst. Viele dieser Bäume sind Sämlinge und stellen damit eine große genetische Vielfalt dar. Ziel der weiteren Arbeit ist es, aus diesem Fundus besonders interessante und an die regionalen Bedingungen angepasste Walnusssämlinge zu identifizieren, zu beschreiben, langfristig zu er- halten und zu vermehren WALNÜSSE ALS KLIMARESILIENTE BÄUME Walnussbäume können eine interessante Ergänzung zu klassischen Apfel- und Birnenhochstäm- men darstellen. Sie gelten als robust und kommen auch mit sommerlicher Trockenheit vergleichs- weise gut zurecht. Zudem sind bei Walnussbäumen bislang weder ein nennenswerter Mistelbefall noch größere Probleme durch Wühlmäuse bekannt. Umfangreiche Kronenpflegemaßnahmen sind in der Regel nicht erforderlich. Damit können Walnüsse insbesondere vor dem Hintergrund zunehmender Trockenperioden eine interessante Perspektive für zukünftige, klimaangepasste Streuobstbestände bieten. Auch hat man in den letzten Jahren die große Bedeutung für die heimische Tierwelt festgestellt. Zwar werden ihre Blüten durch den Wind bestäubt und sind daher für klassische Blütenbesucher wenig attraktiv. Die Bäume bieten jedoch Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten für zahl- reiche Vogelarten. Spechte nutzen Walnussbäume regelmäßig, unter anderem aufgrund der dort vorkommenden holzbewohnenden Tierarten. Die Nüsse wiederum stellen im Herbst und Winter eine wichtige Nahrungsquelle für zahlreiche Vögel und Kleinsäuger dar. EIN GARTEN FÜR DIE VIELFALT In der Gemeinde Horgenzell (Kreis Ravensburg) konnte nun ein Erhaltungsgarten für Walnuss- sorten und lokale Sämlinge eingerichtet werden. Die Größe der zur Verfügung gestellten Fläche ermöglicht es, über die Walnuss hinaus weitere für die Zukunft interessante Nusssorten auf- zunehmen. Am Rand der Anlage sollen verschiedene Haselnuss- und Mandelsorten gepflanzt werden. Eine Allee aus Esskastanien ergänzt den Sortenerhaltungsgarten. Abb. 1: Pflanzung der ersten Walnussbäume im Frühjahr 2025 Haselnuss und Esskastanie könnten künftig ebenfalls wichtige Bausteine klimaresilienter Streu- obstwiesen und landwirtschaftlicher Kulturlandschaften werden. Die Auswahl der Sorten er- folgt in Abstimmung mit der Deutschen Genbank Obst und europäischen Fachkollegen. Dabei sollen insbesondere Sorten berücksichtigt werden, die sich für die klimatischen Bedingungen in Baden-Württemberg eignen. Die SEZ und der Fachbereich Sortenprüfung am Kompetenzzentrum Obstbau Bodensee können hierbei auf ein gut etabliertes europäisches Netzwerk zurückgreifen. So fließen Erfahrungen und Erkenntnisse aus verschiedenen Regionen Europas in die Auswahl der zukünftigen Sortenerhal- tungssammlung ein. GEMEINSAMES ENGAGEMENT FÜR DIE ZUKUNFT Die Gemeinde Horgenzell stellt nicht nur die Fläche für den Sortenerhaltungsgarten zur Ver- fügung, sondern übernimmt auch die Pflege der Anlage. Die Sortenerhaltungszentrale Baden- Württemberg koordiniert das Projekt, beschafft die Pflanzen und übernimmt die Pflanzung und die Kronenpflege. Abb. 2 : Walnusserhaltungsgarten am Ortsrand der Gemeinde Horgenzell Die ersten Bäume wurden im Frühjahr 2026 gepflanzt. Gefördert wird das Vorhaben durch das Ministerium für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg. Mit dem Sortenerhaltungsgarten in Horgenzell entsteht damit ein wichtiger Baustein für die langfristige Sicherung genetischer Vielfalt. Gleichzeitig wird er zu einem Anschauungs- und Erhaltungsort für klimaangepasste Nusssorten und macht sichtbar, welche Bedeutung Walnuss, Haselnuss, Mandel und Esskastanie künftig für die Kulturlandschaft Baden-Württembergs haben können.

SPÄTBLÜHENDE APFEL- UND BIRNENSORTEN – MONIK A MEYER Auf der Suche nach frostrobusten Apfel- und Birnensorten Durch die Klimaerwärmung blühen Obstbäume immer früher im Jahr, während sich das Auftreten von Spätfrösten nicht verringert hat. Hierdurch nimmt die Gefahr von Frost- schäden und Ernteverlusten zu. Vor diesem Hintergrund wurde das EIP-Projekt „Auslese und Entwicklung frosttoleranter Apfel- und Birnensorten zur Vermeidung von Spät- frostschäden“ durchgeführt. Das Ziel war, frostrobuste Sorten für den Streuobstanbau und die Züchtung zu finden. EINFLUSS DER WITTERUNGSBEDINGUNGEN Die Sorten haben genetisch bedingt ein unterschiedliches Kälte- und Wärmebedürfnis, das für das Einsetzen der Blüte erfüllt sein muss. Eine bestimmte Anzahl an Kältestunden ist erforder- lich, damit die winterliche Knospenruhe aufgehoben wird. Das hat den Vorteil, dass die Knos- pen nicht bereits nach kurzen Wärmeperioden im Januar oder Februar aktiviert werden. Wenn das Kältebedürfnis erfüllt ist, reagieren die Knospen auf warme Temperaturen und entwickeln sich weiter. Bei zwischenzeitlich einsetzenden Kälteperioden verlangsamt sich die Blütenentwick- lung oder stagniert. Es gibt verschiedene Modelle, um den Blühzeitpunkt rechnerisch zu ermit- teln. Die häufig schwankenden Temperaturen erschweren jedoch eine Berechnung. Außerdem zeigte sich, dass die Knospenentwicklung der Sorten unterschiedlich stark von den Witterungs- bedingungen beeinflusst wird. Ein sehr warmes Frühjahr, ohne große Rückschläge durch Kälteeinbrüche, führt meist zu einem schnellen, gleichzeitigen Blühen vieler Sorten. Die Unterschiede sind dann verhältnismäßig gering. In einem kühlen Frühjahr zeigen sich die Differenzen im Blühzeitpunkt hingegen deut- licher. So lassen sich vermutlich die unterschiedlichen Angaben in der Literatur erklären. Hinzu kommt die allgemeine Temperaturerhöhung infolge des Klimawandels, die zu Abweichungen von früheren Beobachtungen führen kann. SPÄTBLÜHENDE SORTEN Die Gefährdung durch Spätfröste hängt von verschiedenen Faktoren ab. Das wichtigste Krite- rium ist der Zeitpunkt der Blüte. Die Frostempfindlichkeit der Blüten steigt mit Ihrer Entwick- lung von der Knospe zur offenen Blüte. Am anfälligsten für Fröste sind offene Blüten und sehr junge Früchte. Je später die Sorten blühen, umso besser sind sie vor Spätfrösten geschützt. Eine lange Blütezeit kann ebenfalls günstig sein, da dann nur ein Teil der Blüten vom Frost geschädigt wird. Auch die Fähigkeit von manchen Sorten, Früchte ohne Befruchtung auszubilden zu kön- nen, kann nach Spätfrösten von Vorteil sein. Daneben gibt es eine geringe Anzahl von Sorten, deren Blüten sich als weniger frostanfällig erwiesen haben. Am KOB konnten die Sorten in den Erhaltungsgärten der Sortenerhaltungszentrale Baden- Württemberg untersucht werden. Dazu wurden der Blühzeitpunkt, der Blühverlauf und die- Blühintensität über mehrere Jahre untersucht. Zusätzlich konnte auf bereits vorhandene Daten zurückgegriffen werden. APFELSORTEN Es wurden 58 Apfelsorten gefunden, die später blühen als die Mehrzahl der Sorten. Um den Blühzeitpunkt einzustufen, wurde er in Kategorien von „mittelspät/spät“ bis „extrem spät“ unterteilt. Dabei sind die Übergänge nicht starr, sondern fließend. Abbildung 1: Der ‘Spätblühender Taffetapfel’ hatte die späteste Blüte. Folgenden Sorte blühten nur in manchen, eher kühlen Jahren spät, in anderen dagegen mit der großen Mehrzahl der Sorten: • Brettacher • Champagner Renette • Danziger Kant • Englischer Prinz • Halberstädter Jungfernapfel • Rheinischer Krummstiel • Roter Ziegler Tendenziell entwickelten sich die Blüten auf Hochstamm langsamer als auf den schwächer wach- senden Unterlagen. Abbildung 2: Der ‘Halberstädter Jungfernapfel’ blüht nur in manchen Jahren spät. Einteilung der Apfelsorten in den Erhaltungsgärten des KOB nach Blühzeitpunkt extrem spät Spätblühender Taffetapfel sehr spät Beimerstetter Luiken, Ginger Luiken, Heslacher Gereut, Jules Labitte, Königlicher Kurzstiel, Tulpenapfel Rheinland, Tulpenapfel sehr spät – spät AT „Mautapfel“, Auer Straßenapfel, Engelsberger, Oberrieder Glanzrenette, Rote Sternrenette, Schöner aus Elmpt, Süßer Pfaffenapfel, Wiesenapfel spät Becksapfel, Betzinger Grünapfel, Bittenfelder, Börtlinger Weinapfel, Eschacher Mostapfel, Fleiner, Frankenbacher Dauerapfel, Gelber Münsterländer Borsdorfer, Grahams Jubiläumsapfel, Grünapfel, Hans-Ulrichsapfel, Hofstätter, Kleiner Langstiel, Luikenapfel, Luxemburger Renette, Martini, Muskatellerluiken, Mutterapfel, Oetwiler Renette, Pohorka, Rheinischer Winterrambur, Rheinlands Ruhm, Roter Bellefleur (Siebenschläfer), Safranapfel, Schönauer Streifling, Schussentäler (Gros Croquet), Thurgauer Weinapfel mittelspät / spät Baldenheimer Weißapfel, Chüsenrainer, Gubener Waraschke, Herzogapfel, Krügers Dickstiel, Neue Orleans Renette, Riesenboiken, Roter Eiserapfel Tabelle 1: Spätblühende Apfelsorten am KOB Von der Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg (LVWO), einem unserer Projektpartner, wurden zwei weitere sehr spät blühende Sorten gefunden: die regionale Sorte ‘Christiansapfel‘ und die französische Sorte ‘Belle Fille des Sallins‘. BIRNENSORTEN Oft werden auch für Birnensorten in der Liter