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title: "ver.di schließt Tarifvertrag im Einzel- und Versandhandel in Hessen und Rheinland-Pfalz; Löhne zweistufig um 5% insgesamt."
sdDatePublished: "2026-09-12T11:30:00Z"
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ver.di schließt Tarifvertrag im Einzel- und Versandhandel in Hessen und Rheinland-Pfalz; Löhne zweistufig um 5% insgesamt.

Tarifrunde Handel 2026: Ein Abschluss nach dem anderen | ver.di

Tarifrunde Handel 2026: Ein Abschluss nach dem anderen

Nach dem ersten Abschluss im Einzelhandel in NRW hat ver.di am 9. September 2026 für die rund 240.000 Beschäftigten im Einzel- und Versandhandel in Hessen und am 8. September 2026 auch für die 150.000 Beschäftigten in Rheinland-Pfalz einen Tarifvertrag abgeschlossen: Die Löhne und Gehälter steigen rückwirkend zum 1. August 2026 um 3 Prozent und zum 1. Mai 2027 um weitere 2 Prozent. Für Verkäufer*innen in Rheinland-Pfalz steigt der tarifliche Stundenlohn zum 1. August 2026 auf 20,47 Euro und zum 1. Mai 2027 auf 20,88 Euro. Die Ausbildungsvergütungen werden in allen Tarifbezirken überproportional angehoben. Für die unteren Entgeltgruppen gilt ab August 2026 ein tariflicher Mindeststundenlohn von 14,20 Euro, von 14,60 Euro ab Januar 2027 und ab Mai 2027 steigt er dann auf 14,90 Euro. Der Tarifvertrag hat eine Laufzeit von 25 Monaten.

In NRW hatten sich ver.di und die Arbeitgeberseite bereits am 26. August 2026 auf den identischen Tarifabschluss für die rund 700.000 Beschäftigten im nordrhein-westfälischen Einzelhandel geeinigt und damit einen wegweisenden Abschluss im Einzelhandel vorgelegt.

Im Groß- und Außenhandel haben sich ver.di und die Arbeitgeber nach Bayern auch in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Hamburg zuletzt am 7. September 2026 auch in Berlin und Brandenburg sowie bereits zuvor in Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Bremen auf einen Tarifabschluss in der laufenden Tarifrunde geeinigt. Die Abschlüsse übernehmen in der Regel den bereits am 21. Juli im bayerischen Groß- und Außenhandel gefundenen Tarifabschluss. Die Entgelte steigen in beiden Tarifgebieten in zwei Stufen um insgesamt 5 Prozent, die Ausbildungsvergütungen werden überproportional erhöht.

In Niedersachsen und Bremen wird überproportional auch die unterste Einkommensgruppe auf 14,90 Euro pro Stunde angehoben. ver.di wertet die Einigungen im Groß- und Außenhandel auch als Signal für den Einzelhandel , insbesondere die Einigung in Niedersachsen und Bremen mit der stärkeren Erhöhung der Entgelte in der niedrigsten Entgeltgruppe.

In Berlin-Brandenburg konnte eine Schlechterstellung der Beschäftigten gegenüber den Beschäftigten in anderen Teilen des Bundesgebiets von ver.di verhindert werden. Die Entgelterhöhung von 2,9 Prozent wird auch in Berlin und Brandenburg bereits zum 1. August 2026 wirksam.

Im Einzelhandel dauern die Tarifauseinandersetzungen weiter an – im September wird noch in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen, Niedersachsen-Bremen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Hamburg, Bayern und Mecklenburg-Vorpommern verhandelt, für das Saarland und Berlin-Brandenburg stehen die nächsten Verhandlungstermine noch aus.

ver.di fordert auch in allen Tarifbezirken tabellenwirksame Entgelterhöhungen und ein rentenfestes Mindeststundenentgelt in Höhe von 14,90 Euro . Insbesondere die Beschäftigten in den unteren Eingruppierungen wenden inzwischen den überwiegenden Anteil ihrer Entgelte für Miete, Energie und Lebensmittel auf. Besonders dramatisch sei, so Silke Zimmer, im ver.di-Bundesvorstand für den Handel zuständig, dass junge Beschäftigte, die ihre Berufsausbildung erfolgreich abgeschlossen haben, in einigen Tarifbezirken lediglich den gesetzlichen Mindestlohn erhalten würden, bliebe es bei den Angeboten der Arbeitgeber.

Es sei ein Skandal, wenn Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung als Verkäuferin bzw. Verkäufer nicht mehr als den gesetzlichen Mindestlohn erhalten sollen. Dabei gebe es Arbeitgeber wie etwa Lidl und Aldi, die Stundenlöhne deutlich über dem gesetzlichen Mindestlohn zahlten, so die Gewerkschafterin.

Die Handelskonzerne haben bei Umsatz und Gewinn zugelegt – zuletzt 25 Milliarden Euro Gewinn im Einzelhandel, knapp 58 Milliarden im Groß- und Außenhandel. Wer solche Bilanzen vorlegen kann und dann die eigenen Beschäftigten kurz hält, fordert massiven Protest heraus.

— Silke Zimmer, zuständig für den Handel im ver.di-Bundesvorstand

Seit Mitte Mai 2026 hatte ver.di immer wieder bundesweit zu Warnstreiks im Einzel- sowie Groß- und Außenhandel aufgerufen. Die hatten sich ausgeweitet, nachdem die Arbeitgeber die Verhandlungen im Einzel- und Versandhandel in Bayern, Rheinland-Pfalz, Saarland und Berlin

Brandenburg einseitig abgesagt hatten. Die Arbeitgeber behaupteten, der ver.di-Bundesvorstand hätte in Baden-Württemberg einen Abschluss verhindert. Tatsächlich reichte den gesamten Tarifgebieten der vorgelegte Vorschlag für einen Abschluss nicht.

In den Tarifverhandlungen im Handel hatten sich die Arbeitskampfmaßnahmen schnell ausgeweitet: So legten am 19. Juni Beschäftigte in mehr als der Hälfte der deutschen IKEA -Einrichtungshäuser die Arbeit nieder, am 25. Juni folgten Beschäftigte aus mehr als 100 Kaufland-Filialen . Kaufland gehört zur Schwarz-Gruppe und beschäftigt allein in Deutschland mehr als 90.000 Menschen. ver.di wirft dem Unternehmen vor, als einflussreicher Akteur auf Arbeitgeberseite für das bisherige Tarifangebot mitverantwortlich zu sein.

„Dieter Schwarz ist mit Abstand der reichste Mensch in Deutschland. Seine Beschäftigten haben sein Milliardenvermögen durch ihren Fleiß mit erarbeitet – aber ihr eigener Lohn reicht oftmals nicht bis zum Monatsende“, sagte ver.di-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer , zuständig für den Handel. „Bei diesem Konzern wird das Missverhältnis zwischen hohen Gewinnen und niedrigen Löhnen besonders deutlich: Es ist aus unserer Sicht nicht nachvollziehbar, weshalb Kaufland seine Beschäftigten nicht mit fairen Entgeltsteigerungen am Erfolg beteiligt.“

Auch IKEA spielt in der Tarifrunde auf der Arbeitgeberseite eine einflussreiche Rolle. IKEA steht wirtschaftlich sehr gut da. 2024 betrug der Gesamtumsatz allein in Deutschland 6,1 Milliarden, es war das zweitstärkste Jahr (nach 2023) seit Bestehen des Unternehmens. „Wer so stark aufgestellt ist, kann auch angemessene Entgeltsteigerungen finanzieren“, sagt Zimmer. Doch stattdessen wolle IKEA Personal abbauen und stößt damit auf großes Unverständnis bei den Beschäftigten . Im Kundenservicecenter Rostock verlieren vermeintlich betriebsbedingt 280 Kolleg*innen ihren Arbeitsplatz. Zudem schließe IKEA die IT-Abteilung in Dortmund, um sie auszulagern. „Der Umgang des Unternehmens mit seinen Beschäftigten zeugt kaum von sozialer Verantwortung“, so Zimmer. Statt faire Löhne zu zahlen, werde trotz Rekordumsätzen ein radikaler Sparkurs gefahren.

IKEA ist außerdem an der Arbeitgeberkommissionen beteiligt und stellt im Saarland die Verhandlungsführung. „Damit ist Ikea mitverantwortlich dafür, dass unseren Tarifkommissionen seit Mai das immer gleiche unverschämte Arbeitgeberangebot mit Nullmonaten und Reallohnverlust vorgelegt wird“, so Zimmer.

Wie es begann: Streikauftakt am 15. Mai

Bereits zum Streikauftakt am 15. Mai waren 5.000 Handelsbeschäftigte dem ersten Warnstreikaufruf im Handel gefolgt. Gestreikt wurde in Berlin-Brandenburg, Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Hamburg – mit zentralen Kundgebungen in Hamburg, Stuttgart, Frankfurt und Dortmund. Bestreikt wurden über 200 Betriebe , darunter Filialen von Edeka, REWE, Kaufland, Penny, Douglas, Primark, Zara, H&M, Metro und IKEA. Ab 21. Mai folgten weitere regionale Streiks im Handel.

→ Alle aktuellen Verhandlungstermine und Ergebnisse: Tarifrunde Einzelhandel 2026 → Tarifrunde Groß- und Außenhandel 2026

Video Streikauftakt Handel Bayern am 21.5.26 in Nürnberg

ver.di fordert für die rund 5,2 Millionen Beschäftigten im Handel 7 Prozent mehr Lohn – tabellenwirksam und mit einer Laufzeit von zwölf Monaten . Einmalzahlungen lehnt die Gewerkschaft als Ersatz dafür ausdrücklich ab. Daneben drängt ver.di auf mehr Vollzeitstellen statt erzwungener Teilzeit, eine stärkere Tarifbindung im Handel sowie eine überproportionale Erhöhung der Ausbildungsvergütungen.

Kurz vor dem Start der Tarifrunden im Handel im April gab ver.di für die 16 Tarifgebiete des Einzelhandels und 20 Tarifgebiete des Groß- und Außenhandels die gemeinsame Orientierung bekannt. Verhandelt wird für 5,2 Millionen Beschäftigte im Einzel- sowie im Groß- und Außenhandel. Auf der Tarifkoordinierungskonferenz wurden gemeinsame Eckpunkte beschlossen.

„Die Vertreterinnen und Vertreter aller Tarifgebiete sind sich einig. Wir wollen eine deutliche Erhöhung der Realeinkommen über die gesamte Laufzeit des Tarifabschlusses erreichen. Dazu gehört eine Erhöhung, die deutlich über der Inflationsrate liegt “, so Silke Zimmer. Das gelte für die Löhne, Gehälter und Entgelte der Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels sowie des Groß- und Außenhandels. Bei den Ausbildungsvergütungen werde ebenfalls eine überproportionale Erhöhung gefordert.

Tabellenwirksame Lohnsteigerungen seien kein Geschenk, sondern etwas, was den Kolleginnen und Kollegen zustehe, weil die Gewinne der Unternehmen nur durch ihre Arbeit möglich seien, so Zimmer weiter. Auch seien freiwillige steuer- und abgabenfreie Einmalzahlungen kein Ersatz für ein tabellenwirksames Entgelt. Sie würden zwar helfen, sie seien aber nicht nachhaltig. „Wir sind uns einig: Einmalzahlungen als Ersatz für tabellenwirksame Entgeltsteigerungen lehnen wir ab.“

Warum die Forderungen berechtigt sind

Besonders viele Handelsbeschäftigte arbeiten in Teilzeit: 65,1 Prozent im Einzelhandel und 27,6 Prozent im Großhandel. Zum Großteil machen sie das unfreiwillig, weil die Arbeitgeber kaum noch Vollzeitstellen ausschreiben. „Umso härter treffen Preissteigerungen, wie zuletzt bei Benzin und Diesel, die Handelsbeschäftigten“, betont Silke Zimmer. Während die Unternehmen Millionengewinne machten, müssten die Beschäftigten jeden Cent zweimal umdrehen. Damit müsse Schluss sein.

Zentral ist für die Beschäftigten der Anschluss an die Löhne anderer Branchen. Der Bruttodurchschnittsverdienst im Einzelhandel liegt deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtwirtschaft . Besonders alarmierend: Ein großer Teil der Beschäftigten ist akut von Altersarmut bedroht . Niedrige Löhne, unfreiwillige Teilzeit und fehlende Tarifbindung verstärken dieses Risiko zusätzlich.

Silke Zimmer kritisiert zudem die öffentliche Abwertung von Teilzeitbeschäftigten:

Teilzeit wird als ‚Lifestyle-Teilzeit‘ diffamiert – dabei wissen die Beschäftigten im Handel nur zu gut: Teilzeit ist dort meist erzwungen. Die Folgen sind niedrige Einkommen und entsprechend niedrige Renten.

Frauen, die im Handel arbeiten, sind strukturell besonders von niedrigen Einkommen betroffen. Bis zum Equal Pay Day, dieses Jahr am 17. Februar, müssen Frauen rechnerisch weiterarbeiten, um auf das Vorjahresgehalt ihrer männlichen Kollegen zu kommen. 16 Prozent Lohnlücke – das sind 4,24 Euro weniger pro Stunde. Bei einer 40-Stunden-Woche summiert sich das auf rund 8.000 Euro im Jahr.

Besonders alarmierend: Rund 80 Prozent aller Handelsbeschäftigten erreichen keine Bruttomonatsrente von 1.400 Euro. Niedrige Löhne heute bedeuten Altersarmut morgen.

Frauen verdienen vor allem deshalb weniger, weil sie weniger arbeiten: 81 Cent pro Stunde erhalten Frauen weniger, weil sie häufiger in Teilzeit arbeiten. Und das nicht, weil sie das wollen, sondern weil sie neben der Arbeit noch den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit leisten. Sie kümmern sich um die Kinder und um pflegebedürftige Angehörige.

Leben vom Lohn? Für viele im Handel kaum möglich

„Arbeiten im Handel ist Knochenarbeit“, stellt Zimmer klar. Doch ein Einkommen, von dem die Beschäftigten leben können, sei aktuell für viele nicht gegeben.

Die Realität sieht so aus:

Rund 70 Prozent des Einkommens gehen für Miete, Lebensmittel und Energie drauf

Nach Abzug der Fixkosten bleibt kaum freiverfügbares Einkommen

Geld für Bildung, Gesundheit, Rücklagen oder Altersvorsorge fehlt häufig vollständig

ver.di fordert deshalb deutlich steigende Löhne , um echte finanzielle Spielräume zu schaffen.

Mehr Vollzeit, weniger Minijobs – ver.di fordert K