EHB-Forschungsteam untersucht Stellenaussichten nach tertiären Abschlüssen in der Deutschschweiz; FH-Bachelor in Hochlohnberufen vorn

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5 skilled 2/26 Berufe Chance auf eine Stelle je nach Abschluss Tertiäre Bildungsabschlüsse im Vergleich Wie der Abschluss die Chance auf eine Stelle beeinflusst Von Antje Stefani, Miriam Grønning und Irene Kriesi Wer eine höhere Berufsbildung (HBB) abschliesst, hat auf dem Stellenmarkt oft Vorteile. In zahlreichen Beru­ fen mit mittlerem Lohnniveau verfügen Absolventin­ nen und Absolventen einer HBB über die besten Chan­ cen auf eine Stelle (siehe Grafik). Sucht ein Unternehmen beispielsweise eine Bürofachkraft im Finanzwesen oder eine/-n Elektronik-Servicetechniker/-in, stellt es in der Regel lieber jemanden mit einem eidgenössischem Fach­ ausweis oder Diplom ein als jemanden mit einem Fach­ hochschul- oder Universitätsbachelor. Das ändert sich mit zunehmendem Lohnniveau. In hochbezahlten Berufen wie zum Beispiel Elektronik­ ingenieur/-in oder als Führungskraft im Finanzbereich haben Personen mit einem Fachhochschulbachelor die Nase vorn. Interessant dabei: Personen mit einem uni­ versitären Bachelor haben in diesen Berufen nicht die höheren Chancen, eingestellt zu werden als Personen mit einer HBB. Was ebenfalls deutlich wird: Wer einen Fachhoch­ schulbachelor hat, wird insgesamt häufiger für eine Stel­ le favorisiert als Personen mit einem universitären Ba­ chelorabschluss. Dieser Vorteil ist besonders in Berufen mit mittlerem Lohnniveau ausgeprägt, in Berufen mit höherem Lohnniveau nimmt er jedoch deutlich ab. Diese Zusammenhänge zeigt eine neue Studie eines EHB-Forschungsteams um Professorin Irene Kriesi. Erst­ mals hat dieses für ein breites Spektrum an Berufen und Fachrichtungen für die Deutschschweiz untersucht, wel­ che Chancen Personen mit unterschiedlichen tertiären Bildungsabschlüssen in der frühen Berufslaufbahn auf eine Stelle in Berufen mit einem mittleren bis hohen Lohnniveau haben. Insgesamt wurden 31 Ausbildungs­ felder berücksichtigt, in denen mindestens zwei der drei möglichen tertiären Ausbildungswege etabliert sind. Dazu zählen Bachelorabschlüsse einer Universität oder einer Fachhochschule sowie Abschlüsse der höheren Berufsbildung. Für die Studie wählten die Forschenden reale Stellen­ anzeigen aus und präsentierten den Rekrutierungsver­ antwortlichen jeweils in einer Umfrage die Dossiers acht fiktiver Bewerbender. Deren Bildungsabschluss, Berufs­ erfahrung, Noten und Geschlecht wurden gezielt vari­ iert. Anschliessend gaben die rund 1500 Befragten für jede Person an, mit welcher Wahrscheinlichkeit sie die­ se für die Stelle berücksichtigen würden. Ausserdem be­ urteilten die Rekrutierungsverantwortlichen, ob die Be­ werbenden ihrer Einschätzung nach den Erwartungen des Teams entsprechen und wie produktiv und fachlich kompetent sie wirken. Zudem schätzten sie ein, ob die Personen zu hohe Lohnvorstellungen haben und wie lan­ ge sie voraussichtlich im Betrieb bleiben würden. Höhere Berufsbildung, Fachhochschule oder Universität: Im Schweizer Bildungs system existieren auf der Tertiärstufe mehrere Bildungswege, die Personen für das gleiche Berufsfeld qualifizieren. Doch wer hat mit welchem Abschluss die besten Chancen, von Arbeitgebenden eingestellt zu werden? Und warum? Forschende der EHB haben dies mit einem Umfrageexperiment bei Rekrutierungsverantwortlichen untersucht. Dabei zeigte sich: Ein akademischer Abschluss ist nicht automatisch ein Plus. Das Lohnniveau des Berufs wird anhand einer Einkommenspotenzialskala gemessen, die der Schweizer Soziologe Daniel Oesch mit Kolleginnen und Kollegen entwickelt hat, und kann die Werte 0 bis  100 annehmen. Ein Lohnniveau von 50 entspricht dem mittleren Einkommen in der Bevölkerung. Berufe mit mittlerem Lohnniveau Einstellungschancen Berufe mit hohem Lohnniveau Höhere Berufsbildung Fachhochschul-Bachelor Universitärer Bachelor 0% 10% 20% 30% 40% 50% 60% 70% 40 50 60 70 80 90 ← Illustration von Lea-Marie Di Domenico, Fachklasse Grafik, Schule für Gestaltung Bern und Biel Quelle: EHB

6 7 skilled 2/26 Berufe skilled 2/26 Berufe Unterschiedliche öffentliche Wahrnehmung Im Schweizer Arbeitsmarkt ist der Zugang zu den meis­ ten Berufen an bestimmte Ausbildungsabschlüsse gebunden. Während für einige Berufe, etwa den der Rechts anwältin und des Rechtsanwalts, ein universitä­ rer Abschluss in Rechtswissenschaften erforderlich ist, können viele andere Berufe über unterschiedliche Bil­ dungswege erlernt und ausgeübt werden. Dies gilt ins­ besondere für Berufe, die einen Tertiärabschluss auf Bachelorniveau voraussetzen, der über die höhere Be­ rufsbildung, an einer Fachhochschule oder an einer Uni­ versität erworben werden kann. Zum Beispiel lässt sich im Bereich Elektrotechnik über alle drei Bildungswege ein ähnliches Tätigkeitsfeld erreichen, etwa in der Ent­ wicklung, der Projektleitung oder dem Betrieb von tech­ nischen Anlagen. In der öffentlichen Wahrnehmung wer­ den diese Abschlüsse jedoch nicht gleich bewertet: Dem Universitätsabschluss werden im Vergleich zum Fach­ hochschulabschluss und dem Abschluss einer höheren Berufsbildung häufig der höchste Status und die besten Chancen auf ein hohes Einkommen zugeschrieben. Die Bildungspolitik betont jedoch die formale Gleich­ wertigkeit der verschiedenen tertiären Bildungswege auf dem Arbeitsmarkt. So soll etwa die neue zusätzliche Be­ zeichnung «Professional Bachelor» für Abschlüsse der höheren Berufsbildung deren Sichtbarkeit und Attrakti­ vität erhöhen. Diese politische Aufwertung ist auch des­ halb relevant, weil die höhere Berufsbildung eine zentra­ le Rolle im Schweizer Bildungssystem spielt: Der neuste Bildungsbericht von 2026 zeigt, dass von den insgesamt rund 94 000 Tertiärabschlüssen im Jahr 2024 etwa ein Drittel auf die höhere Berufsbildung, knapp ein Fünftel auf die Fachhochschulen und knapp die Hälfte auf die Universitäten entfällt. Bei den Abschlüssen auf Bachelor­ niveau stammt laut Bundesamt für Statistik sogar rund die Hälfte aus der HBB und je rund ein Viertel aus den Fachhochschulen und den Universitäten. Absolventinnen und Absolventen der HBB weisen ei­ ne sehr hohe Beschäftigungsquote auf. Diese liegt beim Berufseinstieg mit rund 95 Prozent sogar etwas höher als bei Universitäts- und Fachhochschulabsolventinnen und -absolventen, bei denen sie je knapp über 90 Prozent be­ trägt. Dennoch werden die Arbeitsmarktchancen mit ei­ nem HBB-Abschluss häufig unterschätzt. Es zeigen sich allerdings nicht nur in der aktuellen Stu­ die gewisse Nachteile von Personen mit einer HBB in Beru­ fen mit hohem Einkommen. Eine Studie der EHB aus dem Jahr 2021 zum «Wert von Ausbildungen auf dem Schwei­ zer Arbeitsmarkt» verdeutlichte, dass Personen mit ei­ nem Abschluss der höheren Berufsbildung durchschnitt­ lich ein tieferes Einkommen erzielen als Erwerbstätige mit einem Universitäts- oder Fachhochschulabschluss. Ein Grund dürfte darin zu suchen sein, dass bestimmte, beson­ ders status- und einkommensstarke Berufe ausschliesslich über den universitären Bildungsweg zu erreichen sind und einen Masterabschluss voraussetzen. Unterschiedliche Erwartungen der Arbeitgebenden Interessiert hat in der aktuellen EHB-Studie auch die Frage, wie sich die unterschiedlichen Einstellungschan­ cen der Bewerbenden erklären lassen. Sie haben auch damit zu tun, welche Eigenschaften Arbeitgebende mit Bildungsabschlüssen verbinden. Fachhochschul- und Universitätsstudiengänge vermitteln häufig eher theo­ retisches und analytisches Wissen, während die höhere Berufsbildung stärker praxisorientiert ist. Neben solchen fachlichen Zuschreibungen können weitere Faktoren eine Rolle spielen: wie gut jemand ins Team passt, was für Gehaltsvorstellungen jemand hat oder auch die wahrgenommene Produktivität, Lernfähig­ keit oder die erwartete Verbleibdauer im Betrieb. All die­ se Elemente können von Rekrutierungsverantwortlichen je nach Bildungsabschluss unterschiedlich eingeschätzt werden – und die Einstellungschancen beeinflussen. In mittel bezahlten Berufen bevorzugen Arbeitgeben­ de Absolventinnen und Absolventen der höheren Be­ rufsbildung vor allem deshalb, weil sie davon ausge­ hen, dass diese besser ins Team passen und länger im Betrieb bleiben als Personen mit einem universitären oder einem Fachhochschulbachelor. Personen mit ei­ nem HBB- Abschluss werden zudem in diesen Berufen als produktiver wahrgenommen als Personen mit ei­ nem universitären Bachelorabschluss. In gut bezahlten Berufen verändert sich das Muster: Absolventinnen und Absolventen einer Fachhochschu­ le punkten besonders damit, dass ihnen attestiert wird, besser ins Team zu passen und mehr theoretisches Wis­ sen zu haben. Das verschafft ihnen bei der Stellenbeset­ zung einen spürbaren Vorteil gegenüber Personen mit einem HBB-Abschluss. Anders fällt der Vergleich zwischen Personen mit ei­ nem HBB-Abschluss und jenen mit einem universitären Bachelorabschluss aus. Zwar erkennen Arbeitgebende bei Personen mit einem Universitätsabschluss in einzel­ nen Bereichen klare Stärken wie ihr theoretisches Wissen oder haben den Eindruck, dass sie besser ins Team passen. Gleichzeitig sehen sie aber auch Vorteile bei den Personen mit einem HBB-Abschluss, zum Beispiel, dass diese eher tiefere Lohnvorstellungen haben. Diese unterschiedliche, aber letztlich ausgeglichene Zuschreibung positiver Eigen­ schaften führt dazu, dass beide Gruppen in gut bezahlten Berufen ähnlich gute Chancen auf eine Stelle haben. Verschiedene Wege – ähnliche Chancen Bildungsabschlüsse spiegeln also nicht nur formale Qualifikationen wider, sondern transportieren auch Er­ wartungen und Zuschreibungen, die je nach Beruf den Zugang zu Arbeitsplätzen und Einkommenspositionen prägen. Besonders auffällig ist dabei die grosse Bedeu­ tung der Frage, wie gut jemand in ein Team passt. Damit wird deutlich, dass Beschäftigungschancen nicht allein von fachlichen Qualifikationen abhängen. Welche kon­ kreten Eigenschaften ausschlaggebend dafür sind, dass Arbeitgebende eine Person als gut ins Team passend ein­ schätzen, lässt sich mit den vorliegenden Daten nicht abschliessend bestimmen. Naheliegend ist jedoch, dass neben dem fachlichen Profil auch das Auftreten und die wahrgenommene Ähnlichkeit zu bestehenden Teammit­ gliedern eine Rolle spielen. Die Ergebnisse der Studie legen ausserdem nahe: In Berufsfeldern, in denen sowohl Abschlüsse der höheren Berufsbildung als auch Hochschulabschlüsse etabliert sind, eröffnen alle Bildungswege vergleichbare Chancen auf eine Stelle in einem Beruf mit hohem Lohnniveau, wobei Fachhochschulabschlüsse leicht im Vorteil sind. Dies relativiert die verbreitete Annahme, dass akademi­ sche Abschlüsse der höheren Berufsbildung grundsätz­ lich überlegen sind. ■ Dr. Antje Stefani, Senior Researcher Forschungsfeld Institutionelle Bedingungen der Berufsbildung, EHB  ■  Dr. Miriam Grønning, Senior Researcher Forschungsfeld Institutionelle Bedingungen der Berufs­ bildung, EHB  ■  Prof. Dr. Irene Kriesi, Co-Leiterin Forschungsschwer­ punkt Steuerung der Berufsbildung, EHB ▶ www.ehb.swiss/ausbildungszertifikate-stellenbesetzungwww.ehb.swiss/wert-ausbildungen-schweizer-arbeitsmarkt ↑ Illustration von Lea-Marie Di Domenico, Fachklasse Grafik, Schule für Gestaltung Bern und Biel Höhere Berufsbildung: der praxisnahe Tertiärabschluss Die höhere Berufsbildung (HBB) ist in der Schweiz der praxisorientierte Weg auf Tertiärstufe. Sie baut in der Regel auf einer beruflichen ­Grundbildung auf und qualifiziert erfahrene Fachkräfte für spezialisierte oder leitende Positionen. Die HBB umfasst die eidgenössischen ­Berufsprüfungen, eidgenössischen höheren Fachprüfungen und die Abschlüsse der Höheren Fachschulen. Sie ermöglicht Personen mit ­einem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ohne Berufsmaturität den Zugang zu einem Tertiärabschluss. Zudem versorgt sie den Arbeits­ markt mit praxisnah ausgebildeten Fachkräften, deren Qualifikationen eng auf die Anforderungen der Wirtschaft ausgerichtet sind.