Noëmi Sophia Henkel Abschlusskollektion HGK Basel FHNW; fünf Figuren hinterfragen Rollenbilder

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Zwischen Märchen, Hitchcock und Mode

Für ihre Abschlusskollektion an der HGK Basel FHNW hat Noëmi Sophia Henkel fünf Charaktere zwischen Hitchcock, Märchenwelt und Alltag entworfen und mit ihrer Mode traditionelle Rollenbilder hinterfragt.

Meine Bachelorarbeit trägt den Titel ‹The elephAnt in the roOm›. Ausgangspunkt sind Erinnerungen an Märchen, meine Faszination für Filmklassiker und Beobachtungen des Alltags. Daraus sind fünf Figuren entstanden, die bekannte Rollen aufgreifen, sie verdrehen und ihre eigene Handlung bekommen.

The Observer: Inspiriert vom Film ‹Vertigo› (Alfred Hitchcock, 1958) wird die beobachtete Frau selbst zur Beobachterin und entzieht sich dem männlichen Blick. Verhüllung, Transformation und spielerische Illusionen hinterfragen dabei die Grenzen zwischen Schutz, Inszenierung und Körper.

The Observer (Foto: @bylauragauch, @hgk_doingfashion)

The Breadwinner: Ausgehend von Walt Disneys ‹Sleeping Beauty› (1959) und den Rollenbildern der 1950er-Jahre verbindet der Look Hausarbeit und Weiblichkeit mit spielerischen Elementen wie Ofenhandschuhen, Toast und einem Croissant als Tasche. Die Performance stellt die Frage, was passiert, wenn traditionelle Rollen keine Bedeutung mehr haben.

The Director: Dieser Look widmet sich den Nebenfiguren, die im Hintergrund eine Geschichte mitprägen. Er ist inspiriert von meinem Vater, der mir als Kind Fasnachtskostüme nähte. Aus seinen und meinen Kleidungsstücken entsteht eine neue Figur, die schliesslich selbst ins Rampenlicht tritt und die Frage stellt: Was passiert, wenn die Nebenfigur zum Regisseur wird?

The Run(a)way Bride: Inspiriert vom Film ‹Drei Haselnüsse für Aschenbrödel› von Václav Vorlíček aus dem Jahr 1973 hinterfragt der Look das klassische Märchenende: Was kommt nach dem Happy End? Ein umgedrehter Anzug wird zum ‹Bridal Power Suit›, während Schleier, Elefantenmotive und Putzkorb die romantische Vorstellung von Hochzeit brechen. Und am Ende kann es auch ein Trotti statt das weisse Pferd sein.

The Run(a)way Bride (Foto: @corinne.wenger)

The Diva: Norma Desmond aus dem Film ‹Sunset Boulevard› (Billy Wilder, 1950) und Edith Bouvier Beale aus ‹Grey Gardens› (Albert and David Maysles, 1975) inspirierten die Figur einer Diva, die auch in den eigenen vier Wänden für ein imaginäres Publikum performt. Möbel, Vorhänge, Bettwäsche und Leopardenprint werden zu einer glamourösen, theatralischen Silhouette.

Meine Faszination für Filme begleitet mich seit meiner Kindheit. Damals spielte ich die Geschichten von Dornröschen und Aschenbrödel immer wieder nach und wollte selbst die perfekte Prinzessin sein. Später führten mich meine Eltern an die alten Klassiker heran, darunter die Thriller von Alfred Hitchcock. Mich faszinierten die Ästhetik der 1950er-Jahre, die geheimnisvollen Geschichten und die elegant gekleideten Frauenfiguren. Erst später begann ich zu hinterfragen, welche Rollen diesen Frauen zugeschrieben werden: die schöne Frau, die gerettet wird, die Geliebte, die perfekte Ehefrau. Irgendwann wurde mir klar, dass dies nicht mein eigenes Drehbuch sein muss.

Aus dieser Spannung zwischen filmischer Fantasie und gelebter Realität entwickelte sich mein Interesse für die Momente, in denen etwas kurz aus dem Takt gerät. Beim Beobachten von Menschen finde ich die kurzen Momente besonders wichtig, in denen ihre Inszenierung nicht ganz aufgeht: eine hastige Bewegung, ein verrutschtes Kleidungsstück oder jemand, der nochmals in einen Raum kommt, weil er etwas vergessen hat. Diese Unvollkommenheit finde ich spannend. Sie macht sichtbar, dass hinter jeder scheinbar perfekten Rolle ein echter Körper steckt. Diese Beobachtung floss direkt in meinen Entwurfsprozess ein. Vor dem Spiegel probierte ich Kleidungsstücke immer wieder neu an, drehte sie um, veränderte ihre Funktion und beobachtete, wie sie sich mit dem Körper veränderten. Was passiert, wenn ein Ärmel zum Bein wird, eine Hose zum Oberteil oder ein Mantel zur Tasche? Kleidung ist für mich nicht statisch: Erst durch Bewegung, Haltung und Ausdruck wird sie lebendig. Als Designerin kann ich diese Bewegungen unterstützen, einschränken oder bewusst übertreiben. Als Ausgangslage für meine Entwürfe verwende ich oft Kleidungsstücke von Freunden und Familie oder aus dem Brocki. Gefällt mir eine Idee, geht es in die Schnittentwicklung, um die Vision passend umzusetzen.

Eine Hose als Inspiration für ein Gilet. (Fotos: Noëmi Sophia Henkel)

Aus den Eingriffstaschen wurden Armlöcher und der Bund wird zum Rückenausschnitt.

«Für mich soll‘s rote Rosen regnen» von Hildegard Knef ist der Soundtrack zu meiner Kollektion. Der Song verköpert Unabhängikeit und den Wunsch nach den eigenen Vorstellungen wahrgenommen und gefeiert zu werden. (Foto: @corinne.wenger)

Die fünf Looks schreiben die Rollen ihrer Protagonist*innen neu. Mich interessiert, was passiert, wenn wir eine bekannte Rolle nicht mehr so spielen, wie sie für uns vorgesehen ist. Kleidung wird dabei zum Werkzeug, um diese Rollen körperlich zu verändern und neu zu erzählen. Sie kann Bewegungen unterstützen, einschränken oder übertreiben und dadurch selbst Teil der Performance werden. In diesem Sinne wird die Designerin zur Regisseurin des Körpers.

Meine Kollektion lädt dazu ein, mit dem Vertrauten zu spielen: Dinge umzudrehen, ihre Funktion zu hinterfragen und ihnen eine neue Tragweise zu geben. ‹The elephAnt in the roOm› steht für eine Präsenz, die sich nicht versteckt und nicht versucht, sich anzupassen. Den eigenen Film nicht nur anzuschauen, sondern selbst darin aufzutreten – das Drehbuch selbst schreiben. Und wie in Hitchcocks Filmen, geht es auch hier darum, genauer hinzuschauen – denn nicht alles ist so, wie es auf den ersten Blick scheint. Für Studierende nur 9 Franken im Monat – Jetzt Hochparterre abonnieren!

  • Noëmi Sophia Henkel hat im Frühling 2026 ihr Bachelor-Studium Mode-Design am Institute Contemporary Design Practices (ICDP) an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Basel FHNW abgeschlossen. Am 3. Oktober 2026 präsentieren die Absolvent*innen im Rahmen der ihre Kreationen an der Paris Fashion Weekin mit einer Live-Performance im Centre culturel suisse. Diese Performance ist Teil der Diplom-Veranstaltungsreihe ‹Next Generation 2026› der HGK Basel.

Hochparterre AG, Verlag für Architektur, Planung und Design

Telefon +41 44 444 28 88

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