ver.di-Aktive gründen Betriebsgruppe am Studierendenwerk Jena; 200 Unterschriften in der Mensa an einem Tag
Wir organisieren uns. | ver.di
Sie treffen sich regelmäßig, stärken sich gegenseitig, singen Rocksongs zusammen: Die Beispiele zeigen, wie viel schöner es ist, gemeinsam etwas zu verändern – als alleine mit seinem Frust zu bleiben.
Als die Kürzungen an der Bauhaus-Universität Weimar mit Wucht spürbar wurden, saß Elodie »richtig, richtig frustriert« zu Hause: Befristete Verträge wurden nicht verlängert, Bestellungen für Bücher gestoppt, Stellen für studentische Hilfskräfte gekürzt. »Das war sehr hart«, berichtet die Referentin des Instituts für Europäische Urbanistik an der Fakultät Architektur und Urbanistik. In ihrem Kummer dichtete sie den Song »Wreck me« von Miley Cyrus um, zu einem Lied gegen Kürzungen. Die Botschaft: »Wir geben nicht kampflos auf!« Kurz vorher hatte Elodie mit Kolleginnen und Kollegen ganz neu eine ver.di-Betriebsgruppe an der Uni gegründet. Gemeinsam probten sie das Lied, wieder und wieder. »Das hat Spaß gemacht – und für gute Stimmung gesorgt.«
In der Tarifrunde der Länder im letzten Winter sangen sie den Song überall, im kleinen Kreis oder im Streikcafé, live mit Gitarre und Bratsche oder als Playback. Auf der Demo am Hochschulaktionstag standen sie mit zehn Kolleginnen und Kollegen mit Mikrophon oben auf dem Lautsprecherwagen. »Alle haben gejubelt. Wir haben uns wie Rockstars gefühlt.« Danach starteten die ver.di-Aktiven eine Petition an den Landtag, gegen die Kürzungen. An einem einzigen Tag sammelten sie in der Mensa rund 200 Unterschriften.
»Geht um die ganze Gesellschaft«
Außerdem rücken Beschäftigte aus Technik und Verwaltung – nach dem Vorbild in Jena und Leipzig – die Eingruppierung in den Fokus. Mit einer Umfrage zeigen sie auf, dass ihre Arbeit immer anspruchsvoller wird, neue Aufgaben hinzukommen. Doch oft spiegeln sich die Tätigkeiten längst nicht mehr in der Bezahlung wieder. »Wir wollen zeigen: Für gute Lehre und Forschung sind alle wichtig«, betont die Gewerkschafterin. Ihr tut richtig gut, dass sie nicht mehr alleine mit ihrem Frust ist, sondern sich zusammen mit anderen dafür einsetzt, etwas zu verbessern. »Dabei geht es nicht nur um uns, sondern um die gesamte Gesellschaft.«
Sie arbeiten in der Kita, in der Mensa, Cafeteria, Beratung oder Verwaltung, verteilt über viele Standorte: Umso wichtiger, dass die Beschäftigten des Studierendenwerks Jena zusammenkommen und sich austauschen. »Unser Wunsch ist es, für alle einen Ort zu schaffen«, sagt Michelle, Pädagogin in der Kita und bei ver.di aktiv. »Die Leute sollen loswerden können, was sie auf dem Herzen haben.« Deshalb haben sie sich auf den Weg gemacht, eine ver.di-Betriebsgruppe aufzubauen. Im ersten Schritt richten sie einen Whats-App-Kanal ein, um Informationen zu teilen und sich zu vernetzen. Außerdem wollen sie sich regelmäßig einmal im Monat treffen.
»Viele Leute kennen ihre Rechte gar nicht«, sagt Marius Nolte, der in der Verwaltung der Hochschulgastronomie arbeitet. Ihm sei es genauso gegangen, bis er bei ver.di aktiv wurde. Wichtig sei ihnen, zu vermitteln: »Ihr seid nicht alleine mit euren Problemen.« Zum Beispiel mit den Minusstunden, auch Unterstunden genannt. Niemand arbeite freiwillig regelmäßig weniger als im Vertrag vereinbart, betont Michelle. Schließlich müssten sie die Zeiten später nacharbeiten. Doch oft würden die Kolleg*innen schon im Dienstplan mit weniger Stunden eingeteilt. Weil sie so bei personellen Engpässen flexibler eingesetzt werden können. »Wir rutschen immer wieder ins Minus.« Viele Beschäftigte, auch in der Küche und in anderen Bereichen, wollten wissen: »Wie werde ich die Minusstunden los?«, berichtet Marius Nolte. »Welche Rechte habe ich? Und wo ist eine Grenze?« Die ver.di-Betriebsgruppe will das Thema jetzt aktiv angehen.
In der Tarifrunde hätten die Kolleg*innen zusammen gestreikt und erlebt, wie verbunden sie sein könnten, so Michelle Sandner. Dieses Gefühl gelte es, mit den Alltag rüber zu nehmen. Sie sei total glücklich, jetzt bei ver.di aktiv zu sein. »Genau danach habe ich gesucht: eine Stimme zu haben.«
»Wir sind eine Gemeinschaft geworden«
Etwas hat sich verändert: Wenn Mirjam mittags in die Mensa der Universität Erfurt geht, merkt sie, dass die Stimmung anders ist. Die Kolleginnen strahlen sie jedes Mal an. »Wir denken daran, wie wir richtig zusammen gehalten haben«, sagt die Mitarbeiterin aus der Sozialberatung des Studierendenwerks.
In der letzten Tarifrunde der Länder waren sie zum ersten Mal gemeinsam aktiv, Beschäftigte aus dem Studierendenwerk und der Universität zusammen mit Studierenden. »Das war total schön«, betont Moni, Sekretärin im Gebäudemanagement. »Wir sind eine Gemeinschaft geworden.« Darauf wollen sie aufbauen – und haben eine ver.di-Betriebsgruppe gegründet. Einmal im Monat treffen sie sich.
In der Tarifrunde seien sie auch gemeinsam durch die Büros gezogen, berichtet Mirjam. »Zusammen mit Leuten, die sich vorher gar nicht kannten. Das war wirklich toll.« Zum Schluss konnten sie das Mensateam überzeugen, mit ihnen gemeinsam zu streiken. Zum allerersten Mal überhaupt. Die Mensa blieb einen ganzen Tag geschlossen.
Noch einen Tag vor dem Streik hätten alle abgewunken. Aber dann habe eine Kollegin noch einmal in die Runde gefragt: Also, wer ist dabei? Alle hoben den Arm. »Das war richtig emotional«, sagt die Sozialberaterin. »Alle haben richtig beflügelt gewirkt.« Eine Kollegin weinte vor Freude. Am nächsten Tag fuhren sie mit dem Bus gemeinsam nach Jena. Jemand sagte, es fühle sich an wie 1989. »So ein Gemeinschaftsgefühl.«
Jetzt wollen sie aktiv bleiben. Als erstes startet die neue Betriebsgruppe eine Befragung: Wo gibt es große Belastungen? Passt die Stellenbeschreibung noch zur Tätigkeit? Oder ist eine Höhergruppierung angesagt? »Alleine sind wir schwach«, sagt Moni, »aber gemeinsam sind wir stark.«
Wie gründe ich eine ver.di-Betriebsgruppe?
Sucht euch ein, zwei Mitstreiter*innen. Und los geht’s.
Erstellt eine Gruppe bei einem Messengerdienst, z.B. WhatsApp oder Signal.
Überlegt gemeinsam, welche Themen ihr auf die Agenda setzen wollt.
Nehmt Kontakt zu eurem zuständigen ver.di-Bezirk auf. Dort bekommt ihr Unterstützung.
Jedes ver.di-Mitglied kann eine Betriebsgruppe gründen, formal müsst ihr dafür jedoch mindestens zu dritt sein.
Plant ein erstes Treffen und macht Werbung für eure Idee.
Ladet alle ver.di-Mitglieder per Mail zur Mitgliederversammlung ein.
Alle anwesenden Gewerkschaftsmitglieder wählen die Vertrauensleute mit einfacher Mehrheit. Ihr könnt so viele Vertrauensleute benennen, wie ihr möchtet.
Time for action: Werdet aktiv!
Marcel Jaspert Hochschulen, Forschungseinrichtungen E-Mail: marcel.jaspert@verdi.de Telefon: +49 30 6956 1808
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